Vor etwa vier Jahren erreichte mich eine Mail von einem mir unbekannten 80jährigen Herrn. Zumindest bewußt unbekannt, denn er rekurrierte auf ein „intensives, außergewöhnliches“ Gespräch, daß „wir beide“ auf der Buchmesse anno 2017 geführt hätten. Das mochte sein. Es waren hunderte Gespräche damals. Gut: dutzende jedenfalls.
Er wollte mich UNBEDINGT treffen, es ginge um WICHTIGES. Das paßte mir nicht ganz in den Terminkalender.
Ludger von Lubomirski blieb hartnäckig. Nach mehreren Mailwechseln, bei denen ich wohl etwas spröde blieb, obgleich es um ein „großes Erbe“ ging, gelang es ihm, mich unter der Verlagsnummer an den Hörer zu bekommen.
Tatsächlich sprühte er vor Witz und (naja, Altherren-) Charme. Seine Lache war einzigartig. Er wolle nun, da er mich endlich „dranhabe“ (und es sei ihm sympathisch, daß ich mich durch das Stichwort „Erbe“ nicht habe anfixen lassen), keinen langen Fackelzug machen:
Er und seine Frau seien leider kinderlos geblieben. Er sei sehr vermögend, aber vor allem besäße er eine gigantische Forschungsbibliothek, deren Pflege er gesichert wissen wolle.
Er habe vor Jahren bereits eine Erbin eingesetzt (also für die hochwertvolle Bibliothek, aber auch für das ganze Anwesen im Speckgürtel einer westdeutschen Großstadt). Sie und vor allem ihre Eltern hätten sich aber „unter Corona“ unsäglich verhalten („alle x‑fach gespritzt, nie ohne Maske außer Haus“), daß er das Testament nun revidiert hätte.
Liebe Frau Kositza. Ich sag es frei heraus: Ich möchte mein beträchtliches Erbe gern in die Hände eines Ihrer Kinder geben. Ich weiß es da in guten Händen. Das sage ich, ohne Ihre Kinder persönlich zu kennen. Ich habe eine formidable Menschenkenntnis – was Ihnen jeder bestätigen wird, der mich kennt – und verfolge ihr Tun und das ihres Mannes seit langem. Zur Sache: Die Übernahme des Hauses wird Sie beziehungsweise Ihr Kind eine Menge Erbschaftssteuer kosten. Aber ich habe hinzu ein gewisses Vermögen. Und damit würde Ihr Kind als Alleinerbe – nach meinem und dem Tod meiner Frau ‑schlichtweg ausgesorgt haben.
Puh. Was sagt man da? Erstmal jedenfalls nicht Nein, man bittet um Bedenkzeit.
Auf so was hat man nie spekuliert in der politischen Arbeit. Auf so was ist man auch gar nicht angewiesen! Uns geht‘s gut ohne irgendwelches Erbe.
Aber bitte. Ich reagierte wochenlang nicht. Von Lubomirski hakte mehrfach nach. Er schlug dann einen konkreten Termin für ein Treffen vor („nun zieren Sie sich nicht, Frau Kositza“, dann wieder das dröhnende Lachen), und ich schlug ein.
Ich wurde hervorragend bewirtschaftet, Vier-Gang-Menü nach Gastro-Mode der Achtziger, aber wirklich formidabel. Weinauswahl dazu: Einsplus
Die angepriesene „Residenz“ mit angekündigtem „Ost- und Westflügel“ entpuppte sich als adrettes Reihenhaus. Wir unterhielten uns gut. Von Lubomirskis Redeanteil lag bei 80%, meiner bei 10%, genau wie der seiner sehr herzlichen, deutlich jüngeren Frau Renate. Er entpuppte sich als Hobby-Historiker (Schulabbrecher aufgrund seines freisinnigen Geistes), der aber alles besser wußte als die bestallten Historiker.
Das gibt es ja wirklich – das war noch kein Einwand meinerseits. Er war Revisionist. Prüfte mein Fachwissen altväterlich, lobte mich. Er hätte nicht gedacht, daß man bei einem modernen Geschichtsstudium noch wirklich etwas lerne.
Dann ging es um’s Erbe. Ihm war seine hochspezielle Forschungsbibliothek enorm wichtig. Die müsse unbedingt gepflegt werden! Herzblut! Da er ein Allround-Genie war, hatte er auch ein Regalsystem dazu entwickelt. Günstig sei es, wenn ich einen Anwalt kennte, der dergleichen patentieren lassen könne.
Mir wurde ein Katalog seiner „Bestände“ in die Hand gedrückt, und in den kommenden Monaten erhielt ich per Mail stets Aktualisierungen. Peter Hahne war drunter, Henry M. Broder, Hans-Olaf Henkel, solche Sachen. Schon auch gutes Zeug, wohl auch Wertvolles.
Mit dem Anwalt für‘s Patent hielt ich erstmal zurück, eine büchergierige Tochter hatte ich aber.
