Hoffnung und Erfahrung

Als der konservative Soziologe Helmut Schelsky 1979 seine Abrechnung mit Ernst Bloch veröffentlichte, nannte er das Buch Die Hoffnung Blochs.[1] Das war naheliegend, denn Ernst Bloch hatte vor allem mit einem Buch dafür gesorgt, daß der Marxismus im Westen Deutschlands ein menschliches Antlitz erhielt, Das Prinzip Hoffnung.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph.

Bloch hat­te es wäh­rend des Exils in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten geschrie­ben, 1954/55 erst in der DDR, wo er eine Pro­fes­sur in Leip­zig erhal­ten hat­te, und 1959 in der BRD ver­öf­fent­licht. Da war er in der DDR bereits in Ungna­de gefal­len, 1962 blieb er nach einer Vor­trags­rei­se in der BRD, wo er dafür sorg­te, daß der Neo­mar­xis­mus an den Uni­ver­si­tä­ten zur domi­nie­ren­den Ideo­lo­gie wur­de. Für Schelsky stell­te sich daher vor allem eine Fra­ge: War­um ist die­se Phi­lo­so­phie im Wes­ten so erfolgreich?

Da das Buch Blochs einen Umfang von 1600 Sei­ten hat, läßt sich die­se Fra­ge nicht leicht beant­wor­ten. Schelsky bezieht sich daher vor­wie­gend auf das Vor­wort, in dem Bloch die Grund­aus­sa­gen des Buches zusam­men­faßt. Das ist auch not­wen­dig, da der Leser durch das Asso­zia­ti­ons­feu­er­werk, das Bloch in dem Buch abbrennt, leicht den Über­blick verliert.

Dabei ist das Werk sys­te­ma­tisch auf­ge­baut, wenn Bloch sein Prin­zip Hoff­nung aus­ge­hend von den »Tag­träu­men« des gewöhn­li­chen Men­schen über die gesell­schaft­li­chen Ver­wick­lun­gen, die dar­aus erwach­sen, hin zu den Wunsch­bil­dern und Uto­pien führt, um schließ­lich bei der »Iden­ti­tät« zu enden. Der berühm­te letz­te Satz lau­tet.[2]:

Hat er [der Mensch] sich erfaßt und das Sei­ne ohne Ent­äu­ße­rung und Ent­frem­dung in rea­ler Demo­kra­tie begrün­det, so ent­steht in der Welt etwas, das allen in die Kind­heit scheint und wor­in noch nie­mand war: Heimat

Die­se Sät­ze kom­men uns bekannt vor. Viel­leicht nicht wört­lich, aber doch dem Sinn nach als Ver­hei­ßung, die sich nur schwer in Wor­te fas­sen läßt. Sie schwin­gen immer dann mit, wenn es dar­um geht, eine Hoff­nung zu wecken, die alle Wider­stän­de für über­wind­bar hält, wenn man nur will. Was zunächst wie ein roman­tisch ver­klär­ter Vol­un­t­a­ris­mus klingt, ist der von jeg­li­chem Rea­li­täts­be­zug gelös­te Mar­xis­mus, von dem Bloch behaup­tet, nur er kön­ne die »Glücks­wer­dung«[3] eröffnen:

Das Mit­tel der ers­ten Mensch­wer­dung war die Arbeit, der Boden der zwei­ten ist die klas­sen­lo­se Gesell­schaft, ihr Rah­men ist eine Kul­tur, deren Hori­zont von lau­ter Inhal­ten fun­dier­ter Hoff­nung, als dem wich­tigs­ten, dem posi­ti­ven In-Mög­lich­keit-Sein, umzo­gen ist.[4]

Man kann das als his­to­risch erle­dig­te Träu­me­rei eines Mar­xis­ten abtun. Was dabei aber über­se­hen wird, ist, daß wir es hier mit einem Mus­ter zu tun haben, das sich im Bereich der poli­ti­schen Ver­hei­ßung eben­so zeigt wie bei gewis­sen eso­te­ri­schen Welt­an­schau­un­gen, die Geheim­wis­sen und Erlö­sung ver­spre­chen. Carl Chris­ti­an Bry hat dafür in den 1920er Jah­ren den Begriff »ver­kapp­te Reli­gio­nen« geprägt, deren Gefahr er dar­in sah, den »Men­schen vor­zei­tig zu trös­ten, ihm eine Zuflucht zu bie­ten, wäh­rend doch der Kampf nicht aus­ge­kämpft ist, noch nicht ein­mal begon­nen hat, ihn zum Deser­teur an der eige­nen Sache zu machen«.[5]

