Dufte Politik

von Wiggo Mann -- Pecunia non olet, aber Politik schon. Könnte man die aktuellen Regierungs-Darsteller und ihre klebrigen Hinterzimmer-Spielchen riechen, wäre Politik in Deutschland vermutlich ein muffiges Erlebnis. Irgendwo zwischen Adrenalin-verstärktem Streßschweiß, Axe Bodyspray und Douglas-„Bestseller“?

Kein Wun­der also, daß unser Kar­tell hys­te­risch reagiert, sobald einer das Fens­ter auf­reißt, und meta­pho­risch möch­te, daß Poli­tik nicht mehr zum Him­mel stinkt.

Einer wie Ulrich Sieg­mund; einer, der Zeit­schrif­ten­ti­tel signiert, die ihn optisch zur Fahn­dung aus­schrei­ben; einer, des­sen aktu­el­les Inter­view auf dem You­Tube-Kanal „Ben ungeskrip­tet“ inner­halb von 3 Tagen 3,5 Mil­lio­nen Auf­ru­fe hat. Wären es „Uni­que Visi­tors Ü18“, dann ent­sprä­che es unge­fähr 6% aller Wahl­be­rech­tig­ten in Deutsch­land. Zum Ver­gleich: Die ZDF-Nach­rich­ten­sen­dung „heu­te“ sehen der­zeit im Schnitt noch etwas über 200.000 Men­schen in der Alters­ko­hor­te 14 bis 49.

Sieg­mund hört man offen­bar ger­ne zu. Er hat Ener­gie und wirkt fröh­lich. Das zieht sich durch sein Leben. Schon 2014 begeis­ter­te er sich unter dem Fir­men­na­men „Ber­lin duf­tet“ für Duft­mar­ke­ting. Da war er gera­de mal 24 Jah­re alt.

Olfak­to­ri­sches Mar­ke­ting klingt für rea­li­täts­fer­ne Gut­men­schen lächer­lich – nach Ver­kauf von Duft­bäum­chen für mus­li­mi­sche AMG-Rück­spie­gel. Aber Sieg­mund und sein Geschäfts­part­ner hat­ten vor einer Deka­de wohl erkannt, wel­che glo­ba­len Erfol­ge im Bereich des pro­fes­sio­nel­len Duft­mar­ke­tings ver­bucht werden.

„Smell-O-Visi­on“ hieß in den Sech­zi­gern mal eine Idee, Gerü­che eines Films über die Kli­ma­an­la­ge ins Kino zu bla­sen. Der Film „Poly­es­ter“ des selbst­er­nann­ten Bad-Tas­te-Regis­seurs John Waters ver­such­te es in den Acht­zi­gern mit Rub­bel­kar­ten zum Mit­schnüf­feln. Die Pro­fes­sio­na­li­sie­rung im Geruchs-Mar­ke­ting erfolg­te vor über 30 Jah­ren durch das Unter­neh­men Scen­tA­ir, einer Dis­ney-Abspal­tung, die mit dem Ein­satz von Düf­ten für noch inten­si­ve­re Erleb­nis­se in den belieb­ten Spaß-Parks des Kon­zerns sor­gen sollte.

Wahr­schein­lich sind wir alle schon durch mar­ke­ting-basier­te Raum­be­duf­tung gelau­fen, ohne es uns bewusst zu machen. Allei­ne Markt­füh­rer Scen­tA­ir ist heu­te in 119 Län­dern aktiv und erzielt einen Umsatz von weit über 100 Mil­lio­nen Dol­lar. Ein gutes Vor­bild für einen Groß- und Außen­han­dels­kauf­mann aus Tan­ger­mün­de, der Lust hat­te, als Net­to­steu­er­zah­ler eigen­ver­ant­wort­lich etwas zu bewegen.

Unter der Schlag­zei­le „Es liegt was in der Luft“ berich­te­te die Ber­li­ner Mor­gen­post 2014 über den „Jung­un­ter­neh­mer“ Ulrich Sieg­mund und schil­der­te begeis­tert die unbe­wuss­ten Effek­te von Düf­ten im Verkauf:

Neu­ro­mar­ke­ting heißt das, wenn der Kon­su­ment auf die viel­leicht sub­tils­te Art und Wei­se beein­flusst wer­den soll. Denn kaum etwas ist so prä­gend wie ein Geruch. Er kann die­sel­ben Gehirn­re­gio­nen akti­vie­ren wie der Anblick einer Ware oder eines Produktlogos.

Das war noch unter­trie­ben. Geruch ist die unbe­wuss­tes­te aller Sin­nes­wahr­neh­mun­gen. Wird sofort im Riech­kol­ben (ja, der heißt wirk­lich so) und im pri­mä­ren Cor­tex emo­tio­nal ver­ar­bei­tet und direkt an die Erin­ne­rungs-Biblio­thek des Hip­po­cam­pus durchgereicht.

