Kritik der Woche (89): Bastardmoderne

Jan A. Karon war mal aufstrebend im Mainstream. Als Kind polnischer Einwanderer 1992 in Ludwigshafen geboren, studierte er in Heidelberg und Oregon Politik, Literatur und Geschichte, engagierte sich kulturpolitisch in Tel Aviv und St. Petersburg, bevor er in Berlin bei ZDF, Zeit und rbb doch recht politisch korrekt und nicht minder zeitgeistig seiner journalistischen Leidenschaft nachging.

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Doch es kam zum Bruch: The­men, die man nicht „groß“ machen durf­te, Restrik­tio­nen, die ihm nicht ein­leuch­te­ten, schließ­lich: die schlei­chen­de Ent­frem­dung von einem Betrieb, der mit dem poli­ti­schen Kom­plex eine ideo­lo­gi­sche wie öko­no­mi­sche Zweck­ehe einging.

Das behag­te Karon nicht, er scher­te aus. Und lan­de­te 2021 beim Medi­en­un­ter­neh­men Nius, wo er – mit Björn Harms und Jens Win­ter – eine dezi­diert rech­te Min­der­heits­frak­ti­on unter einer libe­ral-liber­tä­ren Regie for­mier­te und reich­wei­ten­star­ke Repor­ta­gen und Ana­ly­sen produzierte.

Im Früh­som­mer nun kün­dig­te Karon (wie auch Harms) beim Impe­ri­um, das Ex-Bild-Grö­ße Juli­an Rei­chelt ver­ant­wor­tet. Das mag auch mit vor­lie­gen­der Publi­ka­ti­on Bas­tard­mo­der­ne zusam­men­hän­gen, die als Band 2 der Rei­he „Edi­ti­on Tumult“ der gleich­na­mi­gen Dresd­ner Zeit­schrift erschie­nen ist. Denn dar­in geht Karon über das hin­aus, was im Nius-Kos­mos sag- und trag­bar erscheint.

Bas­tard­mo­der­ne – das ist für Karon jene Epo­che, die für Nie­der­gang und Zer­fall steht. Glau­bens­ver­lust, gebro­che­ne Wahr­heits­sys­te­me, Eli­ten­ster­ben, Infan­ti­li­sie­rung und links­li­be­ral-zivil­re­li­giö­se Über­for­mung der Ver­hält­nis­se stün­den für eine „Late Stage BRD“, einen Spät­zu­stand der Bun­des­re­pu­blik, in der die Fas­sa­den eines einst­mals funk­tionablen Gemein­we­sens an alte Stär­ke erin­nern. Ansons­ten herr­schen „Still­stand, Para­ly­se, Agonie“.

Karon schreibt dies vol­ler Wut, Zorn und Lei­den­schaft; Sezes­si­on-Lesern dürf­te inhalt­lich vie­les ver­traut erschei­nen. Aber er hat ja den Vor­teil, daß er als Rei­chelt-Zög­ling, als der er vie­len gilt, und der Hun­dert­tau­sen­de in den Sozia­len Medi­en erreicht, neue Ziel­grup­pen ver­sor­gen kann, die nie­mals auf „neu­rech­te“ Denk­wei­sen sto­ßen würden.

Er läßt dabei kaum einen Stein auf dem ande­ren: luzi­de Libe­ra­lis­mus- und Kapi­ta­lis­mus­kri­tik auf Höhe der Zeit, die er mit einer radi­ka­len Lin­ken­schel­te und hoch­ak­tu­el­len Bei­spiel­fäl­len aus Kul­tur, Fuß­ball und All­tag kop­pelt, so daß die Ana­ly­se ihren Platz im Leben jedes ein­zel­nen Lesers fin­det – der prak­ti­sche Repor­ta­ge­pro­fi Karon ent­deckt hier sei­ne theo­rie­af­fi­ne Sei­te und ver­bin­det bei­des zu einer ziem­lich ori­gi­nel­len Mix­tur, die zudem – wie von Karons Nius-Publi­zis­tik bekannt – in einem sehr per­sön­li­chen, sehr spe­zi­el­len Ton daherkommt.

Das, was Karon aus­for­mu­liert, ist eine radi­ka­le, durch­aus unver­söhn­li­che Kri­tik an den Ver­hält­nis­sen, die ihn selbst – ganz sub­jek­tiv – aus sei­ner vor­ge­zeich­ne­ten Main­stream-Kar­rie­re­bahn kata­pul­tier­ten. Karon weiß, daß er recht hat, was sein Selbst­be­wußt­sein stärkt und den Lesern, die an ihrer Zahl ste­tig wach­sen, wuch­tig ver­mit­telt wird.

Reicht Auf­klä­rung, Ana­ly­se, Ankla­ge? Karon warnt:

Die Mit­te wird zur Bes­tie, die um sich schlägt, weil sie kei­ne Argu­men­te mehr hat, aber eine rech­te Macht­op­ti­on nicht mit der eige­nen anti­fa­schis­ti­schen DNA ver­ein­ba­ren kann.

Das scheint zutref­fend, aber hier hat Karon eine Leer­stel­le: Es gibt kei­ner­lei posi­ti­ve Ten­denz, kein vor­ge­schla­ge­ner oder auch nur ange­deu­te­ter Aus­weg führt aus der Malai­se. Das mag man damit erklä­ren, daß Karon eben ein Jour­na­list, kein Akti­vist oder Poli­ti­ker ist. Aber wenn er schon erfolg­reich Nius-Leser über Nius hin­aus­führt – dann wäre eine Per­spek­ti­ve poli­ti­scher Ver­än­de­run­gen durch den Ein­zel­nen wie auch durch orga­ni­sier­te Gemein­schaf­ten hilfreich.

Ein wenig über­ra­schend ist da, auch ange­sichts der sonst übli­chen, distin­gu­iert-fein­geis­ti­gen Linie der Tumult-Her­aus­ge­ber­schaft, das Ende des Vor­wor­tes zum Werk Jan A. Karons. Dar­in schreibt Frank Böckel­mann, „jedes Mit­tel ist gerecht­fer­tigt und jedes apo­ka­lyp­ti­sche Ereig­nis will­kom­men, wenn sie ver­hin­dern, dass wir zugleich über­all und nir­gends wei­len“. Die­se ver­ant­wor­tungs­frem­de Apo­dik­tik („jedes“) führt nicht zwin­gend zum Besseren.

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Jan A. Karon: Bas­tard­mo­der­ne, Uhin­gen 2026. 275 S., 19 € – hier bestel­len.

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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Kommentare (1)

Laurenz

4. September 2026 10:29

Wieder einer, der vom Paulus zum Saulus mutiert ist, weil er nicht an Magengeschwüren in jungen Jahren verrecken will.