Nun Schattenmachers Antworten (Normalschrift) auf die Punkte (kursiv), die Emilietta Beall notierte.
Punkt 1: Welchen Stellenwert hat die Erringung kultureller Hegemonie im hier vorgestellten Konzept?
Der elitentheoretische Ansatz, der hier überwiegend verfolgt wird, scheint mir in deutlicher Opposition zum Rechtsgramscianismus zu stehen, der auf den Gedanken der Metapolitik setzt: Politische Macht basiere auf der vorherigen Erringung von Hegemonie im vorpolitischen Raum.
In Anarchotyrannei kommt dieser Raum im Grunde gar nicht vor – oder nur als nicht weiter erörterter Ort der Dissidenz jener Hoffnungsträger, die das Ruder noch herumreißen könnten. Alle anderen scheinen lediglich eine Art beliebige Verschiebemasse der mit ihnen nicht weiter verbundenen Eliten zu sein. Wo kommen also diese Eliten her? Wo bilden sich ihre Begriffe? Wie erklären sich historische Umbrüche der Vergangenheit ohne ein Konzept von kultureller Hegemonie? Wären demnach Ereignisse wie die Französische oder die Russische Revolution lediglich von oben orchestriert, die Massenphänomene bloß „geastroturfed“?
Antwort 1: Materielle Organisationsstrukturen sind nicht alles, aber sie sind auch nicht nichts. Aus meiner Perspektive ist es tatsächlich nicht von entscheidender Bedeutung, welche Kultur genau in einer rechten Gesellschaft vorherrscht, solange sie eben nicht links ist.
Es ist unwahrscheinlich, daß nur eine spezifische Kristallisation von Gedanken und Werten einen rechten Staat in Europa über alle Zeiten hinweg ermöglichen würde, genauso wie es eben auch nicht nur eine spezifische linke Weltsicht gibt, die linkes Handeln ermöglicht.
Noch in den 70er Jahren hat die europäische Linke mit Begriffen und Vorbildern hantiert, die heute selten geworden sind: Leninismus, Maoismus, Stadtguerilla, historischer Materialismus und eine Fokussierung auf den vermeintlichen deutschen Polizeistaat haben zu Gunsten der heute gewohnten progressiven Themenschwerpunkte abgenommen. Diese beiden Spielarten linken Denkens sind nicht gleich, aber sie dienen doch beide der Mehrung linker Macht.
Ähnlich ist es vorstellbar, daß rechte Kreise zunächst eine starke Betonung nationalistischer Aspekte betreiben und später, nach eventuell erfolgter Ausdehnung der eigenen Machtsphäre, im Kontext eines Reiches von diesen Ursprüngen abrücken.
Was praktische Belange angeht, so denke ich, daß der Rechtsgramscianismus zwar notwendiger, aber nicht hinreichender Schritt auf dem Weg zur Macht und mittlerweile in manchen Aspekten bereits das Ende seiner unmittelbaren Möglichkeiten gelangt ist. Natürlich bleibt es notwendig, die eigene Herrschaft durch ein Narrativ, welches mit den eigenen materiellen Interessen kompatibel ist, zu untermauern. Diese Unternehmung ersetzt allerdings nicht die Notwendigkeit zum Aufbau effektiver politischer Organisationen und der Befriedigung materieller Interessen.
Ein Teil der Szene hat den Rechtsgramscianismus aus meiner Sicht in erster Linie deshalb ins Zentrum ihrer Strategie gesetzt, weil es der Punkt mit den einfachsten Startbedingungen ist. Wer kein Geld und keine Organisationen hat, der konzentriert sich eben darauf, Herzen und Hirne zu gewinnen, schon deshalb, weil das ohne großen finanziellen Aufwand möglich ist. Ein solcher Schritt ist weder sinnlos noch schlecht gewählt, allein die Erwartung, daß dieser Zugang alleine einen von der Straße zum Thron führt, ist verfehlt.

