Zum Schlage „Suchtpersönlichkeit“ zu zählen, ist niemandem zu wünschen, und doch hat diese Sorte Neurotiker (im besten Fall) etliche anziehende Glanzseiten: Solche Menschen sind oft besonders kreativ und innovativ, leidenschaftlich, intensiv im Ausdruck und selten langweilig. Man nehme nur Hans Fallada, ETA Hofmann, Ernest Hemingway, Marguerite Duras, Ingeborg Bachmann – die Liste ließe sich schier endlos verlängern. Christoph Peters (*1966) mutmaßt sogar, daß Jackson Pollocks legendäre Klecksbilder seinem alkoholkrankheitsbedingtem Tremor anzurechnen seien.
Nun hat dieser Peters – etliche seiner Bücher wurden bereits in dieser Zeitschrift besprochen, weil er ein exzellenter Autor ist – einen Roman über seine Alkoholsucht und den Ausstieg daraus veröffentlicht. Keinen Ratgeber, kein Sachbuch, sondern einen Roman.
Es hatte zuletzt etliche ganz gute Bücher zum Thema gegeben, den Wälzer Die Klarheit von Leslie Jameson und Nüchtern von Daniel Schreiber etwa. Duktus: selbsttherapeutisch, aufgeklärt, vor allem gesellschaftskritisch (warum Alkohol so „akzeptiert“ ist. Bitte, als Nervengift!).
Entzug von Peters ist ein ganz anderes Kaliber. Es hat nur zwei Kapitel: „Trinken“ (100 Seiten) und „Nicht Trinken“ (290 Seiten). Peters trank von Kindheit an. Es begann mit Mon Cherie als Kind vor der Glotze, zog sich durchs Internat und steigerte sich noch, als er (bald preisgekrönter) Schriftsteller wurde. Klar, er mußte ja trinken, um in die Abgründe seines Romanpersonals hinabsteigen zu können! Nüchtern kann man sich das alles nicht ausdenken!
Die schmerzhafte Wende kommt bereits im ersten Satz des Romans:
“Was macht die Flasche da?”, ruft die Frau. “Welche Flasche?”, rufe ich zurück.
Es folgen dutzend aberwitzige Ausflüchte, warum bitte eine Schnapsflasche auf den Küchentisch stehen könnte. Seit Jahren strukturieren da bereits das Kaufen, Verbergen und Entsorgen von Schnapsflaschen den Alltag des Erzählers. Er ist enorm wortgewandt und um keine Ausrede verlegen. Bevorzugt gießt er Wodka ein, weil das keine „Fahne“ mache. Er labert sich alles zurecht – jaa, gerade trinke er halt etwas mehr, was aber ausschließlich dem künstlerischen Schaffensprozeß geschuldet sei.

Peters‘ Buch über den Abschied vom Alkohol ist so radikal, so ehrlich und ungeschönt, es ist eine Wucht, auch sprachlich. Es ist zugleich ein Abschied vom „Herumgeeiere“. Sentimentalitäten treten auf, laufend – sie werden als solche benannt. Der Alkoholiker sieht scheiße aus, er verhält sich scheiße, er schreibt scheiße. Nicht weniger, nicht mehr.
Aufgrund des Zitterns ist er nicht mal mehr in der Lage zu duschen. Peters macht keine Gefangene, das ist ein Entblößungsroman, der sich wirklich gewaschen hat. Das große Kunststück ist, daß es dennoch nie in trübsinnige Selbstbezichtigung oder Moralisierung mündet. „Klagt nicht, kämpft!“ ist eher die Parole – bei aller Tragik ist das Stück sogar ziemlich witzig.
Peters macht keine Gefangenen, was die Person angeht, die er damals, vor über zwanzig Jahren war. Die häßlichen Szenen in der Eckkneipe schon morgens früh, kettenrauchend hinzu. Das mögliche Durchschautwerden an der Supermarktkasse. Extralaut und lang mit der Chipstüte knistern, um der Frau zu verbergen, daß er im Nebenzimmer rasch noch mal nippt.
Und immer wieder die viel zu vielen jovialen Worte, die er findet, um seinen Zustand, selbst dann in der Entzugsklinik, zu erklären. (Es ist ein schön dialogreicher Roman. Peters schreibt genau so, wie „die Leute“, ob es Therapeuten sind, Krankenschwestern oder Bardamen, wirklich sprechen.) Wie jeder normale Mann haßt der Autor die Vorstellung, mit anderen Menschen im Stuhlkreis zu sitzen und „die Probleme“ zu besprechen. Er hat aber gute Gründe, es durchzuziehen, und er zieht es durch.
Genial ist auch, wie er seine „Kollegen“ im Klinikraum beschreibt – scharf, aber mit dem Blick eines Menschen, der wirklich alle Abgründe kennt.
Der schwerst Depressive, der seit Unzeiten bewegungslos im Nachbarbett liegt, und plötzlich aufsteht, freundliche Worte findet und Tatkraft beweist, als er dem schwer zittrigen Autor den Schrank aufschließt. Die reiche Schöne, die die Therapie abbricht, weil das alles dort unter ihrem “Niveau” ist. Der blutjunge Süchtler, Schüler noch, der mit leiser Stimme seiner Freundin am Handy klagt, er sei hier mit asozialen Pennern eingesperrt. All die Leute, die zum x‑ten Mal dort sind, wie Simon, der so souverän wirkt, so besonnen und stoisch.
Übrigens bereichert auch ein Hufschmied der Superklasse das Personentableau – den kennen wir doch aus Aron Pielkas Bauzeit -?
90% der Trinker werden rückfällig. Das ist also auch ein Heldenroman.
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Christoph Peters: Entzug, München 2026, 395 Seiten, 24 € – hier bestellen
Aron Pielka: Bauzeit, Schnellroda 2025, 516 Seiten, 22 € – hier