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Schattenmachers Essay über die Anarchotyrannei bringt nicht nur aktuelle Tendenzen der gegenwärtigen Herrschaftssituation in den Staaten des Westens zutreffend auf den Begriff, sondern wirft auch eine Reihe von diesbezüglichen Fragen im grundsätzlichen wie in manchen Details auf.
Einige dieser Fragen hat Emilietta Beall in ihrem Beitrag formuliert. Ich möchte im folgenden nur eine der von Beall aufgeworfenen Fragen diskutieren, nämlich die erste, die Frage nach der Bedeutung, die die Erringung der kulturellen Hegemonie in Schattenmachers Argumentation hat.
Der Terminus „Hegemonie“ bzw. „kulturelle Hegemonie“ taucht in Schattenmachers Text nicht auf, und die Vermutung Bealls, daß der vorpolitische Raum, in dem die kulturelle Hegemonie errungen und verteidigt wird, bei Schattenmacher im Grunde gar nicht vorkomme, trifft die Sache richtig. Daher ist auch ihr Eindruck zutreffens, daß Schattenmachers elitenorientierter Ansatz „in deutlicher Opposition zum Rechtsgramscianismus“ stehe, welcher „auf den Gedanken der Metapolitik setzt“.
I. Warum die Frage der kulturellen Hegemonie im Ansatz Schattenmachers fehlt, erschließt sich, wenn man einige Hinweise verfolgt, die Schattenmacher in seinem Text nur andeutet, aber selbst nicht ausbuchstabiert.
Gemeint sind die Hinweise auf die Handlungstheorie Vilfredo Paretos (1848–1923), der nicht nur ein bedeutender Nationalökonom, sondern auch ein Pionier der Soziologie ist. Sein Name wird in Schattenmachers Text (wenn ich mich nicht verzählt habe) viermal genannt; und es ist offenkundig, daß Schattenmachers Darlegungen wesentlich auf Paretos Theorie der Elitenzirkulation rekurrieren.
Wenn Schattenmacher von „Füchsen“ und „Löwen“ als zwei Typen von Individuen (oder von Handlungsweisen) spricht, rekurriert er auf Formulierungen aus Paretos Elitentheorie auf (wobei Pareto seinerseits Machiavellis Rede von Füchsen und Löwen aufgreift).
Diese Elitentheorie wiederum basiert ihrerseits auf einer höchst ausdifferenzierten, zugleich bisweilen etwas unübersichtlichen sozialpsychologischen bzw. sozialanthropologischen Konzeption menschlichen Handelns, die Pareto namentlich in seinem umfangreichen Trattato di sociologia generale (1916) ausbuchstabiert hat. Es ist hier nicht der Ort, diese Theorie nachzuzeichnen, es sollen aber einige ihrer Aspekte, die für die Frage der kulturellen Hegemonie bedeutsam sind, referiert werden.
Pareto unterscheidet zur Erklärung menschlichen Handelns zwischen „Residuen“, „Derivationen“ und „Derivaten“. Bei den Residuen handelt es sich um fundamentale und unreflektierte, um nicht-logische Dispositionen zu bestimmten Handlungsweisen, wobei die Frage, inwieweit diese Residuen eine biologische und/oder kulturelle Basis haben, ausgeklammert werden kann (und von Pareto auch nicht ausführlicher verfolgt wird).
Die Residuen werden von Pareto in mehrere Klassen oder Typen differenziert. Bedeutsam sind insbesondere die Residuen der Klasse I, die Pareto „Instinkt der Kombination“ nennt, sowie Residuen der Klasse II, die er als „Persistenz der Aggregate“ bezeichnet. Es sind diese beiden Klassen, denen im politischen Handeln die Füchse und die Löwen (und im ökonomischen Handeln die „Spekulanten“ sowie die „Rentner“) entsprechen.
