Kritik der Woche (82): Entzug

Der Mensch vom Typus „Suchtcharakter“ beschäftigt mich seit früher Jugend. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo war mir elterlicherseits strikt verboten. Ich las es heimlich rauschhaft, vielfach, ich hatte ein Versteck dafür. Das Photo der abhängigen Babsi, 14 - ich konnte nicht wegschauen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Zum Schla­ge „Sucht­per­sön­lich­keit“ zu zäh­len, ist nie­man­dem zu wün­schen, und doch hat die­se Sor­te Neu­ro­ti­ker (im bes­ten Fall) etli­che anzie­hen­de Glanz­sei­ten: Sol­che Men­schen sind oft beson­ders krea­tiv und inno­va­tiv, lei­den­schaft­lich, inten­siv im Aus­druck und sel­ten lang­wei­lig. Man neh­me nur Hans Fal­la­da, ETA Hof­mann, Ernest Heming­way, Mar­gue­ri­te Duras, Inge­borg Bach­mann – die Lis­te lie­ße sich schier end­los ver­län­gern. Chris­toph Peters (*1966) mut­maßt sogar, daß Jack­son Pol­locks legen­dä­re Klecks­bil­der sei­nem alko­hol­krank­heits­be­ding­tem Tre­mor anzu­rech­nen seien.

Nun hat die­ser Peters – etli­che sei­ner Bücher wur­den bereits in die­ser Zeit­schrift bespro­chen, weil er ein exzel­len­ter Autor ist – einen Roman über sei­ne Alko­hol­sucht und den Aus­stieg dar­aus ver­öf­fent­licht. Kei­nen Rat­ge­ber, kein Sach­buch, son­dern einen Roman.

Es hat­te zuletzt etli­che ganz gute Bücher zum The­ma gege­ben, den Wäl­zer Die Klar­heit von Les­lie Jame­son und Nüch­tern von Dani­el Schrei­ber etwa. Duk­tus: selbst­the­ra­peu­tisch, auf­ge­klärt, vor allem gesell­schafts­kri­tisch (war­um Alko­hol so „akzep­tiert“ ist. Bit­te, als Nervengift!).

Ent­zug von Peters ist ein ganz ande­res Kali­ber. Es hat nur zwei Kapi­tel: „Trin­ken“ (100 Sei­ten) und „Nicht Trin­ken“ (290 Sei­ten). Peters trank von Kind­heit an. Es begann mit Mon Che­rie als Kind vor der Glot­ze, zog sich durchs Inter­nat und stei­ger­te sich noch, als er (bald preis­ge­krön­ter) Schrift­stel­ler wur­de. Klar, er muß­te ja trin­ken, um in die Abgrün­de sei­nes Roman­per­so­nals hin­ab­stei­gen zu kön­nen! Nüch­tern kann man sich das alles nicht ausdenken!

Die schmerz­haf­te Wen­de kommt bereits im ers­ten Satz des Romans:

“Was macht die Fla­sche da?”, ruft die Frau. “Wel­che Fla­sche?”, rufe ich zurück.

Es fol­gen dut­zend aber­wit­zi­ge Aus­flüch­te, war­um bit­te eine Schnaps­fla­sche auf den Küchen­tisch ste­hen könn­te. Seit Jah­ren struk­tu­rie­ren da bereits das Kau­fen, Ver­ber­gen und Ent­sor­gen von Schnaps­fla­schen den All­tag des Erzäh­lers. Er ist enorm wort­ge­wandt und um kei­ne Aus­re­de ver­le­gen. Bevor­zugt gießt er Wod­ka ein, weil das kei­ne „Fah­ne“ mache. Er labert sich alles zurecht – jaa, gera­de trin­ke er halt etwas mehr, was aber aus­schließ­lich dem künst­le­ri­schen Schaf­fens­pro­zeß geschul­det sei.

In Wahr­heit trinkt er nicht „etwas mehr“, son­dern säuft wie ein Loch. Als er sich letzt­lich (auch, weil ihm die Frau flö­ten zu gehen droht) in eine Ent­zugs­kli­nik ein­wei­sen läßt, hat er 2,3 Pro­mil­le, 11 Uhr mor­gens, und das ist für sei­ne Ver­hält­nis­se eher unte­rer Durch­schnitt. Er hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren tau­sen­de Alko­hol­fla­schen ver­steckt, vor allem hin­ter der „Islam“-Buchreihe. Und er zit­tert auf Ent­zug noch tage­lang, trotz Medi­ka­ti­on. Zum Glück nur schwe­re Fett­le­ber, kei­ne Zirrhose.

