Kritik der Woche (80): In den Tag

Zwischen Schlaf, Traum und Erwachen – was für ein Zustand! Trunken, sinister, luzide, energetisch, melancholisch, hybrid… es ist ein wunder-barer Zwischenraum. Der Amerikanist Christoph Ribbat hat eine kleine Kulturgeschichte des Aufwachens verfaßt, und dieses viel zu kurze Buch ist einzige Schatzgrube.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Es geht hier weni­ger um sei­ne ganz eige­nen Gedan­ken zu die­ser inti­men Pas­sa­ge, viel­mehr prä­sen­tiert Rib­bat uns in auf­ge­lo­cker­tem, oft sub­ti­lem Plau­der­ton Fund­stü­cke aus der His­to­rie des Träu­mens, Geweckt­wer­dens und den ers­ten Mor­gen­stun­den. Jede ein­zel­ne Sei­te ist gold­wert – „Mor­gen­stund‘“ halt… Kei­ne die­ser hier kunst­fer­tig ver­dich­te­ten (quel­len­ge­sät­tig­ten) Anek­do­ten über­steigt die Län­ge von zwei Seiten.

Wir fin­den fünf (nach dem ers­ten, vor­wort­för­mi­gen) weit­ge­hend chro­no­lo­gisch vor­an­schrei­ten­de Kapi­tel vor: Ers­tens „Pauls Traum“ (es geht um McCart­neys größ­ten Hit, den er im Auf­wa­chen zunächst mit der Lied­zei­le „Scram­bled Eggs“ kom­po­nier­te), zwei­tens „Hahn und Wecker“: Pla­ton emp­fand den schla­fen­den Men­schen als nichts­nut­zig und erfand einen frü­hen Wecker. Bis ins hohe Mit­tel­al­ter schlie­fen die Men­schen sel­ten allein. Es gab weder Bett noch Schlaf­zim­mer, und der Schlaf galt weit­hin als bedroh­li­che Zeit, in der Dämo­nen auf See­len­fang waren. Wir ler­nen Abt Pie­tro ken­nen, den das Pro­blem der nächt­li­chen Pol­lu­ti­on schwer beschäf­tig­te und der es traum­haft lösen konn­te. Er wur­de dann Papst Coeles­tin V. Und doch blieb die Nacht­ru­he frag­wür­dig, hielt sie doch vom Got­tes­lob ab – Mön­che erfan­den im 13. Jahr­hun­dert ein ers­tes auf­zieh­ba­res Räder­werk zwecks Weckung.

Das sehr frü­he Auf­ste­hen galt weit in die Neu­zeit hin­ein als tugend­haft. Im 16. Jahr­hun­dert emp­fiehlt ein Rat­ge­ber­buch Haus­frau­en, im Som­mer um vier, im Win­ter erst um fünf Uhr auf­zu­ste­hen. Knapp 200 Jah­re spä­ter schlägt der Volks­er­zie­her Ben­ja­min Frank­lin in die­sel­be Ker­be: „Ear­ly in bed and ear­ly to rise makes a man healt­hy, wealt­hy and wise“: Fran­k­lins Bücher waren Best­sel­ler! Als er ab 1776 Bot­schaf­ter der Ver­ei­nig­ten Staa­ten in Frank­reich war, schlug er ernst­haft vor, daß die Pari­ser um acht zu Bett gehen soll­ten, und daß man ab 4 Uhr mor­gens nicht nur alle Kir­chen­glo­cken läu­ten, son­dern auch Kano­nen abschie­ßen soll­te, um die Fran­zo­sen an eine „early-rise“-Disziplin zu gewöhnen.

Für den Zeit­raum etwa hun­dert Jah­re spä­ter erzählt Rib­bat die Schlaf­ge­schich­te des eng­li­schen Indus­trie­ar­bei­ters Geor­ge Allins­worth. Sei­ne Schicht begann früh um sechs, sonn­abends schon um drei. Zwölf­stun­den-Schich­ten sind die Regel. Geor­ge ist neun Jah­re alt.

