KI – eine Renaissance?

von Wiggo Mann -- „Die Rente ist sicher!“ sagte Norbert Blüm. Völlig egal, sagt Elon Musk. „Hört auf, Geld für die Rente unters Kopfkissen zu stopfen. In 10 bis 20 Jahren wird das nebensächlich sein.“

Elon Musks The­se aus einem Invest­ment-Forum zum The­ma KI und Robo­tik muß man nicht fol­gen. Aber sie zeigt, daß die tech­ni­sche Revo­lu­ti­on der­zeit alle Denk­mo­del­le durch­ein­an­der­schüt­telt. In unge­fähr einer Deka­de wird Arbeit optio­nal sein, behaup­tet der erfolg­reichs­te Unter­neh­mer der Welt. Geld­ver­die­nen wird sowas wie Sport oder Häkeln.

Wenn du arbei­ten willst, ist es wie heu­te mit Gemü­se. Du kannst in den Laden gehen und etwas Gemü­se kau­fen, oder du kannst Gemü­se in dei­nem Gar­ten anbau­en. Es ist viel schwie­ri­ger, Gemü­se in dei­nem Gar­ten anzu­bau­en, aber man­che Leu­te tun es immer noch, weil sie ger­ne Gemü­se anbauen.

Robo­tik und KI wer­den einen unvor­stell­ba­ren Pro­duk­ti­vi­täts­schub erzeu­gen. Man­che Exper­ten wie der Inves­tor Peter Thiel sind skep­tisch und zeich­nen dazu einen düs­te­ren Weg in die Apo­ka­lyp­se. Der poli­tisch gut ver­netz­te US-Blog­ger Cur­tis Yar­vin argu­men­tiert, dass KI nicht viel ändert, solan­ge die vom Estab­lish­ment geschaf­fe­ne ideo­lo­gi­sche „Kathe­dra­le“ unse­ren Fort­schritt korrumpiert.

Ande­re sind opti­mis­ti­scher und sehen den Zeit­rah­men für posi­ti­ve Ent­wick­lun­gen sehr kurz­fris­tig. Eric Schmidt (70), poten­ter Ex-CEO von Goog­le und laut Medi­en­be­rich­ten der Lieb­ha­ber von Söders Toch­ter (27), pro­gnos­ti­ziert, daß in drei bis fünf Jah­ren jeder Mensch die Fähig­kei­ten des „klügs­ten Mathe­ma­ti­kers der Welt“ in der Hosen­ta­sche hat.

Die­ser Zeit­ho­ri­zont gel­te bei der Tech-Eli­te als ein­ver­nehm­li­cher Stand des Den­kens unter dem Begriff „San Fran­cis­co Con­sen­sus“. Güter, Dienst­leis­tun­gen und medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung wer­den in naher Zukunft womög­lich in einem Umfang und zu Prei­sen ver­füg­bar sein, die (unter ande­rem) eine tra­di­tio­nel­le Alters­vor­sor­ge in den Hin­ter­grund rücken. Die Deckung von Grund­be­dürf­nis­sen wird, so Musks Pro­gno­se, kaum mehr an per­sön­li­che Erspar­nis­se geknüpft sein. Stei­le Idee.

Gleich­zei­tig küm­mert sich Musk, freund­li­cher­wei­se auch durch ganz per­sön­li­ches Enga­ge­ment, um die Kor­rek­tur des demo­gra­fi­schen Pro­blems. Zu wenig Nach­wuchs führt sonst zum Zusam­men­bruch kon­ven­tio­nel­ler Sozi­al­sys­te­me, hört man. Eine Sor­ge, die para­dox klingt, wenn man die Reduk­ti­on mensch­li­cher Pro­duk­ti­vi­tät in Kom­bi­na­ti­on mit Tech­nik für eine revo­lu­tio­nä­re Chan­ce hält?

Führt Maschi­nen-Intel­li­genz den Men­schen zu dem, was ihn aus­macht? Die Auf­lö­sung wäre spek­ta­ku­lär: Aus­ge­rech­net die käl­tes­te, unmensch­lichs­te Tech­no­lo­gie bringt uns eine neue Renais­sance des Humanismus.

