von Erik Lehnert –
Das Jahr 2025 ist ein Thomas Mann-Jahr: Es stehen zwei runde Jubiläen an – der 150. Geburtstag am 6. Juni und der 70. Todestag am 12. August. Die Vorbereitungen laufen sicher auf Hochtouren, es wird Ausstellungen, Ansprachen, Bücher, Sonderhefte und Artikel geben, die alles präsentieren, was wir über Mann längst wissen. Denn er gehört zu den bekanntesten und besterforschten deutschen Schriftstellern.
Eine kleine Delle bekam die Euphorie der Mann-Verehrer im letzten Jahr, als bekannt wurde, daß es kein neues Doku- Drama im öffentlich-rechtlichen Rundfunk geben wird. Heinrich Breloer, der 2001 mit seiner Soap zu Thomas Mann und seiner Familie den Mythos neu entfacht hatte, handelte sich eine Abfuhr ein. (1) Angeblich soll es am fehlenden Geld gelegen haben, aber das klingt angesichts der jährlich verpulverten GEZ-Unsummen nicht besonders plausibel.
Vielleicht ist über Mann einfach alles gesagt. Vielleicht wird Mann aber auch immer fremder, immer weniger anschlußfähig. Er schrieb aus einer anderen Zeit. Vielleicht haben die Leute genug von gebändigter Leidenschaft und zugeknöpfter Dichterpose oder sind schlichtweg überfordert, wenn sie im Zauberberg die Übergabe eines Bleistifts als Symbol der sexuellen Vereinigung interpretieren sollen. Es gab schon einmal Zeiten, die Mann deutlich reservierter gegenüberstanden, als das in den letzten Jahren der Fall war. In den 1970ern waren Großschriftsteller nicht wohlgelitten, und man präsentierte jede ihrer Dürftigkeiten, derer man habhaft werden konnte. (2)
Für die Sezession bietet das Jubiläumsjahr die Gelegenheit, einem Mangel abzuhelfen. Es gab in all den Jahren, in denen die Sezession existiert, kein Autorenporträt zu Thomas Mann. Dieser Mangel ist erklärungsbedürftig, gehört Mann doch schon bei Armin Mohler, neben Carl Schmitt, Ernst Jünger oder Oswald Spengler, zu den herausragenden, kategoriensprengenden Autoren der Konservativen Revolution. (3)
Hinzu kommt: Der Begriff »Konservative Revolution« ist eine Erfindung von Thomas Mann, er gab einer Geistesströmung den Namen, der bis heute, wenn auch als Verlegenheitslösung, dafür herhalten muß, wenn umschrieben werden soll, was konservativ sein in einer Zeit bedeutet, in der alle Bestände abgeräumt sind. (4)
Die Rechte war schon immer viel weniger skrupellos als die Linke, wenn es darum ging, Nuancen auszublenden und einen Autor auf Linie zu bringen, um ihn einzugemeinden. Das hat mit dem Kunstbegriff zu tun, der die Unabhängigkeit dieser Sphäre gegenüber dem Gesellschaftlichen betont und daher einen Autor schätzen kann, der politisch woanders steht.
Trotz der zumindest zeitweisen Nähe Manns zur Rechten gibt es dort eine verbreitete Aversion gegen ihn, die weniger mit seinem Werk zu tun hat als mit seinen politischen Äußerungen insbesondere während des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit. In diesen Jahren hat sich Mann zum Sprachrohr einer antideutschen Koalition gemacht und dabei keinerlei Rücksicht auf seine Landsleute genommen. Kaum ein Exilant äußerte sich so radikal und hemmungslos gegen sein eigenes Volk wie Thomas Mann.