Noch in die­ses zwei­te Kapi­tel zählt die Geschich­te des moder­nen Weckers. Die Fir­ma Jung­hans (zugleich ein Muni­ti­ons­be­trieb) war euro­pa­weit feder­füh­rend. Die Kauf­stü­cke fir­mier­ten unter Pro­dukt­na­men wie „Kra­wall“, „Ter­ror“, „Repe­tier­we­cker Stö­ren­fried“ und ab 1914 dann als „Feld­grau“ (Zif­fern­blatt mit Eiser­nem Kreuz) und „Tromm­ler“. Letz­te­rer klin­gel­te nicht, son­dern schlag­werk­te den „Deut­schen Para­de­marsch“. (Den gele­gent­lich säu­er­li­chen Ton ver­zeiht man Rib­bat gern.)

Wei­ter zum drit­ten Kapi­tel, „Aus dem Schlaf geris­sen“. Wir fin­den hier – stets unter­halt­sam, aber nie bou­le­var­desk dar­ge­bracht, kur­ze Sät­ze, atmo­sphä­risch dicht – Ver­wei­se auf zahl­rei­che Kunst­wer­ke: Edward Hop­pers Gemäl­de Mor­ning Sun und Cape Cod Mor­ning bei­spiels­wei­se. Hop­pers Frau Jo, die vor ihm als Male­rin berühmt war und sich dann ihm zulie­be zurück­nahm, spielt in die­sen Auf­wach­sze­nen eine bedeu­ten­de Rol­le. Dürers Traum­ge­sicht, Dros­te-Hüls­hoffs Durch­wach­te Nacht und etli­che ande­re Früh­mor­gens-Gedich­te kom­men zum Auf­ruf. Rib­bat zählt nicht auf, was künst­le­risch alles mit „Erwa­chen“ zu tun hät­te, er brei­tet knap­pe Sze­nen aus, er begibt sich unauf­dring­lich und stets nur für einen Moment in die jewei­li­ge Gemengelage.

Ein gro­ßer Träu­mer war auch Theo­dor W. Ador­no. Im Exil, 1945, hat­te er einen Hin­rich­tungs­traum: von einer „Schar nack­ter, sport­li­cher jun­ger Män­ner, ob Faschis­ten oder Anti­fa­schis­ten, unklar, und dann von Lei­chen: eine Sze­ne, der er emo­ti­ons­los zusah, und zudem ein Traum, aus dem er mit einer Erek­ti­on erwachte.“

Im glei­chen Kapi­tel wird uns eine Stu­die von Char­lot­te Beradt vor­ge­stellt, Das Drit­te Reich des Traums. Sie sam­melt Träu­me über den NS, aus der Zeit des „noch lei­se­tre­ten­den Regimes“ vor dem Krieg. Die Stu­die wird Buch und Radio­sen­dung, aber Char­lot­te muß einen Fri­seur­sa­lon betrei­ben, um ihren Lebens­un­ter­halt zu bestreiten.

„Aus dem Schlaf geris­sen“ wur­den auch die Ongee auf den Anda­ma­nen. In den 1980ern träum­te das damals noch nicht aus­ge­forsch­te Volk kol­lek­tiv. Aus den Träu­men ergab sich, was am kom­men­den Tag zu tun sei. Fünf­zehn Jah­re spä­ter füh­ren sie moder­ne Exis­ten­zen, sie haben Vor­ge­setz­te und Sozi­al­ar­bei­ter. „Die Ongee jagen nicht mehr, weil sie nicht mehr zusam­men von Wäl­dern träu­men“. Sie kön­nen nun Waren in Geschäf­ten kaufen.

Das vier­te, ein kur­zes Kapi­tel, lau­tet „Ins Bad“. Kai­ser Franz Joseph als Früh­auf­ste­her möch­te früh baden, näm­lich gegen drei Uhr mor­gens. Gro­ßes Pech, wenn der Die­ner besof­fen ist… Im fünf­ten Kapi­tel geht es über „das Früh­stück“. Tho­mas von Aquin hielt die Mor­gen­mahl­zeit für „Völ­le­rei“ und mit­hin für eine Todsünde.

Alles an die­sem Büch­lein ist so leicht, gekonnt, so bedeu­tungs­schwer wie flüch­tig – hier ist Lesen wie Flie­gen, ein wun­der­ba­res Dazwi­schen. Es gehört min­des­tens auf den Nachttisch!

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Chris­toph Rib­bat: In den Tag. Eine kur­ze Geschich­te des Auf­wa­chens. Ber­lin 2026, 166 S., 20 € – hier bestel­len

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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