Lob der Manosphere

von Wiggo Mann -- „Wäre die Zivilisation den Frauen überlassen, säßen wir heute noch in Schilfhütten“, sagt Camille Paglia. Die renommierte Feminismus-Kritikerin bescherte dem Antaios-Verlag im Frühjahr 2018 einen verblüffenden Coup – und zugleich eine schwere Niederlage.

Antai­os soll­te damals das neu­es­te Werk der ita­lie­nisch­stäm­mi­gen US-Ame­ri­ka­ne­rin in Deutsch­land ver­öf­fent­li­chen. Doch das Glück währ­te nur kurz. Wäh­rend Paglia die Redak­teu­re und Lek­to­ren des Ver­lags zunächst noch als kom­pe­tent und „kul­ti­viert“ lob­te, arbei­te­ten die Main­stream-Medi­en bereits im Hin­ter­grund. Nach Gesprä­chen mit SZ und Zeit glaub­te die Autorin bei ihrem deut­schen Ver­lag plötz­lich einen „tota­li­tä­ren Impuls“ zu erkennen.

Als Beleg dien­ten Über­set­zungs­nu­an­cen und die auf­ge­bla­se­ne Empö­rung über das von Ellen Kositza ver­fass­te Vor­wort. Im April 2018 wur­de die Ver­öf­fent­li­chung der deut­schen Aus­ga­be von Free Women, Free Men gestoppt.

Femi­nis­mus ist nicht zu stop­pen. Er ver­läuft in gestaf­fel­ten Wel­len. Die ers­te erfolg­rei­che Wel­le dreh­te sich unter ande­rem um Wahl­recht, Eigen­tum und grund­sätz­li­che Gleich­stel­lung. Die zwei­te Wel­le war eine Form von „Long 68er“-Syndrom und soll­te Frau­en end­lich vom ver­haß­ten Patri­ar­chat befrei­en. Die drit­te Wel­le in den 90ern des letz­ten Jahr­hun­derts wur­de bereits dif­fu­ser. Der Zweck der vier­ten Wel­le ist umstrit­ten. Even­tu­ell gibt es sogar schon eine Fünfte?

Wo die Front im Krieg der Geschlech­ter aktu­ell ver­läuft, ist schwer aus­zu­ma­chen. Camil­le Paglia woll­te jun­gen Frau­en – aller­dings zeit­lich vor der migran­ti­schen Kri­mi­na­li­täts­wel­le – noch bewusst eine „free­dom to risk rape“ zugestehen.

Aner­kann­te Hard­core-Femi­nis­tin­nen wie Lau­rie Pen­ny grü­beln sogar über eine kor­rek­te Ein­ord­nung von soge­nann­ter „Sex­ar­beit“. Pen­ny pro­kla­miert, “die Aus­wei­tung der Arbei­ter­rech­te auf alle, die Sex ver­kau­fen“, soll­te „eine drin­gen­de For­de­rung femi­nis­ti­scher Akti­vis­tin­nen sein (Fleisch­markt, 2012). Es ärgert die Autorin, daß

der Ver­kauf von Sex nach wie vor in einer dunk­len Unter­welt des sozia­len Tabus statt­fin­det, wäh­rend der sexua­li­sier­te Ver­kauf all­ge­gen­wär­tig ist.

Dafür bekommt Lau­rie Pen­ny erwar­tungs­ge­mäß Prü­gel von Femi­nis­tin­nen der fünf­ten(?) Wel­le, wie der kana­di­schen Jour­na­lis­tin Meg­han Mur­phy: „Lau­rie Pen­ny, you’ve lost me.“ Es ist kom­pli­ziert.

Ein­fa­cher sind dage­gen die Bot­schaf­ten der soge­nann­ten Manos­phe­re. Gemeint ist damit ein Milieu aus Medi­en­per­sön­lich­kei­ten – Pod­cas­tern, Influen­cern, Online-Ver­käu­fern –, die eine gro­ße Com­mu­ni­ty von Män­nern (und Frau­en) mit Con­tent zur „Rück­erobe­rung der Männ­lich­keit“ bedie­nen. Im eng­lisch­spra­chi­gen Raum zäh­len dazu Figu­ren wie HSTik­ky­Tok­ky, Snea­ko, Jus­tin Wal­ler oder Nick Fuentes.