Was die Größe und Finanzierung der Partei angeht allerdings stehen die Blauen selbst hinter unbedeutenden Randerscheinungen wie der FDP zurück. Weder hat die AfD bedeutend mehr Mitglieder, noch erhält sie mehr staatliche Zuwendungen, noch verfügt sie über eine parteinahe Stiftung mit ähnlichen Mitteln wie die Liberalen (von CDU und SPD ganz zu schweigen).
Auch der sogenannte vorpolitische Rau der Rechten mag zwar geistig reger und im populistischen Sinne beliebter sein als die Amadeu Antonio Stiftung, an der ungleichen Anzahl hauptamtlicher Mitarbeiter ändert das allerdings wenig.
Die russische Revolution ist für den hier dargelegten Punkt ein ordentliches Beispiel. Natürlich hat lange vor den Ereignissen von 1917 eine Narrativschmiedung seitens roter Kräfte in Russland begonnen, aber auch die erste Revolutionswelle (gegen den Zaren), vor allem aber die zweite (gegen die anderen sozialistischen Parteien) und dritte (gegen die innerparteiliche antistalinistische Opposition) haben sich nicht vornehmlich auf dem Feld der Kultur und der Ideale, sondern auf jenem der materiellen und machtpolitischen Interessen und der Organisationsstruktur bewegt. Die Bolschewiki haben nicht durch Eroberung des vorpolitischen Raumes sich gegen die Sozialrevolutionäre durchgesetzt und Stalin auf selbem Wege nicht gegen Trotzki und Bucharin den Sieg errungen.
Punkt 2: Welche Rolle spielen die Nicht-Eliten, und in welchem Verhältnis stehen Eliten und „der Rest” zueinander?
Antwort 2: Die politische Effektivität aller Klassen hängt von ihrem Grad der Organisationsfähigkeit und der Intensität ihrer Aktivitäten ab.
Eine rechte Weltanschauung zu besitzen ist besser, als sie nicht zu teilen. Sie innerhalb einer straffen Organisation wirken zu lassen ist besser, als sie bloß privat zu hegen. Iim Rahmen dieser Organisation die eignen Mittel zu mehren und die des Gegners zu schmälern ist besser, als bloß inhaltlich und propagandistisch zu arbeiten.
Zur Zeit besitzt die deutsche Rechte vor allem Nicht-Eliten, die den politischen Prozeß nicht richtig verstehen und zu viele liberale Versatzstücke in ihren Weltbildern beibehalten, die nicht eingebunden sind in irgendeine Form von organisierter Hierarchie, nur einen sehr geringen Teil ihres Vermögens für Politik aufwenden und somit die Macht ihrer Masse an keinem Punkt jenseits der Wahlurne wirkmächtig machen können.
Außerdem haben wir Eliten, deren nahezu einziger Anspruch auf diesen Titel in ihrem intellektuellen Vorsprung oder ihrem hohen Parteiamt liegt, die darüber hinaus aber niemandem befehlen und niemandem einen Dienst erweisen können. Dieser Zustand ist durch das Betreiben von inhaltlich orientierter Metapolitik nicht zum Besseren veränderbar.
Punkt 3: Warum bleiben die Eliten nicht immer dieselben? Das Aufkommen des Managerialismus selbst ist ein Beispiel für einen Austausch der Entscheiderklasse – keine radikale und vollständige Ersetzung, aber einen signifikanten Wandel. Wie kann dieser überhaupt stattfinden, wenn hinter jeder politischen Bewegung eben letztlich „die Eliten“ stehen, und weiter nichts und niemand? Ohne einen Wandel der gesellschaftlich relevanten Diskurse wäre auch der Managerialismus nicht in seine jetzige Machtposition gelangt.
Antwort 3: Am Anfang steht immer die Physik. Die Naturgesetze und die technischen Bedingungen schaffen Verhältnisse, welche notwendigerweise einen Wandel der Eliten begründen, vom landbesitzenden Aristokraten zum Fabrikanten eben dann, wenn die Wertschöpfung pro Hektar weit hinter der Produktionsleistung pro Tag in der Manufaktur zurückbleibt.
