Erfurt – Rechtsbruch und gute Laune

von Matthias Moosdorf, MdB AfD -- Es gibt Dokumente, die mehr über den Zustand dieses Landes verraten als hundert Sonntagsreden. Die interne Gefahrenprognose der Thüringer Polizei zum AfD-Bundesparteitag an diesem Wochenende ist so ein Dokument. Vierzig Seiten nüchterne Beamtensprache, und zwischen den Zeilen steht eine Ungeheuerlichkeit:

Der Staat weiß ganz genau, was in Erfurt geplant ist. Er weiß, dass rund 2.500 gewalt­be­rei­te Links­extre­mis­ten anrei­sen wer­den. Er weiß, dass die­se Leu­te im Schutz der soge­nann­ten fried­li­chen Mas­se unter­tau­chen, aus ihr her­aus ope­rie­ren und in sie zurück­flüch­ten wer­den. Er schreibt es auf, er ana­ly­siert es, er pro­gnos­ti­ziert eine Ein­satz­la­ge mit erhöh­tem Eska­la­ti­ons- und Gewalt­po­ten­zi­al. Und dann lässt er es geschehen.

Man muss sich die Mecha­nik ein­mal in Ruhe vor Augen füh­ren, weil sie so zynisch ist, dass man sie beim ers­ten Lesen kaum glau­ben mag. Die Poli­zei rech­net damit, dass sich der Pro­test über­wie­gend aus bür­ger­lich-lin­ken, zivil­ge­sell­schaft­li­chen und gewerk­schafts­na­hen Krei­sen zusam­men­setzt. So weit, so harmlos.

Doch die­sel­be Pro­gno­se warnt vor der Betei­li­gung akti­ons­ori­en­tier­ter Grup­pen aus dem links­ra­di­ka­len bis links­extre­mis­ti­schen Spek­trum, die auf Stör- und Blo­cka­de­hand­lun­gen aus­ge­rich­tet sind. Und dann folgt der ent­schei­den­de Satz: Es sei mit einer Ver­mi­schung der Teil­neh­mer­grup­pen zu rech­nen, wodurch eine kla­re Tren­nung zwi­schen fried­li­chem Pro­test und Gewalt­ak­tio­nen unmög­lich wird.

Ver­mi­schung. Was für ein ste­ri­les Wort für einen schmut­zi­gen Vor­gang. Die Omas gegen Rechts, die Gewerk­schafts­fa­mi­li­en, die Kir­chen­chö­re und Schul­klas­sen, die am Sams­tag durch Erfurt zie­hen, sind in die­ser Cho­reo­gra­fie nicht ein­fach Demons­tran­ten. Sie sind Deckung. Sie sind der Nebel, in dem der schwar­ze Block ver­schwin­det, wenn die Stei­ne geflo­gen sind. Sie sind, ob sie es wahr­ha­ben wol­len oder nicht, mensch­li­che Schutz­schil­de für Leu­te, die den Rechts­staat ver­ach­ten und das an die­sem Wochen­en­de auch prak­tisch bewei­sen wollen.

Nie­mand kann hin­ter­her behaup­ten, man habe von nichts gewusst. Das Bünd­nis Wider­set­zen, das mit inzwi­schen 91 Orts­grup­pen bun­des­weit mobi­li­siert, macht aus sei­nen Absich­ten nicht das gerings­te Geheim­nis. Der Par­tei­tag sol­le blo­ckiert, min­des­tens mas­siv ver­zö­gert werden.

Ein Spre­cher ver­kün­de­te offen, man set­ze auf so viel Mas­se, dass die Poli­zei nicht mehr räu­men kön­ne. Als das Lan­des­ver­wal­tungs­amt dar­auf­hin Ver­bots­zo­nen rund um die Mes­se und ent­lang der Auto­bah­nen 4 und 71 ver­füg­te, kam die Ant­wort prompt: Das Ver­bot wer­de fal­len, ent­we­der vor Gericht oder weil sich schlicht nie­mand dar­an halte.

Das ist kei­ne Demons­tra­ti­on mehr. Das ist die öffent­li­che Ankün­di­gung eines orga­ni­sier­ten Rechts­bruchs, gar­niert mit der Dro­hung, staat­li­che Ver­fü­gun­gen durch schie­re Mas­se zu erle­di­gen. Über 200 Bus­se sind gechar­tert, zwi­schen 35.000 und 50.000 Gegen­de­mons­tran­ten wer­den erwar­tet, die Poli­zei muss­te Hun­dert­schaf­ten aus elf Bun­des­län­dern und von der Bun­des­po­li­zei zusam­men­krat­zen, um über­haupt eine Chan­ce zu haben.

