Rund um Ceuta

von Wiggo Mann -- Hitler stockbesoffen. Mit zwei halbnackten Mädels. Dieses verwackelte schwarz-weiße Foto erwartete den Besucher im Juli 2026 auf der Website „Nucleo Nacional“ (NN).

Irgend­je­mand im Tech­nik-Sup­port der rech­ten spa­ni­schen Orga­ni­sa­ti­on NN hat nicht auf­ge­passt. Und schwups wur­de die Sei­te von Lin­ken geka­pert. NN muss­te eine neue Domain anle­gen. Ziem­lich lus­ti­ger Hack. Aber der zuge­dröhn­te KI-Adolf ist dann schon das Ende der Fröh­lich­keit, denn die Situa­ti­on rund um den NN erscheint aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven außer­or­dent­lich ernst.

Offi­zi­el­les Grün­dungs­da­tum des Akti­vis­ten-Ver­eins war vor rund zwei Jah­ren, im August 2024. Der Ver­eins­zweck war wie folgt definiert:

activ­i­d­a­des cul­tu­ra­les y depor­ti­vas, pro­mo­ver el cono­ci­mi­en­to de la his­to­ria de Espa­ña, activ­i­d­a­des al aire lib­re que ayu­den a pro­te­ger y res­pe­tar el entor­no natu­ral como par­te de nues­tro patrimonio.

Kul­tur und Sport, Geschich­te und Out­door-Akti­vi­tä­ten, sowie respekt­vol­ler Umgang mit der Umwelt als Teil unse­res gemein­sa­men Erbes. Klingt nett. Die schwar­zen NN-Mas­ken wäh­rend des „tak­ti­schen Trai­nings“ sorg­ten aller­dings für Unru­he in den Medi­en. Und die Tat­sa­che, dass man „Euro­pä­er“ sein muss, um dem Ver­ein beizutreten?

NN war eine rech­te Reak­ti­on auf die lin­ke Ver­schie­bung im poli­ti­schen Sys­tem Spa­ni­ens. Inof­fi­zi­el­ler Grün­dungs­mo­ment der Bewe­gung war bereits weit vor dem Regis­ter-Ein­trag, als die Fra­ge der Amnes­tie von kata­la­ni­schen Sepa­ra­tis­ten eskalierte.

Rück­blick: Kata­lo­ni­en ist bei den wirt­schaft­li­chen Rah­men­da­ten über­le­gen. Durch natio­na­len Finanz­aus­gleich fließt sein Über­schuss, ver­ein­facht for­mu­liert, ande­ren spa­ni­schen Regio­nen zu. Das führ­te zu Sezessions-Fantasien.

Im Okto­ber 2017 wur­de ein Unab­hän­gig­keits­re­fe­ren­dum durch­ge­führt, auf des­sen Basis der Regio­nal­prä­si­dent Carles Puig­de­mont die Abspal­tung Kata­lo­ni­ens ver­kün­de­te. Das ging nicht lan­ge gut, denn das Ver­fas­sungs­ge­richt erach­te­te das Refe­ren­dum als ille­gal. Ins­ge­samt erhiel­ten neun Poli­ti­ker lan­ge Haft­stra­fen. Nicht aber die Leit­fi­gur Puig­de­mont. Er floh ins Ausland.

Puig­de­mont kam auf die inter­na­tio­na­le Fahn­dungs­lis­te. Der spa­ni­sche Geheim­dienst CNI ermit­tel­te ein Fahr­zeug sei­ner Freun­de und plat­zier­te einen Peil­sen­der. Am 25. März 2018 wur­de der Rebell in einem Renault auf der deut­schen A7 hin­ter der däni­schen Gren­ze abge­fan­gen und in die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Neu­müns­ter ver­bracht. Spa­ni­en erhoff­te sich eine schnel­le Auslieferung.

Das OLG Schles­wig war ande­rer Auf­fas­sung. Sezes­sio­nist Carles Puig­de­mont konn­te nicht wegen „Rebel­li­on“ aus­ge­lie­fert wer­den, weil der spa­ni­sche Straf­tat­be­stand im deut­schen Recht nicht dem „Hoch­ver­rat“ ent­spricht. Die Pres­se­er­klä­rung verdeutlicht,

ein Aus­maß an Gewalt, wie es die Vor­schrift des Hoch­ver­rats vor­se­he, sei durch die Aus­ein­an­der­set­zun­gen in Spa­ni­en nicht erreicht wor­den. Eine Straf­bar­keit wegen Land­frie­dens­bruchs schei­de aus, weil es Carles Puig­de­mont ledig­lich um die Durch­füh­rung des Refe­ren­dums gegan­gen sei. Er sei kein “geis­ti­ger Anfüh­rer” von Gewalt­tä­tig­kei­ten gewe­sen. (…) Der Senat hat auch eine Straf­bar­keit unter dem Gesichts­punkt des Land­frie­dens­bruchs (§ 125 StGB) verneint.

