Kritik der Woche (90): Ausradiert

von Jörg Seidel -- Es wird im Frühjahr 1990 gewesen sein, als ich spät am Nachmittag die Hochschule betrat und vor der Bibliothek einen großen Abfallcontainer stehen sah, in den man emsig Bücher ablud.

Schnell rann­te ich zu einem Freund, lieh mir sei­nen Tra­bi und ret­te­te, was zu ret­ten war, dar­un­ter die Marx-Engels-Gesamt­aus­ga­be (MEGA) kom­plett im dama­li­gen Han­dels­wert von 7000 Mark. Vie­le ande­re Schät­ze muß­te ich fah­ren las­sen, dar­un­ter die gan­ze Ber­li­ner Goe­the-Aus­ga­be. Den­noch wur­de die­ser unfrei­wil­li­ge Fisch­zug – und ähn­li­che – der Grund­stock mei­ner Biblio­thek. Alle die­se Bücher hat­ten einen Makel: sie wur­den in der DDR gedruckt, stan­den in „ver­seuch­ten“ Biblio­the­ken, die Rega­le muß­ten für West­wa­re frei­ge­räumt wer­den … Und Ver­gleich­ba­res geschah über­all im Land, unzäh­li­ge Bücher wur­den ver­nich­tet, eine gan­ze Lite­ra­tur soll­te aus­ra­diert werden.

War­um das so war und wel­che poli­ti­schen und geis­ti­gen Pro­zes­se dahin­ter­stan­den, daß es letzt­lich um eine Dele­gi­ti­mie­rung ging – das auf­zu­klä­ren hat sich Cars­ten Gan­sel, ost­deut­scher Lite­ra­tur­wis­sen­schaf­ter mit lang­jäh­ri­ger Lehr­erfah­rung im Wes­ten, zur Auf­ga­be gemacht. Aus­ra­diert? heißt sein Buch.

Man begreift plötz­lich, daß die­ses indi­vi­du­el­le Erleb­nis Teil einer gro­ßen Ent­wick­lung, daß man nur Räd­chen in einem Getrie­be war, das man selbst nicht über­schau­te. Die­sen Über­blick nun zu gewäh­ren, soll­te das Buch zu einem fas­zi­nie­ren­den Ereig­nis machen. Und das war es auch, aber aus ande­ren Gründen.

Wenn es näm­lich nicht so span­nend und lehr­reich gewe­sen wäre, könn­te man den über lan­ge Pas­sa­gen evi­den­ten Ver­lust der Aus­gangs­fra­ge als Man­ko bezeich­nen. Aber da es uns über den intrin­si­schen Wert wesent­li­cher Tei­le der DDR-Pro­sa belehrt, uns vie­le Schlüs­sel­wer­ke erschließt, Autoren und ihre Pro­ble­me vor­stellt – die oft ganz ande­re waren als uns die west­deut­sche Geschichts­schrei­bung weis­ma­chen will –, uns den wah­ren Grund für das berühm­te Lese­land DDR erklärt, die eigent­li­che Funk­ti­on von Lite­ra­tur, uns nicht nur die Ver­lus­te auf­lis­tet, son­dern die sys­te­mi­sche Logik dahin­ter ermit­telt und uns vor allem ani­miert zu lesen, wie­der neu­gie­rig auf Uwe John­son, Bri­git­te Rei­mann, Irm­traud Morg­ner, Vol­ker Braun, Wer­ner Bräu­nig, Ger­ti Tetz­ner, Gün­ter de Bruyn, Joo­chen Laabs und sogar Mar­tin Schrey­er oder Fritz Rudolf Fries und vie­le, vie­le ande­re macht, schau­en wir über die­ses Man­ko wohl­wol­lend hin­weg. Ande­re wich­ti­ge und sys­tem­kon­for­me­re Autoren wie Die­ter Noll, Her­mann Kant, Gün­ter Gör­lich, Beni­to Wogatz­ki, Her­bert Otto, Hel­mut Sakow­ski, Hans Weber u.a. fin­den lei­der kei­ne Erwähnung.

Auch, daß Gan­sel ganz offen­bar ein paar klei­ne­re Stu­di­en zusam­men­ge­kehrt und hier neu auf­be­rei­tet hat, ist vernachlässigenswert.

