Fuchs, Löwe, Anarchotyrannei

Kaplaken 102, Anarchotyrannei von „Schattenmacher", war nach wenigen Wochen ausverkauft – die 2. Auflage ist im Druck. Bestellen kann man den Essay hier.

Der Text ist ein scharfer Diskussionsbeitrag. Angeregt von Emilietta Beall wollen wir deshalb wieder einmal eine Leserdiskussion führen – und zwar nicht nur mittels Kommentierung unter diesem Beitrag.

Wer also Schattenmachers Bändchen las und weiterführende, zustimmende oder ablehnende Gedanken dazu formulieren will, die über das Maß eines Kommentars hinausgehen, sendet sie bitte an [email protected]. Wir veröffentlichen, wenn die Qualität paßt.

 

Anar­cho­ty­ran­nei? Eine wich­ti­ge Debat­te! Auf­takt: Emi­li­et­ta Beall

In Anar­cho­ty­ran­nei legt der bis­lang durch You­Tube-Vide­os und Vor­trä­ge bekann­te „Schat­ten­ma­cher“ dar, wie es zu einer unhei­li­gen Ver­schrän­kung von „Anar­chie“ und „Tyran­nei“ in der heu­ti­gen Bun­des­re­pu­blik und ande­ren west­li­chen Staa­ten kom­men konn­te – und wie ein Aus­weg aus die­sem Zustand aus­se­hen könnte.

Zunächst wer­de ich den Argu­men­ta­ti­ons­weg des Essays skiz­zie­ren, dann eini­ge Fra­gen an den Autor for­mu­lie­ren und zuletzt eini­ge wei­ter­füh­ren­de Gedan­ken darlegen.

Der Argu­men­ta­ti­ons­weg

Anar­cho­ty­ran­nei – Als „Tyran­nei“ wird die Auf­kün­di­gung eines (grund­sätz­lich immer fra­gi­len) Frie­dens zwi­schen Regie­rung und Regier­ten „von oben” bezeich­net. Die­se zeich­ne sich durch eine zuneh­men­de Zudring­lich­keit obrig­keit­li­cher Insti­tu­tio­nen aus, durch Will­kür, Kom­pro­miß­lo­sig­keit und gewalt­sa­me Unterdrückung.

Anar­chie hin­ge­gen bezeich­net hier „das Ende des Frie­dens von unten”, wor­aus ein Kampf aller gegen alle resul­tie­re, eine unvor­her­seh­ba­re, von pri­mi­ti­ver Gewalt gepräg­te Lage, der kei­ne über­ge­ord­ne­te Auto­ri­tät mehr Herr zu wer­den vermag.

Eine gleich­zei­ti­ge Exis­tenz bei­der Zustän­de scheint schwer denk­bar. Der Schat­ten­ma­cher führt nun aus, inwie­fern wir es aber tat­säch­lich mit solch einem para­do­xen Zustand zu tun hät­ten: Wäh­rend staat­li­che Insti­tu­tio­nen immer mehr Befug­nis­se erlang­ten, um auf das Leben der Bür­ger zuzu­grei­fen und dies auch in unbarm­her­zi­ger Wei­se täten, gli­che der All­tag im öffent­li­chen Raum zuneh­mend anar­chi­schen Zuständen.

Zustän­de wie das komö­di­an­tisch anmu­ten­de Maß­nah­men­ge­tue um den Dro­gen­um­schlag­platz „Gör­lit­zer Park”, die gro­tesk gerin­gen Stra­fen für schwers­te Gewalt­straf­ta­ten und im Kon­trast hier­zu der dra­ko­ni­sche Zugriff der Staats­macht bei „Mei­nungs­de­lik­ten” sind nur durch die links­pro­gres­si­ve Ideo­lo­gie der Eli­ten erklär­bar. Die­se durch­drin­ge die Hoch­schu­len gänz­lich und las­se begrei­fen, wes­halb Ent­schei­dungs­trä­ger und Medi­en­leu­te oft mit devi­an­ten Milieus sympathisierten.