Von Klasse I bestimmtes Handeln zeichnet sich aus durch die Disposition zu Kombination, Innovation, Taktik und „Beweglichkeit“ im Umgang mit Situationen, Argumentationen oder Allianzen. Im politischen Feld ist es gekennzeichnet durch Überredung, Kooptation, Ideologie, Kompromiß oder Manöver.
Handeln, das von Residuen der Klasse II geprägt ist, repräsentiert eine Disposition zu Beharrung, Loyalität, Ordnung, Prinzipientreue, „Festigkeit“. Im Bereich der Politik wirkt sich dies aus als Rekurs auf Autorität, Durchsetzung, Gewaltbereitschaft (also die stabile Bereitschaft, notfalls mit nötigender Durchsetzung vorzugehen) oder Zwang.
Es sind diese Vorstellungen Paretos, an die Schattenmacher anknüpft. Die „Managerklasse“ oder die Intellektuellen im weitesten Sinne des Wortes, also jene, die primär mit Ideen und Konzepten umgehen (wobei auch beispielsweise das Recht zum Reich der Ideen gehört), repräsentieren den Instinkt der Kombination, und sie sind die Gestalter und Treiber des gesellschaftlichen Wandels in der Moderne. Dazu führt Schattenmacher im einzelnen aus.
Was Schattenmacher nicht näher betrachtet, sind die Derivationen und die Derivate. Derivationen sind intellektuelle Deutungen, Rationalisierungen, Rechtfertigungen oder Begründungen von Handlungen, während Derivate konkrete geistige Konzepte oder Doktrinen sind (etwa: Marxismus oder Monarchismus). Von Interesse sind an dieser Stelle vor allem die Derivationen, weshalb die Derivate im folgenden beiseite gelassen werden.
II. Pareto bezeichnet den Menschen als „ein logisches Tier“.[1] Damit bringt er zum Ausdruck, daß der menschliche Geist zur Ordnung der Welt intellektueller Deutungen und Rationalisierungen bedarf, und eben diese Ordnung leisten die Derivationen. Sie drücken sich aus in Mythen, Theorien, Weltanschauungen oder Ideologien, mittels derer das durch die nicht-logischen Residuen bestimmte Handeln intellektuell geordnet wird.
Während das Handeln objektiv primär bestimmt ist durch die Residuen, unterlegen die Menschen ihm subjektiv „logische“ Deutungen, wobei die Subjektivität hier insbesondere eine kollektive Subjektivität ist.
Entscheidend ist nun, daß die Deutung oder Rationalisierung dem Handeln immer nachfolgt, daß die Derivationen in diesem Sinne sekundär sind. Handlungsentscheidend sind ganz überwiegend die Residuen und die Gefühlswelten, die mit diesen verbunden sind.
Das bedeutet für Pareto ausdrücklich nicht, daß die Residuen nur eine Art Epiphänomen des Handelns wären. Mythen, Theorien oder Ideologien können das Handeln durchaus beeinflussen, sie geben aber Pareto zufolge letztlich nicht den Ausschlag für die Gestalt des Handelns.
Man muß es sich so vorstellen, daß die Derivationen einen modifizierenden, etwa einen verstärkenden Einfluß auf die Residuen oder auf das residual bestimmte Handeln haben können. Was die Derivationen leisten ist, daß sie die Welt des Handelns, etwa die Welt der Politik, gewissermaßen in eine Welt subjektiv „logischer“ Handlungen verwandeln. Dabei gibt es nie eine eindeutige Entsprechung zwischen einem bestimmten Handeln und seiner derivativen Deutung – eine Tatsache, die uns gerade in der Politik völlig vertraut ist, wo etwa irgendeine Entscheidung für die einen als wichtiger Fortschritt gilt, während die anderen sie als Mißgriff und Fehlleistung ansehen.
Pareto bemerkt einmal im Zusammenhang mit einer Finanzpolitik, die darauf bedacht sein muß, nicht zu viel Widerstand bei den Steuerzahlern hervorzurufen, daß Regierungen für eine solche Politik „an den erforderlichen Derivationen [also: Rechtfertigungen; MH] […] niemals Mangel“ haben würden, denn es fänden sich „immer Theoretiker, die sich in ihren Dienst stellen, um sie damit zu versorgen“.