Das bekann­tes­te Gesicht dürf­te Andrew Tate sein. Addiert man Reich­wei­ten, Abon­ne­ments und Auf­ru­fe, kommt man inzwi­schen auf Hun­der­te Mil­lio­nen Views. Finan­zi­ell scheint sich das für vie­le Betei­lig­te eben­falls zu lohnen.

Unser Medi­en-Main­stream reagiert folg­lich, wie man es von ihm erwar­tet: feind­se­lig. Die Manos­phe­re gilt pau­schal als „toxisch“ (Welt), „radi­ka­li­siert“ (Zeit), „anti­se­mi­tisch“ (taz) und vol­ler „Frau­en­hass“ (Stern). Sol­che Refle­xe kennt man aus dem reak­tio­nä­ren Ver­tei­di­gungs­kampf. Wer außer­halb der Kon­ven­ti­on auf Kom­ple­xi­täts­re­duk­ti­on und dis­rup­ti­ve Lösun­gen setzt, „spielt“ angeb­lich bloß „mit den Ängs­ten“ sei­ner Zielgruppe.

Aber so ein­fach ist es nicht mit der ver­meint­li­chen Toxi­zi­tät. Das liegt an drei Fak­to­ren: Ers­tens ist die Manos­phe­re als Ant­wort auf Femi­nis­mus-Wel­len ein­zu­ord­nen. Zwei­tens kann man auch bei der Manos­phe­re über Tren­nung von Kunst und Künst­ler dis­ku­tie­ren. Drit­tens gewinnt die Manos­phe­re durch hand­werk­lich pro­fes­sio­nel­les Marketing.

Wer sich dem Phä­no­men nähern möch­te, ohne tage­lang im Digi­ta­len zu ver­sin­ken, soll­te die Doku­men­ta­ti­on „Lou­is The­roux – Insi­de the Manos­phe­re“ anse­hen. The­roux stammt aus einer Fami­lie von Schrift­stel­lern, Schau­spie­lern und Fil­me­ma­chern. Er schrieb für das US-Sati­re­ma­ga­zin Spy, arbei­te­te mit Micha­el Moo­re und wur­de für sei­ne Doku­men­tar­ar­beit mit dem BAFTA aus­ge­zeich­net. Sei­ne in unschul­di­ger Ver­blüf­fung hoch­ge­zo­ge­nen Augen­brau­en erin­nern an den frü­hen Woo­dy Allen. Sei­ne Arbeit steht in der Tra­di­ti­on jener hoch­klas­si­gen BBC-Doku­men­ta­tio­nen, die zugleich neu­gie­rig und didak­tisch sind.

Lou­is The­roux geht „insi­de“, besucht die Prot­ago­nis­ten der Manos­phe­re per­sön­lich, um erstaun­li­che Ein­bli­cke in deren All­tag zu ver­mit­teln. Am Ende ist der Doku­men­tar­fil­mer erkenn­bar bemüht, dem Ergeb­nis einen Twist mit­zu­ge­ben, damit für den Auf­trag­ge­ber Net­flix alles ver­läss­lich nega­tiv ein­ge­ord­net wer­den kann. Betrach­te­te man die authen­ti­schen Sze­nen unvor­ein­ge­nom­men, dann könn­te sich ein ande­res Bild ergeben.

Manos­phe­re als zuläs­si­ge Reak­ti­on auf eine jahr­zehn­te­lan­ge gesell­schaft­li­che Belas­tung jun­ger Män­ner ein­zu­ord­nen, ist durch­aus vali­de. Das ver­deut­licht der Best­sel­ler Of Boys and Men von Richard Ree­ves. Das Buch wird gleich­zei­tig vom Eco­no­mist und Barack Hus­sein Oba­ma empfohlen.

Die Prot­ago­nis­ten der Manos­phe­re haben ein­fa­che Bot­schaf­ten. „The­re is a war on man being strong. Wake up!“ läßt sich Har­ri­son Sul­li­van, ali­as HSTik­ky­Tok­ky im Doku­men­tar­film zitie­ren. Die Grund­la­gen sei­nes Geschäfts­mo­dells unter­schei­den sich kaum vom Moti­va­tions-Man­tra in Start­Up-Work­shops einer deut­schen Han­dels­kam­mer: „How to make money. How to be out­side the sys­tem. How to not have a boss tel­ling me what to do.“

Auch das Pri­vat­le­ben von Har­ri­son ist in man­chen Details kon­ven­tio­nel­ler, als erwar­tet. Wenn Mut­ter Elai­ne zu Besuch kommt, fühlt man sich an den schu­li­schen Eltern­sprech­tag erin­nert. Elai­ne Sul­li­vans Ein­ord­nung ihres groß­mäu­li­gen Sohnes:

If anyo­ne said that they agreed with with abso­lut­e­ly ever­y­thing their child did then they’d be tel­ling an untruth. Of cour­se there’s things I don’t agree with. And he knows that.