Die­se oft eth­nisch, kul­tu­rell und reli­gi­ös „diver­si­fi­zier­ten” Grup­pen ersetz­ten eben­so wie geschlecht­lich und sexu­ell abwei­chen­de Min­der­hei­ten im heu­ti­gen lin­ken Welt­bild die Arbei­ter­klas­se als Trieb­kraft der Revo­lu­ti­on. Somit ver­lei­he es Poli­ti­kern, Juris­ten und Exper­ten aller Art eine hei­li­gen­de Teil­nah­me am Pro­jekt der revo­lu­tio­nä­ren Befrei­ung, die­se Grup­pen bevor­zugt zu behan­deln, und sei, ange­sichts der his­to­ri­schen Schuld der eige­nen Mehr­heits­ge­sell­schaft, bloß aus­glei­chen­de Gerechtigkeit.

Der Schat­ten­ma­cher macht nun deut­lich (und hier weicht er ab von gän­gi­gen Deu­tun­gen des außer Rand und Band gera­te­nen Zeit­ge­sche­hens), daß ideo­lo­gi­sche Ver­blen­dung allein nicht hin­reicht, um das zer­stö­re­ri­sche Ver­hal­ten der gesell­schaft­li­chen Eli­ten zu erklären.

Unter Rück­griff auf den poli­ti­schen Den­ker Samu­el Fran­cis, der den Begriff der „Anar­cho­ty­ran­nei” präg­te, wird pos­tu­liert, daß ein auf Ideen beru­hen­des Herr­schafts­sys­tem nur dann über län­ge­re Zeit bestehen kön­ne, solan­ge die­ses Sys­tem auch den mate­ri­el­len Grund­la­gen der herr­schen­den Klas­se zugu­te kom­me. Der Schat­ten­ma­cher führt über­zeu­gend aus, daß mit der Indus­tria­li­sie­rung und der damit ein­her­ge­hen­den Ver­mas­sung der Gesell­schaft neue Fer­tig­kei­ten und Cha­rak­ter­ty­pen not­wen­dig wur­den und sich durchsetzten.

Es sind dies die Mana­ger, die Ver­wal­ter, die nun jeden Bereich des Lebens orga­ni­sier­ten, sei es in der Wirt­schaft, wo sie die Grün­der­ge­nera­ti­on der gro­ßen klas­si­schen Unter­neh­men ersetz­ten, im Sozi­al­we­sen wie auch über­all sonst.

Von den bei­den Cha­rak­ter­ty­pen, die in gesell­schaft­li­chen Eli­ten anzu­tref­fen sei­en, setz­ten sich die von Machia­vel­li so benann­ten „Füch­se” im soge­nann­ten „Mana­ge­ria­lis­mus” gegen die „Löwen” durch. Die Füch­se sind lis­tig, rhe­to­risch gewandt und streb­ten nach einer Ver­bes­se­rung der Men­schen durch ver­bes­ser­te Umstän­de. Ver­wal­tung und künst­le­ri­sche Aus­ge­stal­tung des Staa­tes lie­gen ihnen.

Die Löwen hin­ge­gen wer­den als mutig, auf Ehre bedacht, als Erobe­rer und als erfolg­reich im Kriegs- und Poli­zei­be­reich beschrieben.

Die zen­tra­le The­se lau­tet nun, daß die füch­si­schen Mana­ger „Kom­ple­xi­tät und Wan­del” benö­tig­ten, um ihre eige­ne beruf­li­che Exis­tenz zu recht­fer­ti­gen. Im Zuge der Indus­tria­li­sie­rung wur­den sie auf­grund der neu­en Her­aus­for­de­run­gen zur domi­nan­ten Klas­se und haben seit­her ein Inter­es­se dar­an, Ver­hält­nis­se auf­recht zu erhal­ten, die einer spe­zia­li­sier­ten und stets wach­sen­den Ver­wal­tungs­eli­te bedürfen.