Zwi­schen die­sem Moment und der bewuss­ten Dechif­frie­rung im orbi­t­o­fron­ta­len Cor­tex lie­gen oft 500 ms, bei kom­ple­xen Rei­zen sogar mehr als eine Sekun­de. Hier lässt sich die Idee des Neu­ro-Psy­cho­lo­gen Dani­el Kah­ne­man (Thin­king, fast and slow) ganz real ver­mes­sen. Zwei Sys­te­me. Wir reagie­ren, bevor wir kapieren.

Im Ver­gleich zu Gen­der Stu­dies also ein inter­es­san­tes und fak­ten-basier­tes The­ma, mit dem sich der jun­ge Ulrich Sieg­mund beschäf­tig­te. Hät­te die Ber­li­ner Mor­gen­post geahnt, wen sie damals inter­view­te, wäre der Arti­kel über das neue Unter­neh­men „Ber­lin duf­tet“ wohl nie ver­öf­fent­licht wor­den. Die oppo­si­ti­ons­feind­li­che Zei­tung der Fun­ke-Medi­en­grup­pe erklär­te noch vor ein paar Wochen ihren Lesern, die AfD sei zwar erfolg­reichs­te Par­tei, aber lei­der „nicht demokratisch“.

In der Bericht­erstat­tung von 2014 über Sieg­munds unter­neh­me­ri­sche Ambi­tio­nen war davon natür­lich noch nichts zu spü­ren. Man begeis­ter­te sich an sei­nen Ideen für den öffent­li­chen Nah­ver­kehr der Hauptstadt.

Für S‑Bahn und Ber­li­ner Ver­kehrs­be­trie­be (BVG) hat Sieg­mund einen „ent­span­nen­den“ Duft im Sinn, viel­leicht eine eige­ne Krea­ti­on, viel­leicht auch Laven­del. (…) „In New York wer­den beson­ders die stark fre­quen­tier­ten Bahn­sta­tio­nen dezent mit Vanil­le beduf­tet“, sagt Sieg­mund. „Das senkt Aggres­sio­nen und schränkt die Aus­wir­kun­gen von Van­da­lis­mus ein. Auch bei Ver­spä­tun­gen reagie­ren die Men­schen mess­bar gelassener.

Wäre ja ange­bracht bei der BVG. Jour­na­lis­tisch enga­giert befrag­te die Ber­li­ner Mor­gen­post dazu eine Reprä­sen­tan­tin des Staats­be­triebs, „Ber­lins pro­fi­lier­tes­te Pres­se­spre­che­rin“ Petra Reetz, und erhielt erwart­bar fol­gen­de Auskunft:

Ich kann mir das nicht vor­stel­len. Nicht alle Fahr­gäs­te mögen die­sel­ben Düf­te“, sagt BVG-Spre­che­rin Petra Reetz. Einen U‑Bahnhof von „Ber­lin Duf­tet“ aus­stat­ten zu las­sen, wür­de neben den ein­ma­li­gen Anschaf­fungs­kos­ten des Geräts eine drei­stel­li­ge Sum­me pro Quar­tal bedeu­ten, je nach Bahnhofsgröße.

Rich­tig gele­sen. Es ging der bit­te­ren Frau Reetz gar nicht um Neu­gier und Inno­va­tions-Dis­kus­si­on im ÖPNV-Moloch der Haupt­stadt. Der lan­des­ei­ge­ne Betrieb ver­zeich­ne­te zum Zeit­punkt des Inter­views in sei­nem Zustän­dig­keits­be­reich laut Poli­zei­li­cher Kri­mi­nal­sta­tis­tik rund 10.000 Straf­ta­ten pro Jahr inklu­si­ve 2.300 Fäl­len von Kör­per­ver­let­zung – aber ein moder­ner Ver­such unbe­wuß­ter Aggres­si­ons-Dämp­fung darf noch nicht ein­mal getes­tet wer­den, weil eine drei­stel­li­ge Sum­me pro Quar­tal und Test-Bahn­hof unmög­lich ist. CSD-Truck ja, Pro­dukt­ver­bes­se­rung nein.

Die Ver­wei­ge­rung der PR-Frau war dann selbst der regie­rungs­kon­for­men Ber­li­ner Mor­gen­post ein biss­chen zu doof:

Mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit wird es an Ber­lins Bahn­hö­fen also wei­ter so rie­chen wie bis­her. Nach Döner, Ziga­ret­ten, Urin.

