Omur und Eckhart. Türke und Boomer

"Ich brauche diesen Auszeit jetzt. Genau diesen, genau jetzt. Ich werde in den nächsten Tagen vieles schweigen. Aber, haha, heute hatte ich Wein und Sie muß mich kennen ein wenig." Onur saß mir breitbeinig gegenüber und schmauchte einen fetten Zigarillo.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Er hat­te einen statt­li­chen Embon­point ange­setzt, er gefiel sich. Irgend­wann, da kann­te ich ihn schon „ein wenig“, also viel­leicht seit einer hal­ben Stun­de, frag­te ich ihn nach sei­nem Alter. Er zier­te sich über­trie­ben und hat­te eine Phi­lo­so­phie dazu, „weißt Du, was soll Alter nach Zahlen…“.

Unter Pfer­de­leu­ten duzt man sich immer und sofort. So will es die Regel.

Mit uns ritt Nadi­ne aus der Tsche­chei. Auch sie, neun­und­zwan­zig, „aus der inter­na­tio­na­len Gas­tro­no­mie kom­mend“ und daher poly­glott, lausch­te Onur. Wir begeg­ne­ten uns als Wan­der­rei­ter und hat­ten hier, im öst­li­chen Mit­tel­eu­ro­pa, einen Fünf­ta­gesritt gebucht. Heißt: Früh auf´s Pferd, am Nach­mit­tag abstei­gen, dazwi­schen sechs Stun­den in Schritt, Trab, Galopp durch Wäl­der und Felder.

Mit Nadi­ne kam ich auf ein Dop­pel­zim­mer, Nut­zung von Bad & WC zu viert. Onur hat­te „delu­xe“, also nicht nur Ein­zel­zim­mer. Er hat­te hin­zu 3x Mas­sa­ge, 1x Pedi­kü­re, 2x Sau­na gebucht.

Du wirst fra­gen, war­um macht Onur das. Hat er zuviel des Gel­des. Hat er. Aber er hat zuglei­chen gro­ßen Kum­mer, und weil er zu Zei­ten vie­les schwei­gen wird, sagt er nun an.

Onurs Vater ist im Juni 2026 ver­stor­ben, im Alter von 82. Sei­ne Mut­ter starb gleich drei Wochen spä­ter, „nur neun­und­sech­zig, aber weißt du, es ist die Sache mit schlech­te Gene oder gute Gene.“

Onur hat die guten Gene geerbt. (Sagt er.) Daher konn­te er auch den Trend der Wei­ter­ent­wick­lung beflü­geln, also den Auf­wind, in dem er sei­ne Genea­lo­gie sah. Sein Vater war Pfer­de­züch­ter gewe­sen in der Nähe von Izmir. Sehr erfolg­reich zu sei­ner Zeit, drit­te Gene­ra­ti­on, erzähl­te Onur, „aber ver­gan­ge­ne Zeit.“ Er, Onur, habe mit „Pfer­de­sa­chen“ auf­ge­hört und sei Geschäfts­mann gewor­den. Inter­na­tio­nal, aber noch tie­fer inter­na­tio­nal als Nadine.

Nun, der Tod des Vaters berüh­re ihn weit­aus tie­fer, als „ihr euro­päi­sche Ladies vor­stel­len wollt.“ Ein tür­ki­scher „Vater­tod“ sei etwas völ­lig ande­res als der Tod eines „euro­päi­schen“ Vaters. Die Euro­pä­er, so Onurs The­se, hät­ten pro Per­son maxi­mal ein Kind. Ein Ehe­paar also zwei Kin­der – nach­voll­zieh­bar und wahr, im Schnitt.

Bei ihm sei es völ­lig anders, und das könn­ten wir uns nicht vor­stel­len (ich sag­te dazu nichts): Sei­ne Eltern hät­ten zusam­men­ge­zählt elf Geschwis­ter. Er hät­te 32 Cou­sins und Cou­si­nen, hin­zu zwei Geschwis­ter. (Ich warf ein, daß das ein kras­ser demo­gra­phi­scher Nie­der­gang sei inner­halb zwei­er Gene­ra­ti­on. Er ging nicht drauf ein. Er woll­te ohne­hin bloß reden.)