Es ist klar, daß gerade dieses Engagement dem gegenwärtigen Kulturbetrieb gefällt. Thomas Manns Ansprachen an die deutsche Bevölkerung wurden seit Oktober 1940 von der BBC produziert und konnten in Deutschland illegal empfangen werden. Mann sprach seine Texte selbst ein – sie sind nun als Band mit einem Vor- und Nachwort von Mely Kiyak, einer Schriftstellerin, die es auch nicht gut mit den Deutschen meint, veröffentlicht worden. Ihr Fazit:
Thomas Mann war ein Antifaschist. Er begegnete dem Faschismus und denen, die ihm bedingungslos folgten, mit der einzig richtigen Haltung. (5)
Er sei ein Held, der in alten Jahren zum Widerstandskämpfer geworden sei. Und, natürlich:
Ich denke, genau jetzt, im Jahr 2025, nicht nur weil Thomas Manns 150. Geburtstag gefeiert wird, ist der richtige Zeitpunkt, um an seinen Nazi-Überdruß, seinen Nazi-Ekel, seinen Nazi-Haß zu erinnern. (6)
Solche Einordnungen verraten natürlich mehr über die Autorin als über Thomas Mann. Aber es bleibt beschämend, wenn man in diesem Buch liest, was Mann seinen Landsleuten alles an den Hals gewünscht hat:
Beim jüngsten britischen Raid über Hitlerland hat das alte Lübeck zu leiden gehabt. Das geht mich an, es ist meine Vaterstadt. Die Angriffe galten dem Hafen, den kriegsindustriellen Anlagen, aber es hat Brände gegeben in der Stadt, und lieb ist es mir nicht, zu denken, daß die Marienkirche, das herrliche Renaissance-Rathaus oder das Haus der Schiffer-Gesellschaft sollten Schaden gelitten haben. Aber ich denke an Coventry – und habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, daß alles bezahlt werden muß. Es wird mehr Lübecker geben, mehr Hamburger, Kölner und Düsseldorfer, die dagegen auch nichts einzuwenden haben und, wenn sie das Dröhnen der RAF über ihren Köpfen hören, ihr guten Erfolg wünschen. (7)
Entwertet eine solche Aussage das Werk Thomas Manns, oder steht es unabhängig da? Warum sollte es bei Thomas Mann nicht wie etwa bei Louis-Ferdinand Céline möglich sein, über die unappetitlichen Sonderbarkeiten hinwegzusehen und das Werk als solches zu verteidigen? Frau Kiyak hat kein Problem damit, Dinge, die ihr bei Mann nicht passen, als »Fehlurteile« abzutun:
Ja, er hat sich geirrt, völlig richtig, aber später sprach er von nichts anderem als der Demokratie. (8)
Ganz ähnlich verfährt ein Literaturwissenschaftler, der seinen Beruf offensichtlich als eine politische Mission begreift. Für Kai Sina ist Thomas Mann ein »politischer Aktivist«, und das nicht erst, seitdem er sich im amerikanischen Exil zum Sprachrohr der Kriegspartei machte, sondern schon viel früher. Die Betrachtungen eines Unpolitischen (1918) sind auch für ihn nur ein Ausrutscher eines insgesamt auf der richtigen Seite agierenden Thomas Mann. Bereits für das Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg stellt Sina fest:
An politischer Aktivität zeichnet sich in dieser frühen Phase bereits ab, was in der Weimarer Republik und später im amerikanischen Exil zur vollen Ausprägung kommen sollte. (9)
Das ist eine steile These, für die Sina außer Manns Interesse am Judentum und dessen Verteidigung nicht besonders viel vorbringen kann. Und interessant wird die These erst dann, wenn man sie in das Gegenteil verkehrt: Ist der Thomas Mann von 1918 nicht der eigentliche Mann? Und sind nicht die Äußerungen nach 1939 vielmehr die erklärungsbedürftige Ausnahme?
Schauen wir mit dem Germanisten Hermann Kurzke auf die Gründe für das Engagement Thomas Manns im Ersten Weltkrieg, wird schnell klar, daß sie den Kern seines Künstlertums berühren und nicht lediglich als Fehltritt bezeichnet werden können: Der Krieg habe einen Weg aus der Desorientierung gewiesen, dem Leben wieder Sinn und Ziel gegeben. Für einen Schriftsteller ganz besonders wichtig: Die Schaffenskrise sei überwunden. Der Krieg habe die Gelegenheit geboten, endlich offen gegen den Bruder zu polemisieren, und gleichzeitig die Chance, zum Nationaldichter aufzusteigen und dem Publikum dabei zu zeigen, daß man kein dekadenter Dichter sei, sondern auf der richtigen Seite stehe. Schließlich:
Auf subtile Weise schien der Krieg sogar Lösungen für den Konflikt zwischen Geist und Leben, zwischen Vaterwelt und Mutterwelt, zwischen Ehe und Homoerotik, zwischen dem Macht- und Erhöhungstraum einerseits und dem Liebes- und Verschmelzungstraum andererseits anzubieten – und nicht nur Lösungen, sondern rauschhafte Synthesen! (10)
Thomas Mann befand sich also in einer Sackgasse, als der Krieg ausbrach. Wie war er dort hineingeraten? 1875 in Lübeck als Sohn eines Großkaufmanns und Senators geboren, hatte sich Mann schon als Schüler für das Künstlertum entschieden. Erste frühreife Arbeiten gibt es aus dieser Zeit. Der frühe Tod seines Vaters entband ihn von seinen gesellschaftlichen Fesseln und ermöglichte dem schlechten Schüler, die Schule zu verlassen und von den Zinsen des hinterlassenen Vermögens seinen Traum zu leben.