Die­se Hal­tung nennt Schelsky »Erfah­rungs­ver­wei­ge­rung«, und er setzt Blochs Prin­zip Hoff­nung sein eige­nes ent­ge­gen: das »Prin­zip Erfah­rung«, das der inner­welt­li­chen Erlö­sungs­bot­schaft, der »Tran­szen­denz im Dies­seits« (Arnold Geh­len), abge­schwo­ren hat.

Die Erfah­rung als Lebens- und Denk­prin­zip, was bedeu­tet das? Schelsky führt das lei­der nicht aus, ein geplan­tes Buch mit die­sem The­ma konn­te er nicht mehr fer­tig­stel­len, streut aber in die Kri­tik an Bloch immer wie­der Hin­wei­se dar­auf ein, wor­auf er sei­ne Kri­tik begrün­det.[6]

Vor allem: Nur das eige­ne geleb­te und noch zu leben­de Leben begrün­det Selbst­er­fah­rung und Selbst­ver­ant­wor­tung, gibt dem Leben über­haupt erst Sinn. Schelsky pole­mi­siert gegen die Flucht in die Geschich­te, vor allem die Geschichts­phi­lo­so­phie als Sinn­ge­bungs­in­stanz. Die Beschränkt­heit des Men­schen auf sein eige­nes Leben müs­se ange­nom­men wer­den, die Flucht in Kol­lek­ti­ve und Denk­sys­te­me, auch wenn sie mit­un­ter »lebens­stüt­zend« sei­en, müs­se wenigs­tens als sol­che erkannt wer­den. »Man lebt nur sich selbst. Man ent­äu­ßert sich in Wer­ken und Geschaf­fe­nem, in Arbeit und Aus­druck nur, um immer wie­der bei sich blei­ben zu kön­nen. Das ist der Weg zur Frei­heit, für den es nur den Bereich des eige­nen Lebens und nur das Mit­tel der eige­nen Erfah­run­gen gibt.«[7]

Schelsky ver­ge­wis­sert sich für sei­ne Posi­ti­on der phi­lo­so­phi­schen Tra­di­ti­on eben­so, wie Bloch das für sei­ne tut. Schelsky führt Kants Ideen­leh­re an, der gera­de ver­mie­den habe, die Denk­pos­tu­la­te zu seins­haf­ten Sub­jek­ten zu machen, und Scho­pen­hau­ers Prin­zip »Wil­le und Vor­stel­lung« nimmt er für die »Lebens­span­ne der Ich-Exis­tenz« in Anspruch, da sich in ihm »Rea­li­täts­be­wußt­sein und Zukunfts­hoff­nung als geführ­tes Leben« ver­bin­de.[8]

Hier deu­tet sich an, daß Schelsky den Men­schen nicht in einer tier­haf­ten, tota­len Gegen­wart gefan­gen sieht, son­dern durch­aus weiß, daß er der Hoff­nung bedarf. Die Fra­ge ist nur, wor­auf sich die­se Hoff­nung grün­det. Auf eine außer­halb mensch­li­chen Han­delns lie­gen­den Uto­pie oder auf einen Abgleich mit dem Erfah­re­nen, mit der Wirk­lich­keit, um so zu einer rea­lis­ti­schen Hoff­nung zu gelangen?

Oder anders gefragt: Wie läßt sich in einer Zivi­li­sa­ti­on wie der uns­ri­gen, mit all ihren Sach­zwän­gen, die uns unter­wer­fen, wie kann sich dar­in der Mensch als selbst­be­stimm­te und selbst­ver­ant­wort­li­che Per­sön­lich­keit erhal­ten? Da gibt es kei­ne Lösung, kei­nen Aus­weg, die Anti­no­mie zwi­schen Frei­heit und Not­wen­dig­keit ist unauf­heb­bar. Die Ver­mitt­lung die­ses Wider­spruchs wird auch nicht den­ke­risch gelin­gen. Die Hoff­nung Blochs, für Schelsky ein »Eska­pis­mus aus der Gegen­wart«, ist eine Schein­lö­sung, eine Flucht vor der Rea­li­tät des Lebens.

