Hausaufgaben! Frontalunterricht! Talente stärken!

Ich lasse mich häufig vom „Staatsfunk“ umdudeln. Leute fragen, wie ich das aushielte. Na: sehr gut; ich weiß dadurch mithin, was die Leute beschäftigt. Die Normalo-Elite!

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

„Ein­ge­mach­te“ Pod­casts vom Schla­ge Kon­tra­funk, so löb­lich sie sein mögen, höre ich kaum. Mot­to: Ich weiß eh, was „wir“ denken.

Heu­te habe ich gleich drei (!! das müß­te einem Antai­os-Buch mal gesche­hen!) betu­lich-loben­de Rezen­sio­nen zu einem neu­en Buch gehört, Die Jugend malt wie­der Haken­kreu­ze der säch­si­schen Lokal­jour­na­lis­tin Manue­la Mül­ler.  Alle Rezen­sen­ten bekann­ten (leicht unter­schie­den im Aus­druck), das Buch immer wie­der „ent­setzt zur Sei­te gelegt“ zu haben: um “mal kurz durch­zu­at­men”. Es sei doch alles NOCH viel schlim­mer mit dem “Rechts­ruck”, als man es sich bereits dachte!

Kommt, bit­te. Die­se mani­pu­la­ti­ven Eska­la­ti­ons­stu­fen (“Ich kämpf­te mit den Trä­nen”, “Mir wur­de übel. So rich­tig übel”, “ab da wuß­te ich, was Panik ist” etcpp) sind sowas von aus­ge­lutscht! Ich hin­ge­gen „atme­te auf“, wenn die Frau Mül­ler selbst in ihrem sym­pa­thi­schen Dia­lekt zur Spra­che kam und hielt eher die Luft an, wenn die Radio­leu­te wie­der hyperventilierten.

Ein GANZ wich­ti­ges Ding für mei­ne Radio­leu­te in die­ser Sache ist, daß die sach­sen-anhal­ti­sche AfD „die Schul­pflicht ja abschaf­fen“ will. Das The­ma – Schu­le ver­stan­den als zuver­läs­si­ger Anti-Rechts-Agi­ta­tor – wird (ordent­lich ver­kürzt) rauf- und run­ter­ge­rit­ten, sprich: skandalisiert.

Sie bekom­men Schluck­auf, dabei darf man das in Ruhe the­ma­ti­sie­ren. Tat­säch­lich näm­lich ist der The­men­block „Schul­bil­dung“ im sach­sen-anhal­ti­schen Regie­rungs­pro­gramm (selbst­be­wußt nen­nen sie es nicht “Wahl­pro­gramm”) beson­ders stark:

Seit Jahr­zehn­ten sinkt in ganz Deutsch­land und Sach­sen-Anhalt das Bil­dungs­ni­veau. Grund­schü­ler kön­nen nicht mehr rich­tig lesen, schrei­ben und rech­nen. Das Abitur befä­higt nicht mehr zum Stu­di­um. Das Hand­werk sucht ver­zwei­felt Aus­zu­bil­den­de. Der viel dis­ku­tier­te Leh­rer­man­gel ist kei­ne Ursa­che der Kri­se, son­dern nur eine ihrer Aus­wir­kun­gen. Die Bil­dung ver­fällt nicht, weil es immer weni­ger Leh­rer gibt, son­dern, weil die Bil­dung ver­fällt, will nie­mand mehr Leh­rer wer­den. Auch und gera­de der Unter­richt, der statt­fin­det, taugt immer weni­ger. Die­se Kri­se ist kei­ne Kri­se des Gel­des, es ist eine Kri­se des Geistes.

Gut brüllt der Löwe, und er brüllt zurecht! Weiter:

Die AfD setzt der unge­bil­de­ten Bil­dungs­po­li­tik der Alt­par­tei­en eine gebil­de­te Bil­dungs­po­li­tik ent­ge­gen, die sich zur guten päd­ago­gi­schen Tra­di­ti­on bekennt und die Schu­le von allen nicht-schu­li­schen Auf­ga­ben befreit. Weder sozia­le und psy­cho­lo­gi­sche Betreu­ung noch Inte­gra­ti­on und Inklu­si­on, son­dern allein die Ver­mitt­lung von Kul­tur­tech­ni­ken (Lesen, Schrei­ben, Rech­nen) und Bil­dungs­gü­tern ist Auf­ga­be der Schu­le. Wir wer­den dafür sor­gen, dass im Unter­richt wie­der die bewähr­ten päd­ago­gi­schen Kon­zep­te ange­wen­det wer­den. Bil­dung bedeu­tet, sich Bil­dungs­gut anzu­eig­nen und fest­ge­steck­te Zie­le zu errei­chen. Der Leh­rer ist dabei nicht blo­ßer „Lern­be­glei­ter”, son­dern Auto­ri­tät und Vermittlungsinstanz.