So blieb nur eine Aus­lie­fe­rung wegen Ver­un­treu­ung, also wegen Nut­zung staat­li­cher Gel­der für die Durch­füh­rung des Refe­ren­dums. Aber das war Spa­ni­en zu lahm. Sie woll­ten kei­ne hal­ben Sachen. Puig­de­mont ver­schwand nach Bel­gi­en und lebt dort angeb­lich bis heute.

War­um ist die­ser Rück­blick wich­tig? Weil er den zen­tra­len spa­ni­schen Kon­flikt ver­deut­licht, der zu den Ver­wer­fun­gen von 2023, dem Grün­dungs­mo­ment des Nucleo Nacio­nal und der anhal­ten­de Eska­la­ti­on rund um die spa­ni­sche Iden­ti­tät führte.

Lin­ke Kräf­te in Spa­ni­en bemü­hen sich seit Län­ge­rem um Auf­lö­sung des gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halts. „Tei­le und herr­sche“ wur­de in eine Poli­tik über­setzt, die vor­der­grün­dig regio­na­le Beson­der­hei­ten vom Bas­ken­land bis in den Süden wert­schätzt. Man führt soge­nann­te Ko-Amts­spra­chen ein.

Was sich aus deut­scher Sicht viel­leicht wie eine nied­li­che Dia­lekt-Peti­tes­se anfühlt, gerinnt auf Kon­gres­sen der PSOE zu para­do­xen poli­ti­schen Leit­li­ni­en:

Die sprach­li­che und kul­tu­rel­le Plu­ra­li­tät ist Teil der Iden­ti­tät Spa­ni­ens als Nation.

Auto­ri­tä­re Sozia­lis­ten emp­fin­den bür­ger­li­che Ein­heit grund­sätz­lich als Bedro­hung. Die­se Gefahr für ihren infi­ni­ti­ven Füh­rungs­an­spruch ver­sucht die PSOE zu neu­tra­li­sie­ren, indem man eine Gesell­schaft in unüber­schau­ba­re schüt­zens­wer­te Min­der­hei­ten – nöti­gen­falls mit Ko-Amt­spra­chen – frak­ta­li­siert, die dann vom ein­zig ver­blie­be­nen Kon­troll­gre­mi­um, dem lin­ken Staat, am Gän­gel­band durch die Mane­ge gezo­gen wer­den können.

Der VOX-Vor­sit­zen­de Sant­ia­go Abas­cal nann­te es ein „Sys­tem der Spal­tung aller Spa­ni­er“. Der deut­lichs­te Aus­druck die­ser Spal­tungs-Ideo­lo­gie zeig­te sich bei den vor­ge­zo­ge­nen Par­la­ments­wah­len im Juli 2023. Die kon­ser­va­ti­ve PP wur­de stärks­te Kraft und die AfD-ähn­li­che VOX legt eben­falls zu. Sozen-San­chez von der PSOE will aber nicht los­las­sen. Er bas­telt sich eine Par­la­ments­mehr­heit, indem er die kata­la­ni­schen Regio­nal-Rebel­len begna­digt und sich damit deren Zustim­mung im Abge­ord­ne­ten­haus sichert. Macht­er­halt mit allen Tricks.

Fol­ge waren im Novem­ber 2023 mas­si­ve Pro­tes­te der Bür­ger gegen die­sen Deal, wel­che sich als „Noviembre Nacio­nal“ ins Gedächt­nis der Spa­ni­er brann­ten. Vor der PSOE-Zen­tra­le eta­blier­te sich die Idee einer natio­na­len Samm­lungs­be­we­gung mit flie­ßen­dem Über­gang zwi­schen dem ein­ge­tra­ge­nen Ver­ein des Kür­zels NN (Nucleo Nacio­nal) und der Volks­wut mit glei­chem Akro­nym (Noviembre Nacional).

Mit dem Kampf gegen die isla­mi­sche Inva­si­on, die staat­li­che Kor­rup­ti­on und die gesell­schaft­li­che Ero­si­on ent­wi­ckel­te sich NN über wei­te­re drei Jah­re still aber nach­hal­tig. Im Febru­ar 2026 wur­de eine Par­tei unter dem Namen „Noviembre Nacio­nal“ als poli­ti­scher Arm des Ver­eins „Nucleo Nacio­nal“ registriert.