Die Ein­heit ist der Lebens­voll­zug selbst […] Lebens­er­fah­rung, das ist Arbeit und Den­ken, Han­deln und Lei­den, Hoff­nung und Erin­ne­rung, Erfolg und Schei­tern […].[9]

Schelsky geht es also nicht um einen »erfah­re­nen« Men­schen im Sin­ne eines Fach­manns, der sein Gebiet beherrscht, weil er dar­in lang­jäh­ri­ge Übung und sich dar­in bewährt hat.

Arnold Geh­len hat schon in einem frü­hen Auf­satz dar­auf hin­ge­wie­sen, daß es bei der Erfah­rung immer um Lebens­er­fah­rung geht:

Ein Mensch die­ser Art ist den man­nig­fal­ti­gen Ansprü­chen und For­de­run­gen, die das Leben regel­mä­ßig oder auch über­ra­schend uns ent­ge­gen­wirft, nicht unter­wor­fen, son­dern gewach­sen, und er begeg­net der Brei­te der Lebens­si­tua­tio­nen mit der­sel­ben Bestimmt­heit, die im Wol­len ein­deu­tig und gera­de des­halb im Durch­füh­ren viel­sei­tig ist, wie es der her­vor­ra­gen­de Fach­mann auf sei­nem Gebie­te tut.[10]

Die­se Lebens­er­fah­rung, so wirft Geh­len noch am Ran­de ein, sei in Frie­dens­zei­ten sel­ten, weil die mühe­lo­se Befrie­di­gung aller Bedürf­nis­se der Aus­bil­dung sol­cher Eigen­schaft nicht gera­de för­der­lich sei.

Der Phi­lo­so­phie unter­stellt Geh­len, daß sie Erfah­rung vor allem für ein Bewußt­seins- und Erkennt­nis­pro­blem hal­te. Aber Erfah­rung sei eben mehr als ein rich­ti­ges Urteil, sie »ist Aus­übung, Aus­wahl und Ver­wer­fung, Schöp­fung und Auf­bau«.[11] Da der Mensch, das Män­gel­we­sen, im Unter­schied zum Tier einer offe­nen, unbe­stimm­ten Welt gegen­über­steht, muß er die­se erfah­ren, um sich dar­in zu ori­en­tie­ren (und zu über­le­ben). Sei­ne Erfah­run­gen stel­len einen Schatz dar, der immer wie­der ergänzt wer­den muß, wobei die Aus­wahl der neu hin­zu­kom­men­den Eigen­schaf­ten sich an dem ori­en­tiert, was schon da ist. Geh­len bringt das auf die For­mel »Erle­di­gung und Ver­fü­gung«, wenn er sagen will, daß uns die Erfah­rung ent­las­tet und den nächs­ten Schritt ermöglicht.

Die Aus­bil­dung des Cha­rak­ters hängt fest mit die­sen Erfah­run­gen zusam­men, die im Hin­blick auf den »Bewußt­seins­strom« eine Len­kungs­funk­ti­on haben. Hier sagt Geh­len nicht weni­ger, als daß sich unser Cha­rak­ter ent­lang »unse­rer tra­gen­den Inter­es­sen« aus­bil­det. Der Cha­rak­ter besteht nicht ledig­lich aus bestimm­ten Eigen­schaf­ten oder Über­zeu­gun­gen, son­dern er ist »ein Sys­tem über­nom­me­ner, gezüch­te­ter Anla­gen, die man aus­wählt und anein­an­der ori­en­tiert«. Cha­rak­ter ist eine der »Stel­lung­nah­men«, mit denen wir uns mit der Welt aus­ein­an­der­set­zen. Denn das mensch­li­che Wesen lebt nicht ein­fach sein Leben, son­dern führt es

aus Erfah­run­gen und Leis­tun­gen her­aus, die es selbst ange­legt und groß­ge­zo­gen hat und auf die sogar der blo­ße vita­le Ablauf der Lebens­vor­gän­ge in sei­nem Leib ange­wie­sen ist.[12]

Die Anpas­sung an all­zu beque­me Lebens­be­din­gun­gen bedeu­tet ein Abwei­chen von den Füh­rungs­ge­set­zen, es kommt zu einer gefähr­li­chen Weltfremdheit.

