Kritik der Woche (85): Tagebuch eines Landpfarrers

Es gibt Unglücksmenschen. Menschen, denen alles mißlingt, die das Unglück anziehen, die den Argwohn ihrer Mitmenschen wecken, auch wenn dazu kein Grund besteht.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph.

Die sich lin­kisch beneh­men und nicht in der Lage sind, durch ein offe­nes Wort die Situa­ti­on zu klä­ren. Alles, was sie tun, gerät ihnen zum Gegen­teil. Zu einer tra­gi­schen Figur wird so ein Mensch, wenn sein Beruf dar­in besteht, eine Auto­ri­täts­per­son zu sein.

Der tage­buch­schrei­ben­de Land­pfar­rer ist so ein Mensch. Der nicht mehr ganz jun­ge Mann bekommt 1920 sei­ne ers­te Gemein­de zuge­wie­sen, ein Dorf im nörd­li­chen Frank­reich: „die Häu­ser dicht gedrängt, arm­se­lig unter dem Novem­ber­him­mel“. Er trifft dort auf eine Mau­er aus Ableh­nung und Unverständnis:

Mei­ne Pfarr­ge­mein­de ist von Gleich­gül­tig­keit zer­fres­sen, von Lethar­gie […]. Eine Krank­heit, mit der man sehr lan­ge leben kann.

Der Pfar­rer, den nur das Gebet vor der Ver­zweif­lung bewahrt, nimmt sich viel vor: regel­mä­ßi­ge Besu­che bei den Gemein­de­mit­glie­dern, die Grün­dung eines Fuß­ball­ver­eins, ein gutes Ver­hält­nis zur gräf­li­chen Fami­lie, fes­seln­den Kom­mu­ni­onun­ter­richt für die Klei­nen und vie­les mehr.

Nichts gelingt ihm. Der Graf ist miß­trau­isch, sei­ne Vor­ge­setz­ten sowie­so, die Kin­der trei­ben ihren Scha­ber­nack mit ihm, und das Dorf denkt, er sei ein Trin­ker, weil er auf­grund von Magen­pro­ble­men, die sich bald als töd­li­cher Krebs her­aus­stel­len, nur Brot und Wein zu sich neh­men kann (und ein ent­spre­chend erbärm­li­ches Erschei­nungs­bild abgibt). Dabei ist er bet­tel­arm, muß sich Geld lei­hen, mit dem er nicht umge­hen kann.

Sein ein­zi­ger Ver­trau­ter ist ein älte­rer Pfar­rer, der eine Nach­bar­ge­mein­de betreut, und der in fast allem das Gegen­teil des Tage­buch­schrei­ber ist: fül­lig, lebens­froh, abge­klärt, wohl­ha­bend, aber dem Land­pfar­rer väter­lich zugetan.

Der Roman, 1936 erschie­nen, ist das erfolg­reichs­te Buch von Geor­ges Ber­na­nos (1888–1948), das nicht nur in Frank­reich ein Best­sel­ler war und ver­filmt wur­de, son­dern auch in Deutsch­land noch im glei­chen Jahr erschien und hun­der­tau­send­fach Ver­brei­tung fand.

Ber­na­nos ver­faß­te neben Erzäh­lun­gen und Roma­nen zahl­rei­che Essays, die sich mit poli­ti­schen und reli­giö­sen Fra­gen befas­sen. Als Stu­dent betei­lig­te er sich an mon­ar­chis­ti­schen Aktio­nen, saß dafür im Gefäng­nis, gehör­te zur Action Fran­cai­se von Charles Maur­ras und zum syn­di­ka­lis­ti­schen Cer­cles Proudhon, sag­te sich spä­ter aber von der­lei Unter­neh­mun­gen los. Er hei­ra­te­te eine Frau, die in gera­der Linie von einem Bru­der von Jean­ne d’Arc abstamm­te und bekam mit ihr sechs Kin­der. Die Kin­der und kind­lich-nai­ve Erwach­se­ne wie der Land­pfar­rer, ste­hen im Mit­tel­punkt sei­nes Wer­kes, weil er ihnen einen beson­de­ren Zugang zu Gott zuschreibt.

Ber­na­nos hat das tat­säch­lich groß­ar­ti­ge Tage­buch eines Land­pfar­rers selbst als etwas ganz Her­aus­ge­ho­be­nes in sei­nem Werk betrach­tet: „Ja, ich lie­be die­ses Buch. Ich lie­be es, als wäre es nicht von mir. Die ande­ren habe ich nicht geliebt.“ Das klingt ange­sichts der trau­ri­gen Geschich­te, als bestün­de für Ber­na­nos das irdi­sche Leben vor allem im Lei­den und der Vor­be­rei­tung auf das Jen­seits. Daß Gott auch in die­ser Welt anwe­send ist, wird aber nicht nur am Land­pfar­rer selbst, son­dern auch an eini­gen ande­ren Per­so­nen des Buches deutlich.