1901 erschien nach einigen Erzählungen, die bereits aufhorchen lassen hatten, der Roman, der bis heute der populärste von Thomas Mann geblieben ist: Buddenbrooks. Verfall einer Familie. Nachdem sich der zweibändige Wälzer erst schleppend verkaufte, sorgte die billigere einbändige Ausgabe bald dafür, daß neben der Anerkennung durch die Literaturkritik auch der Absatz stimmte.
Die darin erzählte Geschichte ist hinlänglich bekannt und durch einige Verfilmungen popularisiert worden. Warum der Roman bis heute nichts von seiner Qualität verloren hat, liegt zweifellos an der lebendigen Darstellung und der Faszination, die ein familiärer Niedergang ausübt, weil das Versprechen von Fortschritt und Perfektibilität auch im Leben (des Lesers) nicht eingelöst wird. Aus den tatkräftigen und realitätsbewußten Vorfahren ist eine Familie geworden, deren Oberhaupt lieber sinniert, kein Glück und Zutrauen hat, Schopenhauer liest und viel Zeit vor dem Spiegel verbringt.
Noch Thomas Manns Aufsatz über Schopenhauer (1938), den er vor seiner endgültigen Ausreise in die Vereinigten Staaten verfaßte, steht völlig hinter diesem Zwiespalt: Wer sich für das Leben interessiere, der interessiere sich für den Tod! Das führt Mann hier als variiertes Selbstzitat aus den Buddenbrooks an und gesteht, daß es er den Helden seines Romans gönne, das große Kapitel »Über den Tod« zu lesen, welches er selbst gerade gelesen habe:
Es war ein großes Glück […], daß ich ein Erlebnis wie dieses nicht in mich zu verschließen brauchte, daß eine schöne Möglichkeit, davon zu zeugen, dafür zu danken, sofort sich darbot, dichterische Unterkunft unmittelbar dafür bereit war. (11)
Mann verführte dieser Grundgedanke nicht zu einer blutleeren Ideendichtung, die seinem Alter vielleicht angemessen gewesen wäre. Er integriert diesen Gedanken in seine eigene Familiengeschichte, deren Personen er so naturgetreu schildert, daß es nach Erscheinen des Romans Beschwerden gab.
Mit den Buddenbrooks gelang dem Mittzwanziger ein Meisterwerk, dessen Kulturpessimismus so gar nicht in das damals aufstrebende, vor Kraft strotzende Kaiserreich passen wollte. Daher begann hier die Sackgasse, aus der ihm der Erste Weltkrieg heraushelfen sollte. Mann ist in zwei Welten zu Hause und kann sie nicht vereinen. Früh zu Ruhm gelangt und trotz Heirat der besten Partie bleibt er als Künstler ein Außenseiter. Hinzu kommt die mühsam kaschierte Homosexualität, die Mann sich verbietet und der er, in bester protestantischer Arbeitsethik, sublimierend sein Werk abringt.
Mann sah auf Leute, denen das Schreiben leichtfiel, herab, vor allem auf seinen älteren Bruder Heinrich, der zuzeiten einen Roman nach dem anderen veröffentlichte. Thomas hingegen quälte sich mit seinen Büchern, brauchte lange, schrieb selten mehr als drei Seiten am Tag. Deshalb ist das literarische Werk, strenggenommen, nicht besonders umfangreich: Er hat acht Romane verfaßt, die teilweise allerdings dicke Wälzer sind, vor allem der vierbändige Josephsroman (1933 – 1943). Daneben gibt es Novellen und Erzählungen, die einen Band von knapp 800 Druckseiten füllen.
