Bißchen peinlich. Die feministische EMMA erschien erstmals im Januar 1977 und hatte in besten Zeiten eine gedruckte Auflage von 250.000, also ungefähr so viel wie heute der Stern. (Ja, der deutsche Zeitschriftenmarkt war nicht immer so lau.)
Über Jahrzehnte wurde bei Print-Medien in Deutschland viel ausprobiert und Geld verdient. In den achtziger, neunziger und frühen Nuller-Jahren gab es ein einzigartiges kulturelles Biotop. Der alte deutsche Zeitschriftenmarkt war mehr als ein Wirtschaftszweig. Er war Teil der kulturellen Infrastruktur Deutschlands. Der Print-Betrieb war groß und stark genug, selbst unwahrscheinliche publizistische Lebensformen für eine gewisse Zeit zu alimentieren. Erinnert sich noch jemand an Die Woche, Max, Tango, Der Freund (von Christian Kracht) oder Park Avenue?
Die Voraussetzung dafür war zunächst ganz vertrieblich. Deutschland verfügte über ein dichtes Netz aus Bahnhofsbuchhandlungen mit langen Öffnungszeiten und Kioske, in denen man Zigaretten holte und Zeitschriften kaufte. Anzeigenwerbung war dadurch reichweitenstark für die Unternehmen und hochprofitabel für die Verlage. Selbst kleine Zielgruppen konnten effizient bedient werden. Print hatte Prestige.
Für den gesellschaftlichen Diskurs war das förderlich. Die Sozialmilieus waren segmentiert, aber räumlich durch Print gekoppelt. Selbst wenn man über ein Blatt die Nase rümpfte, mußte man anerkennen, daß es existiert und nur Zentimeter vom eigenen Lieblingsprodukt entfernt lag – eine Art erzwungene Nachbarschaft mit – halbwegs – friedlicher Koexistenz bei durchaus fundamentalen Streitigkeiten.
Die Konflikte waren manchmal scharf, oft ideologisch aufgeladen. Aber es existierte noch die selbstverständliche Annahme, daß unterschiedliche „Lager“ jeweils Teil desselben kulturellen Raums sein können. Man las gegeneinander, polemisierte gegeneinander, verspottete einander – aber man nahm einander wahr. Öffentlichkeit bedeutete nicht Konsens, sondern gegenseitige Bezugnahme.
Diese nachbarschaftliche Idee entsprach den Grundsätzen des neuorganisierten deutschen Pressevertriebs nach dem Zweiten Weltkrieg. Während das Bundeskartellamt darauf achtet, Monopole zu verhindern und Oligopole einzuschränken, läßt das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) im Bereich der Presse ganz bewußt kartellrechtliche Ausnahmen zu, wenn der „flächendeckende und diskriminierungsfreie Vertrieb“ jeglicher Produkte gewährleistet ist.
Die gemeinsame Erklärung (GE) der Verlegerverbände und des Bundesverbandes Presse-Grosso verpflichtete sich im Jahr 2004 bestätigend zu Neutralität, Nichtdiskriminierung und Vollsortiment. Der Verband warnte vor einem „Diskriminierungsrisiko für kleine Verlage“ und der Gefährdung des „diskriminierungsfreien Marktzugangs“. In einem Positionspapier von 2012 heißt es wörtlich:
Pressegroßhändler haben allen Zeitungen und Zeitschriften zu nicht diskriminierenden Bedingungen und ohne unbillige Behinderungen Zugang zum Pressevertrieb (…) zu gewähren.
Die Wahrheit sieht – wie so oft in unserer Demokratiesimulation – anders aus. Oder haben Sie nicht von großen Kundgebungen gehört, wenn Händlern die Scheiben eingeworfen und die Türschlösser mit Superkleber zerstört wurden, nur weil dort ein mißliebiges (selbstverständlich „rechtes“) Print-Produkt im Regal lag?