Die Form des Tage­buchs gibt Ber­na­nos zudem die Gele­gen­heit, die The­men, die ihn beschäf­ti­gen, aus­führ­lich zu dis­ku­tie­ren. Neben der Gleich­gül­tig­keit ist das die die Fra­ge, ob Chris­tus die Armen ganz beson­ders liebt.

Die Neu­aus­ga­be des Buches leis­tet zum Ver­ständ­nis die­ser Debat­ten wert­vol­le Diens­te. Der Anhang bie­tet neben dem Nach­wort einen aus­führ­li­chen Kom­men­tar zum Text, eine Cha­rak­te­ri­sie­rung der Haupt­per­so­nen und ein alpha­be­ti­sches Glos­sar. Der Her­aus­ge­ber, Bern­hard Lang (*1946), ist als katho­li­scher Theo­lo­ge und Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­ler in der Lage, den Roman in den zeit­li­chen und reli­giö­sen Kon­text ein­zu­bet­ten. Dazu mag ein Blick in die Erläu­te­rung der Armut genü­gen, die „zumin­dest die heu­ti­ge Leser­schaft mit einer ihr unbe­kann­ten und zwei­fel­los frag­wür­di­gen Mys­ti­fi­ka­ti­on“ überrascht.

Lang trägt eini­ges zur Auf­klä­rung die­ser Fra­ge bei, aller­dings hät­te man gern gewußt, wovon ein Pfar­rer damals leben muß­te, da der Land­pfar­rer sich kaum das Not­wen­digs­te leis­ten kann. Hin­zu kommt, daß Ber­na­nos bei aller Mys­ti­fi­ka­ti­on immer wie­der die Bedeu­tung der Erb­an­la­gen betont. Der Land­pfar­rer, der aus arm­se­ligs­ten Ver­hält­nis­sen stammt, hat­te Trin­ker zu Vor­fah­ren, was sein Lei­den erklärt. Erlöst wird er trotz­dem. Lang zufol­ge hat Ber­na­nos beim Lei­dens­weg des Land­pfar­rers eini­ge Par­al­le­len zum Leben Jesu eingebaut.

Was fehlt, ist eine Aus­sa­ge zu der Fra­ge, war­um es eine Neu­über­set­zung des Tex­tes brauch­te. Ver­streut fin­den sich Hin­wei­se, daß Ber­na­nos, der das Buch am Café­haus­tisch als Fort­set­zungs­ro­man für eine Zeit­schrift schrieb, durch die Hast ein paar Feh­ler gemacht habe, z.B. Pfei­fe und Ziga­ret­te ver­wech­selt, die in der Neu­über­set­zung berei­nigt wurden.

Das war aller­dings auch schon bei der klas­si­schen Über­set­zung von 1936 teil­wei­se der Fall. Beim Ver­gleich bei­der Über­set­zun­gen wird deut­lich, daß die Spra­che moder­ni­siert wur­de. Mit­un­ter zum Vor­teil, aber nicht immer. Die Phra­se „dann macht es wenig Sinn“ ist viel­leicht modern, aber kein gutes Deutsch.

Geor­ges Ber­na­nos: Tage­buch eines Land­pfar­rers. Ber­lin 2026, 454 Sei­ten, 38 Euro – hier bestel­len

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph.

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Kommentare (2)

Gracchus

15. Juli 2026 11:37

Das lese ich auch gerade. Die neue Übersetzung liest sich wesentlich flüssiger. Über die Wendung "macht Sinn" bin ich auch gestolpert. Lässt sich aber rechtfertigen, weil der Pfarrer sich ja an der Alltagssprache orientiert; kenne das Original und dessen Sprachniveau nicht. Da der Text aber insgesamt aufgrund der behandelten Themen eine gewisse Patina hat, wirkt die Wendung anachronistisch. 

Gracchus

15. Juli 2026 11:52

Trotz des historischen Abstands stark und absolut lesenswert. Auf den ersten 100 Seiten hab ich etliches schon angestrichen. Geht auch an die Nieren. Bernanos zeichnet das Sterben der katholischen Welt auf, den Augenblick, bevor die Kirche den säkularen Humanismus (vollends) adaptiert hat. Aufhänger sind die "Armen".