Aber Helsing stellt keine Wärmepumpen her, sondern KI-gesteuerte Kampfdrohnen namens XR‑2, und Dr. Robert Fink spricht nicht von der Energiewende, sondern davon, daß bemannte Kampfjets gegen die unbemannten, die er zu entwickeln und zu bauen begonnen hat, keinerlei Chance mehr haben werden: Seine werden zehnmal günstiger, stets wach, nie launisch, nie nervös und nie defätistisch sein. Sie werden mehr Informationen in kürzerer Zeit verarbeiten können als jemals der Mensch, und sie werden deshalb zu Manövern in der Lage sein, mit denen nur Tom Cruise auf der Leinwand noch mithalten kann.
Vor allem aber wird, wenn der CA‑1, den Helsing baut, vom Himmel geholt werden sollte, kein Mensch dabei sterben, sondern nur ein Haufen Verbundstoff samt Informationstechnik kaputtgehen. Das ist dasselbe Argument, das auch im Ukrainekrieg verfangen soll, wenn man über die geburtenschwachen Parteien spricht: Wenn aus dünnen Jahrgängen 350 000 Männer verlorengehen (auf jeder Seite so viele), wird es wohl Zeit, auf technischen Ersatz zu bauen.
Podcast: Was ist so faszinierend an der Haltung, der Sprache und dem ganzen Habitus Robert Finks, die man gründlich studieren kann, während er in einem Podcast dem Mitgründer der Online Marketing Rockstars (OMR), Philipp Westermeyer, anderthalb Stunden lang Rede und Antwort steht?
Fink ist am Vortrieb der technischen Kontrolle und Durchleuchtung des Menschen beteiligt, und das Bergbau-Wort »Vortrieb« meint: Er ist wirklich »vor Ort« (wieder Bergbau!), also an der Spitze. Das war er schon als Programmierer und Entwickler bei Palantir.
Dieses 2003 im 9/11-Schock von Peter Thiel und anderen gegründete Unternehmen bemäntelte von vornherein seine Expertise der Datenzusammenführung mit dem Argument, man werde ähnliche Terroranschläge in Zukunft zu verhindern wissen. Man müsse nur Zugriff auf möglichst viele Daten erhalten, dann sei über Verknüpfungen und Auswertungen komplexer Profile ein Profiling, eine Vorhersage möglich.
Robert Fink erzählt im Podcast von der unfaßbaren Dichte an Experten, die Palantir versammeln konnte, und er gibt seiner Überzeugung Ausdruck, daß jene Programme, die er maßgeblich zu entwickeln half, den Demokratien westlichen Zuschnitts das terrorfreie und nichtmanipulative Abhalten von Wahlen ermöglicht hätten.
Dieses Selbstbild, dieser vorgeblich defensive Auftrag ist auch das erste, das einem ins Auge springt, wenn man die Internet-Präsenz der Rüstungsfirma Helsing aufruft. »Zum Schutz unserer Demokratien« steht in Großbuchstaben über Videoclips von aufsteigenden Drohnen, absurrenden Aufklärungstorpedos und dem Prototyp jenes Kampfjets, von dem oben schon die Rede war.
Der moralische Kompaß der Firma wird in Leitlinien festgehalten, das Binnen‑I signalisiert mehr als Worte, und man hat ein Analyse-Tool entwickelt, mit dem man potentielle Kunden (also immer und ausschließlich Staaten) einem Demokratiecheck unterwirft. (Man liegt nicht falsch, wenn man dieses Verfahren abkürzt und »NATO und ein bißchen darüber hinaus« annimmt. Und die Geschichte lehrt, daß Leitsätze dehnbar sind, wenn der Absatzmarkt sich öffnen läßt.)