Während man einen solchen Versicherungsschaden noch als regionale Petitesse abtun kann, war völlig inakzeptabel, daß VALORA, einer der marktführenden deutschen Pressevertriebe, Zeitschriften aus dem Angebot nahm, weil eine vom Staat bezuschußte und als „e. V.“ steuerlich subventionierte Organisation wie CAMPACT über die Plattform WeAct erfolgreich dazu aufforderte, den Pressevertriebskanal für sogenannte „rechte Hetze“ zu schließen. Der Staat delegitimierte sich wieder einmal selbst.
Heute steckt das Zeitschriftensegment in einem dramatischen Strukturwandel. Soziale Informations-Milieus existieren weiterhin. Aber die verbliebene Bandbreite der Magazine ist oft nur noch Syndizierung, also die Mehrfachverwendung von Content und paßt zum Versuch einer globalen Elite, gesellschaftliche Bindungen in größerem Maßstab zu zerstören, indem man fraktalisierte Identitätspolitik inklusive Opferhierarchien betreibt. Vereinigt durch ein Placebo namens Vielfalt.
Hinzu kommt parallel die unendliche Skalierung der digitalen Veröffentlichungen. Keineswegs geht es hier um Altherren-Gemäkel über den allgemeinen Kulturverfall. Digitalität und KI bieten enorme Chancen und ermöglichen von Musik bis Wissenschaft fantastische Vernetzung und Freiheitsgewinn. Aber Algorithmen wollen uns nicht immer bereichern. Sie servieren suchtfördernd grundsätzlich zunächst „more of the same“.
Der Fußball-Nerd und der Trans-Aktivist, Fans von Windenergie und Hobby Horsing, feministische Linksintellektuelle und konservative Laien-Historiker: Man lebt recht bequem in hermetischen Informationsblasen. Das ist nicht auf intellektuellen Mangel zurückzuführen. Hat man dem Gegner früher einfach häufiger zugehört? Heute schiebt man ihn oft weg, bevor er zu sprechen beginnt. Der irische Theologe und Schriftsteller John O’Donohue schrieb, in einem global-digitalen Dorf gebe es keine echten nachbarschaftlichen Beziehungen mehr.
Technology pretends to unite us. But too often the global village is paved with pathways of false satisfaction. There are no neighbors.
EMMA ist prototypisch für den Wandel des deutschen Zeitschriftenmarktes. Das Blatt hat gegenüber seiner Hochphase 90 % der gedruckten Auflage verloren. Werbung im Blatt ist sehr spärlich. Man hält sich tapfer mit ein paar Kiosk-Verkäufen und einem harten Kern der Abos. Geprüfte aktuelle Zahlen liegen nicht vor. Auf Basis von 2022er Daten könnte man ungefähr 20.000 Abonnenten annehmen, die sich den Spaß 70 Euro pro Jahr kosten lassen. Die Kiosk-Käufer zahlen rund 12 Euro für ein Heft. Das scheint in Summe vorerst noch zu genügen.
Was man dafür bekommt, ist immerhin respektabel. Ein Print-Layout, das so „old school“ daherkommt, daß es schon wieder Freude macht. Kein optischer Firlefanz. Ordentliches Papier. Klebebindung für mehr Hochwertigkeit und Sammlereffekt. Erfrischender Bildanteil, auch großformatig. Größtenteils zweispaltig gesetzt, also komfortabel lesbar. Typografischer Standard mit serifenlosen Schlagzeilen über Serifen-Text. Online leicht angepaßt. Ein Auftritt, der visuell unemotional sein möchte, weil die Themen genug Sprengstoff haben. Bravo.
Wer drin blättert, findet jedes Mal ärgerliches Zeug. Aber auch interessante Inhalte. Die Intro-Rubrik heißt „Menschen“ und stellt hauptsächlich weiblich gelesene (heißt das so?) Personen vor, die man weder mögen noch kennen muß, aber deren Geschichten in einigen Fällen doch bereichern.
Titelthemen wie der Kampf gegen Pornografie und Prostitution, oder die irre Trans-Gesetzgebung am Beispiel Marla-Svenja Liebichs sind einigermaßen seriös als Schwerpunkt aufbereitet.
