Allgemeine Gültigkeit mit Zeichen von Situationärem

PDF der Druckfassung aus Sezession 125/ April 2025

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

von Götz Kubitschek –

Es ist da einer in jun­gen Jah­ren an die Front gegan­gen, ein Deut­scher. Er hat sich auf die ukrai­ni­sche Sei­te geschla­gen, hat im Don­bass gekämpft, gefro­ren, getö­tet, hat dort Män­ner ster­ben und wei­nen und blu­ten und zit­tern sehen, und als er noch ein­mal zurück­kam, um zu essen, zu trin­ken, zu schla­fen, zu baden und zu erzäh­len, da hieß es: »Er ist wei­ter als wir.« Nun ist er tot, eine Droh­ne (oder das, was sie abwarf) ist vor ihm explo­diert. Als die Nach­richt ein­traf, hieß es: »Er war wei­ter als wir.«

Er ist, er war: Man kann die­sen Satz, die­se Behaup­tung, die­se Ver­mu­tung als das Ergeb­nis von Weh­mut oder gründ­li­chem Nach­den­ken oder schlicht als Mit­tei­lungs­be­dürf­nis begrei­fen. Jeden­falls wur­de er geäu­ßert und galt gleich als gül­tig. Er wur­de vari­iert und zu spä­ter Stun­de noch ein­mal von einem so zusam­men­hangs­los aus­ge­spro­chen, als sei er, gedank­lich in Schüt­zen­grä­ben, gera­de erst auf die­se Ein­ord­nung gesto­ßen. Das Inter­es­san­te an der Sache ist dies: Nie­mand, der davon über­zeugt ist, daß jener »wei­ter war als wir«, zog ihm jetzt nach, um den Abstand zu ver­rin­gern und ähn­lich weit zu gehen.

Es fiel einer, der, so sag­te man mir, kei­ne Roma­ne mehr lesen woll­te und des­sen Hand leicht zit­ter­te, wenn man genau hin­sah. Aber kei­ner, der ihn kann­te, weiß, ob er für sein Ich oder für ein Wir aus­zog. Es fiel viel­leicht ein Über­mensch. Oder es fiel ein Aben­teu­rer. Es fiel einer viel­leicht, weil er die Gele­gen­heit zum Krieg beim Schop­fe griff. Oder hat­te er ein­fach Ernst gemacht mit Euro­pa und einer euro­päi­schen Iden­ti­tät, deren Tat­be­weis er mit jedem Tag an der Front erbrin­gen woll­te, nicht bloß als Idee beschreiben?

Ist es ver­wun­der­lich, daß mich das so bren­nend inter­es­siert? Wenn einer »wei­ter war als wir«, dann will man doch wis­sen, wel­che Lei­ter er erklomm und nach wel­chem Kompaß er mar­schier­te, die paar Jah­re lang. Es muß ein Ernst dar­in gewe­sen sein, etwas hat­te ihn dazu gebracht. Was war das? Eine Theo­rie, ein Pflicht­ge­fühl, eine Dis­po­si­ti­on, ein Drang?

Wor­an könn­te sich abmes­sen, ob er »wei­ter war«? Und wenn er es gar nicht war? Auch gut. Denn das ist, aufs Gan­ze gese­hen, nahe­lie­gend: auf der Farb­ska­la mensch­li­cher Mög­lich­keit nicht »wei­ter«, son­dern ein eher sel­te­ner Ton. Also war sein Leben (Gott­fried Benn hat es so aus­ge­drückt) »etwas all­ge­mei­ne Gül­tig­keit mit Zei­chen von Situa­tio­nä­rem«. Dann wur­de auch er (Ben­ns Ton ist unver­kenn­bar) »zu Tisch geführt von Gene­tik und Palä­on­to­lo­gie, die Ouver­tü­re setzt ein, kom­po­niert in Ultra­schall, vor­ge­tra­gen von Muschelbläsern!«

Ich muß geste­hen: Ich lese das über­haupt nicht abschät­zig oder iro­nisch, son­dern bloß vege­ta­tiv, also beru­hi­gend: Dies alles gibt es also. Nichts von »wei­ter« und »über«, aber eine kur­ze, kräf­ti­ge Lebens­spur, ein Aus­rei­zen mensch­li­cher Spann­brei­te, eines die­ser »Zei­chen, deu­tungs­los«, einer für den Göt­ter­wind, für die Aus­drucks­welt – rasch, plas­tisch, ver­dich­tet gelebt, dann die Sekun­de auf der Schwel­le, und zack: »ein jedes Wer­den stand still«.