Der Abschied von sei­nem Vater habe ihn extrem mit­ge­nom­men. Man möge sich mal so eine Beer­di­gung mit 250 Per­so­nen vor­stel­len. Ein gan­zes Leben – und wie er ihn ver­ehrt habe, den Vater! Wir Deut­schen (er gemein­de­te Nadi­ne ein) hät­ten GAR KEIN BEGRIFF VON DEM. Es folg­te ein Trak­tat über tür­ki­sche Vater­lie­be, und wie tief die säße.

Kein Tür­ke wür­de sagen: geh Alten­heim, Vater. Ihr Deut­sche seid in mei­nem Auge bekloppt.

Na gut, drit­ter Wein. Die­ser Ritt mit all sei­nem Luxus sei also auch als Abschieds­tour von sei­nem Vater, dem Pfer­de­züch­ter, zu verstehen.

Ich grei­fe vor: Onur schwieg die nächs­ten Tage tat­säch­lich. Nahe­zu völ­lig, als hät­te er ein Gelüb­de abge­ge­ben. Manch­mal ver­such­te Nadi­ne ihn auf­zu­hei­tern, ver­geb­lich. Er saß auf sei­nem Pferd wie ein Sack, ein trau­ri­ger Sack. Onur schwieg, versunken.

Damals, an jenem spä­ten Nach­mit­tag in Ost­mit­tel­eu­ro­pa, war­te­ten wir noch auf die bei­den deut­schen Mitreiter.

Eck­hart und Ani­ta hat­ten sich im Gewu­sel zwi­schen hap­ti­scher Land­kar­te und Goog­le Maps völ­lig ver­tan. Klas­si­sche Boo­mer, west­deutsch. Eck­hart ent­schied nach dem ers­ten über­fröh­li­chen „Hal­li­hal­lo“, daß wir alle mit­ein­an­der Eng­lisch spre­chen soll­ten. Das gebie­te die schie­re Höf­lich­keit, und „gera­de wir als Deut­sche…“ Eck­hart war der Typ, der einen Raum betritt und gewohnt ist, daß fort­an alle Augen ihm fol­gen. Laut, ker­nig, durch­aus charismatisch.

Nagut! Also nun in eng­lish! Damit hat­te auch nie­mand ein Pro­blem, außer Eck­hart und Ani­ta. „I know not ze Word, I have to zink how I can expla­ni­se…“ So it go ze foll­ou days.

Wir hat­ten dann am Abend eine Pro­be­reit­stun­de, damit unse­re Ritt­füh­re­rin Son­ja uns pas­sen­de Pfer­de für die kom­men­den fünf Tage zutei­len konn­te. Es kam zu sage und schrei­be fünf Stür­zen.  Son­ja hat­te der­glei­chen nie erlebt. Onur (sack­ar­tig) bekam eine Schon­frist (die er über­ste­hen wür­de): die bei­den Boo­mer muß­ten lei­der vom Ritt aus­ge­schlos­sen werden.

Und nun folgt die Geschich­te, war­um Boo­mer Boo­mer sind und was so abscheu­lich ist an ihnen. (Wobei ich ein­schrän­ken muß: Je näher du einer Per­son kommst, wenn du ihr stun­den­lang dein Ohr öff­nest – du wirst viel Mit­ge­fühl in dir erwe­cken und fest­stel­len: auch die­ser Mensch hat ein Schick­sal zu tragen.)

Eck­hart war stink­sauer. Er (der auf dem armem Pferd hing wie ein Zement­klotz, Hän­de hoch!) war näm­lich bereits in Grie­chen­land gerit­ten, auf Java, in der Mon­go­lei, „im Out­back“, in Mol­da­wi­en, „im Sou­thwest“ und eigent­lich über­all, und nie­mand hat­te je was dage­gen gehabt!

Hier nun schon, und er wür­de fort­an reich­lich über die­se per­sön­li­che Krän­kung schwa­dro­nie­ren. Stun­den­lang. Nun durf­ten die bei­den sport­li­chen Alten uns auf Draht­eseln beglei­ten, von Her­ber­ge zu Herberge.

Im Über­schwang (und wohl um ah!s und oh!s aus­zu­lö­sen, die aber aus­blie­ben, weil außer mir nie­mand so genau sei­nem Schwall lausch­te) hat­te Eck­hart erzählt, er sei ja „vor dem Krieg“ gebo­ren. Stell­te sich spä­ter her­aus – er war Jahr­gang 1944, wozu also über­trei­ben um fünf Jah­re? Gut, er sah nicht aus wie 82, eher wie 65. Sein Ehe­ge­spons, das drit­te, war 63.

