Manuskripte willkommen?

Der Antaios-Buchversand macht Pause, die Mitarbeiter sind im Urlaub, am 10. August geht es weiter. Zeit für Sichtungen also. Eine KI-Anfrage beschied mir dies:

Bei Buchverlagen werden über 95 %, oft sogar 98–99 % der unverlangt eingereichten Manuskripte nicht gedruckt.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Tja, was soll man dazu sagen? Daß Ver­la­ge nicht hell­sich­tig sind? J.K. Row­lings Har­ry Pot­ter- Manu­skript wur­de von einem Dut­zend Ver­la­ge abge­lehnt, bevor es ange­nom­men wur­de und die Bücher sich mil­lio­nen­fach ver­kauf­ten. Einer der ange­schrie­be­nen Ver­la­ge soll Row­ling sogar dies geant­wor­tet haben:

Hören Sie auf zu schrei­ben und suchen Sie sich einen rich­ti­gen Job.

Ver­mut­lich hat sich die­ser Ver­lags­mit­ar­bei­ter eini­ge Jah­re spä­ter so rich­tig wütend in den Hin­tern gebissen.

Bei einem befreun­de­ten Ver­lag gab es vor vie­len Jah­ren Ähn­li­ches. Ich möch­te Titel & Umstän­de nicht benen­nen, es war damals ein brand­neu­er Life­style, etwas eso­te­risch. Der Freund­ver­lag hat­te damals die Zei­chen der Zeit nicht erkannt – und damit ent­ging ihm ein Mil­lio­nen­ge­schäft, da die­ses Buch (und zwei Nach­fol­ge­bän­de), woan­ders publi­ziert, mona­te­lang auf der Best­sel­ler­lis­te stand.

Es gibt unge­zähl­te ähn­li­che Bei­spie­le. Vom Win­de ver­weht von Mar­ga­ret Mit­chell kas­sier­te 38 Ableh­nun­gen, ver­kauf­te sich dann etwa 30 Mil­lio­nen mal und gewann den Pulit­zer-Preis. (Von der Zunei­gung Goeb­bels‘ und Hit­lers zum Stoff mal zu schweigen.)

Ste­phen Kings Car­rie soll sei­ne Ehe­frau aus der Müll­ton­ne gebor­gen haben. 30 Ver­la­ge hat­ten es abge­lehnt – es wur­de zu sei­nem Durch­bruch. Ähn­lich mit Herr der Flie­gen / Lord of the Flies von Wil­liam Gol­ding: x‑fach abge­lehnt, heu­te Schul­stoff. Das kann passieren!

Bei Antai­os gehen zwi­schen fünf und zwan­zig Manu­skrip­te pro Monat ein – zwan­zig, wenn wir gera­de „in den Medi­en“ waren oder eine Ver­an­stal­tung wie die Bücher­mes­se Sei­ten­wech­sel gelau­fen ist. Weni­ger, wenn weni­ger los ist.

Wir nun haben eine ande­re „Ver­öf­fent­li­chungs­po­li­tik“ als die gro­ßen Publi­kums­ver­la­ge. Bei­spiels­wei­se arbei­ten wir nicht mit Agen­tu­ren zusam­men, die bereits „vor­sor­tiert“ haben. Und: Unse­re Publi­ka­tio­nen lie­gen weder im loka­len Buch­han­del aus, noch wer­den sie von Haupt­strom­me­di­en bespro­chen. Gera­de die­se Tat­sa­chen sind emi­nent bei unse­rer… soll ich sagen “Ableh­nungs­po­li­tik”?

95% Ableh­nung unver­langt ein­ge­reich­ter Manu­skrip­te kommt aber unge­fähr hin. Ich will es erklä­ren. Denn nichts dar­an ist „arro­gant“ – auch wenn ich den Ein­rei­chern oft nur knapp beschei­de, daß ein Ver­öf­fent­li­chungs­an­ge­bot nicht „in unser Ver­lags­pro­gramm passe“.

Gut die Hälf­te der ein­ge­reich­ten Schrif­ten ist „auto­bio­gra­phisch“:

  • Als Säug­ling die Flucht mit­er­lebt, danach Aus­bil­dung zum Ver­wal­tungs­fach­an­ge­stell­ten, neben­bei eine gewis­se Poli­ti­sie­rung inklu­si­ver wil­der Wort­wech­sel am Arbeits­platz, dann Unru­he­stand – das ist so der Klassiker.
  • Oder: Im sat­ten Wes­ten groß­ge­wor­den, in der spä­ten Ära Kohl gemerkt, daß „Deutsch­land nicht wirk­lich sou­ve­rän“ ist, her­nach hef­ti­ger wer­den­de Strei­te­rei­en mit der Ehe­frau (die den Grü­nen zuneigt), dann Schluß­strich, dann Good­bye Ger­ma­ny, hel­lo Thailand.
  • Oder: Wie ich in den Nuller­jah­ren an der Uni poli­ti­siert wur­de und dann durch viel­fäl­ti­ge Dia­lo­ge her­aus­fand, daß die­se Ideo­lo­gien eigent­li­che alle Mist sind.
  • Oder: „Ich bin nun 83 und habe mir eine kohä­ren­te Phi­lo­so­phie erar­bei­tet, die alle Din­ge des Lebens umfaßt. Zum Erst­ein­druck emp­feh­le ich Ihnen Kap. 5 [87 Sei­ten], das den Punkt Arbei­ter­schaft abhan­delt. Ich war bis 2018 SPD-Mit­glied und weiß bei Gott, wovon ich rede.“