Und weiter: „Man sollte jedoch nicht vergessen, daß die Derivationen die Folge der Regierungspolitik sind und niemals die Politik der Regierungen etwa Folge der Derivationen“.[2]
Das führt uns zur kulturellen Hegemonie zurück: Kultur ist das Reich der Narrative, der Mythen, Weltanschauungen, der Ideen, Ideologien und Theorien. Dieses Reich ist den Handlungsantrieben und Handlungen nach Pareto nachgeordnet, weshalb auch die kulturelle Hegemonie, die Hegemonie über die Deutungen von nachgeordneter Bedeutung ist.
Entscheidend sind die Kräfteverhältnisse der Residuen, und zwar insbesondere innerhalb der Gruppen, die die gesellschaftlich relevanten Entscheidungen treffen. Diesen Kräfteverhältnissen galt Paretos Aufmerksamkeit, denn ihn interessierte namentlich die Frage des gesellschaftlichen Gleichgewichts, des Ausgleichs zwischen Dynamik und Statik der gesellschaftlichen Entwicklung, welche vor allem durch die Entscheidungen der Führungsgruppen oder Eliten bestimmt wird.
Und es ist im Grunde diese Frage, die auch hinter Schattenmachers lichtreichen Überlegungen steht: die Frage, wie eine durch die „Managerklasse“ entfesselte und aus den Fugen geratene Dynamik zum Gleichgewicht einer stabileren Ordnung geführt werden kann, die dadurch gekennzeichnet sein wird, daß sowohl die anarchischen Auswüchse als auch die tyrannische Bevormundung aufgehoben werden.
Die Antwort hierauf kann nicht darin bestehen, erst eine kulturelle Hegemonie über die handlungsleitenden Erzählungen zu erringen, denn es sind nicht die Erzählungen, die das Handeln leiten. Jede Erzählung erfährt ihre Deutung im Lichte vorgängiger Residuen und bleibt daher gewissermaßen relativ zu diesen.
Es ist dies der Grund, weshalb sich Schattenmacher nicht mit der Problematik der kulturellen Hegemonie aufhält, die Paretos Zeitgenossen Antonio Gramsci (1891–1937) so sehr beschäftigte.
Paretos Theorie ist überaus anregend und aufschlußreich, auch wenn sie bisweilen verwirrend ist und oft mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Es ist ein zumindest beiläufiges Verdienst Schattenmachers, mit seinem Text an Pareto, dieses in Deutschland auch bei der politischen Rechten leider wenig beachtete Genie, zu erinnern.
III. Die Vorstellung, daß die Theorie oder die Ideologie dem Handeln nicht vorgeordnet ist, sondern ihm folgt, ist in unserer intellektualisierten und technisierten Welt für viele Zeitgenossen irritierend. Und doch dürfte sie die angemessene Realitätsbeschreibung sein. Daß Ideologie oder Theorie unser Handeln bestimme oder gar determiniere, entspricht sowohl auf individueller wie auf kollektiver Ebene jedenfalls eher selten den Tatsachen.
Für den individuellen Fall mag man an das Beispiel denken, daß ein Arbeitgeber eine frauenfeindliche Position vertritt (das ist ja dem linken Establishment der Gegenwart zufolge bei Arbeitgebern grundsätzlich der Fall). Wenn dieser Arbeitgeber nun einen neuen Mitarbeiter für seinen Betrieb sucht, wird er in dem Fall, daß er zwischen einem männlichen, aber weniger qualifizierten Bewerber und einer weiblichen, aber qualifizierten Bewerberin die Wahl hat, den männlichen Bewerber bevorzugen und die Frau diskriminieren, wie es sich für einen Frauenfeind gehört?