Die Masse der Novellen und Erzählungen erschien vor dem Ersten Weltkrieg, zuletzt die seine Neigungen andeutende Novelle Der Tod in Venedig (1911), die natürlich zusammen mit der einzig politischen Erzählung bzw. Novelle Manns, Mario und der Zauberer (1930), bis heute zur Schullektüre gehört. Nach Schätzungen hat Mann im Laufe seines Lebens ein essayistisches Werk verfaßt, das, neben den Betrachtungen, mehr als 6000 Druckseiten umfaßt. (12)
Nimmt man dazu noch seine Tagebücher und Briefe, dann ist das Ganze doch von beeindruckendem Umfang. (13)
Thomas Mann hat seine frühen Tagebücher im Mai 1945 verbrannt. Erhalten bleiben sollten nur die der Jahre ab 1933, zur Veröffentlichung 20 Jahre nach seinem Tod vorgesehen. Das Tagebuch der Jahre 1918 bis 1921 übersah Mann bei der Verbrennung, vermutlich weil er sich die Hefte beiseite gelegt hatte, da er sie für die Ausarbeitung seines Romans Doktor Faustus.
Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde (1947) benötigte. Wer danach sucht, wird Spuren dieser Zeit im Kapitel XXXIII finden, wo er auf diese Jahre zurückblickt. Angesichts der sich abzeichnenden Niederlage und der durchsickernden Bedingungen der Alliierten notiert sich Mann im Oktober 1918:
Ich empfinde wohl Scham und Empörung, aber auch etwas wie Erheiterung mischt sich darein; nicht nur über die pharisäische Dummheit der feindlichen Demokratie, sondern über das Abenteuer als solches. (14)
Im Doktor Faustus wird das alles etwas geglättet, wenn er, der seinerzeit die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung durch Ritter von Epp begrüßte, den Bolschewismus gegen den Faschismus in Schutz nimmt: »Meines Wissens hat der Bolschewismus niemals Kunstwerke zerstört.« (15) Der das schreibt, ist Serenus Zeitblom, der in diesem merkwürdigen, zwischen Essay und Gesellschaftsroman unentschieden hin- und herschwankenden Roman den Berichterstatter über das Leben Leverkühns gibt.
Das Buch schildert durch ihn die geistige Entwicklung Deutschlands in den sechzig Jahren vor 1945. Am Ende ist es jedoch, trotz vieler wiederkehrender Motive Manns, auch Tendenzliteratur, die unter dem Mantel der gespaltenen Persönlichkeit alliierte Propaganda zum besten gibt.
Im Kern bleibt Mann sich nämlich auch dann noch treu, wenn er unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges versucht, den Amerikanern die Deutschen zu erklären.
Die Deutschen sind das Volk der romantischen Gegenrevolution gegen den philosophischen Intellektualismus und Rationalismus der Aufklärung […]. Die Romantik ist nichts weniger als schwächliche Schwärmerei; sie ist die Tiefe, die sich zugleich als Kraft, als Fülle empfindet; ein Pessimismus der Ehrlichkeit, der es mit dem Seienden, Wirklichen, Geschichtlichen gegen Kritik und Meliorismus, kurz mit der Macht gegen den Geist hält und äußerst gering denkt von aller rhetorischen Tugendhaftigkeit und idealistischen Weltbeschönigung. (16)
Thomas Mann war zweifellos, in unterschiedlichen Abstufungen, ein Nationalist, der die Deutschen (ebenso wie die Juden) und damit sich selbst für etwas Besonderes hielt. Bei nahezu jeder Gelegenheit betonte er sein Deutschtum, auch als er seinem Land die Vernichtung wünschte (was wohl keinem anderen Volk einfallen würde), da er davon überzeugt war: »Wo ich bin, ist Deutschland.«
Erst durch seine Familie, insbesondere seine antideutsch und antifaschistisch eingestellten älteren Kinder, wurde Mann genötigt, sich in der oben zitierten Art und Weise gegen das Dritte Reich zu positionieren. Es kommt allerdings noch etwas anderes hinzu: Es bot sich wieder die Gelegenheit, zwei Welten zu vereinen: Künstler und gleichzeitig einer der hervorragenden Personen des öffentlichen Lebens zu sein.
Abstrahiert man von den konkreten Umständen, so blieb Mann in der Emigration ein von sich selbst und seinen Ansichten überzeugter Geist, der sein Vaterland in den Fängen der falschen Personen liegen sah. Das ist eine Konstellation, die wiederkehrt: Die Rechte agitiert heute gegen die aktuelle Regierung und kann froh sein, daß sich das Land nicht in einem Krieg befindet, der zur Entscheidung zwingt – Armee oder Exil.