Ich neh­me den Drang, so etwas nie­der­zu­schrei­ben, ernst. Hin­ter all die­sen Geschich­ten ste­hen nicht nur ech­te Erfah­run­gen, son­dern auch die Mühe, die­se Erin­ne­run­gen mona­te- oder jah­re­lang in eine Ord­nung und zu Papier zu brin­gen – von der emo­tio­na­len Arbeit mal ganz zu schweigen.

Ich erhal­te Manu­skrip­te von Leu­ten, die mir schrei­ben, sie hät­ten andert­halb Jahr­zehn­te an „die­sem Stoff“ geses­sen! Mir ist klar, wie brüs­kie­rend dann ein schnö­des “Dan­ke! Aber nein dan­ke” wir­ken kann. Oft ist der Stoff ja wirk­lich ergrei­fend, und dann tut’s mir auch leid, nicht sehr aus­führ­lich dar­auf ein­ge­hen zu kön­nen und wenigs­tens in eine inni­ge Mail­freund­schaft einzusteigen.

Nun: Es gibt kei­ne unin­ter­es­san­ten Men­schen, allen­falls unin­ter­es­sier­te Leser. Aber auch letz­te­re gilt es in Schutz zu neh­men. Denn: Fast jeder Mensch kann mit ulki­gen Schnur­ren und selt­sa­men oder gar erschüt­tern­den Bege­ben­hei­ten aus dem eige­nen Leben auf­war­ten. Plötz­li­cher Tod im Bekann­ten­kreis, jähe Erkennt­nis­se, radi­ka­le Lebens­wen­den, der Wunsch, „dies mal alles schrift­lich zusam­men­zu­fas­sen“ – das ist sehr häufig.

Ich rate jedem, der die­se Ambi­ti­on ver­spürt, alles auf­zu­schrei­ben, dann um 15% – 25% zu kür­zen (wich­tig) und es dann für die Nich­ten, Nef­fen und Enkel aus­zu­dru­cken. Ich selbst gie­re nach Lebens­er­in­ne­rung mei­ner Leu­te, die vor mir waren. Ich hab sie früh auf Kas­set­ten auf­ge­nom­men oder sie mir schrift­lich geben lassen.

50% des ein­ge­reich­ten Schrift­tums sind also auto­bio­gra­phisch. Blei­ben 50%. Viel dar­un­ter ist „moder­ne Literatur“.

Punkt 1: Wir ver­kau­fen zeit­ge­nös­si­sche Bel­le­tris­tik sehr schlecht. Schau­en Sie sich Fall und Auf­stieg der Fami­lie Gott­mann an, war ein Ver­such, es gelang nur halb. Ich fin­de den Roman wirk­lich gut. Er ist rasant, hin­ter­fot­zig und viel­sa­gend zugleich, jeden­falls äußerst gekonnt run­ter­ge­schrei­ben. Ich ver­mu­te, wäre er in einem der gro­ßen Publi­kums­ver­la­ge erschie­nen, hät­te er in Buch­hand­lun­gen aus­ge­le­gen, hät­te er Wel­len geschla­gen. Bei uns nicht. Wir ver­kau­fen immer noch die ers­te Auf­la­ge. Wir haben eine Sachbuchleserschaft.

Punkt 2: Man denkt sich als Ein­rei­cher von Manu­skrip­ten viel­leicht so, pah, Schrei­ben kann doch jeder! (So sind die Zei­ten, daß sie das nahe­le­gen.) Aber das stimmt nicht. Nicht jeder, der wahn­sin­nig gern liest, ist auch ein Autor. Das wird lei­der oft ver­wech­selt. Eine tol­le Idee für eine auf­re­gen­de Geschich­te zu haben reicht lei­der nicht aus. Schrift­stel­le­ri­sche Qua­li­tä­ten zu haben – das ist eine Gabe! Eine seltene!

Blei­ben die ech­ten „Sach­bü­cher“. Oft errei­chen mich Manu­skrip­te, die bereits ein „fer­ti­ges Cover“ haben, „durch­kor­ri­giert“ und schon “gesetzt” sind. Das ist lieb­ge­meint, aber so läuft es nicht. So läuft es übri­gens in kei­nem ein­zi­gen Verlag.