Aber nicht jeder liest das so, son­dern denkt sich den jun­gen Mann als ein biß­chen unver­nünf­tig »aus heu­ti­ger Sicht«, natür­lich, »wenn man das so sagen darf«. Darf man. Und des­we­gen konn­te aus der Run­de, die bei­sam­men­saß und sich sicher war, daß jener »wei­ter war als wir«, nach dem drit­ten Bier einer auf­ste­hen, sei­nen Deckel aus­glei­chen und sagen: »Män­ner, ich muß dann wie­der.« Und: »Mor­gen früh raus.« Und: »So eine Scheiße.«

Selt­sam, nicht wahr, wie klar und unwi­der­leg­bar der Unter­schied ist zwi­schen denen, die genau beschrei­ben kön­nen, wie schlimm man frie­ren kann, und den ande­ren, die wirk­lich frie­ren. Es gibt einen sehr theo­re­ti­schen Drang nach Mani­fes­ten, nach For­mu­lie­run­gen und Attri­bu­ten, die Beson­der­heit ver­mu­ten las­sen und den­je­ni­gen her­aus­he­ben sol­len, der sie in den Lücken­text sei­nes Lebens ein­setzt. Zum Glück gibt es die Stil­len im Lan­de, die das nicht nötig haben und auf den Gedan­ken erst gar nicht kom­men, es sei da ein gro­ßes Wort neben ihre Tätig­keit zu stellen.

Jochen Klep­per hat die­sen Men­schen ein schma­les Bänd­chen gewid­met. Es heißt wie­der­um Die Stil­len im Lan­de, von dort her kommt ja die­se schö­ne Wen­dung, und es ist natür­lich ganz ver­ges­sen. Sei­ne Bot­schaft lau­te­te: Wenn jeder um sich her­um für Ord­nung sorgt, zu einem Werk ansetzt und es auf Dau­er zu stel­len ver­sucht, ist viel getan. Die­ses Werk legi­ti­miert das Wort, das viel­leicht Ver­wen­dung fand und das denen, die Ernst machen, immer ein wenig zu groß vor­kom­men sollte.

Mit jedem Schritt, jeder Selbst-Aus­set­zung, jeder fol­gen­rei­chen Lebens­ent­schei­dung ist jeden­falls mehr getan, als wenn da einer von einer neu­en Zeit nur fabu­liert, sich an der Neu­ord­nung der Nati­on und des Kon­ti­nents selbst erregt und dann doch im Büro sei­ne Stun­den abmißt und in die­se neue Zeit hin­ein vor allem sein eige­nes Fort­kom­men entwickelt.

Es gibt die­ses Gere­de, die­ses Gepla­ne und Ent­wer­fen, das Här­ten immer nur für ande­re vor­her­sieht, für unab­ding­bar hält. Das ist alles Gere­de, ein geschick­tes Ver­tu­schen, und das merkt man, Leu­te, glaubt mir. Wor­an? Dar­an, daß die Archi­tek­ten sol­cher Ent­wür­fe sich selbst stets zur Nomen­kla­tu­ra rech­nen und sich nicht aus­set­zen, nicht zusam­men­pa­cken und los­zie­hen, nicht ihr Leben und eine Tat an die Stel­le des gro­ßen Wor­tes setzen.

Wir müs­sen ehr­lich zuein­an­der sein und soll­ten das Gere­de vom gro­ßen Umbau meis­ten­teils unter­las­sen, auch das von der Revo­lu­tio­nie­rung der Ver­hält­nis­se und von der Erha­ben­heit des Gefühls, dabei zu sein und vor­ge­dacht zu haben, wenn nun umge­wälzt wer­de. Revol­ten, Wen­den, ganz neue Ord­nun­gen – die Wahr­heit ist doch die: Wir hal­ten und hören Reden über die tota­le Kri­se, die Auf­häu­fung von Kri­sen, über das Ver­schwin­den der wei­ßen Völ­ker und ihres welt­ge­stal­ten­den Selbst­be­wußt­seins, hören und vari­ie­ren und schluß­fol­gern – aber dann ist es doch so, als rausch­te es durch uns hin­durch, ohne etwas in Gang zu set­zen; als sei es ein Spiel, ein Wort­spiel, ein Gedan­ken­spiel, eine Spiel­art, mit etwas umzu­ge­hen, das erkannt wer­den konn­te, das durch­aus zusetzt, durchaus.