Der Managerialismus hat die Welt nicht von sich überzeugt, war nie politisches Programm oder Teil eines expliziten Diskurses, sondern ist ohne solche Planung als Konsequenz der Notwendigkeiten einer Massengesellschaft auf den Plan getreten. Der Wandel der grundlegenden Bedingungen bestimmt den Wandel des Diskurses sicherer als es andersherum geschieht.
Davon abgesehen ist irgendeine Form des Elitenstatus nicht mit Fehlerlosigkeit oder Unbesiegbarkeit gleichzusetzen. Gleich zu Anfang des Buches wird explizit darauf hingewiesen, daß gerade der Spagat zwischen der Befriedigung der unmittelbar persönlichen oder klassenbasierten Interessen einer Elite und den Interessen des von ihnen beherrschten Gebietes zu ihren irgendwann einsetzenden Niedergang führt.
Punkt 4: Stimmt es, daß der Managerialismus in seiner Ausdehnung und ideologischen Dominanz regulierbar, aber nicht gänzlich umkehrbar ist, wie es auch der Autor selbst feststellt?
Antwort 4: Der Managerialismus ist keine Ideologie im eigentlichen Sinne. Ihm liegt kein Manifest zu Grunde, und er besitzt kaum explizite politische Fürsprecher. Seine Dominanz ist allein Folge der Notwendigkeit von erheblicher Verwaltung in der Moderne. Hieraus folgt auch seine relative Unumkehrbarkeit. Solange die Gesellschaften so ausgedehnt und komplex sind, wie in unserer Zeit, ist ein niedriges Level von Verwaltung und Administration schwer vorstellbar.
Punkt 5: Läßt sich die Degeneration des Managerialismus grundsätzlich verhindern, oder läuft es maximal auf ein „alle paar Jahrzehnte“ auf-den-Tisch-hauen hinaus, weil die Tendenz zur Anarchotyrannei unausweichlich ist?
Antwort 5: Wahrscheinlich lassen sich Degenerationserscheinungen langfristig in keinem politischen System verhindern, da die Interessen der Herrschenden nie deckungsgleich mit denen der Beherrschten sind und stets ein Anreiz besteht, den Staat so einzusetzen, dass er mehr der Erfüllung ersterer als letzterer dient. Der letztgültige Beweis für eine solche Behauptung ist unmöglich zu erbringen, die zeitliche Begrenztheit und die Natur des Niedergangs aller bisherigen Regime läßt dies allerdings vermuten.
6. Punkt: Leben wir tatsächlich in einer Anarchotyrannei? Diese 6. Frage stellt keineswegs die grundsätzliche Schlüssigkeit der Analyse in Frage. Sie zielt vielmehr darauf ab, daß die allermeisten Bundesbürger völlig verblüfft wären angesichts solcher Behauptungen.
Der „Normie“ erlebt weder täglich ethnisch konnotierte Konflikte noch irgendwelche Repressionen. Viele Millennial-Eltern in normalen bis gehobenen beruflichen Positionen haben noch nie von den Zuständen in gewissen Freibädern gehört, und es interessiert sie auch nicht. Wie anarchisch und wie tyrannisch ist es somit wirklich? Und ist das System möglicherweise robust genug, um es eben nicht so weit eskalieren zu lassen, daß wirklich keiner mehr die Augen verschließen kann?
Daß es hundert Gruppenvergewaltigungen am Tag gibt anstelle von zwei, daß tatsächlich jeder dissidente Post eine Strafverfolgung wegen Haßrede auslöst? Die apolitisch-linke Mittelschicht entzieht sich bislang recht erfolgreich der Einsicht – wie kann das sein, wenn wir doch in Anarchie und Tyrannei leben?
