Die AWO und die Antifa

von Wiggo Mann -- "Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt."

Die­se ers­ten Zei­len aus Hein­rich Manns Roman Der Unter­tan könn­ten einem in den Sinn kom­men, wenn man sieht, wie der jun­ge Lukas Wan­ke sprach­lich und ges­tisch durch ein Inter­view mit einer hüb­schen Zei­tungs­re­por­te­rin stol­pert. Wer ist Lukas Wan­ke, wer­den Sie fra­gen? Dazu gleich mehr.

Das Som­mer­fest in Schnell­ro­da liegt hin­ter uns. Fröh­li­che Stim­mung, inter­es­san­tes Pro­gramm, gute Gesprä­che. Und als folk­lo­ris­ti­sches Extra wie jedes Jahr ein Anti­fa-Trup­pe, wel­che sich zuneh­mend mit Regen­schir­men aus­stat­tet, wie eine Pro­test-Ver­si­on von Mary Poppins.

Es ging nicht alles glatt für die Anti­fa – obwohl es nicht schwie­rig ist, kei­ne Feh­ler zu machen. Bloß hat­te man sich auf den Ade­nau­er-BUS des Zen­trums für poli­ti­sche Schön­heit gefreut, aber der kam nicht an. Män­gel, Defek­te, fal­sche Abzwei­gung? Jeden­falls setz­te die Poli­zei den Bus fest. Die Trup­pe war­te­te hin­ter dem Absperr­git­ter. Dort wur­den den Demons­tran­ten laut ihrem Insta­gram-Account „kuli­na­ri­sche Lecker­bis­sen“ wie Scho­ko­muf­fins angeboten.

Der Mag­de­bur­ger „Rechts­extre­mis­mus-Exper­te“ David Beg­rich erklär­te laut mdr vor eini­ger Zeit, sol­che „Pro­tes­te in Klein­städ­ten könn­ten den Anspruch der AfD, eine Vor­macht­stel­lung zu haben, vor Ort infra­ge stel­len.“ Ja, “könn­ten” – aber Kon­junk­tiv bleibt Kon­junk­tiv, und ver­mummt hin­ter Regen­schir­men bei schlech­ter Musik?

An der Spit­ze des Pro­tests mar­schiert seit Jah­ren das „Kol­lek­tiv IfS dicht­ma­chen“. Es hat wohl bis­her nicht gemerkt, daß es das IfS, das Insti­tut für Staats­po­li­tik, seit zwei Jah­ren nicht mehr gibt. Aber wer vom anti­fa­schis­ti­schen Wider­stand lebt, kann sich nicht ein­fach selbst dicht­ma­chen, auch dann nicht, wenn das, was dicht­ge­macht wer­den soll­te, gar nicht mehr vor­han­den ist.

Kurz vor dem Event am 11. und 12. Juli in Schnell­ro­da wur­de jeden­falls auf der Blog-Sei­te des Kol­lek­tivs wie­der zur Demons­tra­ti­on und Beläs­ti­gung der Som­mer­fest-Besu­cher auf­ge­ru­fen. Im Sin­ne des Pres­se­rechts ist dafür Lukas Wan­ke ver­ant­wort­lich. Herr Wan­ke ist Mit­ar­bei­ter von Hen­drik Lan­ge, einem sach­sen-anhal­ti­schen Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten der SED-Nach­fol­ge­par­tei mit Büro in Halle/Saale. Die Lebens­läu­fe der Stu­den­ten-Kum­pels Wan­ke und Lan­ge von der Mar­tin-Luther-Uni­ver­si­tät sind schnell erzählt: Von der Uni direkt in die Poli­tik. Bei­de haben aus­weis­lich öffent­li­cher Vita noch nie als Net­to­steu­er­zah­ler zum Gemein­we­sen beigetragen.

Ist Wan­kes „IfS dicht­ma­chen“ dem­nach die Akti­on eines poli­ti­schen Man­dats­trä­gers? Nein, das läßt sich nicht bele­gen. Die ladungs­fä­hi­ge Adres­se des Kol­lek­tivs ist natür­lich nicht das Büro des Abge­ord­ne­ten Lan­ge, son­dern ein soge­nann­tes Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­haus in Merseburg.

War­um resi­diert „IfS dicht­ma­chen“ gera­de dort? Wir wis­sen es nicht. Was wir aber wis­sen ist, daß im Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­haus Mer­se­burg auch Bera­tungs­ter­mi­ne des Ver­eins „Lebens­art“ gebucht wer­den kön­nen, einer im Ver­eins­re­gis­ter des Amts­ge­richts Stend­al (Nr. 20532) ein­ge­tra­ge­nen Orga­ni­sa­ti­on, die MdL Hen­drik Lan­ge, also der Arbeit­ge­ber von Lukas Wan­ke, als Vor­stand ver­tritt. Die Welt ist klein.