Und wofür das alles? Damit 600 Dele­gier­te einer Par­tei, die in Umfra­gen stärks­te Kraft im Land ist, ihren ver­fas­sungs­recht­lich vor­ge­schrie­be­nen Par­tei­tag abhal­ten kön­nen. Man las­se sich die­sen Satz auf der Zun­ge zer­ge­hen: Der deut­sche Staat muss im Jahr 2026 einen mili­tär­ähn­li­chen Groß­ein­satz fah­ren, damit eine lega­le Par­tei tagen darf.

Wer wis­sen will, wie das Wochen­en­de läuft, muss nur ins Archiv schau­en. Im Janu­ar 2025 blo­ckier­ten in Rie­sa Tau­sen­de Akti­vis­ten sämt­li­che Zufahrts­we­ge zum dama­li­gen Bun­des­par­tei­tag. Dele­gier­te muss­ten ihre Autos ste­hen las­sen und kilo­me­ter­weit zu Fuß gehen, Kenn­zei­chen wur­den abmon­tiert, Fahr­zeu­ge beklebt, der Par­tei­tag begann mit über zwei Stun­den Ver­spä­tung. Die Sze­ne fei­er­te das anschlie­ßend als Erfolg und gelob­te, beim nächs­ten Mal noch bes­ser orga­ni­siert zu sein. Die­ses nächs­te Mal ist jetzt.

Die Gefah­ren­pro­gno­se der Thü­rin­ger Beam­ten liest sich stre­cken­wei­se wie das Ein­ge­ständ­nis, dass Erfurt Rie­sa noch über­tref­fen wird: mehr Teil­neh­mer, mehr Pro­fes­sio­na­li­tät, dezen­tra­le Klein­grup­pen, hoch­mo­bi­le Aktio­nen ent­lang der Anfahrts­we­ge, ein Rota­ti­ons­sys­tem, das für die Ein­satz­kräf­te kaum zu durch­schau­en ist.

Und wer steht Pate bei die­sem Spektakel?

  • Die Lin­ken-Vor­sit­zen­de erklärt wört­lich, man unter­stüt­ze jeden Pro­test, der den Par­tei­tag so weit blo­ckie­re, dass er nicht nor­mal statt­fin­den könne.
  • Der Chef der Grü­nen Jugend bekennt sich offen zu rechts­wid­ri­gen Aktio­nen und nennt sie eine Pflicht.
  • Pro­mi­nen­te Kli­ma­ak­ti­vis­ten und der Cam­pact-Geschäfts­füh­rer kün­di­gen ihre Teil­nah­me an Sitz­blo­cka­den an, als hand­le es sich um einen Betriebsausflug.
  • Und Kat­rin Göring-Eckardt schwa­dro­niert von einem Fest der Demo­kra­tie, wäh­rend die Poli­zei ihres Hei­mat­lan­des intern vor einer kon­kre­ten Gefahr erheb­li­cher Stö­run­gen der öffent­li­chen Sicher­heit warnt.

Die Anmel­der der größ­ten Ein­zel­de­mons­tra­ti­on mit 15.000 erwar­te­ten Teil­neh­mern sind übri­gens Funk­tio­nä­re des DGB, unter­stützt von rund 190 Orga­ni­sa­tio­nen. Mit­glieds­bei­trä­ge von Arbeit­neh­mern finan­zie­ren also die Infra­struk­tur, in deren Wind­schat­ten Extre­mis­ten ihre Ein­sät­ze vor­be­rei­ten. Man fragt sich, was ein Dach­de­cker oder eine Kran­ken­schwes­ter davon hat.

In Erfurt gilt: Wer sich am Sams­tag in eine Men­ge ein­reiht, von der die Poli­zei schwarz auf weiß pro­gnos­ti­ziert, dass aus ihr her­aus Gewalt ver­übt wer­den wird, gilt als Held der Zivil­ge­sell­schaft. Die Ver­mi­schung, vor der die Beam­ten war­nen, ist ja kein Betriebs­un­fall. Sie ist das Geschäfts­mo­dell. Die bür­ger­li­chen Demons­tran­ten wis­sen, wen sie decken. Die Poli­ti­ker, die zur Teil­nah­me auf­ru­fen, wis­sen es auch. Es gibt zwi­schen dem lin­ken Estab­lish­ment und dem links­extre­men Rand kei­ne Brand­mau­er, es gibt nicht ein­mal einen Gar­ten­zaun. Man kennt sich, man braucht sich, man schützt sich.