Antwort 6: Wie können Menschen, die von einem kommunistischen System ins Arbeitslager befördert wurden, festgläubige Kommunisten bleiben? – Die Möglichkeiten menschlicher Selbstversicherung und Erklärungskonstrukte sind unbegrenzt. Es kommt für die Erklärungsstärke, den Wahrheitsgehalt und die Brauchbarkeit einer Beobachtung nicht darauf an, ob irgendein spezifischer Teilnehmer der Gesellschaft eine Sache als wahr anerkennt oder nicht, andernfalls wäre jedwede Theoriebildung sinnlos. Es bleibt dem Rechtfertiger dieses Deutschlands überlassen, zu erklären, wieso ein Staat, der einzelne Tweets mit allem Aufwand eines Gerichtsverfahrens verurteilen kann, es nicht schafft, einen Stadtpark frei von Drogenhandel zu halten, oder wieso ein Staat, der Meinungsdelikte mit Strafen von über 10 Jahren ahndet bei tödlichen Gewalttaten bei Zeiten kaum über 2 hinauskommt.
Nähme man einzig das Kriterium des ewigen ‘Normies’, dann war auch die Sowjetunion kein allzu besonderer Staat – die deutliche Mehrheit der russischen Bevölkerung ist unter Väterchen Stalin nicht ins Gulag gewandert.
Die apolitische Mittelschicht ist nicht blind und taub geboren, sondern entzieht sich politischer Einsichten, weil ihnen ihre eigene politische Harm- und Teilnahmslosigkeit einen Vorteil verspricht. Der Durchschnittsmensch hat von öffentlicher politischer Betätigung und Äußerung viel mehr zu verlieren – soziale Akzeptanz, berufliche Perspektiven, rechtliche Konsequenzen – als selbst unter den günstigsten Umständen zu gewinnen – nichts.
7. Punkt: Bestimmt das Sein nun doch das Bewußtsein, wie es die materialistische Weltanschauung behauptet? Den Ausführungen des Schattenmachers entnahm ich, daß die linksprogressive Weltanschauung zwar prägend und als Leitideologie des Establishments auch relevant ist, aber letztlich das System nicht fundieren kann, die Basis der Selbsterhaltung müsse stets eine materielle sein. Wie weit entfernt ist man selbst mit dieser Ansicht vom marxistischen Diktum, die Geschichte sei eine Geschichte von Klassenkämpfen? Eine Gruppe schlägt sich stets auf Kosten aller anderen den Bauch voll, bis es denen auffällt, und sich dann die nächste Gruppe an den Freßtopf drängt?
Antwort 7: In dieser Lesart befinden wir uns wahrscheinlich tatsächlich in der Nähe dieser marxistischen Annahme. Selbstverständlich mangelt es der Schattenmacherschen Variante an jeglichem Utopismus, diesen Zustand zu überwinden.
Die Welt war immer Klassenkampf und wird auch immer Klassenkampf bleiben, allein schon, weil das biologische Leben diesen Kampfzustand vorwegnimmt. Es ist in begrenztem Maße denkbar, dass ideologische Aspekte materielle Ansprüche überwinden, sonst wären etwa Selbstmordattentäter nur schwer vorstellbar, aber je größer das betrachtete Konstrukt und je länger die Zeitachse, auf welcher es existiert, desto sicherer findet sich ein klarer Mechanismus, welcher die materiellen Interessen seiner führenden Mitglieder sichert.
Dieser Mechanismus muß nicht notwendigerweise auf Kosten aller übrigen Mitglieder sich entfalten, selbst wenn es im Hinblick auf materielle Aspekte erhebliche Unterschiede zwischen Führung und Basis geben sollte. Auch der Teufel hätte als Diener im Himmel wohl besser gelebt, denn als Herr der Hölle, aber er war eben ein Linker und konnte die Ungleichheit an und für sich nicht ertragen.