Ergänzt wird jedes Heft mit diversen Einzelgeschichten, die ein Bemühen um Substanz eint, wie in der aktuellen Ausgabe eine Reportage über Sabine Maur. Die Diplom-Psychologin und Vizepräsidentin der Bundespsychotherapeuten-Kammer ist nach einem vernichtenden Gerichtsbeschluß von ihren Ämtern zurückgetreten. Frau Maur setzte sich unter anderem dafür ein, daß jungen Mädchen schon ab einem Alter von 16 Jahren die Brüste amputiert werden können. Damit diese Verstümmelung von der Krankenkasse reibungslos bezahlt wird, riet die renommierte Bundes-Ideologin bei einer „Online-Fortbildung“ den Teilnehmern dazu, die Einreichungsunterlagen für die Kassen zu manipulieren. Der Skandal wurde neulich auch in anderen Medien kurz beschrieben, war aber nirgends so fundiert und kenntnisreich erklärt wie im feministischen Magazin.
Auch EMMA unterliegt allerdings der herrschenden „Suicidal Empathy“ (Gad Saad). Zugekaufte Artikel, beispielsweise von Autorinnen der Süddeutschen Zeitung oder der taz, prangern erwartungsgemäß „Haßbotschaften“ von „rechten Spitzenfrauen“ in der Politik an und scheitern dann am Versuch, ihre Wählerinnen zu erklären. In einem Bericht über die bundesweite Dunkelfeldstudie zu Gewalt gegen Frauen taucht das Wort „Migrant“ selbstverständlich nicht auf. Dafür ein hübsches Foto von Dobrindt.
Ich wage zu behaupten, daß diese Taktik der eigenen Gründerin nicht gefällt. Alice Schwarzer ist offiziell Herausgeberin und presserechtlich immer noch verantwortlich. Wie stark sich Frau Schwarzer (83) tagesaktuell in die Redaktionssitzungen einmischt, ist schwer zu sagen. Klar ist aber, daß die deutsche Vorzeige-Feministin abseits des Magazins nicht leise wird.
Alice Schwarzer hat ohnehin nie ein Thema anbrennen lassen. Manchmal war sie fortschrittlich, manchmal wirkte sie nur borniert und verkrampft. Über die vielen Jahrzehnte ihrer Arbeit vertrat sie gelegentlich sogar Standpunkte, die man als zivilisationsfeindlich bezeichnen könnte. Die daraus entstandenen Probleme für das weibliche Geschlecht hätten die Frauen deshalb „redlich verdient“, wie Martin Lichtmesz an entsprechender Stelle zürnte.
Aber einer Frau, der von Wikipedia-Aktivisten das Adjektiv „umstritten“ angeklebt wird, sollte man zuhören. Ich sage ausdrücklich zuhören, nicht zustimmen, sei es bei ihrem Kampf gegen den § 218, für den sie zunächst auf dem Titel des STERN behauptet „Ich habe abgetrieben“, um hinterher augenzwinkernd wissen zu lassen, das sei kein Fakt, sondern nur eine öffentlichkeitswirksame „Provokation“ gewesen, sei es bei ihren Kommentaren zum Vergewaltigungsprozeß rund um Kachelmann, den Wetterfrosch mit Social-Media-Tourette. Daß die Feministin diese Verhandlung für die BILD-Zeitung begleitete, während das Blatt weiterhin „Seite-1-Mädchen“ präsentierte, wurde im feministischen Umfeld erwartungsgemäß schwer verübelt.
In den letzten Jahren rückten Schwarzers Positionen gegen den Ukraine-Krieg und gegen die Gefahren des Islamismus („Die große Verschleierung“, 2010) in den Vordergrund. Hinsichtlich migrantischer und islamistischer Gewalt grassiere eine zu große Toleranz, erklärte die Journalistin und befürchtet sogar: „Unser Rechtssystem wird von islamischen Kräften unterwandert“. Wer wollte ihr widersprechen? Nur noch das absterbende Establishment.