HSTik­ky­Tok­ky bemüht sich in die­ser Sze­ne sicht­lich, den Fami­li­en­frie­den zu ret­ten. Ob die Idee, Män­ner soll­ten Frau­en her­um­kom­man­die­ren, nicht doch etwas miso­gyn sei, fragt Lou­is The­roux. In Anwe­sen­heit sei­ner Mut­ter ant­wor­tet der Social-Media-Star auf­fal­lend kleinlaut:

I think thats a bit of an extre­me. Most women in the world are not like my mum.

Alles Schlam­pen außer Mut­ti. Elai­ne zeigt, wo der Ham­mer hängt. „Don’t embar­ess me. Don’t be rude. That’s not the way I brought you up.“ Auch der Fil­me­ma­cher bekommt sein Fett weg. Auf die Fra­ge, ob das Geschäfts­mo­dell ihres Soh­nes unse­ri­ös sei, kon­tert die Löwen­ma­ma sou­ve­rän: Kehr mal vor Dei­ner eige­nen Tür! „You are making money on the back of peo­p­le that are controversal.“

Ein opti­sches Gegen­mo­dell zu HSTik­ky­Tok­ky ist Jus­tin Wal­ler. Eher Wall Street 2.0 als Talahon. Er hat über eine Mil­li­on Fol­lower auf Insta­gram, nennt sich Erfolgs­coach und ver­kauft alles vom Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel bis zum Anla­ge­tipp. Außer­dem unter­stützt er die Online-Uni­ver­si­tät der Tate-Brü­der, The Real World, mit dem ein­gän­gi­gen Slo­gan: „Money making is a skill.“ Für 99 Dol­lar im Monat soll es dort eine Grund-aus­bil­dung in geschäft­li­chem Erfolg geben. Das klingt stel­len­wei­se wie eine digi­ta­li­sier­te Neu­auf­la­ge der alten Cars­ten-Maschmey­er-Welt bei der Drü­cker­ko­lon­ne AWD.

Jus­tin Wal­ler prahlt gen­re­ty­pisch mit sei­ner angeb­li­chen Pro­mis­kui­tät. „Ein­sei­ti­ge Mono­ga­mie“ nennt sich das in der Manos­phe­re. Auf Nach­fra­ge wird das Frau­en­bild sofort dif­fe­ren­zier­ter. Ob er es gut fin­de, daß jun­ge Frau­en Archi­tekt, Astro­naut oder Unter­neh­mer wer­den möchten?

Hell, yeah. If that’s what they want. But I think by and lar­ge­ly, women are loo­king for hus­bands and want to have families.

Jus­tin Wal­lers Fami­lie lebt abseits von Miami im 40.000-Einwohner-Städtchen Aven­tura, weil es dort fami­li­en­freund­li­cher sei. Die zau­ber­haf­te Kris­ten, ehe­ma­li­ge Rönt­gen-Tech­ni­ke­rin und Mut­ter sei­ner zwei Kin­der räumt noch schnell den Staub­sauger weg, als das Film­team ein­trifft. Ihre Beschrei­bung der Part­ner­schaft ist unei­tel und präzise:

I like to tell peo­p­le we have lanes. My lane con­ta­ins chan­ging dia­pers, clea­ning and coo­king. His lane is pro­vi­ding. We don’t cross each others lane.

Nennt man das schon Trad­wi­fe? Oder ein­fach eine nüch­ter­ne Beschrei­bung geleb­ter Arbeits­tei­lung? Das Gespräch wirkt offen­kun­dig nicht gescrip­tet, und Kris­ten erscheint kei­nes­wegs unter­jocht. Wal­lers Gere­de von der „ein­sei­ti­gen Mono­ga­mie“ ent­puppt sich zwi­schen den Zei­len eher als Mar­ke­ting-Gag denn als Lebens­wirk­lich­keit. Frau­en, die gelernt haben, den männ­li­chen Habi­tus ein­zu­ord­nen, sind glück­li­cher und erfolg­rei­cher, lehr­te bereits Camil­le Paglia.