Punkt 8: Woher kommt die progressive Weltanschauung bzw. der Kulturmarxismus? Eine evolutionäre Erklärung in dem Sinne, daß sich diese durch die Auslese anderer, der Selbsterhaltung des Managerialismus weniger dienlicher Ideen herausgebildet habe, scheint unzureichend. Ein Managerialismus ohne Linksprogressivismus ist denkbar und auch historisch real.
Antwort 8: Managerialismus ohne Progressivismus ist offenkundig denkbar und bereits real in Erscheinung getreten. Der Progressivismus selbst ist vermutlich als Konsequenz des Scheiterns der Sowjetunion, der durch materielle Fülle bedingten kulturellen Weichheit und der zunehmenden Internationalisierung der Kulturen und der Dehomogenisierung der Völker als naheliegende ‘Gelegenheit’ entstanden.
All diese Faktoren machen seinen Siegeszug weder alternativlos noch unausweichlich, allerdings ist auch die Frage, wieso es zu unseren Lebzeiten die eine Spezies noch gibt, während die andere ausgestorben ist, nie mit Sicherheit beantwortbar. Würde man die Geschichte der Welt in einen früheren Zustand zurückversetzen und die Startbedingungen minimaler Änderungen unterziehen, könnten erhebliche Abweichungen nicht ausgeschlossen werden.
Emilietta Baele: Soweit meine Fragen. Zum Abschluß möchte ich einige Gedanken skizzieren, die weit entfernt von einem stringenten Konzept sind. Es sind Entwürfe, Fragmente, Wegmarken.
Die Gewalt ist keineswegs das mächtigste Mittel der politischen Auseinandersetzung. Totalitäre Regime kamen nicht an die Macht, weil sie bereit waren, Gewalt anzuwenden, sondern weil ihre Gewalterzählung dem damals dominanten Zentralgebiet entsprach.
Macht hat, wer die dominierende Geschichte über Gewalt erzählt. Ob das im Politischen die Verhängung des Ausnahmezustands ist (Carl Schmitt), oder jedes mediale, juristische, pädagogische und sonstige Narrativ über die Legitimität der Anwendung von Gewalt. Der Typus der „Füchse“ verfügt durchaus über Gewalt und wendet sie auch an. Ihre Erzählungen entscheiden derzeit, wann Gewalt wie wirkt, und wann und wie sie überhaupt zum Einsatz kommen darf.
Ein Attentat kann in der einen Geschichte ein folgenloses, banales Blutvergießen sein, bei dem hinterher einer tot und ein anderer eingesperrt ist. Unter anderen Paradigmen, etwa in Phasen der Spätantike, war es ein etabliertes Mittel der Machterlangung. Im Mittelalter gab es recht waghalsige Verschwörungen, um sich in den Besitz einer bestimmten Krone zu bringen – weil diese Krone Herrschaft und damit Gewalt legitimierte und den Anspruch eines Thronprätendenten erheblich stärkte. Nicht, wer ein Schwert nimmt und zuschlägt, hat die Macht. Wer die Krone hat, hat die Macht. Und die Krone ist die „Gewalterzählung“. Ohne die Krone wird ein noch so entschlossener Griff nach der Exekutive peinlich scheitern.
Welche Erzählung tragend wird und funktioniert, ist stets abhängig vom gültigen Zentralgebiet der jeweiligen Epoche. Nach Rolf Peter Sieferle sind die Zentralgebiete jeweils die Konfliktbereiche, die in einer bestimmten historischen Phase als entscheidend angesehen werden, während alle anderen Felder als Privatsache gelten. Nur ein Beispiel: Im 19. Jahrhundert wurde die Ökonomie zum entscheidenen Zentralgebiet, während Fragen der Metaphysik in den Hintergrund traten.
Warum ist dies bedeutsam für die Auseinandersetzung mit der „Anarchotyrannei“? – Nun, weil nur eine dissidente Bewegung historisch angemessen wachsen kann, die die entscheidende Erzählung aufspürt, das kommende Zentralgebiet, das Feld, auf dem sich alles entscheiden wird, und somit auch die „Gewalterzählung“, die künftige Krone.