Schwarzers Plädoyer für die Beschneidung von Jungs sorgte seinerzeit ebenfalls für Empörung. Unabhängig von der persönlichen Perspektive überrascht hier ihr Bemühen, Positionen zumindest abzugleichen. Als der entsprechende Artikel massiven Gegenwind bekommt, ergänzt sie ihren Essay wie folgt:
Liebe KritikerInnen: Viele eurer Argumente leuchten mir ein. Doch die meinen scheinen mir auch nicht ganz widerlegt. Wir machen darum ein Pro & Contra zur Beschneidung von Jungen in der nächsten EMMA.
Das ist nicht biestig. Das ist souverän. Auch am 8. März bemühte sich Alice Schwarzer anläßlich von gewaltsamen Unterbrechungen ihrer Buchpräsentation im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg um Ausgleich. Demonstranten stürmten die Bühne, weil die Autorin angeblich „transfeindlich“ und „rechts“ sei und weil sie in einem vorangegangenen Interview eine Kanzlerin Weidel für Frauen als „ermutigend“ beschrieb.
Schwarzer bat die Transtifa-Störer um geordnete Diskussion, weil man doch auch miteinander reden könne, wenn man „überhaupt nicht einer Meinung“ sei. Diese Diskurs-Versuche sind, bei aller Berücksichtigung von Schwarzers Sinn für Kampagnen, ein feiner Zug der EMMA-Chefin (selbst wenn sie anschließend mainstream-konform nachschob, die AfD sei eine „Katastrophe“).
Warum empfehle ich einen wohlwollenden Blick selbst auf Blätter wie EMMA? Warum werbe ich um diskursiven Freiraum selbst für Menschen, die „umstritten“ sein mögen, wie Alice Schwarzer? Weil die deutsche Rechte mittlerweile die stärkste Bewegung des Landes ist.
Wir haben den Auftrag, Deutschland zu retten. Für diese Aufgabe sollten wir so viele Mitbürger wie möglich begeistern und in den Dialog einbinden. Auch wenn es unendlich viel Geduld kostet und in manchen Fällen hoffnungslos wirkt. Unsere Bewegung (inklusive der AfD als operativem Arm) ist mittlerweile so etwas wie die virtuelle Gruppenversion eines Bundespräsidenten. Der sollte laut Bundeszentrale für politische Bildung das bieten, was den Kartellparteien verloren ging:
das Gemeinsame repräsentieren, Vertrauen schaffen, moralische Maßstäbe setzen, Ratschläge geben, in Kontroversen ausgleichend wirken und Würde ausstrahlen.
Diese Aufgabe ist für uns alle im Tagesgeschäft nicht immer ganz einfach. Manchmal werden wir wütend über die unverschämten und zerstörerischen Angriffe der Gegner auf Deutschland, oder auf einzelne Mitstreiter. Weil wir fehlbare Menschen sind, würden wir die Angreifer in kühnen Träumen gerne so behandeln, wie sie mit uns umgehen. Oder schlimmer.
Aber die Aufgabe ist zu groß, als daß wir uns durch Hyper-Emotionalisierung vom Weg abbringen lassen wollen. Stattdessen reden. Und machen: Remigration, Finanzpolitik, den tiefen Staat trockenlegen. Kreative Ermüdung bei gleichzeitig vermeintlicher „Unvereinbarkeit“ von Positionen blockiert uns. Diese Killer-Kombi ist im medialen Umfeld genauso unklug, wie an der Spitze einer Volkspartei AfD. Wir brauchen keine vollständige Einigkeit. Wir brauchen gute Nachbarschaft und kraftvolle Gespräche.
Stellen Sie sich nur mal einen Dialog vor zwischen der berüchtigten Ellen Kositza und Alice Schwarzer, Galionsfigur der deutschen Frauenbewegung. So ein Gespräch wäre vielleicht das Medienereignis des Jahres und würde sich womöglich ganz anders entwickeln, als manche befürchten. Liebe EMMAs, ich erinnere an Euren Slogan: „Bleibt mutig“.
Old Linkerhand
Der Freund von Christian Kracht ist einfach unvergesslich. Der schwule Fettsack mit seinem extrem behaarten Körper auf dem Cover von Nr. 1 PS Christian falls du das liest, bitte melde dich doch mal bei mir.