Damals trafen viele die Entscheidung anders als Thomas Mann. Bei ihm kam allerdings erschwerend hinzu, daß nach der Rechnung der Nürnberger Gesetze seine Kinder Halbjuden waren. Er hatte also keine Wahl. In anderer Hinsicht hatte er sie: Niemand konnte ihn zwingen, in dieser Art und Weise gegen sein Land zu agitieren. Stefan Zweig mag dafür als Gegenbeispiel gelten.
Im Grunde resultierte der Entschluß Manns, sich mit Haut und Haaren auf die Seite der Alliierten zu stellen, aus einer Sehnsucht, die man bei Intellektuellen nicht selten antrifft: Sie wollen einmal glauben dürfen, einmal nicht ironisch sein, einmal auf der richtigen Seite stehen. Im Ersten Weltkrieg hatte Mann es schon einmal versucht, als er sich entschloß, in den Betrachtungen eines Unpolitischen den Weg aus der Sackgasse zu suchen.
Das Ergebnis von 1918 sah allerdings ganz anders aus als das von 1940. Mann zielte in den Betrachtungen auf einzelne, blieb menschlich. Er bewahrte sich die Distanz, die ihm in der wesentlich existentielleren Lage des Zweiten Weltkrieges verlorenging.
Mit den Betrachtungen quälte sich Mann fast drei Jahre lang, es waren »die schwersten Jahre meines Lebens, in denen ich es aufhäufte«. (17) Sie sind weniger eine politische Programm- oder Streitschrift als eine ausufernde Selbstbefragung und Vergewisserung der eigenen Rolle, über die sich Mann nicht ganz sicher zu sein scheint. Er ist vierzig Jahre alt und will Rechenschaft ablegen. Die schärfsten Stellen richten sich gegen den »Zivilisationsliteraten«, namentlich gegen Romain Rolland und, nicht genannt, gegen seinen Bruder Heinrich, der ihn mit seinem Zola-Essay (1915) bis aufs Blut gereizt hatte:
Der radikale Literat Deutschlands gehört also mit Leib und Seele zur Entente, zum Imperium der Zivilisation. (18)
Seine Abrechnung nimmt Thomas Mann vor dem Hintergrund der Unterscheidung von Zivilisation und Kultur vor. (19) Es geht um den Gegensatz von organisch Gewachsenem zum künstlich Emporgezüchteten. Diese Unterscheidung bietet Mann die Gelegenheit, einige Klarstellungen hinsichtlich seiner eigenen Position vorzunehmen. Er möchte die öffentliche Wahrnehmung seiner Person korrigieren und an ihre Stelle seine Selbstwahrnehmung setzen.
Mann hat sich zeitlebens gern und oft selbst kommentiert, nirgends jedoch so umfangreich wie in den Betrachtungen. Er bekennt sich als ein Kind des 19. Jahrhunderts, dem das, was von diesem (unpolitischen) Jahrhundert noch übrig ist, die Möglichkeit bot, Künstler zu sein und sich nicht entscheiden zu müssen:
In meinem Falle wurde das Erlebnis der Selbstverneinung des Geistes zugunsten des Lebens zur Ironie … (20)
Der Text mäandert vor sich hin, kommentiert aktuelle Literatur, diskutiert politische Umstände und zeigt kaum Bemühungen, die Gedanken zu systematisieren. Mann, der auch früher schon Essays veröffentlich hatte, betritt mit der Politik ein für ihn ungewohntes Terrain, das er nur ertragen kann, indem er gegen es anschreibt. In der Grundtendenz sind die Betrachtungen resignativ und pessimistisch.
Es scheint oft so, als ob Mann noch einmal Zeugnis für ein Deutschland ablegen will, das sich noch nicht ganz dem Materialismus, dem Individualismus und der Gleichheit ergeben hat. Mit dem demokratischen Zeitalter wird eine Existenz fragwürdig, die, wie der Künstler, über oder neben den Dingen stehen will. Nur deswegen ist der Konservativismus bei Mann eine ironische Weltanschauung, weil man die Dinge nicht ändern kann.