Die Alt­par­tei­en glau­ben, etwas gegen die Bil­dungs­kri­se zu unter­neh­men, wenn sie schon die Grund­schu­len mit digi­ta­len End­ge­rä­ten über­schüt­ten. Dabei ist über­mä­ßi­ger und ver­früh­ter Umgang mit digi­ta­len Medi­en eine Ursa­che für den Bil­dungs­ver­fall. Allein der Umstand, dass die älte­ren Gene­ra­tio­nen, die tra­di­tio­nell unter­rich­tet wur­den, bes­ser gebil­det sind, als die jün­ge­ren Gene­ra­tio­nen, die zum Opfer diver­ser Refor­men wur­den, beweist die Über­le­gen­heit der tra­di­tio­nel­len Päd­ago­gik. Haus­auf­ga­ben, Fron­tal­un­ter­richt, regel­mä­ßi­ge Übungs­auf­ga­ben im Unter­richt, sys­te­ma­ti­sche Wie­der­ho­lung und Leis­tungs­kon­trol­le, umfang­rei­che Lek­tü­re – das sind die Instru­men­te, die unse­rem Schul­sys­tem wie­der auf die Bei­ne helfen.

Wenn ich schon „Fron­tal­un­ter­richt“ höre, leuch­ten mir die Augen! Oh, gibt es über­haupt noch die­se Leh­rer, die den Kin­dern begeis­tert erzäh­len kön­nen? Flam­mend für ihr The­ma? Dozie­rend aus Lei­bes­kräf­ten, mit Leidenschaft?

Ich – in der Ära „Team­work“ („erar­bei­tet gemein­sam Quel­le M1 und Quel­le M2“, *kotz­würg*) auf­ge­wach­sen, habe in Rest­be­stän­den noch Fron­tal­un­ter­rich­ter vom alten Schlag erlebt. Das war herr­lich. Das war auch streng. Du bekamst die gan­ze Geschich­te der Pip­pin­schen Schen­kung, der Mei­ose oder der Kon­ti­nen­tal­drift leib­haf­tig und frei erzählt – und muß­test es mit­schrei­ben (Nach­fra­gen gern gese­hen), um es in der Fol­ge­wo­che nach­voll­zieh­bar wie­der­ge­ben zu können.

Lie­ber Him­mel, DAS war Bil­dung! DAS waren Leh­rer, die brann­ten für ihr The­ma! Die Inhal­te, die Fra­ge­stel­lun­gen: bis heu­te ein­ge­mei­ßelt! Weck mich um sechs Uhr, und ich kann Dir alle Schrif­ten des Neu­en Tes­ta­ments in Rei­hen­fol­ge und unge­fäh­rem Inhalt wiedergeben!

Zum The­ma „Schul­bil­dung“ hat die AfD Sach­sen-Anhalt in ihrem Regie­rungs­pro­gramm 33 Unter­punk­te. Sämt­li­che sind mit einem Aus­ru­fe­zei­chen ver­se­hen (was iro­nisch kri­ti­siert wur­de) – gut so! Man muß mit Nach­druck for­dern, was einem sehr wich­tig ist.

Alle 33 Punk­te von „Hand­werk stär­ken. Talen­te früh­zei­tig erken­nen!“, über „Bil­dung statt poli­ti­scher Indok­tri­na­ti­on!“, “Leh­rer müs­sen poli­tisch neu­tral sein!“ bis zu „Schwim­men­ler­nen!“ sind unter­stüt­zens­wert; die Erläu­te­run­gen zu den ein­zel­nen Punk­ten sind valide.

Kom­men wir zum inkri­mi­nier­ten Unter­punkt 26, „Bil­dungs­pflicht statt Schul­zwang!“. Bit­te – was gibt es dar­an auszusetzen?

In allen Fra­gen zu Bil­dung und Erzie­hung der Kin­der müs­sen die Eltern das letz­te Wort haben. Wir wen­den uns ent­schie­den gegen alle Ver­su­che des Staa­tes, sich in die Erzie­hung der Kin­der ein­zu­mi­schen. Da die Schu­len immer weni­ger Bil­dung ver­mit­teln und immer stär­ker ver­su­chen, die Kin­der poli­tisch zu erzie­hen oder ihnen frag­wür­di­ge Lebens­an­sich­ten zu ver­mit­teln, ver­ste­hen wir Eltern, die ihre Kin­der selbst unter­rich­ten wollen.