Was auch immer am Wochen­en­de in Erfurt pas­siert, eines steht jetzt schon fest: Die Ver­ant­wor­tung dafür trägt nicht nur der Ver­mumm­te, der zuschlägt. Sie tra­gen alle, die sehen­den Auges das Umfeld bereit­stel­len, in dem er agie­ren kann. Sie tra­gen die Funk­tio­nä­re, die Bus­se char­tern. Sie tra­gen die Abge­ord­ne­ten, die Rechts­brü­che zur Bür­ger­pflicht adeln. Und sie trägt ein Staat, der sei­ne eige­nen Lage­ana­ly­sen offen­bar nur noch schreibt, um sie anschlie­ßend zu ignorieren.

Die AfD wird von die­sem Wochen­en­de pro­fi­tie­ren, so viel ist sicher. Nichts treibt einer Oppo­si­ti­ons­par­tei mehr Wäh­ler zu als Bil­der, auf denen ihr Par­tei­tag von einem Mob bela­gert wird, wäh­rend die poli­ti­sche Kon­kur­renz applaudiert.

– –

Mat­thi­as Moos­dorf hat jüngst das Buch Kul­tur von rechts vor­ge­legt. Er wird über die­ses The­ma auf dem Som­mer­fest in Schnell­ro­da mit Hans-Tho­mas Till­schnei­der ein Gespräch führen.

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Kommentare (12)

Franz Bettinger

3. Juli 2026 09:31

Der letzte Satz ist das Entscheidende. Nicht ohne Grund ist die AfD von 11% in 2020 auf nun 29% hochgeschnellt. Die Deppen, die da in Erfurt gegen die Demokratie protestieren, sind sich der Wirkung nicht mal bewusst. Gut so! 

Le Chasseur

3. Juli 2026 09:32

OT: "Bei der 65 Jahre alten Fahrerin des Fluchtwagens nach der Gewalttat von Stade handelt es sich um die Schwiegermutter des niedersächsischen Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe, Deniz Kurku. Das ließ der SPD-Politiker in einer Stellungnahme über einen Rechtsanwalt mitteilen."
Quelle
 

Martha

3. Juli 2026 09:57

Danke, Herr Moosdorf, genau so ist es. Danke auch für das Anstoßen einer nun immer breiteren Diskussion über die Notwendigkeit, sich rechts intensiver mit der Kultur zu befassen. Man kann in vielem anderer Meinung sein, doch Ihr Buch ist lesenswert.

RMH

3. Juli 2026 10:02

Was will der Autor mit diesem Beitrag bewirken? Hier, in diesem Kreis, bei dem vermutlich die Allermeisten selber entsprechende Erfahrungen gemacht haben (ich bspw. durch Teilnahme an frühen West-Pegida Demos & als Augenzeuge von Übergriffen während der Corona-Zeit, bei der der organisierte linke Mob auch als auxiliarii des Staates diente), erzählt er nichts Neues. Dass von den mitlesenden Augen des Staates jetzt evtl. ein einzelner Gewissenbisse bekommt, ist unwahrscheinlich. Die, die im Inneren bei der Opposition sind, wissen es auch schon längst. Was bleibt also? Die AfD Delegierten müssen jetzt diesen Opfergang gehen, ansonsten dürfen sie keine Köche in der heißen Küche mehr sein. Mit diesem Gang wird dann auch der letzte Absatz des Artikels sich bewahrheiten: Die, die AfD wählen wollten, werden jetzt erst recht AfD wählen. Warum macht die Linke dann eigentlich sowas? Sie weiß, dass damit auch die AfD sich weg von der bürgerlichen Partei entwickeln & selber radikaler nach solchen Erfahrungen werden kann: Das alte Gemüse fürs Parteiverbot soll unter Druck des Schnellkochtopfs schneller gar werden. Im Übrigen wünsche ich allen Teilnehmern viel Glück, haltet es durch & trotz aller Unkenrufe der Medien wird vom Ausland keine Hilfe kommen. Bleibt Eurer sachpolitischen Linie treu, lässt euch nicht provozieren, radikalisieren. Die Mehrheit Deutschlands braucht Euch, nicht wir, die wir hier lesen & kommentieren.

Rheinlaender

3. Juli 2026 10:19

Man agiert beim Kampf gegen die AfD ähnlich unfähig wie in anderen Bereichen. Auf der einen Seite das Narrativ "wir beschützen unsere tolerante und weltoffene Demokratie gegen hasserfüllte Nazis" ins Zentrum der eigenen Aktivitäten zu stellen und sich auf der anderen Seite auf gewalttätige Linksextremisten abzustützen die ihre Gewalt allgemein sichtbar mit eindrucksvollen Bildern inszenerien, werden, ist ein Widerspruch, der auch weniger luziden Mitbürgern auffällt.
Es hilft der AfD, dass auf der anderen Seite offenbar nicht mehr strategisch gedacht wird. Mein Eindruck ist, dass diejenigen, die die AfD gerne kompetenter bekämpfen würden, sich zurückhalten, weil sie Angst haben, dass sachliche Aussagen als Ausdruck mangelnder Konformität zum moralistischen Zwangskonsens interpretiert werden könnten.