Seit­dem ist die Auf­re­gung groß. Schon die rech­te VOX ver­stand Polit-Mar­ke­ting als inte­gra­len Bestand­teil der demo­kra­ti­schen Auf­ga­be und wirk­te oft fri­scher, läs­si­ger, kraft­vol­ler als das Estab­lish­ment. Ver­mut­lich war es kein Nach­teil, dass Lidia, die Ehe­frau des VOX-Vor­sit­zen­den Sant­ia­go Abas­cal, PR und Wer­bung stu­diert hat und eng ins Umfeld inte­griert wurde.

Die neue NN ver­schärft das The­ma Mar­ken­ge­stal­tung noch. Auf der Home­page ist es ultra-schwarz mit Runen-Logo. Dazu auf allen Kanä­len har­te Gra­fik und mar­tia­li­sche Bil­der, für die man nach deut­schem Recht in eini­gen Fäl­len den Bade­man­tel bereit­le­gen müss­te. Zum beson­de­ren PR-Spek­ta­kel wur­de der Moment, in wel­chem der ehe­ma­li­ge „Ver­eins­vor­sit­zen­de“ zum Start der Par­tei sei­ne schwar­ze Mas­ke vom Gesicht zog:

Weil die Sache über allem steht, hat die Par­tei­füh­rung ent­schie­den, dass wir, die die­ses Pro­jekt füh­ren und die größ­te Ver­ant­wor­tung gegen­über unse­rem Volk tra­gen, von nun an mit offe­nem Gesicht zu euch spre­chen werden.

Der Über­gang von Ver­ein zu Par­tei soll dazu dienen,

unse­re Bewe­gung gegen Angrif­fe der staat­li­chen Insti­tu­tio­nen abzu­si­chern und unse­re Ideen zu ver­tei­di­gen. Von nun an wer­den wir für unse­re Über­zeu­gun­gen kämp­fen, indem wir die Instru­men­te des bestehen­den poli­ti­schen Sys­tems selbst nutzen.

Eine Kampf­an­sa­ge, da gibt es nichts zu inter­pre­tie­ren. Kein Wun­der bei der deso­la­ten Situa­ti­on der spa­ni­schen Poli­tik in vie­len Berei­chen. Zwar hat das Land sich im BIP gut ent­wi­ckelt, aber die ver­bes­ser­te Lohn-Situa­ti­on wird von der Preis­spi­ra­le der Mie­te in Bal­lungs­räu­men auf­ge­fres­sen. Der gestie­ge­ne Medi­an der Erwerbs­ein­künf­te in Spa­ni­en (ca. 1500,- Euro) trennt sich bei genaue­rer Betrach­tung wie­der in sehr sepa­rier­te Alterskohorten.

Ver­ein­facht gesagt gilt auch in Spa­ni­en: Boo­mer mit abbe­zahl­ter Hypo­thek ver­sus jün­ge­re Haus­hal­te, die nicht wis­sen, wie man bei einer demo­kra­tisch fahr­läs­sig legi­ti­mier­ten Brut­to­zu­wan­de­rung von 1,3 Mio Men­schen (2024, net­to 630.000, 85% Non-EU) ein paar bezahl­ba­re Qua­drat­me­ter fin­den soll, um Kin­der großzuziehen.

Dazu Kor­rup­ti­on bis in höchs­te Krei­se, gleich­mä­ßig ver­teilt auf das Kar­tell aus PP und PSOE. Mal Schmier­gel­der bei öffent­li­chen Bau­pro­jek­ten, mal Kick­backs bei Coro­na-Mas­ken-Deals. Der Bru­der des Minis­ter­prä­si­den­ten erhielt einen neun­jäh­ri­gen Aus­schluss von öffent­li­chen Ämtern. Die Ehe­frau von San­chez muss­te ihren Aus­weis bei den Behör­den hin­ter­le­gen, damit sie sich wäh­rend des aktu­el­len Kor­rup­ti­ons­pro­zes­ses nicht ins Aus­land abset­zen kann.

Aber Geld ist nur das eine Pro­blem. Viel net­ter wäre doch, wenn man vom Ein­kau­fen nach Hau­se gehen könn­te, ohne von einem Migran­ten auf offe­ner Stra­ße mit einer Mache­te zer­stü­ckelt zu wer­den? Pas­tor Die­go Valen­cia aus Alge­ci­ras hat­te zum Bei­spiel nicht das Glück.