Wir wer­den des­halb in Anleh­nung an das öster­rei­chi­sche Modell eine Wahl­frei­heit zwi­schen Schul- und Haus­un­ter­richt schaf­fen. Bedin­gung ist aller­dings, dass der Haus­un­ter­richt die glei­chen Qua­li­täts­stan­dards erfüllt wie der Schul­un­ter­richt. Alle Kin­der, die zuhau­se unter­rich­tet wer­den, müs­sen zur Kon­trol­le des Lern­fort­schritts halb­jähr­lich zen­tra­le Prü­fun­gen able­gen. Bleibt ein Kind zurück, muss es wie­der an die Schu­le. Das Recht auf Haus­un­ter­richt ist als Eltern­recht zu begrei­fen, die Bil­dung der Kin­der als Pflicht und der Schul­be­such als Ange­bot, das der Staat vor­hal­ten muss, das die Eltern jedoch nicht zwangs­läu­fig anneh­men müssen.

In mei­nen Ohren klingt das äußerst ver­nünf­tig. Ich selbst hät­te die Vari­an­te Haus­un­ter­richt aller­dings dan­kend abge­lehnt. Ich ver­mu­te, daß das auch über 95% der Sach­sen-Anhal­ter tun wer­den. Ver­mut­lich um die 99% gar.

Wo bit­te wäre also das gro­ße Pro­blem? Rigi­de ist (wie so oft) nicht die Alter­na­ti­ve. Rigi­de, auf­ge­regt und stur sind die ande­ren! Mehr lin­ke Leh­rer wer­den es jeden­falls ganz sicher nicht richten…

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (3)

Christa

29. Juli 2026 18:34

Was den Hausunterricht betrifft, bin ich zunächst skeptisch. Unter den genannten Bedingungen wäre er jedoch sinnvoll.
1. Die Rolle der "Nur-Hausfrau" erführe mehr gesellschaftliche Anerkennung, wenn die Kinder dadurch bessere Schulbildung  erhalten. Dafür müsste die Mutter aber eine entsprechende Vorbildung aufweisen. Oder es gibt eine Gouvernante, die das kann. 
2. Lehrer müssen heutzutage, (ebenso wie Polizisten) überwiegend  sozialpädagogische Aufgaben übernehmen. Ja, eine Folge der Migration. Elternsprechtage sind ein Witz geworden. Die Lehrer tun mir sehr Leid.
Die Hauptursache der schlechten Bildungslage liegt in den Händen der Regierungsveranrwortlichen begründet, die es einfach nicht können. Ein Beispiel aus meiner Heimat-Stadt: Die kommunale Verwaltung unterbreitet den Kommunalpolitikern im Jahr 2026(!) den Vorschlag, dass Migrantenkinder zumindest die deutsche Sprache beherrschen sollten, wenn sie in die Grundschule kämen. Dieser Umstand, der in einer linken Lokalzeitung thematisiert wurde, ist selbstredend. 11 Jahre nach Öffnung der Grenzen immer noch nichts geschehen.
Und waren Frauen in den 80ern  noch nicht zur Erwerbsarbeit genötigt. Darum sind es heutzutage eben nur zwei und nicht sechs Kinder. Dafür haben wir Migrantenkinder. Circulum virtuoso.
EK: Ich ging in den 70er- und 80er-Jahren zur Schule und erlebte es genau so. Das war nicht immer spaßig, hat aber Menschen geformt. 
 

Heinrich Loewe

29. Juli 2026 19:45

Es steht und fällt mit dem "Pädagogischen Eros". Mein Vater, selbst altgedienter Schulmeister, sagt: Er sieht bei einem Lehramtsanwärter nach einer Viertelstunde, ob das mit dem Beruf was wird oder nicht. DAS sind natürlich Faktoren, die ein parteipolitisches Wahlprogramm nur sehr bedingt liefern kann. Wie immer: Politik folgt Kultur...

Heinrich Loewe

29. Juli 2026 19:47

Steve Bannon hat mal erzählt, er hatte zusammen mit 60 (!) Kameraden in einer Klasse Frontalunterricht von einer Nonne - man konnte eine Stecknadel fallen hören.
DAS ist "Pädagogischer Eros".