Der gang­ba­re Weg wäre: Man reicht einen Text ein. Für die Sezes­si­on, oder für den Blog hier. Einen „Auf­riß“ zum gewähl­ten The­ma, irgend­was zwi­schen 8.000 und 20.000 Zeichen.

Das wird begut­ach­tet, viel­leicht gedruckt oder gepos­tet, und womög­lich wird dar­aus dann ein gan­zes Buch mit 188 oder 314 Sei­ten, oder ein 96seitiges kaplaken.

Falls ich nun Illu­sio­nen ver­nich­tet habe, tut es mir leid. Aber dies ist eben die Wahr­heit über das Verlegertum.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Sezession
DE58 8005 3762 1894 1405 98
NOLADE21HAL

Kommentare (4)

Ernestina

23. Juli 2026 09:14

Also, ehrlich gesagt, ich bewundere jeden, der den Mut hat, unter solchen Bedingungen ein Manuskript einzureichen. Monatelange, manchmal sogar jahrelange Arbeit ist das eine. Viel bedeutsamer ist jedoch die Tatsache, dass der Autor sich im Manuskript selbst aussagt, ja, sich darin ganz schenkt. Die Ablehnung des Manuskripts muss sich daher für einen feinfühligen Menschen wie die Ablehnung der eigenen Person anfühlen. Deshalb: Auch ich schreibe, würde mich aber  niemals dem Urteil eines Verlags unterwerfen.
Vor einigen Jahren habe ich meine ostpreußische Familiengeschichte verfasst und sie Interessenten innerhalb der Kreisgemeinschaften zugänglich gemacht. Ist sehr gut angekommen!

Frieda Helbig

23. Juli 2026 09:21

Es soll auch nicht schlechte rechte autobiographische Erzählungen geben, erzählt man sich auf X :-)
Gruß und gute Erholung.

RMH

23. Juli 2026 09:47

Das war ein sehr schöner Blick "inside". Danke. Das Autobiografische oder autobiografisch Beinflusste ist immer das Naheliegende, was Menschen zum Schreiben bringt (früher gab es auch viele, die Tagebücher geschrieben haben, vermutlich komplett aus der "Mode"). Leider ist es in der Tat so, dass sich kein großes Publikum für so etwas finden lässt, aber gerade die älteren Generationen, Boomer, GenX (so wie ich), wissen es doch längst: Auf sie hat wirklich niemand jemals im Leben ernsthaft "gewartet" & dennoch wurde einem von der Kulturindustrie/ den Medien vorgegaukelt, man sei irgendwie "individuell" & solle das bitte zum Ausdruck bringen (gerne über Konsum). Als Arbeitsbiene wohlgelitten, aber ersparen sie uns bitte ihre eigene Person, so in etwa kann man vieles in der Realität Erlebte dann zusammenfassen. Insofern überrascht es nicht, das hier ein Schwerpunkt an Manuskripten existiert. Nur, wer, außer Angehörigen & Freunden, will schon eine Boomer oder GenX Biopic lesen? Richtig ist der Rat, für kommende Generationen der eigenen Familie zu schreiben. Da hätte ich auch gerne von meiner Familie mehr erfahren, gibt aber nur wenig Schriftliches. Im hohen Alter hat der eine oder andere aber auch mal gut erzählt.

das kapital

23. Juli 2026 09:54

Danke für die Ermutigung und Wegweisung. Verlage müssen sich rechnen, auch in der "rechten" Nische. Ihr als Familienbetrieb kriegt das mit einem treuen Stamm-publikum , treuen Schriftstellern und Unterstützern bemerkenswert gut hin. Wenn ich mir die Büchermesse Seitenwecfhsel von Frau Dagen in Halle anschaue, freue ich mich, dass auch die sich neuen Raum erobern, die in Frankfurt und Leipzig in die Schmuddelecke verbannt werden. /// Als Autor musst Du meist lange durchhalten, bevor Du bestehen kannst. Die "modernen" kostenlosen Medien verdrängen viel Gedrucktes, was vor 20 Jahren sich noch gut verkaufen ließ. Die schrumpfenden Druckauflagen der Tages- und Wochenzeitungen sprechen da Bände. Ihr nutzt natürlich auch die modernen Medien, um eure Botschaften, eure Bücher, eure Themen und eure Autoren unter das Volk zu bringen. /// Doris Lessing als Beispiel hat, als sie schon gut etablierte Autorin war, ein Manuskript unter anderem Namen eingereicht und diverse Absagen einkassiert Nur einen älteren Lektor erinnerte das an "die junge" Doris Lessing und sein Verlag hat es dann herausgebracht. /// Den noch verkannten Autoren sei  empfohlen, wie der ältere Clint Eastwood eine junge Autorin ermutigte durchzuhalten. Tatsächlich ein echter Held im Sozialleben.  :-)