Ich glaube, daß das Leben selbst dieses Zentralgebiet sein wird. Schon jetzt stützen sich linke Gewaltnarrative mehr und mehr auf Erzählungen von Leben und Tod. Im Kampf um das Lebendige wird eine Zukunft erwachsen, oder es wird keine geben. Und eine Gruppe entschlossener Männer, die zur Gewalt bereit ist, aber die Hegemonie über die Gewalterzählung nicht errungen hat, wird eine tragische Randnotiz bleiben.
Abschließende Gedanken Schattenmacher: Die hier aufgezeigten vermeintlichen Widersprüche lösen sich auf, wenn man der Frage auf den Grund geht, wieso Machtsymbole- und Narrative überhaupt Wirkung entfalten: weil Männer mit Waffen bereit sind, sie zu verteidigen. Rein theoretisch ist es denkbar einen so überzeugendes Narrativ zu erzählen, daß alle Polizisten und Soldaten der BRD ihren Vorgesetzten den Gehorsam verweigern und zur Revolte übergehen. In der Praxis geschieht solcherlei allerdings eher nicht. Attentate entfalten Wirkung, wenn die physischen Kräfte zweier konkurrierender Seiten sich ungefähr ausgleichen und die Auslöschung der gegnerischen Führungsfigur den entscheidenden Ausschlag in diesem Gleichgewicht ausmacht.
Der deutsche Vorbehaltsfilm “Venus vor Gericht”, entstanden im Jahr 1941, enthält eine Szene, in welcher ein Pfändungsbeamter einem idealistischen jungen Künstler mit Schuldforderungen zu Leibe rückt, die dieser nicht zu begleichen im Stande ist, woraufhin der Beamte die Pfändung von Wertgegenständen aus dem Atelier des jungen Mannes beschließt. Er durchsucht die kargen Habseligkeiten des Künstlers und entdeckt dabei in einem Schrank eine Hakenkreuzfahne, welche den Beamten augenblicklich dazu bewegt, seine Pfändung als erfolglos zu verbuchen und den Künstler mit nationalsozialistischen Grüßen zu verabschieden.
Von mir aus mag ein solcher Fall gerne als eine (fiktive, aber vorstellbare) Situation herhalten, in welcher eine ideologische Überzeugung einen Entscheidungsträger dazu bewegt, (überschaubare) materielle Risiken und Verluste einzugehen, zum Wohle seiner weltanschaulichen Überzeugung, über welche er wohl nicht verfügte, wenn nicht zuvor eine ideologische Kraft den politischen Raum propagandistisch erobert hätte.
Nichtsdestotrotz ist leicht ersichtlich, daß die Reichweite solcher Effekte nicht grenzenlos reicht und daß gerade in unserer heutigen Zeit, in der die politische Energie allgemein niedrig und die Bereitschaft zu ideologisch begründeten Risiken gering ist, es eine materielle und organisatorische Basis braucht, um Handlungen zu erzwingen.
Soweit mir bekannt, hat bisher kein an einer Hausdurchsuchung beteiligter Polizist einem Vertreter des rechten Lagers den gleichen Gefallen getan wie der Pfändungsbeamte im Film, während sich tausende von Beispielen dafür finden, daß Menschen allein aufgrund materiellen Drucks politische Entscheidungen mitgetragen haben – Es ist meiner Ansicht nach darob geboten, viel mehr Aufmerksamkeit und Tätigkeit als bisher in den außerideologischen, außersymbolischen, von materiellen Bedingungen geprägten Raum der Realität zu verlagern.
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FraAimerich
Pardon, aber da muß ich schmunzelnd an Pasolinis "120 Tage" denken: "Wir Faschisten sind die einzig wahren Anarchisten. Natürlich erst dann, wenn die Macht im Staate uns gehört!"
Siehe auch: Bandiera Nera