Hat ja auch was für sich: Du siehst – bei den radikal Linken – all diese hochproblematischen Visagen, in denen mindestens sieben schwere Probleme eingegraben sind. Es sind manchmal klassische FASD-Gesichter, oder der fliehende Kiefer, die sinkende Stirn, heftige Asymmetrien.
Oder du siehst diesen berühmten Problempony, den sich Mädchen gern schneiden, nachdem sie als Frauen mit 19 oder 24 aus dem Kaff in die Universitätsstadt gezogen sind. (Wer sagt denn, daß Physignomie rein angeboren ist? Richtig: nur die Gen-Fetischisten!)
Du siehst, wie sich die Mundwinkel verändern, wenn jemand links wird. Das klassisch hängende, “negative” Gesicht, verursacht durch den Musculus depressor anguli oris ist allerdings erst bei älteren Frauen schmerzhaft sichtbar und hat interessanterweise zwei synoyme Volksnamen: Marionetten-Falten und „Merkel-Falten“. Man kann allerdings offenbar bereits in jungen Jahren den Anlauf dazu nehmen, möglichst verbittert zu wirken. Ich verzichte auf Bildbeweise. (Legion.)
Johann Caspar Lavaters (1741–1801) Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe (= Mammutwerk) sind online verfügbar. Lavater, ein Freund von Goethe, ist nicht nur Vater der „Physiognomik“ – er selbst hatte extrem dünne Lippen. Das weist stets (Mutter Teresa als eine Ausnahme von der Regel) auf mangelnde Generosität, verknappten Eros und Selbstbezüglichkeit hin – nur am Rande.
Lavaters Werk ist hochinteressant, aber dennoch eines der Engführung, der mangelnden Ambivalenz. Denn natürlich ist „Physiognomie lügt nie“ in Wahrheit eine hohle Behauptung! Ernst Jünger und Carl Schmitt waren sehr klein, und wer würde von Joseph de Maistre als einem „schönen Mann“ sprechen? Und niemand würde diesen Männern ihre Bedeutung absprechen.
Auch Sokrates war wohl früh Glatzenträger mit Bauch. Er soll hervorquellende Augen und extrem wulstige Lippen gehabt haben.
Ähnliches gilt für Frauen: „Rein physiognomisch“ würde man die Managementtrainerin und Bestsellerautorin Vera Birkenbihl (1946- 2011) für eine „liebe Omi“, eine klassische Östro-Frau ohne geistigen Anspruch gehalten haben. Nichts weniger als das war sie. Sie war geradezu das Gegenteil von dem, wie sie ausschaute. Sie war eine Denkerin, Macherin, ein Hirnwesen.
Oder George Eliot (1819–1880), die tatsächlich wie eine „klassische Transe“ aussah, uns aber großartige Bücher hinterlassen hat (ohne Trans-Antizipation). Physiognomie lügt also – manchmal.
So sind unsere Sehgewohnheiten – die natürlich auf Erfahrungswissen (“Vor-Urteilen“) beruhen.
Unsere Physis gibt Ausdruck von uns, ja, aber eben oft nicht ganz und auch nicht immer. Ich selbst bin eine große Freundin von sogenannten Vorurteilen. Ich nenne das Menschenkenntnis. Ebenso gern bin ich eine Freundin der Offenheit, mich eines Besseren belehren zu lassen.
Nun hat vor etlichen Tagen die Juristin und Publizistin Liane Bednarz folgenden Tweet über Renate Künast absetzt:
@EKositza hat mal gesagt, dass die Physiognomie auch etwas über den Charakter sagt. Hier sieht man es. How on earth kann man als Frau ein so verbittertes Gesicht haben? Derart nach unten gezogene Gesichtszüge?
Ich bin mit Bednarz seit Jahren freundschaftlich verbunden. Wir kennen uns gut, respektieren uns nicht bloß, wir mögen uns. Weltanschaulich trennt uns hingegen manches, politisch noch viel mehr. Da trennen uns gar Welten! Wie gut, daß es sowas wie Waffenstillstand gibt, denn genau das ist „Verständigung über die Grenzen hinweg“.
Dies mag eine genuin weibliche Sicht oder Herangehensweise sein: Aber es ist wohl menschlich. Das ist echter Kitschkrieg: sich in der Feuerpause die Hand zu reichen. Läuft. Man KANN sich mögen, ohne einander politisch näherzurücken.
Sie, Liane Bednarz, hat nach diesem Tweet einen solchen Scheißsturm (vor allem meinetwegen) kassiert, daß ich es ihr hoch anrechne, daß sie ihn nicht schlicht gelöscht hat. Das wäre sehr einfach gewesen, vielleicht sogar „politisch klug“, da sie eine gefragte Interviewpartnerin im Hauptstrom ist.
Was sagt uns nun die Physiognomie? Heute gilt das Zeug natürlich als „Pseudowissenschaft“ – was für mich durchaus eine pseudowissenschaftliche Behauptung ist.
Ich lese weiterhin gern aus Zornfalten, Mundwinkeln, Haaransätzen, Gangmustern (Materialisten gehen „nach außen“, Geisteswissenschaftler eher „nach innen“; beobachte mal auf einem Campus, wie Germanisten laufen und wie BWLer!); aus eckigen oder runden oder ovalen Gesichtern, aus Kinngrübchen und Bauchformen, aus struppigen oder dezenten Augenbrauen.
Das läuft eher intuitiv, ich hab nie ein Lineal angelegt. Und: Ich mache es rein aus Freude an der Erkenntnis, an einer persönlichen Statistik. Es gibt so eine Lust der Einordnung!
Etwas anders verhält es sich ja mit der Phrenologie, die im Grunde eine Schädelvermessung ist und stets auf „Rassenunterscheidung“ angelegt war. Das ist ein wichtiger Unterschied. Der Unterschied liegt – geschichtlich – in der absoluten Schlußfolgerung. Wo Schädel mit Geräten vermessen wurden, ging es um wert und unwert. Niemand – niemand außerhalb von untoten Nischen – hat heute solche Gedanken.
Ich betrachte mein physiognomisches Hobby, das ich gern & genüßlich pflege, als kleine Küchenpsychologie. Die sollte wohl erlaubt sein!
ofeliaa
So viel Energie zu haben, andere Menschen so einzuschätzen oder einzustufen, deutet glaube ich auf ein gutes, entspanntes Leben hin. Ich persönlich habe null Energie, andere Menschen überhaupt zu betrachten. Leider interessieren sie mich auch alle nicht mehr. Ich selbst gehe seit Monaten nun schon im Schlafanzug (ja), in Fake-Birkenstock oder Barfussschuhen raus. Menschen haben über mich von Kindesbeinen an schon alles gedacht und gesagt. Tussi, arrogante Person, konservative Spießerin, Mauerblümchen, Sexgöttin. Jeder bildet sich etwas anderes ein, auch abhängig davon, in welcher Lebensphase ich mich befinde. Früher waren viele neidisch und missgünstig. Ich will das anderen Leuten nicht antun. Ich hoffe, mich da immer beherrschen zu können..selbst in Gedanken.
Kositza: Tip: Einfach aufhören zu überlegen, was andere von Ihnen denken. Denn wie andere Sie einschätzen oder kategorisieren, kann Ihnen doch gar nichts anhaben?