„Lebens­art e.V.“ im Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­haus hört sich nett an. Klingt nach Wein­ver­kos­tung und gemein­sa­men Kon­zert-Besu­chen unter­schied­li­cher Alters­grup­pen. Tat­säch­lich geht es dem Ver­ein aber um etwas ganz ande­res: „LSBTI*“. Die Ursprungs-Idee ent­stand – kein Scherz – natür­lich auf einem Evan­ge­li­schen Kir­chen­tag. Als „AK Lust“ gegrün­det, berät der Ver­ein heu­te auch „Jugend­li­che ab 12 Jah­ren“, zum Bei­spiel, wenn „sie sich noch nicht sicher sind, ob sie viel­leicht trans* sind.“

Der Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Hen­drik Lan­ge möch­te, daß Kin­der in einem Work­shop „spie­le­risch (…) an geschlecht­li­che Viel­falt her­an­ge­führt“ wer­den, damit sie sich „ent­spannt aus­pro­bie­ren“ kön­nen. Der Links-Poli­ti­ker und sein Team wol­len sich dabei vor­tas­ten, „mit wel­chen Namen und Pro­no­men ihr euch am wohls­ten fühlt“. Wie­der schei­nen sich die ver­ab­scheu­ungs­wür­digs­ten The­sen über unse­re Geg­ner zu bestätigen?

Ver­mut­lich ist die Nut­zung des Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­hau­ses Mer­se­burg durch den LSBTI*-Verein von Hen­drik Lan­ge weit­ge­hend extern sub­ven­tio­niert. Auch die c/o‑Adresse sei­nes Mit­ar­bei­ters Lukas Wan­ke für des­sen „IfS dicht­ma­chen“ wird wohl nicht zu hohen Kos­ten für das Kol­lek­tiv füh­ren, denn das Haus hat min­des­tens drei soli­de Geld­quel­len: Das Minis­te­ri­ums für Arbeit, Sozia­les, Gesund­heit und Gleich­stel­lung des Lan­des Sach­sen-Anhalt (Slo­gan: #modern­den­ken), das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Bil­dung, Fami­lie, Senio­ren, Frau­en und Jugend, sowie (über den „Ideen­wett­be­werb Revier­Pio­nier“) sogar das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Wirt­schaft und Klimaschutz.

So viel Steu­er­geld muß gut ver­wal­tet wer­den. Des­halb ist auch der „Anbie­ter“ des Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­hau­ses Mer­se­burg kein Unbe­kann­ter, son­dern die Arbei­ter­wohl­fahrt (AWO SPI Sozia­le Stadt und Land Ent­wick­lungs­ge­sell­schaft mbH). Was einen zur Fra­ge führt, wel­che Vor­tei­le der Arbei­ter in Mer­se­burg von die­sen Akti­vi­tä­ten der Arbei­ter­wohl­fahrt hat?

Die Poli­ti­ke­rin Marie Juchacz grün­de­te 1919 einen „Haupt­aus­schuss für Arbei­ter­wohl­fahrt in der SPD“. Laut Reichs­prä­si­dent Ebert soll­te es eine „Selbst­hil­fe der Arbei­ter­schaft“ wer­den. Gute Idee, typisch deutsch: Eine Art Sicher­heits­netz in Zei­ten bit­te­rer Armut. Davon ist 100 Jah­re spä­ter nichts mehr zu spüren.

Wer die Selbst­dar­stel­lung der AWO öff­net, sieht zunächst eine Mus­li­min mit Kopf­tuch und die Über­schrift „Migra­ti­on – Wir bera­ten und unter­stüt­zen.“ Eine Orga­ni­sa­ti­on für Arbei­ter wirbt also an vor­ders­ter Stel­le mit einem Bei­spiel aus einer der Bevöl­ke­rungs­grup­pen mit der rela­tiv gerings­ten Beschäf­ti­gungs­quo­te in Deutsch­land – mus­li­mi­sche Frau­en.

Die AWO ist von einer guten Idee zu einem Fran­ken­stein-Mons­ter des Tie­fen Staa­tes gewor­den. Zusam­men­ge­bas­telt und kaum mehr steu­er­bar. Die AWO küm­mert sich um unge­fähr alles. Von „Demo­kra­tie und Viel­falt“ bis „Euro­pa­po­li­tik“. Sie glie­dert sich nach eige­ner Anga­be in 32 Lan­des- und Bezirks­ver­bän­de mit fast 400 Kreis- und 3.000 Orts­ver­bän­den, 250.000 Mit­ar­bei­tern sowie 18.000 soge­nann­ten „Ein­rich­tun­gen“ – wie das Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­haus in Mer­se­burg, wel­ches freund­li­cher­wei­se die Brief­post für „IfS dicht­ma­chen“ entgegennimmt.