Die Renais­sance des 15. und 16. Jahr­hun­derts war kein Zufall, son­dern basier­te unter ande­rem dar­auf, daß eine aus­rei­chend gro­ße gesell­schaft­li­che Schicht end­lich Wohl­stand und dadurch Muße erle­ben durf­te. Es ging nicht nur Hedo­nis­mus-Maxi­mie­rung am Hofe, son­dern um das Auf­blü­hen von Phi­lo­so­phie, Hand­werk, Kunst in brei­te­rem Umfeld. Nicht mehr nur „wovon lebe ich“ war die Fra­ge, son­dern: „Was ist ein wert­vol­les Leben?“

Wer die­se freud­vol­le Zukunfts­hy­po­the­se ver­fol­gen will, muß sich auch die dunk­le Sei­te anse­hen: Deka­denz, Nihi­lis­mus, Iden­ti­täts­kri­sen. Die­sel­be Frei­heit, mit der Michel­an­ge­lo sich Gott künst­le­risch näher­te und da Vin­ci den Heli­ko­pter erfand, erzeugt Lan­ge­wei­le und Sinn­lo­sig­keit bei Men­schen, die nicht wis­sen, was sie mit sich anfan­gen sol­len. Musk frag­te sich des­halb selbst­kri­tisch im oben zitier­ten Invest­ment-Forum, „if you get all the stuff you want, is that actual­ly the future you want?“

Die Idee einer Renais­sance des Huma­nis­mus ist kein Selbst­läu­fer. Die Rah­men­be­din­gun­gen einer vier­ten indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on müs­sen aktiv durch­dacht, gestal­tet und immer wie­der ange­paßt wer­den. Die größ­te Bedro­hung durch KI und Robo­tik wäre nicht, daß sie schlau­er und schnel­ler ist als wir, son­dern, daß wir unse­re Chan­ce auf mehr Frei­heit und Iden­ti­tät vermasseln.

Und schon sind wir bei der Poli­tik. Die­ser tech­ni­sche Quan­ten­sprung grätscht mit­ten hin­ein in The­men wie Bevöl­ke­rungs­aus­tausch, Staats­fi­nan­zen und kul­tu­rel­le Kon­stan­ten. Nein, wir brau­chen ganz sicher kei­ne wei­te­ren Fach­kräf­te mehr aus den Vor­or­ten von Moga­di­schu. Unse­re Sozi­al­sys­te­me sind bereits jetzt hoff­nungs­los erle­digt. Der Staats­ap­pa­rat ist nur durch einen har­ten Reset zu ret­ten. Der Zer­fall unse­rer Nati­on wird sich in den kom­men­den KI-Jah­ren expo­nen­ti­al beschleu­ni­gen, wenn ein Volk und sei­ne Ver­tre­ter es unter­las­sen, den ver­tei­di­gens­wer­ten Kern der Gemein­schaft herauszuarbeiten.

Der tech­ni­sche Quan­ten­sprung soll­te die Par­tei­en inten­siv und täg­lich beschäf­ti­gen. Das tut er. Wenn Du nicht mehr wei­ter weißt, grün­de einen – „Stra­te­gie­kreis für Tech­no­lo­gie und Inno­va­ti­on im Bun­des­kanz­ler­amt“. Betei­ligt war unter ande­rem das neue Minis­te­ri­um für Digi­ta­les und Staats­mo­der­ni­sie­rung unter Lei­tung von Herrn Dr. Wild­ber­ger, einem Mana­ger, der in sei­ner zivi­len Pha­se bis­lang vor allem Tele­fon­ver­trä­ge, Wasch­ma­schi­nen und Fern­se­her verkaufte.

Ent­spre­chend beein­dru­ckend war das Abschluss-Doku­ment. Es gab näm­lich kei­nes. Statt­des­sen im März 2026 eine dür­re Pres­se­mit­tei­lung, die dar­auf hin­weist, daß

res­sort­über­grei­fen­de Ver­zah­nung und die Fest­le­gung stra­te­gi­scher Leit­li­ni­en die Grund­vor­aus­set­zun­gen sind, um Deutsch­land und Euro­pa im inter­na­tio­na­len KI-Inno­va­ti­ons­wett­lauf und ange­sichts gegen­wär­ti­ger geo­po­li­ti­scher Her­aus­for­de­run­gen resi­li­ent und wett­be­werbs­fä­hig zu positionieren.

