Schnell rannte ich zu einem Freund, lieh mir seinen Trabi und rettete, was zu retten war, darunter die Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) komplett im damaligen Handelswert von 7000 Mark. Viele andere Schätze mußte ich fahren lassen, darunter die ganze Berliner Goethe-Ausgabe. Dennoch wurde dieser unfreiwillige Fischzug – und ähnliche – der Grundstock meiner Bibliothek. Alle diese Bücher hatten einen Makel: sie wurden in der DDR gedruckt, standen in „verseuchten“ Bibliotheken, die Regale mußten für Westware freigeräumt werden … Und Vergleichbares geschah überall im Land, unzählige Bücher wurden vernichtet, eine ganze Literatur sollte ausradiert werden.
Warum das so war und welche politischen und geistigen Prozesse dahinterstanden, daß es letztlich um eine Delegitimierung ging – das aufzuklären hat sich Carsten Gansel, ostdeutscher Literaturwissenschafter mit langjähriger Lehrerfahrung im Westen, zur Aufgabe gemacht. Ausradiert? heißt sein Buch.
Man begreift plötzlich, daß dieses individuelle Erlebnis Teil einer großen Entwicklung, daß man nur Rädchen in einem Getriebe war, das man selbst nicht überschaute. Diesen Überblick nun zu gewähren, sollte das Buch zu einem faszinierenden Ereignis machen. Und das war es auch, aber aus anderen Gründen.
Wenn es nämlich nicht so spannend und lehrreich gewesen wäre, könnte man den über lange Passagen evidenten Verlust der Ausgangsfrage als Manko bezeichnen. Aber da es uns über den intrinsischen Wert wesentlicher Teile der DDR-Prosa belehrt, uns viele Schlüsselwerke erschließt, Autoren und ihre Probleme vorstellt – die oft ganz andere waren als uns die westdeutsche Geschichtsschreibung weismachen will –, uns den wahren Grund für das berühmte Leseland DDR erklärt, die eigentliche Funktion von Literatur, uns nicht nur die Verluste auflistet, sondern die systemische Logik dahinter ermittelt und uns vor allem animiert zu lesen, wieder neugierig auf Uwe Johnson, Brigitte Reimann, Irmtraud Morgner, Volker Braun, Werner Bräunig, Gerti Tetzner, Günter de Bruyn, Joochen Laabs und sogar Martin Schreyer oder Fritz Rudolf Fries und viele, viele andere macht, schauen wir über dieses Manko wohlwollend hinweg. Andere wichtige und systemkonformere Autoren wie Dieter Noll, Hermann Kant, Günter Görlich, Benito Wogatzki, Herbert Otto, Helmut Sakowski, Hans Weber u.a. finden leider keine Erwähnung.
Auch, daß Gansel ganz offenbar ein paar kleinere Studien zusammengekehrt und hier neu aufbereitet hat, ist vernachlässigenswert.
Ganz zum Ende erhebt er sich dann auf eine gesamtgesellschaftliche, ja fast philosophische Ebene und sinniert über Erinnerung, Vertrauen und dergleichen und da wird er richtig groß und auch mutig, weil er nicht davor zurückscheut, die Aktualität dieser Literatur, die heutige Brisanz ihrer Probleme zu benennen: da gibt es ganz heiße Passagen, lexikontauglich, die den Grundkonflikt Ost-West auf einen Nenner bringen, die unterschiedlichen Denk- und Lebenswelten- und weisen greifbar machen und durchscheinen lassen, warum der Osten oft rechter hat als der Westen.
Grundbedingung dafür ist, die Differenz zwischen dem Staat und der Gesellschaft DDR zu akzeptieren. Ersteren will kaum jemand zurück, nach letzterem sehnen sich viele Ostdeutsche.
Für diese ist die Lektüre auch eine Selbstbestätigung und ein Aufruf, ihr Erbe zu bewahren und zu pflegen und nicht – wie nach der Wende – billig zu verscherbeln oder gar zu entsorgen. Und die „Wessis“ haben die Chance, dem Kontinent DDR näher zu kommen, indem sie weniger über die DDR, sondern sie selbst lesen – in Form ihrer großartigen und vielfältigen Literatur, die viele Häutungen durchgemacht hat.
Freilich müssen sie lernen, die darin enthaltenen ideologischen und lebensweltlichen Codes zu entziffern, aber gerade dafür eignet sich Gansels Werk als Handbuch. Wenn diese Lektüre gelingt – das ist sein Subtext – dann kann die ostdeutsche Literatur wie ein Spiegel wirken, zur Katharsis führen, eine „Aufstörung“ auch für den BRD-Leser. Kurz und gut: Sollte man lesen! Jeder!
Aber weil der Kritiker auch kritisieren muß, soll Gansels nervige Selbstverliebtheit nicht verschwiegen werden, die sich nicht zähmen kann, ununterbrochen die eigene Wichtigkeit und wen er nicht alles kennt, getroffen, gesprochen hat, zu betonen, und auch der unnötig verkomplizierte und verwinkelte Anmerkungsapparat, der die Augenblickseuphorie im Nachschlageprozeß bremst, ist tadelnswert.
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Carsten Gansel: Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand, Stuttgart 2026. 383 S. 28 € – hier bestellen
Laurenz
@JS ... Mitte der 80er machte ich Sport-Abi. Dazu gehörte auch eine mündliche Theorie-Prüfung. Die von den Sport-Lehrern empfohlene Sport-Theorie-Lektüre mußte man privat bestellen & kaufen, vom DDR-Verlag. Denn es gab im Westen keine Fachliteratur. Hatte 2020 12 Kartons & 3 Koffer Bücher in die Presse gegeben, weil die keiner haben wollte. Auch meine verbliebene Bibliothek umfaßt immer noch schätzungsweise 10 Kartons & bei meiner Mutter noch mal dieselbe Menge, häufig Bertelsmann-Autoren aus den 60ern & 70ern. Habe schon überlegt, diese Bücher an Agenturen zu verkaufen, die sie weiter an BigTech verhökern, wo sie eingescannt werden. Allerdings werden die Bücher beim Scan-Vorgang zerstört. Mindestens die Menge von 2 Kartons meiner Bücher sind nicht zu ersetzen, sprich wertvoll, vor allem meine Marine-Sammlung. Die könnte man schonend selbst scannen, aber warum? An sich denke ich, ist der Büchertod nicht aufzuhalten.