Die­ser Vor­gän­ge, so führt der Schat­ten­ma­cher aus, sind sich die meis­ten Füch­se bzw. Admi­nis­tra­to­ren von Infor­ma­ti­on, wie man die­se Grup­pe auch cha­rak­te­ri­sie­ren kann, gar nicht bewußt. Sie hän­gen im Gros dem links­li­be­ra­len Pro­gres­si­vis­mus an, und um obi­ge Mecha­nis­men wir­ken zu las­sen, reicht der qua­si evo­lu­tio­nä­re Grund­satz, daß in einer Eli­te nie­mals Ideen wirk­mäch­tig wer­den kön­nen, die den Bestand die­ser Eli­te gefähr­den würden.

Da die Gesell­schaft des 21. Jahr­hun­derts tat­säch­lich kom­plex und der hohe Ver­wal­tungs­be­darf somit durch­aus real ist, ist eine blo­ße nai­ve Rück­kehr in die vor-mana­ge­ria­le Ära kaum mög­lich. Zudem wären auch vie­le Kri­ti­ker des Sys­tems nicht bereit, auf die Annehm­lich­kei­ten der durch­ver­wal­te­ten Welt zu ver­zich­ten, wie etwa auf Sozi­al­ver­si­che­rung, das Bil­dungs­sys­tem und die dau­ern­de Ver­füg­bar­keit hoch­spe­zia­li­sier­ter Konsumgüter.

Was bleibt? Roh­stoff­kri­sen könn­ten einen lang­fris­ti­gen gesell­schaft­li­chen Para­dig­men­wech­sel aus­lö­sen. Die Löwen­ty­pen, deren Empor­kom­men inner­halb der Eli­ten bis­lang aus gutem Grund ver­hin­dert wird, soll­ten über­neh­men und das Schiff in gedeih­li­che Gewäs­ser steu­ern. Das kön­nen bereit­ste­hen­de Indi­vi­du­en und Grup­pen aus den Rei­hen der Rech­ten sein, oder sol­che Cha­rak­te­re, die sich bis eben doch noch in den Insti­tu­tio­nen der Exe­ku­ti­ve gehal­ten haben und nun bereit­ste­hen. Die Idee eines vom Popu­lis­mus getra­ge­nen gro­ßen Ein­zel­nen, der mit Getreu­en an sei­ner Sei­te wirk­sam auf­räumt, wird eben­falls erwogen.

Dis­kus­si­on

An die­ser Stel­le nun möch­te ich eini­ge Fra­gen for­mu­lie­ren, die sich für mich aus die­ser strin­gen­ten, fes­seln­den Ana­ly­se erge­ben. Mögen der Schat­ten­ma­cher selbst und ande­re Den­ker des rech­ten Lagers die­se aus­füh­ren, beant­wor­ten oder für nich­tig erklären:

1. Wel­chen Stel­len­wert hat die Errin­gung kul­tu­rel­ler Hege­mo­nie im hier vor­ge­stell­ten Konzept?

Der eli­ten­theo­re­ti­sche Ansatz, der hier über­wie­gend ver­folgt wird, scheint mir in deut­li­cher Oppo­si­ti­on zum Rechts­g­ramscia­nis­mus zu ste­hen, der auf den Gedan­ken der Meta­po­li­tik setzt: Poli­ti­sche Macht basie­re auf der vor­he­ri­gen Errin­gung von Hege­mo­nie im vor­po­li­ti­schen Raum.

In Anar­cho­ty­ran­nei kommt die­ser Raum im Grun­de gar nicht vor – oder nur als nicht wei­ter erör­ter­ter Ort der Dis­si­denz jener Hoff­nungs­trä­ger, die das Ruder noch her­um­rei­ßen könn­ten. Alle ande­ren schei­nen ledig­lich eine Art belie­bi­ge Ver­schie­be­mas­se der mit ihnen nicht wei­ter ver­bun­de­nen Eli­ten zu sein. Wo kom­men also die­se Eli­ten her? Wo bil­den sich ihre Begrif­fe? Wie erklä­ren sich his­to­ri­sche Umbrü­che der Ver­gan­gen­heit ohne ein Kon­zept von kul­tu­rel­ler Hege­mo­nie? Wären dem­nach Ereig­nis­se wie die Fran­zö­si­sche oder die Rus­si­sche Revo­lu­ti­on ledig­lich von oben orches­triert, die Mas­sen­phä­no­me­ne bloß „geas­tro­tur­fed“? Dar­aus ergibt sich Fra­ge 2:

2. Wel­che Rol­le spie­len die Nicht-Eli­ten, und in wel­chem Ver­hält­nis ste­hen Eli­ten und „der Rest” zueinander?

3. War­um blei­ben die Eli­ten nicht immer die­sel­ben? Das Auf­kom­men des Mana­ge­ria­lis­mus selbst ist ein Bei­spiel für einen Aus­tausch der Ent­schei­der­klas­se – kei­ne radi­ka­le und voll­stän­di­ge Erset­zung, aber einen signi­fi­kan­ten Wan­del. Wie kann die­ser über­haupt statt­fin­den, wenn hin­ter jeder poli­ti­schen Bewe­gung eben letzt­lich „die Eli­ten“ ste­hen, und wei­ter nichts und nie­mand? Ohne einen Wan­del der gesell­schaft­lich rele­van­ten Dis­kur­se wäre auch der Mana­ge­ria­lis­mus nicht in sei­ne jet­zi­ge Macht­po­si­ti­on gelangt.

4. Stimmt es, daß der Mana­ge­ria­lis­mus in sei­ner Aus­deh­nung und ideo­lo­gi­schen Domi­nanz regu­lier­bar, aber nicht gänz­lich umkehr­bar ist, wie es auch der Autor selbst feststellt?

5. Läßt sich die Dege­ne­ra­ti­on des Mana­ge­ria­lis­mus grund­sätz­lich ver­hin­dern, oder läuft es maxi­mal auf ein „alle paar Jahr­zehn­te“ auf-den-Tisch-hau­en hin­aus, weil die Ten­denz zur Anar­cho­ty­ran­nei unaus­weich­lich ist?

6. Leben wir tat­säch­lich in einer Anar­cho­ty­ran­nei? Die­se 6. Fra­ge stellt kei­nes­wegs die grund­sätz­li­che Schlüs­sig­keit der Ana­ly­se in Fra­ge. Sie zielt viel­mehr dar­auf ab, daß die aller­meis­ten Bun­des­bür­ger völ­lig ver­blüfft wären ange­sichts sol­cher Behauptungen.

Der „Nor­mie“ erlebt weder täg­lich eth­nisch kon­no­tier­te Kon­flik­te noch irgend­wel­che Repres­sio­nen. Vie­le Mil­len­ni­al-Eltern in nor­ma­len bis geho­be­nen beruf­li­chen Posi­tio­nen haben noch nie von den Zustän­den in gewis­sen Frei­bä­dern gehört, und es inter­es­siert sie auch nicht. Wie anar­chisch und wie tyran­nisch ist es somit wirk­lich? Und ist das Sys­tem mög­li­cher­wei­se robust genug, um es eben nicht soweit eska­lie­ren zu las­sen, daß wirk­lich kei­ner mehr die Augen ver­schlie­ßen kann?

Daß es hun­dert Grup­pen­ver­ge­wal­ti­gun­gen am Tag gibt anstel­le von zwei, daß tat­säch­lich jeder dis­si­den­te Post eine Straf­ver­fol­gung wegen Haß­re­de aus­löst? Die apo­li­tisch-lin­ke Mit­tel­schicht ent­zieht sich bis­lang recht erfolg­reich der Ein­sicht – wie kann das sein, wenn wir doch in Anar­chie und Tyran­nei leben?