Jedoch zunächst wollte ich gern wissen: Habe er, Ludger von Lubomirski, denn keine Verwandten, denen er dieses Erbe überantworten wolle? Ich hätte keinerlei Interesse, mir den Ärger eines Neffen zuziehen. Was auch für die Tochter gälte.
Nein. Kaum Verwandtschaft, Geschwister auch kinderlos. Mit all den übrigen sei er völlig verkracht.
Das war die erste Red Flag.
Als von Lubomirski und seine Frau Renate dann meine Tochter kennenlernten, gab es kein Halten mehr: Das Kind sei „der absolute Sechser im Lotto!“ Es war ein totaler Begeisterungsüberschwang. Es war von „natürlicher Herzlichkeit“, „klugen Nachfragen“ und einem „alles sprengendem Air“ die Rede.
Es gab noch drei weitere Treffen. Nach dem ersten wurde uns eine Abschrift des nun notariell geänderten Testaments übersandt. Die Tochter als Alleinerbin von Familie von Lubomirski!
Der Puls hielt sich in Grenzen. Wir sind keine Materialisten, wir sind Idealisten. Aber: ja, schon nett. Auch irgendwie verdient.
Die Tochter war allerdings bereits nach dem ersten Treffen genervt:
Ludger redet nicht nur in Dauerschleife, stundenlang ohne Punkt und Komma, er macht seine Frau auch dauernd runter. Er tut, als sei sie ein dummes Kind. Er behandelt sie wie eine Dienerin, das ist abartig. Er sagt ihr wirklich vor meinen Ohren, daß sie doof sei. Dabei ist sie total lieb und gar nicht dumm.
Das war die zweite Red Flag. Nach der allgemeinen Belehrung über Weltlage etc. kam dann (insgesamt dreimal) eine akkurate Belehrung, wie sein weltweit einzigartiges Bücherzimmer zu behandeln und zu pflegen sei.
Die dritte Red Flag war, als Ludger von Lubomirski zum wiederholten Mal betonte, daß die Kinderlosigkeit ja nicht an ihm läge. Was die Hervorragendheit seines Spermas gegenüber der Qualität der Eizellen seiner Frau bedeutete. Jahrzehnte her das Thema. Tränentreibend für Renate. Sie mußte bitterlich weinen. Meine Tochter konnte nicht anders, als von Lubomirski zu tadeln und Renate zu trösten. (Was im Sinne unseres Erziehungsauftrags war.)
Beim letzten Treffen im westdeutschen Reihenhaus mit Ost- und Westflügel zeigte meine Tochter furchtbare Fehler in puncto Geschichtskenntnis. Es ging um die Teilung Oberschlesiens 1920/21, und sie wußte nichts dazu zu sagen, OBWOHL SIE SCHLESISCHE AHNEN HAT! Von Lubomirski faltete sie verbal zusammen.
Zudem hatte sie im dortigen Haushalt ein Cognac-Glas als ein Whiskey-Glas behandelt. Das brachte den Spirituosen-Connoisseur und übrigens Kettenraucher von Lubomirski vollends in Wallung. Er schrieb mir böse Mails, wie bitter enttäuscht er sei über meine „kulturlose“ Tochter. Vierte Red Flag; hochrot!.
Zwei Monate später erhielt ich eine Email (mit Beleg), daß unsere Tochter hiermit enterbt sei. (Sie seufzte erleichtert auf.)
Vor etwa einem Jahr kam ich drauf, mal „Ludger von Lubomirski“ zu googlen. Ich fand eine Traueranzeige. Er ist wenige Tage nach der Enterbung gestorben.
Meine Tochter, die wirklich besonders lieb & treu ist, unterhält noch Kontakt zur Witwe, die gottlob neu verpartnert (diesmal statt 15 Jahre älter 15 Jahre jünger, sehr trendy!) und wie befreit ist.
Sie erzählen einander viel. Die Witwe hat ihr gestern berichtet, daß der ganze „Bücherscheiß inklusive der SOO hochgelobten Genie-Regale“ nun auf den Müll gewandert sei. Na, schon schade…
Im Ganzen eine Geschichte, die man sich kaum ausdenken könnt.
Wir, als Familie, zehren immer noch von den vielerlei Lubomirski-Anekdoten. Er war übrigens eng mit Ludwig Erhard und Franz Josef Strauß befreundet. Talkshow-Anfragen hatte er stets ausgeschlagen.
Er möge ruhen in Frieden, der Arme.
SMHJanssen
Der Mann mag ja schrullig und altbacken gewesen sein, wahrscheinlich auch ein furchtbarer Macho, aber das seine Frau so lieblos mit seiner Bibliothek umgegangen ist, spricht er für mangelnden Geist bei ihr. Traurig das es eine solch gruselige Mißachtung des geschriebenen Worts gibt!
Herzlichst,
Siebo M. H. Janssen
Kositza: In meinen Augen dennoch ein cooler Cut. Sie hat einfach ein gigantisches Feuerwerk entzündet. Das "geschriebene Wort" ist ja auch ein bißchen überwertet.