Hierzulande wird die Spaltung vor allem durch die drei Links-Parteien im Bundestag, eine diesen weitgehend nahestehende Journalistenschaft und eine Heerschar “antifaschistischer” Lohnschreiber mit ihrer aufgeblähten, scheinwissenschaftlichen “Anti-Rechts”- und “Anti-AfD”-Literatur befeuert.
Die Verschärfung dieses Problems, das zudem maßgeblich von den USA ausgeht, zwingt zumindest einige Publizisten, sich damit zu beschäftigen und nach Erklärungen zu suchen. Philipp Anton Mendes 2020 erschienenes Buch Widerstand: Warum zwischen linker und rechter Politik eine Schlacht der Gene wütet gehört in diese Kategorie. Nun hat der New Yorker Psychologie-Professor Jonathan Haidt mit Die Macht der Moral einen umfassenden Beitrag zugesteuert.
Haidts Buch ist nicht immer einfach zu lesen, beschäftigt es sich doch ausgiebig mit Moralphilosopie, Verhaltensbiologie, Genetik und Urgeschichte. So kreist es um die Frage, ob Moral angeboren, anerzogen oder durch Interaktion mit anderen Menschen spielerisch erworben wird. Auch die Rolle der Moral zur Lösung innerer Gruppenspannungen wird angesprochen.
Zudem bearbeitet das Buch die Frage nach der Entstehung unserer politischen Leitbilder. Den Ursprung sieht Haidt nicht in der Ratio, sondern der Emotion verortet, weshalb auch Diskussionen auf der Ratio-Ebene oft müßig seien. Häufig werden emotionale Reaktionen erst nachträglich mit moralischen Argumenten zu rationalisieren versucht.
Da der Mensch über ein ständiges inneres „Soziometer“ verfüge, das seinen Selbstwert durch das Verhältnis zur Gesellschaft berechne, sei für die meisten Menschen der Anschein und das eigene soziale Ansehen wichtiger als das Streben nach Wahrheit. Die Gesellschaft nutzt diese Angst vor dem Ansehensverlust als stetes Machtinstrument. Das führt dazu, daß Menschen oft nur das sehen, was sie sehen wollen, lügen, sich selbst belügen und dafür dann bestätigende Beweise suchen. So bilden sich politische Meinungen weniger nach dem persönlichen ökonomischen Nutzen als nach der Bestätigung der sozialen Gruppenzugehörigkeit. Das “gut wirken” steht vor dem “gut handeln”.
Gegen Ende werden Haidts Forschungsresultate plastisch nachvollziehbar. Der Autor arbeitet sechs moralische Grundlagen von Politik heraus:
Die Moralität von Linken und Liberalen fußt demnach vor allem auf zwei bis drei dieser Grundlagen, die jenen als politischer Antrieb und Bewertungsmaßstab dienen. Es sind diese Fürsorge vs. Schaden, Freiheit vs. Unterdrückung und – schwächer ausgeprägt – Fairneß vs. Betrug. Das bedeutet, daß zum Beispiel das Engagement für “Geflüchtete”, prekäre Randgruppen oder sexuelle Minderheiten aus einer tiefen individuellen Fürsorge-Moral entsteht. Robbenbabys oder Flüchtlinge aus Darfur nehmen in dieser Weltsicht eine wichtigere Rolle ein als die Stabilität des eigenen Landes.
Haidt spricht von einer “Boomer-Psychologie” der 70er bis 90er Jahre, die “Moral” mit “sozialer Gerechtigkeit” oder “Gleichheit” gleichsetzte. Traditionelle Bindungen oder Autoritäten werden als Unterdrückung wahrgenommen, denen gegenüber man sich zu emanzipieren habe, um zur “Freiheit” des per se guten Individuums zu gelangen. Liegt bei Linken die Gewichtung primär auf der Fairneß-Moral, so steht bei Liberalen der Freiheits-Gedanke im Vordergrund. Positionen, die diesen Prioritätensetzungen politischen Handelns nicht folgen wollen, wird vor allem von Links jede Moralität abgesprochen. Deshalb bemühen sich große Teile der linken Forschung auch nur herauszuarbeiten, was mit Konservativen psychisch “nicht stimmt”, weil sie keine linken Positionen vertreten.
Diese Abwertung verweist Haidt in den Bereich der geistigen Kurzsichtigkeit, denn Konservative verfügen ebenfalls über einen ausgeprägten moralischen Kompaß. Auch sie streben nach einer gut funktionierenden Gesellschaft. Im Gegensatz zu Linken aber sind bei ihnen die moralischen Grundlagen gleichmäßiger verteilt. Sie fußen demnach stärker auf den Grundlagen Loyalität vs. Verrat, Autorität vs. Umsturz und Heiligkeit vs. Entweihung.
Das meint, daß auch Konservative individuelle Fürsorge für Schwächere kennen, aber dabei stets die Folgen und Gefahren für das Gemeinwesen im Auge behalten, dem sie sich zu Loyalität verpflichtet fühlen. Sie befürworten eine natürliche Autorität, da diese notwendig sei, die entfesselten Antriebe der negativ bewerteten menschlichen Natur unter Kontrolle zu halten. Und für sie besitzt die Heiligkeit des Lebens einen hohen Stellenwert. Dies beinhaltet einen tiefen Ekel gegen destruktive Auswüchse eines liberalen Laissez-Faire. Konservative haben ein Gespür dafür, was edel, rein, erhaben oder schmutzig und entwürdigend ist. In kleinen Teilen findet sich das allerdings auch bei der Linken, zum Beispiel in der Frage des Nahrungsmittelkonsums oder der Umweltverschmutzung.
Letztlich, so deutet Haidt an, seien politische Positionen weitgehend erblich vorgegeben. Zudem zieht er das Resultat, daß die Liebe zur “Menschheit” in der Praxis aus evolutionärer Sicht unwahrscheinlich ist. So bleibe stets doch nur die Liebe zur einer Gruppe einander Ähnlicher.
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Jonathan Haidt: Die Macht der Moral: Warum Politik und Weltanschauungen unsere Gesellschaft spalten, Hamburg 2026, 480 S., 28 Euro – hier bestellen
Dietrichs Bern
Im Grunde gebricht es diesem Werk, wie allen, deren Geburtsort der Elfenbeinturm ist, an erlebter Realität. Was über den Konservativen allgemein gesagt werden kann, ist eine Lebensdummheit und ein ewiges Versagen beim Ziehen von Grenzen zivilisatorischer Mindeststandards gegen Orks, seien sie rot oder braun.