Dabei hatten wir alle harte Monate hinter uns, und alleine die letzten Wochen hatten es in sich: Am ersten Juliwochenende war ich bei einem Vortrag in Irland. Danach ging’s auf Lesereise, zum Sommerfest nach Schnellroda und im Anschluß zur Kundgebung des “Save Europe Acts” in Brüssel. Direkt danach fand unsere Kundgebung in Wien statt.
Als Kubitschek mir auf Telegram schrieb, daß ich es im August etwas ruhiger angehen solle, stimmte ich ihm innerlich zu. Ähnlich ging es vielen anderen Aktivisten, die ebenfalls bei den meisten dieser Ereignisse im Volleinsatz waren.
Aber Ceuta: Ein Kurzurlaub, den ich zum Klettern in den Alpen nutzen wollte, wurde von mir ebenso abgebrochen wie ein Italienaufenthalt von Manuel Corchia und ein Urlaub von Maximilian Märkl. Binnen zweier Tagen koordinierten wir uns und setzten eine Gruppe von Aktivisten nach Málaga in Bewegung. Vor Ort kümmerte sich Toni Estevez, der nationale Organisator des “Save Europe Acts”, um die Logistik. Was hatten wir vor?
Ich will eines vorausschicken: In weit über 12 Jahren identitärem Aktivismus habe ich, haben wir einen reichen Erfahrungsschatz angesammelt. Wir wissen, wie es geht, wie es schnell geht, wie schnell es gehen muß und was am Ende zählt. Wir haben alle einschlägigen Bücher gelesen und selber welche geschrieben. Und wir haben europaweit Mannschaften, Stützpunkte, zuverlässige Leute.
Rasch gab es für Spanien Pläne. Aus meiner Erfahrung weiß ich, daß es in diesen Fällen das Wichtigste ist, erst einmal so viel Material und Mannschaft wie möglich am Ort des Geschehens zu mobilisieren. Das Weitere ergibt sich, wenn man eine Gruppe junger, erfahrener und motivierter Aktivisten zur Hand hat.
Aus Ceuta hörten wir Widersprüchliches. Unklar war auch, wie stark das Militär die Insel abriegeln würde. Daher entschlossen wir uns, direkt nach Algeciras zu reisen. Die südspanische Hafenstadt ist der einzige Ankunftsort der Fähre aus der nordafrikanischen Enklave. Aus unserer Sicht war das der Knotenpunkt, an dem man die Weiterreise der Illegalen auf europäisches Festland verhindern mußte.
Mein Kernanliegen war und ist, das Bewußtsein der spanischen Bevölkerung für die Möglichkeit des zivilen Ungehorsams zu schärfen. Unser erstes Ziel bestand also in einer symbolischen Blockade des Fährhafens von Ceuta. Dazu wurde in Windeseile ein großes Banner angefertigt. Toni mietete einen Kastenwagen und organisierte im Baumarkt zahlreiche blaue Fässer. Maximilian Märkl, der ebenfalls im Dauereinsatz steht, brachte uns eine Ladung Save Europe Act-T-Shirts aus Deutschland. Meine Aufgabe, Plakate und Flugzettel aus Wien mitzubringen, scheiterte leider an Ryanair. Als ich abends am Samstagabend in Málaga ankam, fehlte von meinem Koffer jede Spur. Meine erste logistische Aufgabe bestand also darin, mir eine persönliche Grundausstattung zu kaufen.
Unser Plan war tatsächlich etwas ausgefeilter. Als Ablenkungskulisse für unsere Mobilisierung nach Algeciras hatten wir eine Kundgebung auf einem Platz in der Nähe des Hafens angemeldet. Diese wurde von der Polizei kurzfristig untersagt. Über Verbindungen bekamen wir jedoch Kontakt zu einem spanischen Anwalt, und wir konnten rasch eine weitere Kundgebung nachschieben.
Der Ablaufplan war, daß wir im Lärm- und Bildschutz der Kundgebung die Blockade durchführen würden. Sobald wir vor Ort waren, sollten sich die Kundgebung überraschend in Bewegung setzen und zu unserer Blockade stoßen. Ziel war es, sie so lange wie möglich gewaltfrei aufrechtzuerhalten. Der spanischen Polizei wollten wir keinerlei Widerstand leisten, um gröbere juristische Folgen und schlechte Bilder zu vermeiden.