Am Ende ist der Influen­cer hin­ter sei­ner Busi­ness-Kulis­se sehr ehr­lich. Die Zeit mit sei­ner Fami­lie beschreibt er als „the best years in my life. I have beau­tiful child­ren. I couldn’t be more lucky and more blessed.“

Ein durch­gän­gig erkenn­ba­res Mus­ter. Groß­maul Myron Gai­nes erzählt im Film-Inter­view eben­falls von angeb­li­chen „mul­ti­ple wives“. Als Girl­fri­end Angie erscheint, ändert sich die Ton­la­ge. „I am hap­py to have her by my side. She’s gre­at.“ Angie revan­chiert sich:

Myron is some­bo­dy in front of the came­ras but behind them is some­bo­dy else with me and I love him very much.

Der so Belo­big­te hält der­weil brav und unge­lenk den fluf­fi­gen wei­ßen Hand­ta­schen­hund im Arm. Gai­nes, Wal­ler, Har­ri­son: Hin­ter dem Mar­ke­ting-Lärm ist das Leben in der Manos­phe­re ziem­lich geord­net und folgt den übli­chen anthro­po­lo­gi­schen Konstanten.

Selbst wer sich um die gesell­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen Sor­gen macht, sei beru­higt. Die im Doku­men­tar­film dar­ge­stell­ten Sze­nen mit Fans haben zwar nur anek­do­ti­sche Evi­denz, sind aber oft von erstaun­li­cher Nüch­tern­heit. Ein mexi­ka­ni­scher Bewun­de­rer des Influen­cers Jus­tin Wal­ler erläu­tert, wel­che Lebens­phi­lo­so­phie er von sei­nem Vor­bild gelernt haben will:

I was in a losing posi­ti­on. And was crying every night. I had no food to eat. So I could do one of two things: Eit­her keep com­plai­ning about my posi­ti­on or start thin­king solu­ti­ons-based. May­be start chan­ging the per­spec­ti­ve. May­be as men we’re meant to suf­fer. We’re not meant to be con­stant­ly hap­py. We learn more in our fail­ures than in our wins.

Nietz­sche-to-go? Nicht alles in der Manos­phe­re ist nett, man­ches mag ver­werf­lich, oder in Aus­nah­me­fäl­len sogar straf­recht­lich rele­vant sein. Aber man soll­te das Kind nicht mit dem Bade aus­schüt­ten. Wenn soli­de Lern­ef­fek­te bei jun­gen Män­nern ein Ergeb­nis sein kön­nen, dann sind die Markt­schrei­er der Männ­lich­keit viel­leicht akzeptabel?

Eine para­do­xe Ablei­tung wäre hin­ge­gen, den Sound der Manos­phe­re poli­tisch zu instru­men­ta­li­sie­ren und gleich­zei­tig mit mora­li­schem Zei­ge­fin­ger her­um­zu­fuch­teln. Kay Gott­schalk macht genau das. Er ist Mit­glied des Bun­des­ta­ges und finanz­po­li­ti­scher Spre­cher der AfD. Nach eige­ner Dar­stel­lung ist es in sei­ner hoch dotier­ten Posi­ti­on „zeit­lich schlicht unmög­lich, jeden ein­zel­nen Vor­gang bis ins letz­te Detail zu prü­fen.“ Den­noch fand er Gele­gen­heit, sich als Gangs­ter-Rap­per in der Tra­di­ti­on Maxi­mi­li­an Krahs zu pro­du­zie­ren.

Gott­schalks Bei­trag zur Dis­kus­si­on über Only­Fans und ande­re sexua­li­sier­te Ange­bo­te mün­de­te in einen Social-Media-Film mit dem Titel „Tho­se. Hoes. Owe. Us. Money“.

Die­se Schlam­pen schul­den uns Geld, behaup­tet der AfD-Poli­ti­ker. Unser Staat lebt seit lan­gem über sei­ne Ver­hält­nis­se. In Anleh­nung an die Geschäfts­prak­tik auf der Ree­per­bahn hät­te der in Ham­burg gebo­re­ne Gott­schalk des­halb gern die Hälf­te der Ein­nah­men, wenn sich „vater­lo­se, lang­wei­li­ge Wei­ber“ aus­zie­hen. Er ver­kör­pert die dunk­le Sei­te der Manosphere.

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