Ein Konservativismus ist jedoch nur dann ironisch, wenn er nicht die Stimme des Lebens bedeutet, welches sich selber will, sondern die Stimme des Geistes, welcher nicht sich will, sondern das Leben. (21)
Mann selbst hat sein Buch, ausweislich des Tagebuches, nach der Veröffentlichung mit Wohlwollen wiedergelesen und sich nicht von ihm distanziert. Warum auch – die historischen Ereignisse der Nachkriegszeit schienen ihn ja zu bestätigen. Bei der Wiederveröffentlichung im Rahmen der Gesammelten Werke 1922 hat Thomas Mann einige Streichungen vorgenommen, die allerdings nicht, wie damals öffentlich behauptet, das Buch »auf Demokratie« bürsten sollten. (22)
Um so überraschender war dann Manns öffentliches Bekenntnis »Von deutscher Republik« (1922), das allerdings inhaltlich ausdeutbar blieb und vor allem durch den festlichen Rahmen der Rede (der Geburtstag Gerhart Hauptmanns, den Mann wenig später im Zauberberg parodieren sollte) einen offiziellen Charakter bekam. (23)
Künstlerisch legte er sich keine Fesseln an. Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull führte er nicht weiter (»Man hat teil an der intellektualistischen Zersetzung des Deutschtums, wenn man vor dem Krieg auf dem Punkte stand, den deutschen Bildungs- und Entwicklungsroman, die große deutsche Autobiographie als Memoiren eines Hochstaplers zu parodieren«), (24) veröffentlichte aber den Teil über die Kindheit Krulls (1922).
Dafür nahm ein anderes Vorkriegsprojekt wieder auf, den Zauberberg (1924). Er spricht im Tagebuch von der »geistigen Komik« des Romans in dem Gegensatz von politischer Tugend und Fleischesmystik in der Person Settembrinis, dessen Ansichten zwar sittlich das einzig Positive in dem Roman seien, die man aber nicht ernst nehmen könne. (25)
Die Verfallsthematik hat Mann im Zauberberg von der Familie auf das Individuum übertragen. Hans Castorp kommt für drei Wochen auf Besuch nach Davos, um dort seinen lungenkranken Vetter in einem Sanatorium zu besuchen. Castorp kann sich der dort herrschenden Atmosphäre, in der die Krankheit als etwas Edles und Sinngebendes erscheint und wo für alles gesorgt ist, nicht mehr entziehen und bleibt (bis ihm der Kriegsausbruch keine Wahl mehr läßt).
Mehr noch als die Buddenbrooks paßt der Zauberberg in unsere Zeit, in der der beziehungslose Einzelne, umsorgt vom Sozialstaat, als numinoses Ideal gilt. Alle leiden auf hohem Niveau, und erst der Krieg, der Ernstfall, reißt die Jugend (mühsam) aus ihrer Lethargie. Manns eigenes Schwanken zwischen den radikalen Optionen, sich zumindest gedanklich in der Welt zu orientieren, findet sich in den Gesprächen wieder, die Settembrini und Naphta miteinander führen und dabei um die Seele Castorps ringen.
Der Zauberberg, das Buch, mit dem Thomas Mann seine Krise überwunden hatte, deutet in einer entscheidenden Stelle, dem Schneetraum Hans Castorps, an, daß eine Überwindung der Gegensätze möglich ist. Da das Ganze aber eingebettet ist in eine Variation des Themas Verfall, bleibt die Überwindung etwas nur gedanklich (oder eben künstlerisch) Erreichbares. Damit ist klar, daß Mann von seinen Betrachtungen nicht viel zurückzunehmen hatte. Das läßt sich nicht nur durch den Blick ins Tagebuch belegen, sondern auch mit dem Text, in dem er noch einmal darlegte, um was es ihm ging: um »nichts anderes als konservative Revolution«. (26)
Das drückt sich bei Mann aus im Ringen um eine Synthese aus den einander widerstrebenden Kräften der positivistischen Aufklärung und der »neuen Religiosität, eines neuen ›Sinnes der Erde‹ und um der Heiligung des Leibes willen, im Namen des ›Dritten Reiches‹«. Nur die gegenseitige Begrenzung und Zügelung kann die Entartung der jeweils anderen
Seite verhindern. Diese Synthese von »Aufklärung und Glauben, von Freiheit und Gebundenheit« ist,
künstlerisch ausgedrückt, die von Sinnlichkeit und Kritizismus, politisch ausgedrückt, die von Konservativismus und Revolution. Denn Konservativismus braucht nur Geist zu haben, um revolutionärer zu sein als irgendwelche positivistisch-liberalistische Aufklärung. (27)
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(1) Das hat Breloer nicht davon abgehalten, daraus ein Buch zu machen: Ein tadelloses Glück. Der junge Thomas Mann und der Preis des Erfolgs, München 2024.