Ganz zum Ende erhebt er sich dann auf eine gesamt­ge­sell­schaft­li­che, ja fast phi­lo­so­phi­sche Ebe­ne und sin­niert über Erin­ne­rung, Ver­trau­en und der­glei­chen und da wird er rich­tig groß und auch mutig, weil er nicht davor zurück­scheut, die Aktua­li­tät die­ser Lite­ra­tur, die heu­ti­ge Bri­sanz ihrer Pro­ble­me zu benen­nen: da gibt es ganz hei­ße Pas­sa­gen, lexi­kon­taug­lich, die den Grund­kon­flikt Ost-West auf einen Nen­ner brin­gen, die unter­schied­li­chen Denk- und Lebens­wel­ten- und wei­sen greif­bar machen und durch­schei­nen las­sen, war­um der Osten oft rech­ter hat als der Westen.

Grund­be­din­gung dafür ist, die Dif­fe­renz zwi­schen dem Staat und der Gesell­schaft DDR zu akzep­tie­ren. Ers­te­ren will kaum jemand zurück, nach letz­te­rem seh­nen sich vie­le Ostdeutsche.

Für die­se ist die Lek­tü­re auch eine Selbst­be­stä­ti­gung und ein Auf­ruf, ihr Erbe zu bewah­ren und zu pfle­gen und nicht – wie nach der Wen­de – bil­lig zu ver­scher­beln oder gar zu ent­sor­gen. Und die „Wes­sis“ haben die Chan­ce, dem Kon­ti­nent DDR näher zu kom­men, indem sie weni­ger über die DDR, son­dern sie selbst lesen – in Form ihrer groß­ar­ti­gen und viel­fäl­ti­gen Lite­ra­tur, die vie­le Häu­tun­gen durch­ge­macht hat.

Frei­lich müs­sen sie ler­nen, die dar­in ent­hal­te­nen ideo­lo­gi­schen und lebens­welt­li­chen Codes zu ent­zif­fern, aber gera­de dafür eig­net sich Gan­sels Werk als Hand­buch. Wenn die­se Lek­tü­re gelingt – das ist sein Sub­text – dann kann die ost­deut­sche Lite­ra­tur wie ein Spie­gel wir­ken, zur Kathar­sis füh­ren, eine „Auf­stö­rung“ auch für den BRD-Leser. Kurz und gut: Soll­te man lesen! Jeder!

Aber weil der Kri­ti­ker auch kri­ti­sie­ren muß, soll Gan­sels ner­vi­ge Selbst­ver­liebt­heit nicht ver­schwie­gen wer­den, die sich nicht zäh­men kann, unun­ter­bro­chen die eige­ne Wich­tig­keit und wen er nicht alles kennt, getrof­fen, gespro­chen hat, zu beto­nen, und auch der unnö­tig ver­kom­pli­zier­te und ver­win­kel­te Anmer­kungs­ap­pa­rat, der die Augen­blicks­eu­pho­rie im Nach­schla­ge­pro­zeß bremst, ist tadelnswert.

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Cars­ten Gan­sel: Aus­ra­diert? Wie die Lite­ra­tur der DDR ver­schwand, Stutt­gart 2026. 383 S. 28 € – hier bestel­len

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Kommentare (1)

Laurenz

15. September 2026 13:37

@JS ... Mitte der 80er machte ich Sport-Abi. Dazu gehörte auch eine mündliche Theorie-Prüfung. Die von den Sport-Lehrern empfohlene Sport-Theorie-Lektüre mußte man privat bestellen & kaufen, vom DDR-Verlag. Denn es gab im Westen keine Fachliteratur. Hatte 2020 12 Kartons & 3 Koffer Bücher in die Presse gegeben, weil die keiner haben wollte. Auch meine verbliebene Bibliothek umfaßt immer noch schätzungsweise 10 Kartons & bei meiner Mutter noch mal dieselbe Menge, häufig Bertelsmann-Autoren aus den 60ern & 70ern. Habe schon überlegt, diese Bücher an Agenturen zu verkaufen, die sie weiter an BigTech verhökern, wo sie eingescannt werden. Allerdings werden die Bücher beim Scan-Vorgang zerstört. Mindestens die Menge von 2 Kartons meiner Bücher sind nicht zu ersetzen, sprich wertvoll, vor allem meine Marine-Sammlung. Die könnte man schonend selbst scannen, aber warum? An sich denke ich, ist der Büchertod nicht aufzuhalten.