Auf die­se For­mel der Welt­fremd­heit hat ein ande­rer Phi­lo­soph, Odo Mar­quard, die Gegen­wart gebracht, genau­er auf die »tacho­ge­ne Welt­fremd­heit«, ange­lehnt an den grie­chi­schen Begriff der Geschwin­dig­keit. Denn Mar­quard sieht als Ursa­che der Welt­fremd­heit die »beschleu­nig­te Schnel­lig­keit« des Wirk­lich­keits­wan­dels.[13] Das ist etwas, das 1984, als der Text erschien, noch völ­lig harm­los gewirkt haben muß. Wenn man bedenkt, wie die Welt 1984 aus­sah und wie sie heu­te aus­sieht, dürf­te sich Mar­quard bestä­tigt fühlen.

Er macht die tacho­ge­ne Welt­fremd­heit an eini­gen Bei­spie­len fest. Die Erfah­rung, das ein­zi­ge Mit­tel gegen Welt­fremd­heit, hilft nicht mehr bei der Ori­en­tie­rung in der Welt, weil das Ver­trau­te immer schnel­ler ver­al­tet und die zukünf­ti­ge Welt ganz anders aus­se­hen wird als die gegen­wär­ti­ge. Die Situa­tio­nen, in denen wir unse­re Erfah­run­gen gemacht haben, keh­ren immer (Beschleu­ni­gung) sel­te­ner wie­der. Es kommt zur »Kar­rie­re des Hören­sa­gens«, zur Ten­denz, daß zwar unglaub­li­che vie­le Erfah­run­gen (Ent­de­ckun­gen, Ent­wick­lun­gen) gemacht werden:

Aber wir machen sie nicht mehr selbst, son­dern ande­re machen sie für uns.

Das ist eigent­lich ein Merk­mal des Kind­li­chen, daß ihm Erwach­se­ne mit den eige­nen Erfah­run­gen aus­hel­fen (bis die Kin­der ihre eige­nen machen und erwach­sen wer­den). Das geschieht jetzt aber für alle Erwach­se­nen, was sich in der »Expan­si­on der Schu­le« zeigt, die dafür sorgt, daß wir die Erfah­run­gen, die wir selbst nicht mehr machen, bei­gebracht bekom­men. Das war zwar für die Her­an­wach­sen­den seit Ein­füh­rung der Schul­pflicht so, aber Mar­quard sieht eine Ver­schie­bung im Gan­ge, die schließ­lich dazu führt, daß die Schu­le selbst zur Wirk­lich­keit wird.

Ent­schei­dend ist in bezug auf die Prin­zi­pi­en Hoff­nung und Erfah­rung aber die zuneh­men­de Illu­si­ons­be­reit­schaft: Die Kluft zwi­schen Erfah­rung und Erwar­tung wird immer grö­ßer, da das Zukünf­ti­ge immer weni­ger Maß an der eige­nen, am Ver­gan­ge­nen ori­en­tier­ten Erfah­rung hat. »So wird die Erwar­tung […] maß­los« und der Ten­denz nach illu­sio­när. Aus dem Erfah­rungs­ver­lust wird ein Erfah­rungs­ver­zicht, wenn die­se Not zur Tugend erklärt wird. Es kommt zur Auf­wer­tung von Heilserwartungen:

Je mehr Ver­traut­heit nicht mehr erfah­ren wird, um so mehr wird sie – unge­dul­dig – erwar­tet: durch die Illu­si­on einer end­gül­tig nicht mehr frem­den, einer end­gül­tig hei­len Dies­seits­welt.[14]

Die­se Nah­erwar­tung, so Mar­quard, sei der »men­ta­le Ted­dy­bär«, den die Erwach­se­nen mit sich her­um­schlep­pen, weil ihnen in der gegen­wär­ti­gen Welt alles fremd und unver­traut sei. Bei Odo Mar­quard folgt das Lob der Gegen­wart, der Kon­ti­nui­tät, des Geschichts­sinns, des Gespürs für Tra­di­tio­nen und der Skep­sis, die er nicht nur im Wort­sin­ne als unvor­ein­ge­nom­me­ne Beob­ach­tung ver­steht, die sich mit den Din­gen nicht gemein macht, son­dern als ein Lebens­prin­zip ansieht, das er als Gewal­ten­tei­lung bezeich­net, das bis »zur Tei­lung auch noch jener Gewal­ten, die die Über­zeu­gun­gen sind«, reicht.