Daß bei der AWO nie­mand mehr durch­blickt, könn­te Pro­gramm sein. Marie Juchacz, Toch­ter eines Tisch­lers und ers­te weib­li­che Red­ne­rin in der deut­schen Natio­nal­ver­samm­lung 1919 wür­de ihre Idee heu­te nicht wie­der­erken­nen. In einem Misch­sys­tem von einer­seits staat­li­chem Auf­trag und ande­rer­seits eigen­stän­di­ger Leis­tung in einem staat­lich regu­lier­ten und sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­lich finan­zier­ten Sys­tem, ist das Cha­os per­fekt. Die AfD hat­te den Laden bereits im Jahr 2020 unter Beob­ach­tung, als der Chef der AWO Frank­furt wegen zahl­rei­cher Betrugs­vor­wür­fe zurück­tre­ten mußte:

Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Arbeit und Sozia­les schüt­tet jedes Jahr Mil­li­ar­den an Bun­des­zu­schüs­sen für die Trä­ger der frei­en Wohl­fahrt aus. Wie die­se Mit­tel ver­wen­det wer­den, liegt oft im Dun­keln und wird ungern offengelegt.

Das Estab­lish­ment streut und ver­schlei­ert, um die herr­schen­den Ver­hält­nis­se zu erhal­ten, Geg­ner zu bekämp­fen und den Bür­ger in einer hüb­schen Kut­sche an Potem­kin­schen Kulis­sen vorbeizufahren.

Die ein­zel­nen Sub-Enti­tä­ten der AWO wer­den in einem Bun­des­ver­band zusam­men­ge­faßt. Der ist zwar kei­ne klas­si­sche Kon­zern­zen­tra­le mit Wei­sungs­recht. Den­noch ist der Bun­des­ver­band die poli­ti­sche Spit­zen­or­ga­ni­sa­ti­on der AWO und ver­tritt die Inter­es­sen gegen­über der Bundesregierung.

Selbst­ver­ständ­lich wird die Orga­ni­sa­ti­on auch zu neu­en Geset­zes­vor­ha­ben im Sozi­al­be­reich „gehört“ und kann ganz ele­gant dafür sor­gen, daß die Geld­quel­len nie ver­sie­gen und das Gesamt­vo­lu­men mög­lichst nicht auf den ers­ten Blick erkenn­bar wird. Nur so kann Steu­er­geld wohl dazu genutzt wer­den, auch die Kuschel­räu­me des Trans-Ver­eins von Herrn Lan­ge oder das Anti-Schnell­ro­da-Kol­lek­tiv sei­nes Mit­ar­bei­ters Lukas Wan­ke zu subventionieren.

Der Umsatz der AWO ist gar nicht ein­fach zu bestim­men und wird – je nach Jahr und Abgren­zung – von man­chen Quel­len auf 6 – 10 Mrd Euro geschätzt. Da staunt man doch, wenn man erfährt, daß einer der bei­den haupt­amt­li­chen Vor­stän­de des Bun­des­ver­bands eine ehe­ma­li­ge Fuß­ball­spie­le­rin ist. Clau­dia Man­drysch hat vor 25 Jah­ren sicher exzel­len­te Leis­tun­gen für den FC Rum­eln-Kal­den­hau­sen, den FFC Flaes­heim-Hil­len und ande­re Top-Clubs erbracht. Aber was die Diplom-Sozi­al­ar­bei­te­rin seit­dem dazu befä­higt, die Bun­des­ge­schäfts­stel­le einer Orga­ni­sa­ti­on in der Grö­ßen­ord­nung von bör­sen­no­tier­ten Unter­neh­men wie Bei­ers­dorf oder Puma auch nur ansatz­wei­se pro­fes­sio­nell zu beglei­ten, bleibt unklar.

Damit kein Miß­ver­ständ­nis auf­kommt: Man­che Akti­vi­tä­ten der AWO mögen unter­stüt­zens- und lobens­wert sein. Neh­men wir nur mal Mut­ter-Kind-Ein­rich­tun­gen für jun­ge Frau­en, die sich anders nicht mehr zu hel­fen wis­sen. Aber mit einer zukünf­ti­gen AfD-Regie­rung müs­sen kla­re Richt­li­ni­en, enge Leis­tungs­vor­ga­ben und knall­har­te Maß­nah­men gegen poli­ti­sche Ein­fluß­nah­me ein­ge­führt wer­den. Viel­leicht sogar eine voll­stän­di­ge Tro­cken­le­gung die­ses Sump­fes mit anschlie­ßen­der Neuformatierung.

Oder, um es in Anleh­nung an Lukas Wan­ke zu sagen: „AWO dichtmachen“.

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