Mehr aber auch nicht. Denn was wir Kri­se nen­nen, das hin­dert uns doch an gar nichts – nicht am Urlaub, nicht am Gemot­ze über zu spät ser­vier­tes Bier, nicht am Schlaf, am Neid, am gan­zen wäh­le­ri­schen Geha­be, nicht an »Gewichts­zu­nah­me« (Benn).

Und weil das so ist und immer schon so war, und weil der Mensch dehn­ba­rer ist als jeder Gum­mi, also sich etwas vor­ma­chen, etwas dra­ma­ti­sie­ren, etwas igno­rie­ren kann, und umschich­ten und zurecht­kom­men und ertra­gen, wenn nicht die Kri­se ins völ­lig Uner­träg­li­che, ins Aus­ge­hun­ger­te abkippt – weil das also immer schon so war, übt das Undra­ma­ti­sche, das aus dem Stu­di­um gro­ßer Bögen Ables­ba­re, das im Pen­del­schwung Erwart­ba­re sei­ne unheim­li­che Herr­schaft aus. Geo­lo­gi­sche Gelas­sen­heit, Kalk­stein­stim­mung, als herrsch­te noch immer das Pleistozän.

Nichts ist wirk­lich von Eile, alles Bedeu­ten­de kommt sowie­so, tritt auf, rollt ab, fin­det sei­nen Aus­druck, im gro­ßen und gan­zen eben­so wie in der klei­nen Span­ne. Was ahn­te der jun­ge Mann, war­um ent­schied er so ent­schie­den? Wann ist der his­to­ri­sche Moment da, der je eige­ne und der gro­ße? Wann kommt es dar­auf an, wann wird man auf die Büh­ne geru­fen, wann fällt das Stich­wort? Wir wis­sen es nie, ahnen es nur. Und dann? Was sagen, wie gehen, wie auf‑, wie abtre­ten? Muß es immer lapi­dar sein?

»Geden­ken wir jetzt«, wie­der Benn,

des 2. 12. 1942, als die Zei­ger der Meß­in­stru­men­te sich zit­ternd zu bewe­gen began­nen, klei­ne Klöt­ze von Uran mit ange­rei­cher­tem Uran 235 waren wie Bri­ketts über­ein­an­der­ge­schich­tet in der Hal­le des Sport­pa­las­tes der Uni­ver­si­tät Chi­ka­go, die Spa­zier­gän­ger gin­gen ahnungs­los dar­über hin – also es war soweit, die Meß­in­stru­men­te brumm­ten, aber Fer­mi, der Uner­schüt­ter­li­che, Lei­ter und Inau­gu­ra­tor des Neu­tro­nen­be­schus­ses, der neue Gestal­ter mit der Erkennt­nis von der Ves­te und dem Licht und dem Unter­schied zwi­schen dem Was­ser, Block­wart der zwei­ten Gene­sis, sag­te die bekann­ten Wor­te: ›Erst laßt uns Essen gehen.‹

Als der Kon­tra­funk, die­ses von dem Jour­na­lis­ten Burk­hard Mül­ler-Ull­rich auf­ge­sat­tel­te Gegen-Radio, Mit­te März in Ber­lin den tau­sends­ten Tag sei­nes Bestehens fei­er­te, trat im Rah­men der Fest­ver­an­stal­tung auch der Publi­zist Ray­mond Unger auf. Er las aus sei­nem gera­de erschie­ne­nen Roman KAI, sprich: KA‑I vor – den Pro­log und einen Aus­zug aus einem Kapi­tel: dys­to­pisch, mit­ten in der nächs­ten Stu­fe des Trans­hu­ma­nis­mus ange­sie­delt, hirn­ver­än­dern­de Nano-Imp­fun­gen, Beu­ge-Lager, Spritzenzwang.