In der Regi­on Mur­cia sam­meln sich Bür­ger Näch­tens zu Strei­fen­gän­gen. An den Strän­den der Cos­ta del Sol fin­den Jog­ger mor­gens im Was­ser düm­peln­de Nar­co­lan­chas und Pate­r­as, also ver­las­se­ne Boo­te von Dro­gen­händ­lern und Schlep­pern. Die Video­auf­nah­men der migran­ti­schen Inva­si­on rund um die spa­ni­sche Enkla­ve Ceu­ta an der marok­ka­ni­schen Küs­te gegen­über Gibral­tar zeigt die Zer­stö­rung spa­ni­scher Inte­gri­tät live in den Sozia­len Medi­en. Dass Regie­rungs­chef San­chez trotz­dem erwägt, min­des­tens eine hal­be Mil­li­on Migran­ten nach­träg­lich zu lega­li­sie­ren, kann man wohl nur als übli­chen Ver­such wer­ten, das Elek­to­rat zu mani­pu­lie­ren und die eige­ne Bevöl­ke­rung in Dul­dungs­star­re gegen­über einer immer­wäh­ren­den sozia­lis­ti­schen Klep­to­kra­tie zu versetzen.

Die neue Par­tei Noviembre Nacio­nal hält dage­gen. Man bezieht sich bewusst auf christ­li­che Wer­te. Mit Kreuz im Logo. Man sträubt sich noch nicht ein­mal gegen offe­ne Dis­kus­sio­nen über Ras­se und inkom­pa­ti­ble Reli­gio­nen. Man for­dert einen Kampf für natio­na­le Einheit.

Prä­si­dent und Grüß-August der NN ist Enri­que Lemus, eine seit Jah­ren bekann­te, aber rela­tiv unbe­deu­ten­de Figur der rechts-natio­na­len Poli­tik. Die wirk­lich trei­ben­de Kraft dahin­ter sind die Brü­der Ivan und David Rico Oli­va­res. Ihr Vater, Enri­que Rico Perez, war Regio­nal­po­li­ti­ker der PP, des spa­ni­schen CDU-Pendants.

Ivan und David sind Akti­vis­ten mit Taten­drang, Mar­ke­ting-Know-how und Social-Media-Affi­ni­tät. Sie sind der Grund, war­um das spa­ni­sche Estab­lish­ment ner­vös wird. Hier pas­siert Poli­tik auf einer schnel­le­ren, bild­mäch­ti­ge­ren Ebe­ne und mit einem Mer­chan­di­sing-Shop ohne Gum­mi­bär­chen­tü­te und Kugel­schrei­ber. Cap, Shirt, Flagge.

Hier ent­ste­hen Aktio­nen im opti­schen Wind­schat­ten der glo­bal erfolg­rei­chen Thril­ler-Serie „Haus des Gel­des“ (La Casa de Papel), in der ein Team mit roten Over­alls und wei­ßen Dali-Mas­ken unter ande­rem einen Coup gegen die Zen­tral­bank Spa­ni­ens plant. Ein rebel­li­sches Nar­ra­tiv aus Robin-Hood-Ele­men­ten, Kri­tik an Insti­tu­tio­nen und einer Negie­rung des aktu­el­len Finanz-Sys­tems im Sin­ne Bert­hold Brechts: „Was ist ein Ein­bruch in eine Bank gegen die Grün­dung einer Bank?“

Die Zukunft der NN ist über­haupt nicht abzu­schät­zen. Ver­stol­pern sie sich in ihrer eige­nen Begeis­te­rung? Ent­deckt man im Kader dunk­le Gestal­ten und Taten, die zur Auf­lö­sung der Par­tei füh­ren? Infil­triert der Staat die Orga­ni­sa­ti­on gleich selbst, um Skan­da­le zu pro­du­zie­ren? Wie wer­den sich ers­te Wahl­er­geb­nis­se ent­wi­ckeln? Und wie die Anschluss­fä­hig­keit an das rech­te Estab­lish­ment? Führt der Ein­tritt der NN in den demo­kra­ti­schen Pro­zess sogar zu einer Schwä­chung von VOX in den jun­gen Ziel­grup­pen? Und wer­den Wahl­for­scher die­sen ver­zwei­fel­ten Weg jun­ger Spa­ni­er dann als Ver­rin­ge­rung der rech­ten Mehr­heits-Chan­cen belächeln?

Fans der Brü­der Ivan und David Rico Oli­va­res las­sen sich davon nicht beir­ren. Für sie ist die NN eine Neu­auf­la­ge der Recon­quis­ta. Nach der Beset­zung durch Mus­li­me star­te­te der spa­ni­sche Wider­stand damals um das Jahr 720 aus dem Enga­ge­ment klei­ner christ­li­cher Grup­pen in Astu­ri­en und benö­tig­te eini­ge Hun­dert Jah­re, um Spa­ni­en wie­der kom­plett vom Islam zu befreien.

Zu Ehren die­ser Ent­schlos­sen­heit trägt bis heu­te jeder spa­ni­sche Thron­fol­ger bis zu sei­ner Amts­über­nah­me den Titel „Prin­ci­pe de Astu­ri­as“. Ob Feli­pe VI. sich an die Her­lei­tung erin­nert und zukünf­tig die NN unterstützt?

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