7. Bestimmt das Sein nun doch das Bewußt­sein, wie es die mate­ria­lis­ti­sche Welt­an­schau­ung behaup­tet? Den Aus­füh­run­gen des Schat­ten­ma­chers ent­nahm ich, daß die links­pro­gres­si­ve Welt­an­schau­ung zwar prä­gend und als Leit­ideo­lo­gie des Estab­lish­ments auch rele­vant ist, aber letzt­lich das Sys­tem nicht fun­die­ren kann, die Basis der Selbst­er­hal­tung müs­se stets eine mate­ri­el­le sein. Wie weit ent­fernt ist man selbst mit die­ser Ansicht vom mar­xis­ti­schen Dik­tum, die Geschich­te sei eine Geschich­te von Klas­sen­kämp­fen? Eine Grup­pe schlägt sich stets auf Kos­ten aller ande­ren den Bauch voll, bis es denen auf­fällt, und sich dann die nächs­te Grup­pe an den Freß­topf drängt?

8. Woher kommt die pro­gres­si­ve Welt­an­schau­ung bzw. der Kul­tur­mar­xis­mus? Eine evo­lu­tio­nä­re Erklä­rung in dem Sin­ne, daß sich die­se durch die Aus­le­se ande­rer, der Selbst­er­hal­tung des Mana­ge­ria­lis­mus weni­ger dien­li­cher Ideen  her­aus­ge­bil­det habe, scheint unzu­rei­chend. Ein Mana­ge­ria­lis­mus ohne Links­pro­gres­si­vis­mus ist denk­bar und auch his­to­risch real.

Eige­ne Gedan­ken dazu

Soweit mei­ne Fra­gen. Zum Abschluß möch­te ich eini­ge Gedan­ken skiz­zie­ren, die weit ent­fernt von einem strin­gen­ten Kon­zept sind. Es sind Ent­wür­fe, Frag­men­te, Wegmarken.

Die Gewalt ist kei­nes­wegs das mäch­tigs­te Mit­tel der poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung. Tota­li­tä­re Regime kamen nicht an die Macht, weil sie bereit waren, Gewalt anzu­wen­den, son­dern weil ihre Gewal­ter­zäh­lung dem damals domi­nan­ten Zen­tral­ge­biet entsprach.

Macht hat, wer die domi­nie­ren­de Geschich­te über Gewalt erzählt. Ob das im Poli­ti­schen die Ver­hän­gung des Aus­nah­me­zu­stands ist (Carl Schmitt), oder jedes media­le, juris­ti­sche, päd­ago­gi­sche und sons­ti­ge Nar­ra­tiv über die Legi­ti­mi­tät der Anwen­dung von Gewalt. Der Typus der „Füch­se“ ver­fügt durch­aus über Gewalt und wen­det sie auch an. Ihre Erzäh­lun­gen ent­schei­den der­zeit, wann Gewalt wie wirkt, und wann und wie sie über­haupt zum Ein­satz kom­men darf.

Ein Atten­tat kann in der einen Geschich­te ein fol­gen­lo­ses, bana­les Blut­ver­gie­ßen sein, bei dem hin­ter­her einer tot und ein ande­rer ein­ge­sperrt ist. Unter ande­ren Para­dig­men, etwa in Pha­sen der Spät­an­ti­ke, war es ein eta­blier­tes Mit­tel der Mach­t­er­lan­gung. Im Mit­tel­al­ter gab es recht wag­hal­si­ge Ver­schwö­run­gen, um sich in den Besitz einer bestimm­ten Kro­ne zu brin­gen – weil die­se Kro­ne Herr­schaft und damit Gewalt legi­ti­mier­te und den Anspruch eines Thron­prä­ten­den­ten erheb­lich stärk­te. Nicht, wer ein Schwert nimmt und zuschlägt, hat die Macht. Wer die Kro­ne hat, hat die Macht. Und die Kro­ne ist die „Gewal­ter­zäh­lung“. Ohne die Kro­ne wird ein noch so ent­schlos­se­ner Griff nach der Exe­ku­ti­ve pein­lich scheitern.