(2) Vgl. Hanjo Kesting: »Thomas Mann oder der Selbsterwählte«, in: Der Spiegel 22/1975.
(3) Vgl. Armin Mohler, Karlheinz Weißmann: Die konservative Revolution in Deutschland 1918 – 1922. Ein Handbuch, 6., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, Graz 2005, S. 65 – 71, 380.
(4) Vgl. Thomas Mann: »Russische Anthologie« (1921), in: ders.: Essays II. 1914 – 1926, hrsg. von Hermann Kurzke, Frankfurt a. M. 2002 (= Große kommentierte Frankfurter Ausgabe; 15.1), S. 333 – 347.
(5) Thomas Mann: Deutsche Hörer! Radiosendungen nach Deutschland, mit einem Vorwort und einem Nachwort von Mely ‑Kiyak, Frankfurt a. M. 2025, S. 20.
(6) Ebd., S. 257 f.
(7) Ebd., S. 101 (April 1942).
(8) Ebd., S. 20, 259.
(9) Kai Sina: Was gut ist und was böse. Thomas Mann als politischer Aktivist, Berlin 2024, S. 26.
(10) Hermann Kurzke: ‑Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk. Eine Biographie, München 1999, S. 237 f.
(11) Thomas Mann: »Schopenhauer«, in: ders.: Adel des Geistes. Sechzehn Versuche zum Problem der Humanität, Frankfurt a. M. 1959, S. 291 – 343, hier S. 322.
(12) Vgl.: Hermann Kurzke: »Zu dieser Ausgabe«, in: Thomas Mann: Essays. Band 1: Frühlingssturm 1893 – 1918, hrsg. von Hermann Kurzke und Stephan Stachorski, Frankfurt a. M. 1993, S. 419.
(13) Die Große kommentierte Frankfurter Ausgabe der Werke Manns wird, wenn sie abgeschlossen ist, 58 Bände umfassen.
(14) Thomas Mann: Tagebücher 1918 – 1921, hrsg. von Peter des Mendelssohn, Frankfurt a. M. 1979, S. 46.
(15) Thomas Mann: ‑Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde, Berlin/Weimar 1975, S. 462.
(16) Thomas Mann: Deutschland und die Deutschen (1945), Berlin 1947, S. 26.
(17) Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen, hrsg. und textkritisch durchgesehen von Hermann Kurzke, Frankfurt a. M. 2009 (= Große kommentierte Frankfurter Ausgabe; 13.1), S. 14.
(18) Ebd., S. 64.
(19) Auch wenn Spenglers Untergang des Abendlandes ein halbes Jahr vor den ‑Betrachtungen erschien, ist Thomas Manns Unterscheidung von Kultur und Zivilisation davon unabhängig. Die Entgegensetzung gehört zu den »Ideen von 1914«. Vgl.: ders.: »Gedanken im Kriege« (1914), in: ders.: Essays, Band 1, S. 188 – 205.
(20) Mann: Betrachtungen, S. 29.
(21) Ebd., S. 617.
(22) Vgl. Mann: Betrachtungen, Kommentar, S. 83 – 88.
(23) Die Reaktionen aus dem Umkreis der KR, vgl. Mann: Betrachtungen, Kommentar, S. 125 – 132, S. 130: »Daß ich den Thomas Mann der Betrachtungen in früheren Schriften der ›Konservativen Revolution‹ zugerechnet habe, kann ich heute so dezidiert nicht mehr aufrecht erhalten.« Kurzke sieht in den Betrachtungen das Bekenntnis zur »deutschen Republik« bereits angelegt. Vgl. dazu ganz ähnlich Jens Nordalm: »Der große Irrtum über den ‑politischen Thomas Mann«, in: welt.de vom 12. Februar 2025.
(24) Mann: Betrachtungen, S. 111.
(25) Mann: Tagebücher 1918 – 1921, S. 319 f. Gleichzeitig gesteht er sich ein, »daß er das Buch jetzt auf denselben Punkt gebracht habe, auf dem der ›Hochstapler‹ nicht zufällig stehen geblieben ist. Eigentlich habe ich meinen Sack gelehrt. Die Dichtung hat zu beginnen.« (Ebd. S. 320.)
(26) Mann: Russische Anthologie, S. 341.
(27) Ebd.