In sei­ner kur­zen Vor­re­de erklär­te Unger, daß er den Hand­lungs­raum gern sei­nem fik­tio­na­len Talent, sei­ner Phan­ta­sie, sei­nem Vor­stel­lungs­ver­mö­gen zuschrei­ben wür­de. Jedoch sei das, was er nie­der­ge­schrie­ben habe, lei­der kei­ne Erfin­dung, son­dern eher ein Bericht über Ver­fah­ren, Plä­ne und Tech­ni­ken, die unter Labor­be­din­gun­gen bereits erprobt würden.

Im Saal: fast 800 Leu­te, dar­un­ter vie­le urteils­si­cher, elo­quent, mit Wider­stands­po­ten­ti­al und dem ein­ge­üb­ten Voka­bu­lar der Coro­na-Jah­re und aus Grenz­wis­sen­schaf­ten. Aber: Nichts geschah. Man hör­te sich’s an, und es ent­stand nach die­ser als Gewiß­heit geäu­ßer­ten Behaup­tung kein scho­ckier­tes, kein auf­ge­reg­tes Gemur­mel, »was nun, wie wei­ter, wer weiß mehr?« Nichts der­glei­chen. Das ist doch inter­es­sant, oder? Was ist das für eine Stim­mung? »Mag so sein«, oder: »Wis­sen wir eh schon«, oder »Heu­te dies, mor­gen das«?

Immer­hin hat da jemand, Unger, der schon klu­ge Bücher schrieb, gesagt, man kön­ne mitt­ler­wei­le per Imp­fung Nano-Par­ti­kel so ein­sprit­zen, daß sie das Gehirn mani­pu­lier­ten. Wäre es da nicht ange­bracht, den Block­wart der drit­ten Gene­sis aus­fin­dig zu machen und ihn zu fra­gen, ob er auch erst zum Essen gehen wol­le, wäh­rend sich in sei­nem Labor, an dem wir ahnungs­los vor­bei­spa­zie­ren, schon mal Gehir­ne verändern?

Vie­le Men­schen hal­ten mitt­ler­wei­le alles für mög­lich und fin­den kei­ne Hand­ha­be dage­gen. Wie soll es auch anders sein? Was soll man fol­gern, wel­ches gro­ße, radi­ka­le Kon­zept dem gro­ßen, radi­ka­len Kon­zept der trans­hu­ma­nis­ti­schen Über­schrei­tung, der drit­ten Gene­sis entgegenstellen?

Kei­nes­falls darf das Ver­häng­nis dazu füh­ren, daß wir von uns selbst immer weni­ger wis­sen. Viel­leicht klingt das nun sehr nach Japan. Aber es ist nicht vor allem japa­nisch, kal­ten Hän­den eine sorg­sam zube­rei­te­te Tas­se Kaf­fee zu rei­chen und ein Stück­chen dane­ben­zu­le­gen. Es kann in einer sol­chen Ges­te die gan­ze Welt lie­gen, zumal, wenn die Gegen­sät­ze groß sind. Nur von dort aus geht es wei­ter, das ist mei­ne fes­te Überzeugung.

Es gibt die klei­ne Form und die gro­ße Form, und bei­den gemein­sam ist, daß man jen­seits aller Wor­te weiß, ob sie gelun­gen sind. Sie zu gestal­ten und gegen das Unför­mi­ge, Chao­ti­sche durch­zu­set­zen, und gegen das, wor­an wir nicht krat­zen kön­nen, immer wie­der neu: Das ist der Anfang, das sind »die Zei­chen von Situa­tio­nä­rem«. Von dort aus muß es wei­ter­ge­hen, von dort her kann es enden.

Es kann bei der klei­nen Form blei­ben, es kann ins Erha­be­ne gehen, es kann die Exis­tenz ver­dich­ten, und danach kann es vor­bei sein. Wir reden also über den Augen­blick und über die gan­ze Gestalt, jeden­falls aber über For­mung. Das ist schon alles, aber glaubt mir: Das ist viel. Habe mich oft gefragt und kei­ne Ant­wort gefun­den, ob es ver­stan­den wer­de, »weiß es auch heu­te nicht und muß nun gehen.«

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Sezession
DE58 8005 3762 1894 1405 98
NOLADE21HAL

Kommentare (0)