Wohl kaum. Er wird aller Wahrscheinlichkeit nach die Bewerberin dem männlichen Konkurrenten gegenüber bevorzugen. Zugleich kann er weltanschaulich Frauenfeind bleiben, indem er sich gegebenenfalls irgendeine Rechtfertigung zurechtlegt, um sein misogynes Weltbild aufrechterhalten zu können.
Blicken wir auf die kollektive Ebene. Im Südafrika der Rassentrennung war die Apartheidsdoktrin zweifellos Bestandteil der kulturell hegemonialen Weltanschauung des Landes. Die hegemoniale Doktrin hatte unter anderem zur Folge, daß es die Apartheidsgesetze Schwarzen verboten, in bestimmten Wirtschaftsbereichen (z.B. auf dem Bau) zu arbeiten. Das hat allerdings weiße Arbeitgeber, die in der Regel die Apratheidsdoktrin teilten, nicht davon abgehalten, gleichwohl Schwarze in den fraglichen Bereichen anzustellen, und das offensichtlich in Größenordnungen.[3]
Dieses Beispiel belegt, daß eine bestimmte Ideologie, die ein Bestandteil kulturell hegemonialer und sogar rechtlich verankerter Ideologie sein mag, keineswegs das primäre Movens des Handelns sein muss (und meist auch nicht ist). Und zwar auch für die Politik nicht: letztlich wurden in Südafrika noch unter Geltung des Apartheidsregimes besagte Regelungen abgeschafft.
Abschließend sei darauf verwiesen, daß beispielsweise Ernst Cassirer (1874–1945), dessen Werk mit Paretos Soziologie herzlich wenig Berührungspunkte hat, durchaus ähnlich wie Pareto argumentiert, wenn er im Rahmen seiner Philosophie der symbolischen Formen darlegt, dass eine Praxis – insbesondere eine rituelle oder symbolische Praxis – regelmäßig zunächst exerziert wird und ihre begriffliche, theoretische oder doktrinäre Rechtfertigung bzw. Rationalisierung erst später entwickelt wird – was Cassirer am Beispiel des Mythos entwickelt. Das ist strukturell dem Verhältnis von Residuen und Derivationen bei Pareto durchaus vergleichbar, auch wenn beide Autoren unterschiedliche theoretische Horizonte haben.
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[1] Vilfredo Pareto, Allgemeine Soziologie, ausgewählt, eingeleitet und übersetzt von Carl Brinkmann, München 2006, S. 219.
[2] Vilfredo Pareto, Ausgewählte Schriften, herausgegeben und eingeleitet von Carlo Mongardini, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1976, S. 292.
[3] Siehe Merle Lipton, Capitalism and Apartheid. South Africa, 1910–1984, Totowa, N.J., 1985, S. 209.
RMH
@Michael Henkel, dass ist sehr interessant. Pareto war mir bislang vor allem wegen dem Schlagwort des sog. Pareto- Prinzips (80/20 Regel) bekannt, welches mal eine zeitlang eine kleine Mode hatte. Die Vorstellung, dass die Residuen die Entscheidung quasi bestimmen und das danach erst "rationalisiert", also eine Verfunftbegründung gesucht wird, findet aus meinem ersten, laienhaften Blick, eine Paralle zur jetzt auch schon wieder etwas älteren Debatte über die Existenz eines freien Willen, welche durch die Neurowissenschaft angestoßen wurde & welche insbesondere im strafrechtlichen Bereich eine große Debatte ausgelöst hat, wo der Schuldvorwurf bekanntermaßen getragen wird von der Prämisse der freien Entscheidungsmöglichkeit zwischen Tun & nicht Tun. Das sog. Libet Experiment aus den 80er Jahren zeigte, dass messbare Hirnaktivität vor der bewussten Entscheidung da ist & deutete darauf hin, dass Handlungen durch vorherige, neuronale Zustände bestimmt zu sein scheinen. Hier eine kurze Darstellung von der Max-Planck- Gesellschaft:
https://www.mpg.de/23959571/freier-wille
Für mich scheint Pareto hier eine Form von Vorahnung gehabt zu haben.