Robert Fink ist nicht so dumm, das, was er tut, im Stile eines ungeschickten Marketing-Schülers vor allem als idealistisch zu bezeichnen. Auf der Internetseite seiner Firma heißt es zwar:
Der Schutz freier, demokratischer Gesellschaften durch Abschreckung und Verteidigung ist unsere staatsbürgerliche Pflicht und wird bei Helsing als kollektive Verantwortung gesehen. Deshalb investieren wir viel Zeit und Aufwand in die Entwicklung und professionelle Nutzung von zukunftssicheren Technologien wie der künstlichen Intelligenz
– aber man merkt dem CTO an, daß auch er dies für jenen Wort- und Stanzenschwall hält, der in einer Nation, die zwei Weltkriege verlor und so tat, als könne sie nie mehr kämpfen, zum Geschäft gehört. Was, wenn das Land so wäre, daß auf der Startseite von Helsing »Zum Schutz unserer Völker« stehen könnte? Es würde dort stehen, ganz sicher.
Robert Fink wird im Podcast mit der These konfrontiert, daß seine Entscheidung, in Deutschland Wehrtechnik vom Feinsten bauen zu helfen, eine patriotische Entscheidung sei. Und: Er weist diesen Beweggrund nicht von sich, sondern bestätigt ihn, stört sich bloß ein bißchen am wording und will es nicht gleich Patriotismus nennen.
Aber ein paar Abschnitte später erzählt er, daß sogar Alex Karp, Palantir-CEO, mit Verweis auf seine deutschen Wurzeln davon spricht, daß die Deutschen anders und wesentlich an Sachen herangehen würden, und daß das notwendig und naheliegend sei.
These: Derjenige, der weiß, daß er vorn am Vortrieb am rechten Fleck ist, macht das, was er kann, unter allen weltanschaulichen Stimmungen und fast unter allen politischen Systemen. Wir überschätzen nämlich die Geisteswissenschaften und die Künste (Riefenstahl, Breker, Thorak, Benn, Heidegger, Furtwängler, Strauss, viele andere) und unterschätzen die Kontinuität, mit der Wirtschaft und Ingenieurswesen über alle Stunden Null hinweg ihre Geschäfte und ihre Entwicklungen vorantrieben und »sich aufstellten«.
Man darf, wo es um Spitzentechnologie geht und überhaupt um den formfordernden Drang, das Tun-Wollen und Tun-Müssen, sowieso keine hohen moralischen und ethischen Maßstäbe anlegen: Es gibt immer einen, der es tun wird, und warum sollen es, wenn es um die Nation geht, nicht die jeweils Besten tun? Warum sollte man sie ziehen lassen?
Fink spricht davon, daß die Besten, die man an deutschen Universitäten etwas schwieriger auffinde als an den im Wortsinn elitäreren englischen und amerikanischen Orten – daß diese Besten durchaus sehr gern nicht auswandern würden in ein zwar schnelles, aber auch oberflächlicheres Land; sondern, daß sie bleiben wollten oder zurückkehren, weil das alte Europa eben das alte Europa sei.
(Das mit dem »alten Europa« ist nun nicht mehr der Begriff, den Fink wählte, also: nicht explizit, aber dem Sinn nach schon, und er würde diesen Gedanken, läse er ihn, vielleicht umformulieren, aber dadurch ganz ohne Zweifel bestätigen. Glaubt denn ernsthaft jemand, solche Leute bauten Drohnen und unbemannte Jets und dies in München, weil es ihnen um die Verteidigung einer woken Gesellschaft gehe?)
Abschreckung: Helsing unterhält in der Ukraine ein dauerhaftes »Büro«. Man ist »vor Ort« und verteidigt »unsere Demokratien«. Die Erprobung der HX‑2 war ein voller Erfolg. Man ließ die KI-gesteuerte Drohne, die sich für die letzten tausend Meter von manueller Steuerung löst und ihr Ziel selbst findet, analysiert und zerstört, fünfzehn solcher Ziele bei schlechtesten Bedingungen (Schneetreiben, Kälte, Nacht) attackieren.