Wer so völ­lig ohne Ziel und Ener­gie agiert, der ist fol­ge­rich­tig auch davon über­zeugt, dass KI nur mit Staats­mit­teln ent­ste­hen kann. Schon die deut­sche „KI-Stra­te­gie 2018“ ver­bal­ler­te Mil­li­ar­den. Merz und Kling­beil wer­fen bis 2029 wei­te­re 18 Mil­li­ar­den Euro des Steu­er­zah­lers für eine „High-Tech-Agen­da“ hin­ter­her, wäh­rend Ope­nAI, Grok oder Anthro­pic ganz neben­bei aus pri­va­tem Kapi­tal gebo­ren wur­den und um glo­ba­le Markt­füh­rer­schaft fech­ten. Tech­ni­scher Vor­sprung ent­steht nicht, wenn der Staat sozia­lis­tisch sub­ven­tio­niert. Es braucht leis­tungs­fä­hi­ge Aka­de­mien, Talent und Risi­ko­be­reit­schaft. Mit ande­ren Wor­ten, das Gegen­teil der aktu­el­len deut­schen Situation.

Aber zum Glück hat Unse­re­de­mo­kra­tie eine Oppo­si­ti­on. Aus dem Wahl­pro­gramm 2025 der AfD, Sei­te 50:

KI-Sys­te­me stel­len einen gro­ßen Wachs­tums­markt dar; von die­sem kön­nen und wol­len wir uns in Deutsch­land nicht abkop­peln. Des­halb sind effek­ti­ve gesetz­li­che Rah­men­be­din­gun­gen not­wen­dig, die den Ein­satz zum Bei­spiel in Medi­zin­tech­nik und Ver­kehrs­we­sen ermög­li­chen. Vor­aus­set­zung für den Ein­satz von KI ist jeder­zeit ver­füg­ba­re kos­ten­güns­ti­ge Energie.

Das Minis­te­ri­um für Digi­ta­li­sie­rung hät­te es nicht schö­ner for­mu­lie­ren kön­nen. Ein wei­te­rer Absatz im Mani­fest zur Bun­des­tags­wahl erklärt ganz im Sin­ne häu­fi­ger AfD-Argu­men­ta­ti­on noch, was man alles „ablehnt“. An nach­ge­la­ger­ter Stel­le eine ergän­zen­de KI-Bemer­kung zum Fach­kräf­te­man­gel und zur Schu­le. Das war’s. Auf gan­zen 174 Sei­ten. Viel­leicht ist das The­ma zu kom­plex für ein Wahlprogramm?

Lei­der fin­det man auch in den Rede­bei­trä­gen der bei­den AfD-Bun­des­vor­sit­zen­den kaum Ein­ord­nun­gen. Sei es als gro­ßer Zivi­li­sa­ti­ons­bruch, Pro­duk­ti­vi­täts­re­vo­lu­ti­on oder viel­leicht sogar huma­nis­ti­sche Renais­sance. Das ist des­halb ver­blüf­fend, weil man zumin­dest bei Frau Dr. Wei­del mit Ihrem glo­ba­len Hin­ter­grund von Invest­ment-Fir­men bis Inter­net-Bubble ein intrin­si­sches Inter­es­se am The­ma ver­mu­ten wür­de. Die AfD muß eine posi­ti­ve Zukunfts­idee als Ori­en­tie­rung anbie­ten. Aber viel­leicht ist das The­ma KI zu kom­plex für eine Politiker-Rede?

Schau­en wir noch etwas tie­fer. Effi­zi­en­te Poli­tik wird heut­zu­ta­ge oft in Think Tanks und Stif­tun­gen „vor­ge­dacht“. Im Umfeld des Bun­des­ta­ges mit sei­nen 10.000 Beschäf­tig­ten inklu­si­ve 1.700 wis­sen­schaft­li­chen Mit­ar­bei­tern ist offen­bar nicht aus­rei­chend Kapa­zi­tät für die Ana­ly­se gesell­schaft­li­cher Her­aus­for­de­run­gen. Der AfD wird die Desi­de­ri­us-Eras­mus-Stif­tung zuge­ord­net. Nicht ganz rei­bungs­los, weil das Par­tei­en­kar­tell bemüht ist, die Finan­zie­rung zu ver­hin­dern, oder min­des­tens zu ver­schlep­pen. Ande­rer­seits besitzt die AfD angeb­lich rund 40 Mil­lio­nen Euro? Selbst wenn das im Ver­gleich zum Kar­tell nur einen Bruch­teil des Reich­tums dar­stellt, soll­te es genü­gen, um klu­ge Grund­la­gen­ar­beit zu finanzieren.

