Solche plakativen Vereinnahmungen sind schwammig und werden inflationär verwendet. Faktisch untermauert und in diesem Kontext von einiger Relevanz ist hingegen ein Phänomen namens NEET: Das sind junge Leute, die “Not in Education, Employment or Training” sind – also Jugendliche und junge Erwachsenen, die weder arbeiten noch studieren oder einer Ausbildung nachgehen.
Von solchen gibt es im globalen Westen eine steigende Anzahl. In Deutschland waren es im Jahr 2025 über 10% der 15–29-Jährigen (Youth not in employment, education or training (NEET) | OECD). In der Anglosphäre hat sich NEET längst begrifflich verselbstständigt und wurde zur Chiffre für den jungen Arbeitslosen schlechthin.
Es scheint plausibel, das Phänomen als Konsequenz der angespannten Wirtschaftslage und der einsetzenden KI-Revolution, die zahlreiche Einstiegsmöglichkeiten in das Berufsleben wegrationalisiert hat, zu interpretieren.
Diese Umstände tragen sicherlich dazu bei – aber als Vertreter der Generation Z möchte ich behaupten, daß der systemische bedingte Anteil von NEET das Verhängnis nicht erschöpfend erklären kann. Die Realität, daß ein Zehntel der jungen Menschen in ökonomischer Apathie verweilt, ist historisch sehr weit von der Norm und erlaubt Rückschlüsse auf den NEET als solchen.
Man sollte doch meinen, daß sich allein deshalb im NEET-Anteil der Generation Z längst eine gewisse Temperaturerhöhung eingestellt hätte, die sich auf den Straßen der großen Städte bemerkbar macht. Aber nichts dergleichen: Sämtliche große Protestbewegungen der letzten Zeit waren stromlinienförmige Formationen der politischen Opportunität – weder Black Lives Matter noch Fridays for Future entzündeten sich an der konkreten Realität junger Leute, sondern wurden durch enorme Medienkampagnen orchestriert.
Die Statistik weist über eine Million Jugendliche und junge Erwachsene aus, die perspektivisch von der gesellschaftlichen Teilnahme ausgeschlossen werden könnten. Und dies vor dem Hintergrund, daß es nach wie vor berufliche Optionen gibt, die branchenweit unterbesetzt sind – allen voran im Handwerk.
Es erscheint vor diesem Hintergrund nicht einleuchtend, daß NEET ein rein wirtschaftliches Problem darstellt und demnach keinesfalls vergleichbar ist mit einer der Konjunkturschwäche geschuldeten höheren Arbeitslosigkeit, wie es sie etwa nach der Bankenkrise 2008 gab. Eher schon ist NEET ein besorgniserregendes Sinnbild für die seelische Gesundheit junger Menschen.
Ich denke, daß bei den meisten NEETs eine psychologische Disposition vorherrscht, die Lorenz Bien in einem luziden Essay, der in der Reihe Kaplaken erschienen ist, auf die Formel Depressive Hedonie gebracht hat.
Wie Bien ausführt, befindet sich ein beträchtlicher Anteil der jungen Generation in einer Suchtspirale, in der ein vorherrschendes Gefühl der depressiven Ermattung durch methodisch herbeigeführten Lustgewinn aus niederen Quellen – etwa durch Drogen, Videospiele oder exzessiven Internetkonsum – kompensiert wird. In der Folge ergibt sich ein Zustand, in dem jede Anstrengung, die zwangsläufig Motivation erfordert und gar nicht oder zumindest nicht sofort von befriedigenden Gefühlen begleitet ist, undenkbar wird.
Es ist diese psychische Verfassung, welche die fatale Antriebslosigkeit des NEETs verursacht. In dieser Hinsicht ist das Phänomen selbst unter statistischem Vorbehalt – auch junge Eltern und Schwerkranke, die aus diesen Gründen nicht erwerbstätig sind, werden als NEET klassifiziert – ein erstes Signal dafür, wohin die Reise gehen könnte.
Dabei muß hervorgehoben werden, daß viele NEETs, die aufgrund ihrer psychischen Konstitution in diese Lage geraten sind, sehr übel mitgespielt wurde. Die digitale Technik, welcher die Generation Z schon in der Kindheit ausgesetzt war, ist gerade dazu geschaffen worden, den Menschen zum depressiven Hedonisten zu machen – nur unter dieser Bedingung funktioniert das Geschäftsmodell der Tech-Giganten gewinnmaximierend.
NEET hat schon jetzt massive Konsequenzen für die ökonomische Entwicklung Deutschlands. Ein Jahr, in dem sich ein Arbeitsloser nicht weiter qualifiziert und keine Anstalten macht, in Lohn und Brot zu kommen, ist volkswirtschaftlich aufgrund der externen Effekte, die Arbeitslosigkeit etwa im Sinne von unkompensierten Abgabeausfällen zeitigt, stets mit Kosten verbunden, die weit über die existenzsichernden Zahlungen hinausgehen.
Die menschliche Tragödie des NEETs hat demnach auch erkennbar eine politische Dimension.