Diese Aktion war von solchem Erfolg gekrönt, daß die Ukraine zu bestellen begann. Geld, das zuvor maßgeblich von Deutschland zur Verfügung gestellt und nach dem Ende der Blockade durch Ungarn von der EU freigegeben worden war, floß und fließt nun also in deutsche Rüstungsprojekte und Arbeitsplätze zurück.
Helsing hat sich dabei gegen andere Anbieter durchgesetzt, und Robert Fink kann seine Freude darüber im Podcast nicht verbergen. Er will zu denen gehören, die sich durchsetzen mit dem, was sie durchgerechnet, konstruiert und umgesetzt haben. Die Drohne sei der Einstieg in die Hardware-Welt, und die Stimmung in der Firma sei die ehrgeiziger Leute: Man wolle »das an den Markt bringen«, man wolle »das bauen«, diese Defense Technology.
Sicherlich sind das die politisch interessantesten Minuten des Gesprächs. Westermeyer fragt nach dem Faszinosum, für eine so weit vorn im Verschmelzungsbereich zwischen Industrie und Virtualität operierende Firma zu arbeiten – und während er fragt, stehen die Worte »Rüstung, Töten, Krieg« unausgesprochen im Raum, und zwar nicht unwirklich historisch oder theoretisch, sondern aufgeladen mit dem soeben formulierten Ehrgeiz Finks, auf diesen Feldern das wirksamste, also tödlichste Produkt zu bauen.
Finks Antwort ist bemerkenswert: Er habe sich vom »naiven Pazifisten« der 1990er Jahre zu jemandem entwickelt, der in Helsing ein Instrument sehe, Kriege zu verhindern. Seine Firma sei mit ihren »Resilienzfabriken« in der Lage, jene hunderttausend Drohnen zur Verfügung zu stellen, mit denen die Ostgrenze der NATO ein für allemal mit einem Sperriegel versehen werden könne.
Was ist das? Fink vertritt die alte Überzeugung, daß, wer den Frieden wolle, sich auf den Krieg vorzubereiten habe – eine Überzeugung, die über das lateinische »si vis pacem para bellum« in den Namen einer Kurzwaffe mündete (»Peacemaker« für Neusprachler).
Diese Form der Friedensbewegung mittels Aufrüstung ist in den 1970er und 1980er Jahren vehement theoretisch und handfest hinterfragt worden, und die Leitthese, daß jener, der am besten vorbereitet und aufgerüstet sei, beides nie unter Beweis und auf die Probe stellen müsse, begleitete die Bundeswehrjahrgänge noch weit in jene Neunziger hinein, in denen Fink noch naiv und Pazifist war.
Was ist Fink heute? Professioneller Pazifist? Ernüchterter Pazifist? Abschreckungspazifist?
Der Unterschied zur atomaren Abschreckung liegt auf der Hand: Während das Patt zwischen der Sowjetunion und den USA auf der schlichten Tatsache beruhte, daß die Auslöschung ganzer Kontinente niemals wirklich eine militärische Option war, ist die Verfolgung, Einkreisung, Ausspähung und Tötung einzelner Soldaten mittels autonomer Kampf-KI ein Wettbewerb, der nicht das Weiterleben der ganzen Menschheit aufs Spiel setzt, sondern nur das von »Targets«, die aufgespürt und ausgelöscht werden wie Figuren in einem Computerspiel.
Fink hat recht: Das ist der Krieg der Zukunft, und in diese Zukunft hinein entwickelt man sich am besten und authentischsten, indem man sich am Krieg in der Ukraine beteiligt.
Todeszone: Wäre der Ukrainekrieg, wie geplant, durch einen blitzartigen Vorstoß auf Kiew oder durch die rasche Einnahme der vier Oblaste im Südosten nach vier Wochen beendet gewesen, hätte sich die Waffentechnik nicht im selben Maße weiterentwickelt, wie sie es seit vier Jahren tut. Den Militärexperten gehen darüber die Vergleiche aus.