Und sie­he: Die AfD-Stif­tung unter der Vor­sit­zen­den Eri­ka Stein­bach hat sich tat­säch­lich mit KI beschäf­tigt – was nahe­lie­gend erscheint, weil der Ver­ein nach einem Mann benannt wur­de, der vor über 500 Jah­ren bereits Kata­ly­sa­tor einer Medi­en- und Bil­dungs­re­vo­lu­ti­on war. Eras­mus sam­mel­te, prüf­te und edi­tier­te Tex­te. Er lieb­te Quel­len­re­cher­che. Er ver­netz­te vie­le Gelehr­te, Dru­cker, Bischö­fe und Herr­scher in ganz Euro­pa, enga­gier­te sich für Bil­dung und gegen Beschrän­kun­gen durch den Kle­rus und ande­re Gate­kee­per. Wer die­sen Mann ver­ehrt, der soll­te ver­su­chen, ähn­li­che Aus­wir­kun­gen von KI zu pro­gnos­ti­zie­ren und in fas­zi­nie­ren­de The­sen und „alter­na­ti­ve“ poli­ti­sche Leit­li­ni­en zu wandeln?

So ent­wi­ckel­te die Desi­de­ri­us-Eras­mus-Stif­tung im Jahr 2024 eine 17-teil­i­ge Text­rei­he, damit der geneig­te Leser nicht immer sei­ne Kin­der mit Fra­gen ner­ven muß. Dar­un­ter Fol­ge 2 „ChatGPT für Jeder­mann“ oder Fol­ge 8 „Nie mehr allein zu Haus“. 2025 wur­de dann noch ein Web-Semi­nar ange­bo­ten. „KI – Chan­cen, Gren­zen und poli­ti­sche Aus­wir­kun­gen“ in zwei Stun­den. Eine Zusam­men­fas­sung fin­det man lei­der nicht. Auch kein dis­rup­ti­ves White Paper als Ideen­quel­le für die Par­tei­po­li­ti­ker bundesweit.

Aber war­um drän­geln? Viel­leicht brau­chen wir ein­fach mehr Geduld bei die­sem moder­nen Zeug. Eine gro­ße alte Dame der deut­schen Poli­tik bezeich­ne­te ein­mal Inter­net als „Neu­land“. Die­se Hal­tung soll­te man auch Stif­tungs-Senio­rin Eri­ka Stein­bach zuge­ste­hen. Unter ihren Gruß­bot­schaf­ten heißt es „Eini­ge Bil­der die­ser Sei­te sind KI-gene­riert“. Es geht voran.

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Kommentare (4)

MARCEL

6. Mai 2026 12:13

KI wird erstmal militärisch genutzt - vollumfänglich (z.B. Die Ukraine "lebt" als Abschussrampe weiter, auch ohne Soldaten). Und da KI keinen Selbsterhaltungstrieb hat...nicht auszudenken.

Eigentlich habe ich keine große Meinung dazu, außer diese: Ein ausbruchssicheres, bequemes Bewusstseins-Gefängnis, das anstelle von Sinn Ablenkung (Betonung liegt auf -lenkung) stiftet.  Dann doch lieber Islam, oder?

RMH

6. Mai 2026 13:23

KI und Robotik benötigen vor allem eines: Ressourcen, zu allererst Strom. Nicht ohne Grund werden die aktuellen Kriege um Energie- und Rohstoffquellen geführt.  Das ganze benötigt so viel Energie, dass auch Kernkraft hier nicht rasch und schnell genug ausreichend liefern kann, selbst wenn man damit hierzulande wieder anfagen würde damit. Von daher wird es auch Länder geben, die eher zurückfallen werden, als zu einen Leben zu kommen, wie es Musk skizziert. Deutschland ist unter den aktuellen Weichenstellung prädestiniert dafür, zu den zurückfallenden Ländern zu gehören. 
 

Alex Schleyer

6. Mai 2026 13:29

Bitte mehr von Wiggo Mann! Inzwischen neben Lichtmesz und Kositza hier einer meiner Lieblingsautoren - kein rückwärtsgewandter pseudonostalgischer Quark, keine ethno-sozialistische Etatisten-Scheiße, keine verquasten Theorie-Myriaden, sondern klare, zukunftsweisende, analytische Gedanken, die auf nicht nur einen Schwachpunkt der Rechten hinweisen. Ich möchte das Thema KI selbst nicht kommentieren, da ich selber zwischen Volldigitalisierung und archaischen Dingen wandle, aber sie sollte vielleicht weniger im Rahmen von Technologie als von Handlungen betrachtet werden. Dazu las ich jüngst begeistert "Situation und Konstellation" von Hartmut Rosa. Ansonsten: Mehr Wiggo wagen!

ramses44

6. Mai 2026 13:33

seit 3 Jahren will ich die geplanten LFA/BFA14 (digitalisierung) gründen und finde keine Mitstreiter. Wer Interesse hat: [email protected]