Wel­che Erzäh­lung tra­gend wird und funk­tio­niert, ist stets abhän­gig vom gül­ti­gen Zen­tral­ge­biet der jewei­li­gen Epo­che. Nach Rolf Peter Sie­fer­le sind die Zen­tral­ge­bie­te jeweils die Kon­flikt­be­rei­che, die in einer bestimm­ten his­to­ri­schen Pha­se als ent­schei­dend ange­se­hen wer­den, wäh­rend alle ande­ren Fel­der als Pri­vat­sa­che gel­ten. Nur ein Bei­spiel: Im 19. Jahr­hun­dert wur­de die Öko­no­mie zum ent­schei­de­nen Zen­tral­ge­biet, wäh­rend Fra­gen der Meta­phy­sik in den Hin­ter­grund traten.

War­um ist dies bedeut­sam für die Aus­ein­an­der­set­zung mit der „Anar­cho­ty­ran­nei“? – Nun, weil nur eine dis­si­den­te Bewe­gung his­to­risch ange­mes­sen wach­sen kann, die die ent­schei­den­de Erzäh­lung auf­spürt, das kom­men­de Zen­tral­ge­biet, das Feld, auf dem sich alles ent­schei­den wird, und somit auch die „Gewal­ter­zäh­lung“, die künf­ti­ge Krone.

Ich glau­be, daß das Leben selbst die­ses Zen­tral­ge­biet sein wird. Schon jetzt stüt­zen sich lin­ke Gewalt­nar­ra­ti­ve mehr und mehr auf Erzäh­lun­gen von Leben und Tod. Im Kampf um das Leben­di­ge wird eine Zukunft erwach­sen, oder es wird kei­ne geben. Und eine Grup­pe ent­schlos­se­ner Män­ner, die zur Gewalt bereit ist, aber die Hege­mo­nie über die Gewal­ter­zäh­lung nicht errun­gen hat, wird eine tra­gi­sche Rand­no­tiz bleiben.

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Kommentare (2)

Maiordomus

21. April 2026 17:57

Der Text tönt wie ein Aufruft zur Bereitschaft zum Bürgerkrieg, mit der analogen Mentalität derjenigen, die in der Tat von linker Seite bei einem Machtwechwel zu allem fähig wären. Einen solchen Text mit einem solchen Ton kann man aus der Sicht einer vernünftigen europäischen Rechten nicht gebrauchen. Noch eindrucksvoll immerhin die neueste Wortmeldung von Krah im Bundestag, Ungarn betreffend.  Gerne hoffe ich, dass Weidel und Chrupalla die Nerven behalten. Mit extremistischem Rechts-Gramsciismus können keine Probleme gelöst werden. Im übrigen aber bleibt es wohl dabei, dass Merz und Co. die unfähigste deutsche Regierung seit 1945 darstellen, desgleichen in der EU die Tochter des von mir einst noch geachteten Ernst Albrecht, auf den ich seinerzeit einen ehrenwerten Nachruf verfasste, in die selbe merkeloide Kategorie zu gehören scheint. Bei denjenigen im bürgerlichen Lager, die es besser wüssten, fehlt es zumal an Charakter. Das macht guten Rat fürwahr teuer. Leider wird wohl auch der via sich selber designierende neu-uralte Chef der FDP in keiner Weise in der Lage sein, den Karren aus dem Dr....  zu ziehen. Es haben allzu viele aus dem Establishment offenbar noch zu viel zu verlieren.        

thoma

21. April 2026 21:25

Die Fragen sind berechtigt, da die gesamte Konstruktion weder sonderlich historisch ist, noch irgendwas international erklärt. 
Was hier beschrieben wird, ist die Realität eines mehr oder weniger funktionierenden lateinamerikanischen Staates. Wenn man es sich sozial nicht mehr leisten kann oder will, ufert die gewalt eben aus, und man greift chirurgisch mit Hilfe von Polizei und Militär ein, wenn es mal ausufert.
Angesichts des Konkurrenzdrucks wird man eben auch im Westen neidisch und baut entsprechend in die Richtung. 
Aber die Rechte braucht stets ihre Heldengeschichten des moralischen Verfalls, bei der die Löwen überlistet wurden - ohne materielle Grundlagen. Mit einer wahrscheinlich herangetragenen Lösung Militär und Polizei flächenartiger einzusetzen.