Vor drei Jahren war noch von einem Stellungskrieg die Rede, der an den Ersten Weltkrieg erinnerte, und vor dessen Hintergrund sich die Aufgabe stellte, wie man wieder Bewegung in die Sache bekommen könnte (Jagdkampf kleiner Einheiten, schneller Vorstoß, Bresche, nachrückende Besetzung, also das, was unter anderem Ernst Jünger vor über hundert Jahren mit der Entwicklung des Stoßtrupps versuchte).
Aber dieser neuerliche Bewegungskrieg in der Ukraine ist nach einer sehr kurzen Phase bereits wieder zum Erliegen gekommen. Dies liegt an der Waffentechnik, die Firmen wie Helsing zur Verfügung stellen. Drohnenaufklärung, Drohnenkampf und KI-Unterstützung haben dazu geführt, daß sich der Mensch, der Soldat nicht mehr verbergen und daß er nicht mehr entkommen kann.
Man spricht von einer Todeszone, die sich von der Frontlinie aus in beide Richtungen dreißig, vierzig Kilometer weit ausdehnt. In dieser Zone ist kaum mehr Bewegung möglich. Die Soldaten können nicht versorgt, Verwundete können nicht geborgen werden, Ruhephasen (in den Weltkriegen endete jedes Trommelfeuer nach ein, zwei Tagen – der Feind hatte sich verschossen) gibt es nicht mehr, immer ist der Himmel voll von surrenden Spähern und Angreifern, und die Kameratechnik spürt auch nachts und bei Nebel und unter dichtestem Laub den Menschen auf, der keine Chance mehr hat.
Ist das ein Übergang? Sind die Ukrainer und die Russen, von denen Tag für Tag viele fallen und von deren panischen, aussichtslosen Versuchen, der Maschine zu entkommen, es musikalisch unterlegt Hunderte Clips im Internet zu sehen gibt – sind diese Soldaten nur durch eine dumme, schicksalhafte Fügung noch immer zwischen den Fronten gefangen, an denen sich bald wohl nur noch Kriegstechnik und KI gegenüberstehen werden?
Wehrdienst: Der Herausgeber der Jungen Freiheit, Dieter Stein, äußerte sich jüngst in einem Interview mit der Journalistin Jasmin Kosubek zum Wehrdienst in unserer Zeit. Er argumentierte ganz nach alter Schule und strich heraus, daß im Verlauf unserer Geschichte immer wieder Männer bereit waren, ihr Leben für die Nation hinzugeben. Er würde seinen Sohn nicht davon abbringen, sich für die Verteidigung des Vaterlands zu opfern.
Ich hingegen würde unter den gegebenen Umständen meinem Sohn dieses Opfer ausreden. Diese Umstände gab es auch in früheren Kriegen immer wieder: Die Abnutzungsstrategie, die vor Verdun auf Kosten Hunderttausender Leben angewandt wurde, gehört ebenso dazu wie der Durchhaltebefehl, der an alte Männer und Knaben erging, als der Zweite Weltkrieg unwiderruflich verloren und der Schutz flüchtender Zivilisten nur noch im Osten ein guter Grund war, standzuhalten und weiterzukämpfen.
Man muß wissen, wann der Mensch keine Chance mehr hat. Wenn nun heute ein Krieg Gestalt annimmt, in dem (mit patriotischem Impuls entwickelte) Systeme auf die Systeme des Feindes treffen, müssen unsere jungen Männer nicht als Relikte »im Felde« ihren Dienst versehen.
Ein gebuertiger Hesse
"Et si j’avais cent fils, ils auraient cent chevaux / Pour vite déserter le Sergent et l’Armée" (Paul Verlaine)
Unter den heutigen Umständen umso mehr. Danke für diesen wichtigen Aufsatz.