Unge­fähr zu die­ser Zeit fand Sieg­mund neben der beruf­li­chen Tätig­keit auch noch Zeit, ein selbst­fi­nan­zier­tes Stu­di­um zu absol­vie­ren und sich für die AfD zu enga­gie­ren. Ein Jahr spä­ter war er bereits Vor­stands­mit­glied eines Kreis­ver­bands. Wer jemals in sei­nem Leben ein Start­Up hoch­ge­zo­gen hat, weiß, was Mehr­fach­be­las­tung bei gleich­zei­ti­ger Exis­tenz­si­che­rung bedeu­tet. Wie gesagt: Der Mann hat Energie.

Ulrich Sieg­mund könn­te man, aus dem Augen­win­kel betrach­tet, als leicht­ge­wich­ti­gen Sun­ny­boy unter­schät­zen. Aber was er macht, macht er bis­lang ziel­ge­rich­tet. Ein biss­chen wie Duft­mar­ke­ting: Es fällt schwer, sich sei­ner posi­ti­ven Wir­kung zu entziehen.

Das haben sei­ne poli­ti­schen Geg­ner zu spät ver­stan­den. In Zusam­men­ar­beit mit der „vier­ten Gewalt“ des Rechts­staa­tes und deren ange­schlos­se­nen Social-Media-Accounts inter­es­sie­ren sie sich nicht für Wir­kung, son­dern eher für irgend­ei­nen Diplom­zet­tel. Was zur Fra­ge führt, ob aka­de­mi­sche Bil­dung für einen Poli­ti­ker über­haupt wich­tig ist?

Gegen­pro­be: Wir haben einen Voll­ju­ris­ten als Kanz­ler. Mit anschlie­ßen­der Tätig­keit in den Schwer­punk­ten Cor­po­ra­te Finan­ce und M&A, also den anspruchs­volls­ten und pres­ti­ge­träch­tigs­ten Dis­zi­pli­nen der Juris­te­rei. Da geht’s unter ande­rem um tie­fe Kennt­nis­se in Steu­er­recht und Ver­trags­ge­stal­tung bei hohen Trans­ak­ti­ons­vo­lu­mi­na und teils mas­si­vem Zeit­druck. Am Ende hast Du in die­sem Anwalts-Job ent­we­der Tin­i­tus, oder eine Vil­la in der Tos­ka­na. Oder beides.

Fried­rich Merz hat bei­des nicht. Immer­hin war er aber mehr als vier Jah­re lang Auf­sichts­rat von Black­Rock Asset Manage­ment Deutsch­land, der regio­na­len Toch­ter des welt­weit größ­ten Ver­mö­gens­ver­wal­ters. Er beriet den Vor­stand bei stra­te­gi­schen Ent­schei­dun­gen und kon­trol­lier­te die Unternehmensführung.

Black­Rock ver­wal­tet glo­ba­le Assets von 15 Bil­lio­nen US-Dol­lar. Bil­lio­nen mit B. Das beruf­li­che Umfeld des Kanz­lers war also eine Orga­ni­sa­ti­on mit Finanz-Manage­ment in einer Grö­ßen­ord­nung, die dem 15-fachen der jähr­li­chen Steu­er­ein­nah­men des deut­schen Staa­tes ent­spricht. Kein schlech­tes Argu­ment in einem Bewer­bungs­ge­spräch für den Kanzler-Job?

Das beein­druck­te im Dezem­ber 2021 auch die CDU. Der schlan­ke, wort­ge­wand­te Red­ner mit dem ele­gan­ten Dimp­le im Kra­wat­ten­kno­ten kann sich läs­sig gegen einen Berufs­po­li­ti­ker wie Rött­gen und einen dick­li­chen Assis­tenz­arzt namens Braun durch­set­zen. „Dies­mal führ­te kein Weg mehr an ihm vor­bei“ schrieb die Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung. Das fand auch die Gene­ra­ti­on Boo­mer und wähl­te ihn zum Insol­venz­ver­wal­ter der Republik.

Mitt­ler­wei­le weiß man, dass die Ver­läß­lich­keit von Aus­sa­gen des Herrn Merz vor­sich­tig behan­delt wer­den soll­ten – ähn­lich übri­gens wie die Aus­sa­gen jedes hek­ti­schen Top-Mana­gers auf der Jagd von Quar­tals­be­richt zu Quartalsbericht.