Skep­ti­ker ist nicht der, der – als Inha­ber geball­ter Rat­lo­sig­keit – gar kei­ne Posi­ti­on hat, son­dern zu vie­le […].[15]

Näm­lich min­des­tens zwei, die sich im Sin­ne der Gewal­ten­tei­lung gegen­sei­tig begren­zen. Es geht also nicht so sehr um den Zwei­fel um des Zwei­fels wil­len, son­dern um ein Kor­rek­tiv, das uns schon bei Eras­mus von Rot­ter­dam begegnet:

Der Name ›Skep­ti­ker‹ ent­spricht dem, was Skep­ti­ker tun: Sie erfor­schen und den­ken gründ­lich nach. Es fällt ihnen schwer, sich auf etwas Bestimm­tes fest­zu­le­gen, und sie ver­tei­di­gen auch nicht das, was sie ver­mu­ten. Die Skep­ti­ker fol­gen dem, was sich bewährt hat, Nicht-Skep­ti­ker aber dem, was sie für gewiß hal­ten.[16]

Kann man mit die­ser Hal­tung Poli­tik machen? In der Poli­tik geht es dar­um, auf der Grund­la­ge unvoll­stän­di­ger Infor­ma­tio­nen Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Die Lebens­er­fah­rung, von der die gegen­wär­ti­ge Poli­ti­ker­ge­nera­ti­on weni­ger hat als alle Gene­ra­tio­nen vor ihr – da unter­schei­den sich Poli­ti­ker und Nicht­po­li­ti­ker kaum –, müß­te in die­ser Hin­sicht sen­si­bel machen. Und auf die­sem Weg zumin­dest ver­hin­dern, daß Ent­schei­dun­gen getrof­fen wer­den, die den Zeit­ho­ri­zont eines Men­schen über­schrei­ten. Die­se Hal­tung müß­te auch dafür sor­gen, das Bestehen­de zu ach­ten und zu ver­tei­di­gen, und es nicht zu zer­stö­ren. Schon weil wir uns der Fol­gen nicht gewiß sein können.

Doch in der Poli­tik geht es auch dar­um, Mehr­hei­ten zu gewin­nen. Und wenn die Mehr­heit in dem oben geschil­der­ten Dilem­ma aus irra­tio­na­ler Hoff­nung, Igno­ranz der Füh­rungs­ge­set­ze und Welt­fremd­heit gefan­gen ist, wird es schwie­rig, sie mit dem Hin­weis auf die zwie­späl­ti­ge Natur des Men­schen zur Wahl­ur­ne zu treiben.

Daher wird der welt­frem­de Poli­ti­ker dem Wahl­volk das geben, was es zur Mobi­li­sie­rung braucht: die Illu­si­on einer dies­sei­ti­gen hei­len Welt. Und der lebens­er­fah­re­ne Poli­ti­ker wird das auch tun, weil er gar kei­ne ande­re Wahl hat, und weil er aus Erfah­rung weiß, wie er die Leu­te erreicht. Wenn er geschickt ist, ver­birgt er sich hin­ter der Mas­ke der Welt­fremd­heit, weil ihn sonst ein Vor­wurf trifft, der die Sün­de wider die Demo­kra­tie ist: die Mani­pu­la­ti­on der Wäh­ler. Was kann es Schlim­me­res geben, als den mün­di­gen Bür­ger an der Nase herumzuführen?

Dabei muß das Wecken von Hoff­nung nicht grund­sätz­lich mani­pu­la­ti­ven oder ent­las­ten­den Cha­rak­ter haben. Selbst die här­tes­ten Rea­lis­ten müs­sen die Lücke fül­len, die zwi­schen der eige­nen Arbeit und einem allein nicht erreich­ba­ren Ziel klafft, müs­sen Begeis­te­rung und Nach­fol­ge wecken. Dar­aus wird die Hal­tung, trotz aller Erfah­run­gen zu hof­fen, verständlich.