Laurenz

3. Juli 2026 10:38

Werter Herr Moosdorf, vermute, Sie werden noch jeden Tag Hand an Ihr Cello legen. Niemand erwartet daher von Ihnen, daß Sie Sich in einer Straßenkeilerei die Finger ruinieren. Aber hier zählt wieder, was ich schon im letzten Jahrzehnt auf der SiN schrieb, die AfD braucht mehr Geld. Da kann man dann, wie das die Gewerkschaften handhaben, gegen Geld 20k Gegendemonstranten mit Bussen rankarren & 200 Sicherheitsdienste engagieren, die mit dem Schwarzen Block kurzen Prozeß machen. Linke verstehen einfach nichts anderes. Das ist natürlich eine Weimarisierung, keine Frage. Aber verhindern können wir dies eh nicht. Und das muß dann genauso so an Parteitagen der Kartellparteien ablaufen. Viele mögen einwenden, das gäbe schlechte Presse. Die Hofberichterstatter schreiben eh mies über uns. Aber weltweit erzeugen diese Bilder dann viel mehr Druck auf die BunteJunta.

MARCEL

3. Juli 2026 11:02

Der Staat erklärt einer Partei den Krieg, und diese Partei antwortet ihrerseits nicht mit Krieg, sondern geht tapfer, entsagungsvoll den Weg der strikten Legalität - so weit, so erfolgreich und richtig.
Jetzt: Nach einem Wahlsieg der AfD muss man allerdings mit mehr rechnen - mit deutlich mehr! 
P.S. Im Nordirland-Konflikt sprach man von Collusion

Le Chasseur

3. Juli 2026 11:19

@Rheinlaender
"Man agiert beim Kampf gegen die AfD ähnlich unfähig wie in anderen Bereichen. Auf der einen Seite das Narrativ "wir beschützen unsere tolerante und weltoffene Demokratie gegen hasserfüllte Nazis" ins Zentrum der eigenen Aktivitäten zu stellen und sich auf der anderen Seite auf gewalttätige Linksextremisten abzustützen die ihre Gewalt allgemein sichtbar mit eindrucksvollen Bildern inszenerien, werden, ist ein Widerspruch, der auch weniger luziden Mitbürgern auffällt."
Man (=der deutsche Staat) agiert beim Kampf gegen die AfD ähnlich unfähig wie in anderen Bereichen. Auf der einen Seite das Narrativ "wir beschützen unsere tolerante und weltoffene Demokratie gegen hasserfüllte Nazis" ins Zentrum der eigenen Aktivitäten zu stellen und auf der anderen Seite hasserfüllte Nazis mit Geld und Waffen zu versorgen, die ihre Gewalt allgemein sichtbar mit eindrucksvollen Bildern inszenieren, werden, ist ein Widerspruch, der auch weniger luziden Mitbürgern auffällt.

RMH

3. Juli 2026 11:28

@Marcel, stimme dem ersten Satz Ihres Beitrages zu, aber Sie meinen doch "vor einem Wahlsieg" und nicht "nach", oder?

Rabenkaiser

3. Juli 2026 13:57

Die Gegenseite zieht doch ständig unangemessene Parallelen zwischen der AfD und der NSDAP. Ich frage mich, warum seitens der AfD nicht die mittlerweile vollkommen angemessene Parallele zwischen NSDAP und Anti-AfD-Mob gezogen wird bzw. den Altparteien und -medien nicht öfter der Spiegel vorgehalten wird? Die NSDAP und die Sturmabteilung haben Versammlungen, Kundgebungen und Parteitage der SPD massiv gestört und teils gewaltsam gesprengt - und schließlich verboten.

MARCEL

3. Juli 2026 15:18

@RMH
Genauso: nach einem Wahlsieg
Es wird keine Entwarnung geben können. Der Hass (die Besessenheit?) der Gegner hat para-religiöse Dimensionen angenommen. Alles ist möglich, auch nach einem Wahlsieg. Der erste Feind ist die Illusion, hüten wir uns vor ihr.

Laurenz

3. Juli 2026 15:48

@Rabenkaiser ... Um historisch seriell genau zu sein, war es zuerst der Rotfront-Kämpferbund, der Parteiveranstaltungen der Mitbewerber, meist mit Stahlstangen bewaffnet, sprengte. Der Aufbau der SA war quasi eine Reaktion darauf. Daß irgendwann die SA nicht mehr nur dem Schutz von Veranstaltungen diente, liegt einfach in der Natur der Sache. Man erwidert immer wieder die gegenseitigen Besuche.