Wenn man Herrn Merz nicht puren Nar­ziss­mus oder eine sinist­re und fern­ge­lenk­te Moti­va­ti­on unter­stel­len möch­te, dann muss man ihm trotz sei­ner Vita mitt­ler­wei­le den wirt­schaft­li­chen Sach­ver­stand abspre­chen. Und zwar selbst dann, wenn man wohl­wol­lend berück­sich­tigt, dass mit Lars Kling­beil ein ver­knif­fe­ner Obstru­ist im Kabi­nett sitzt, wel­cher in jun­gen Jah­ren direkt vom Sozio­lo­gie-Stu­di­um ins Wahl­kreis­bü­ro von Schrö­ders Wahl­kampf-Mana­ger Wie­se wech­sel­te. Spä­te Sozi-Rache aus Han­no­ver gegen den Wirt­schafts­an­walt Merz?

Diplom, oder nicht. Ent­schei­dend sind bei einem Poli­ti­ker Inte­gri­tät und der unbe­ding­te Wil­le, die Auf­ga­ben so zu lösen, wie man es ver­spro­chen hat. Die Mischung aus ver­meint­li­cher Kom­ple­xi­tät und Koali­ti­ons­frust ist in der aktu­el­len deut­schen Situa­ti­on als Aus­re­de nicht mehr zulässig.

Wer dem kor­rup­ten Sys­tem zukünf­tig den Neu­start auf­zwingt, ist völ­lig zweit­ran­gig. Das kann ein Maler­meis­ter sein, oder ein ange­hen­der Pries­ter und wei­ser Pro­fes­sor, wie sei­ner­zeit Sala­zar bei den Por­tu­gie­sen. Mei­net­we­gen kann es auch jemand sein, der sei­ne Erwerbs­bio­gra­phie als Küchen­hil­fe ehren­wert in har­ten Arbeits­be­din­gun­gen star­te­te und immer­hin eige­nes Geld verdiente.

Frau Göring-Ekhardt ist nicht des­halb eine ver­ach­tens­wer­te Per­son, weil sie vor vie­len Jah­ren Zwie­beln geschnit­ten und Tel­ler gewa­schen hat. Sie ist als Volks­ver­tre­te­rin inak­zep­ta­bel, weil sie Intel­lekt durch Ideo­lo­gie ersetzt, wenn die Stell­ver­tre­te­rin des zweit­höchs­ten Staats­am­tes Sät­ze sagt wie:

Wir krie­gen jetzt plötz­lich Men­schen geschenkt.

und

Die Ein­wan­de­rer bezah­len die Ren­te der­je­ni­gen, die in Dres­den auf die Stra­ße gehen und gegen Asyl­be­wer­ber und Ein­wan­de­rer demonstrieren.

Das war kein Ver­se­hen. Auf Nach­fra­ge der Pres­se bestä­tig­te Frau Göring-Ekhardt, sie sei zwar schnell in ihren Urtei­len, aber „nie leicht­sin­nig“. Das darf man bestä­ti­gen. Ihr Auf­tre­ten ist nicht leicht­sin­nig, son­dern schlicht­weg dumm.

Dumm­heit und Inkom­pe­tenz ist kein zwin­gen­des Ergeb­nis einer Vita mit schma­ler Aus­bil­dung oder feh­len­dem Diplom. Es ist öfter eine cha­rak­ter­li­che Schwäche.

Das umge­kehr­te Erleb­nis ist in erstaun­lich vie­len Fäl­len die Stär­ke der AfD. Wer jemals Gele­gen­heit hat­te, Men­schen wie Ulrich Sieg­mund live zu erle­ben, ein per­sön­li­ches Gespräch mit Tino Chrup­al­la oder Björn Höcke abseits einer Red­ner­büh­ne zu füh­ren, oder den Aus­füh­run­gen von Hans-Chris­toph Berndt zuzu­hö­ren und dabei deren Auf­merk­sam­keit, Ruhe und tra­gen­de fami­liä­re Bin­dung zu erle­ben, der weiß, war­um sich der Tie­fe Staat zurecht um die Bestands­ga­ran­tie sei­nes Estab­lish­ments sor­gen sollte.

Viel­leicht ist Arro­ganz gegen­über dem AfD-Kader das letz­te ver­häng­nis­vol­le Leit­mo­tiv der BRD-Prot­ago­nis­ten. Die Mann­schaft an der Spit­ze von Deutsch­lands größ­ter Par­tei wird oft belä­chelt und igno­riert. So lan­ge, bis das Kar­tell vor Wahl­ter­mi­nen fest­stellt, dass ein erhoff­tes „Licht am Ende des Tun­nels“ die Schein­wer­fer des jewei­li­gen AfD-Kan­di­da­ten sind, der ihnen ent­ge­gen kommt.

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Kommentare (1)

Le Chasseur

19. August 2026 13:04

Am Nürnberger Hauptbahnhof riecht's nach menschlichen Ausscheidungen. Das löst Aggressionen aus und führt dazu, dass man sich bei Verspätungen noch mehr aufregt. :-)