Wir sehen die Par­tei­en­de­mo­kra­tie am Ende und hof­fen auf eine Par­tei, die im Rah­men eben­die­ser Demo­kra­tie zur Wir­kung gelan­gen will. Wir ken­nen die eher­nen Geset­ze der Par­tei­en­so­zio­lo­gie und hof­fen den­noch, daß sie eine Aus­nah­me zulas­sen wer­den. Das bedeu­tet: Wir brau­chen die Hoff­nung, auch wenn wir uns ange­sichts der Fak­ten, sei es Geo­po­li­tik oder Demo­gra­phie, förm­lich dazu zwin­gen müssen.

Aber es ist eben­so klar, daß die­se Hoff­nung trü­gen wird, wenn sie nicht bereit ist, sich ein­zu­ge­ste­hen, daß »nicht das Blü­hen des Som­mers« vor uns liegt, »son­dern zunächst eine Polar­nacht von eisi­ger Fins­ter­nis und Här­te«.[17] Wer nicht bereit ist, die­se Nacht zu durch­schrei­ten, mit allem »Blut, Schweiß und Trä­nen«, der kann nicht erwar­ten, daß sei­ne Hoff­nung, die Ret­tung Deutsch­lands, in Erfül­lung gehen wird.

– – –

[1]            Hel­mut Schelsky: Die Hoff­nung Blochs. Kri­tik der mar­xis­ti­schen Exis­tenz­phi­lo­so­phie eines Jugend­be­weg­ten, Stutt­gart 1979.

[2]            Ernst Bloch: Das Prin­zip Hoff­nung. In fünf Tei­len, 2 Bde., Frank­furt a. M. 1959, S. 1628.

[3]            Ebd., S. 16.

[4]            Ebd., S. 242.

[5]            Carl Chris­ti­an Bry: Ver­kapp­te Reli­gio­nen, Gotha 1924.

[6]            Wei­te­re Hin­wei­se ‑fin­den sich in einem Vor­trag, den Schelsky 1977 in Mainz hielt: Das Prin­zip Erfah­rung. Lebens­grund­la­ge einer Gene­ra­ti­on (als Son­der­druck der Indus­trie- und Han­dels­kam­mer für Rhein­hes­sen erschienen).

[7]            Schelsky: Hoff­nung Blochs, S. 46.

[8]            Ebd., S. 51 f.

[9]            Ebd., S. 76.

[10]          Arnold Geh­len: »Vom Wesen der Erfah­rung« (1936), in: ders.: Phi­lo­so­phi­sche Anthro­po­lo­gie und Hand­lungs­leh­re, Frank­furt a. M. 1983 (= Gesamt­aus­ga­be; 4), S. 3 – 24, hier S. 3.

[11]          Ebd., S. 6.

[12]          Ebd., S. 18.

[13]          Odo Mar­quard: »Zeit­al­ter der Welt­fremd­heit? Bei­trag zur Ana­ly­se der Gegen­wart« (1984), in: ders.: Apo­lo­gie des Zufäl­li­gen. Phi­lo­so­phi­sche Stu­di­en, Stutt­gart 2002, S. 76 – 97, hier S. 82.

[14]          Ebd., S. 87.

[15]          Odo Mar­quard: »Skep­sis in der Moder­ne. Über­le­gun­gen im Blick auf Hein­rich Hei­ne«, in: ders.: Skep­sis in der Moder­ne. Phi­lo­so­phi­sche Stu­di­en, Stutt­gart 2007, S. 40 – 54, hier S. 51 f.

[16]          Eras­mus von Rot­ter­dam: Hyper­as­pis­tes dia­tri­bae adver­sus ser­vum arbi­tri­um Mar­ti­ni Luthe­ri (1526), zitiert nach: Eli­sa­beth Gut­jahr: Stu­di­en zu didak­ti­schen Leit­vor­stel­lun­gen in den Tra­di­tio­nen von Skep­sis und Rhe­to­rik, Würz­burg 2004, S. 94.

[17]          Max Weber: Poli­tik als Beruf, München/Leipzig 1919, S. 66.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph.

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