Peters‘ Buch über den Abschied vom Alko­hol ist so radi­kal, so ehr­lich und unge­schönt, es ist eine Wucht, auch sprach­lich. Es ist zugleich ein Abschied vom „Her­um­ge­eie­re“. Sen­ti­men­ta­li­tä­ten tre­ten auf, lau­fend – sie wer­den als sol­che benannt. Der Alko­ho­li­ker sieht schei­ße aus, er ver­hält sich schei­ße, er schreibt schei­ße. Nicht weni­ger, nicht mehr.

Auf­grund des Zit­terns ist er nicht mal mehr in der Lage zu duschen. Peters macht kei­ne Gefan­ge­ne, das ist ein Ent­blö­ßungs­ro­man, der sich wirk­lich gewa­schen hat. Das gro­ße Kunst­stück ist, daß es den­noch nie in trüb­sin­ni­ge Selbst­be­zich­ti­gung oder Mora­li­sie­rung mün­det. „Klagt nicht, kämpft!“ ist eher die Paro­le – bei aller Tra­gik ist das Stück sogar ziem­lich witzig.

Peters macht kei­ne Gefan­ge­nen, was die Per­son angeht, die er damals, vor über zwan­zig Jah­ren war. Die häß­li­chen Sze­nen in der Eck­knei­pe schon mor­gens früh, ket­ten­rau­chend hin­zu. Das mög­li­che Durch­schau­t­wer­den an der Super­markt­kas­se. Extra­l­aut und lang mit der Chips­tü­te knis­tern, um der Frau zu ver­ber­gen, daß er im Neben­zim­mer rasch noch mal nippt.

Und immer wie­der die viel zu vie­len jovia­len Wor­te, die er fin­det, um sei­nen Zustand, selbst dann in der Ent­zugs­kli­nik, zu erklä­ren. (Es ist ein schön dia­logrei­cher Roman. Peters schreibt genau so, wie „die Leu­te“, ob es The­ra­peu­ten sind, Kran­ken­schwes­tern oder Bar­da­men, wirk­lich spre­chen.) Wie jeder nor­ma­le Mann haßt der Autor die Vor­stel­lung, mit ande­ren Men­schen im Stuhl­kreis zu sit­zen und „die Pro­ble­me“ zu bespre­chen. Er hat aber gute Grün­de, es durch­zu­zie­hen, und er zieht es durch.

Geni­al ist auch, wie er sei­ne „Kol­le­gen“ im Kli­nik­raum beschreibt – scharf, aber mit dem Blick eines Men­schen, der wirk­lich alle Abgrün­de kennt.

Der schwerst Depres­si­ve, der seit Unzei­ten bewe­gungs­los im Nach­bar­bett liegt, und plötz­lich auf­steht, freund­li­che Wor­te fin­det und Tat­kraft beweist, als er dem schwer zitt­ri­gen Autor den Schrank auf­schließt. Die rei­che Schö­ne, die die The­ra­pie abbricht, weil das alles dort unter ihrem “Niveau” ist. Der blut­jun­ge Sücht­ler, Schü­ler noch, der mit lei­ser Stim­me sei­ner Freun­din am Han­dy klagt, er sei hier mit aso­zia­len Pen­nern ein­ge­sperrt. All die Leu­te, die zum x‑ten Mal dort sind, wie Simon, der so sou­ve­rän wirkt, so beson­nen und stoisch.

Übri­gens berei­chert auch ein Huf­schmied der Super­klas­se das Per­so­nen­ta­bleau – den ken­nen wir doch aus Aron Piel­kas Bau­zeit -?

90% der Trin­ker wer­den rück­fäl­lig. Das ist also auch ein Heldenroman.

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Chris­toph Peters: Ent­zug, Mün­chen 2026, 395 Sei­ten, 24 € – hier bestel­len
Aron Piel­ka: Bau­zeit, Schnell­ro­da 2025, 516 Sei­ten, 22 € – hier

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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