Aus Gründen der Kommunikationssicherheit wußten viele der mobilisierten Aktivisten bis zuletzt nicht, worum es ging. Als wir uns auf einem Parkplatz in Algeciras sammelten, erklärte ich der Mannschaft, bestehend aus Portugiesen, Franzosen, Schweizern, Deutschen, Spaniern und Österreichern, knapp, was wir vorhatten. Fast alle waren an Bord, schlüpften in ihre Aktionshemden und kletterten in die Ladefläche des Kastenwagens. Wir waren schon spät dran, weil sich die Ankunft der Deutschen verzögert hatte und die Demo bereits im vollen Gange war.
Am Hafen angekommen, lief alles wie am Schnürchen. Auf mein Kommando stürmten 15 Mann und ein Mädel aus Wien los. Binnen weniger Sekunden stand unsere Blockade. Bengalos wurden gezündet und unser Megafon hallte über den Hafen.
Nach wenigen Minuten sah ich auch schon von fern die Fahnen der Kundgebung von rund 200 Mann, die sich in Bewegung gesetzt hatten. Leider reagierte die spanische Polizei zu rasch. Vor dem Eintreffen der Entsatzung stürmte ein Dutzend Beamter auf uns los. Entsprechend der Anweisung leisteten die Aktivisten keinen Widerstand.
Als der Demonstrationszug eintraf, standen wir nicht mehr vor dem Hafeneingang, sondern etwas abseits. Ansprachen wurden gehalten, Parolen gegeben, doch ich konnte mich nicht wirklich darauf fokussieren. Mein Hirn ratterte, und ich überlegte, wie wir diese Situation nun narrativ gut klären könnten. Die erste Meldung war schließlich, daß wir den Eingang zum Hafen besetzt hatten. Wenn wir nun nach relativ kurzer Zeit freiwillig abziehen würden, wäre die Wirkung seltsam.
Auch für die Kundgebungsteilnehmer wäre das unbefriedigend. Meine Überlegungen wurden unterbrochen, als ich einige offensichtliche agents provocateurs von unserer Demo komplimentieren mußte. Allmählich wurden Parolen und Ansprachen repetitiv. Man merkte, daß die Leute unruhig und die Gesichter ratlos wurden.
Plötzlich kam mir der Einfall:
Wir haben den Hafen von Algeciras blockiert, um dem Volk zu zeigen, was möglich ist, wenn sie nur wollen, und jetzt brechen wir gemeinsam auf nach Ceuta, um die Patrioten dort zu unterstützen.
Ein spanischer Aktivist übersetzte die Ansage. Jubel brandete in der Menge auf. Der Zug setzte sich in Bewegung und ging auf den Fußgängereingang zum Fährhafen zu. Sofort griff die Polizei ein. Sie stoppte die Menge, zergliederte sie, kontrollierte die Ausweise und erklärte uns, daß wir nicht nach Ceuta übersetzen dürften.
Videos und Postings zu dieser Reiseverweigerung gingen auf sozialen Netzwerken sofort viral, und sie gaben einen perfekten Schlußakkord für die erste kleine Aktion. Rasch erklärten wir die Kundgebung für beendet, zerstreuten uns und sammelten uns auf dem Parkplatz.
Wir hatten starke Gegenbilder zur Stürmung von Ceuta produziert, aber damit waren wir noch lange nicht zufrieden. Das Material war noch vorhanden, keiner war verhaftet, und der Tag war noch jung. Unser Entschluß war klar: Wir fahren nach Ceuta!


Maiordomus
@Sezession. "Aktivist" ist aus meiner Sicht kein eingetragener Beruf, besonders nicht für eine Parteirichtung, welche noch auf die gute alte Polit-Miliz ausgerichtet ist wie zum Beispiel der Malermeister, das Gegenteil dessen, der "Anstreicher" genannt wurde. Eher ein bürgerlicher Beruf ist Filmkritiker, wie mir nach der Lektüre des zwar auf den ersten Blick zwar nicht gerade verlockenden Filmführers Lichtmesz mit Nachdruck aufgegangen ist. Noch beeindruckend Porträtierungen von Tarkowski und Robert Bresson, aber auch der Hinweis auf den Film über den Alcazar von Toledo, den ich vor 45 Jahren mal vor Ort aufsuchte, mit Dokumentation der berühmten Episode des Vaters, der dem als Geisel genommenen Sohn den Befehl gab, sich tapfer erschiessen zu lassen. Hätte ML geraten, zumindest die Gattung Dokumentarfilm nicht auszulassen, ist doch aus aktuellem Anlass der als "rechts" verschrieene Streifen "Africa addio" trotz dem Alter von rund 50 Jahren hochaktuell. Sowas anzuschauen bringt was. Zum Filmen in Ceuta hätte man für alternative Dokumentation es mit weniger bekannten Hingefahrenen bewenden lassen können.