Eck­hart und Ani­ta waren soge­nann­te Viel­ge­reis­te. Rei­sen war ihr Hob­by.  „Immer total indi­vi­du­ell, nichts mit so Kreuz­fahr­ten!“ Eck­hart wuß­te nicht nur alles. Er wuß­te alles bes­ser! Viel, viel bes­ser. Er hat­te bereits acht Bücher ver­öf­fent­licht. Erwähn­te er mehr­fach. Rei­se­ta­ge­bü­cher… ich hab nach­ge­schaut, er muß aus Eitel­keit ordent­lich drauf­ge­zahlt haben.

Wäh­rend der feis­te Onur nun all die Tage tat­säch­lich stur sein Schwei­gen hielt, plap­per­te der drah­ti­ge Eck­hart (drei Kin­der aus zwei Ehen, jeweils Kon­takt­ab­bruch) umso mehr. Klas­sisch: Er war damals („it was 2016?“-„no, it was 2017, in ze June“ – „no, it was in ze Dschul­ei“; die Ehe­part­ner strit­ten sich stets hef­tig über Details) irgend­wo, wo sich irgend­et­was ereig­net hat­te. Eck­art wie Ani­ta hat­ten ihre Han­dys parat, auf Weit­sich­tig­keit gestellt, und wir ande­ren beka­men Pho­tos und Rou­ten von anno­da­zu­mal gezeigt und durf­ten stau­nen. Ich sag­te Sachen wie „kraß, die­se unheim­li­che Wei­te!“, dabei lang­weil­te mich die­ser Stuff unheim­lich. Ich schau­te mir unglaub­lich vie­le unglaub­li­che Auf­nah­men an. Ich sah inter­es­san­te Vögel und inter­es­san­te Pflanzen.

Mein Lieb­lings­stück mit Eck­hart war das: Ich hat­te ein­mal erzählt, daß ich „süd­lich von Hal­le“ käme. Ander­mal, daß die Gegend „Saa­le-Unstrut“ sei. Irgend­wann erwähn­te ich, daß ich „bei Naum­burg“ wohnte.

Eck­hart, jäh: „Bit­te? Naum­burg? Da kom­me ich doch her!“ – Ich: „Nee… wirk­lich? Ihr kommt doch aus Köln?“ – Eck­hart: „Das ist ver­rückt!! Sie kennt Uta und Ekke­hart nicht, die Stif­ter­fi­gu­ren aus dem Naum­bur­ger Dom!“ Mit genau die­sem Spruch began­nen die letz­ten Tage. Was für ein Elend es doch sei, daß ich den Ekke­hart nicht kenne!

Eck­hart hat­te mir auch sei­ne poli­ti­sche „Sicht der Din­ge“ unge­fragt haar­klein dar­ge­legt. Er schlot­te­re vor Angst „wegen Sach­sen-Anhalt“. Als ich nach­frag­te, kam nichts zurück. Er war nicht der Typ, der Ant­wor­ten gab und auf ein Gespräch oder sogar auf eine Dis­kus­si­on aus war. Er hat­te ja sein Welt­bild, das genüg­te. Ver­mut­lich war des­halb Onur sein liebs­ter Gesprächs­part­ner: Der schwieg nach dem ers­ten Tag ein­fach. E. fiel es nicht ein­mal auf.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (17)

Alex Schleyer

13. September 2026 11:39

Diese Eckhardts und Anitas schwadronieren unglaublich gern und viel, leben im Altbau-Eigentum und fühlen sich mit ihrer Reiserei in Rente total weltoffen. In Wirklichkeit sind die aber noch nie in einem drogenverseuchten 30-Dollar-Motel im ländlichen Kentucky abgestiegen oder haben im Tausch gegen ein paar Englisch-Stunden mit nepalesischen Bergbauern in einer unbeheizten Hütte gefroren, weil sie sich gar nicht trauen würden, die Komfortzone wirklich zu verlassen und es sie auch gar nicht interessiert. Das sind die Typen, die auf dem Food Market in Bangkok mit Desinfektionsspray herumspritzen und über "ihre" Flüchtlinge wie über ihre Kinder reden, solange sie nicht im gleichen Kiez wohnen. Ich wäre Team Omur. 

Laurenz

13. September 2026 12:11

Hatte mal ne Freundin mit 3 Arabern (Pferde). Mit dem einen gingen wir mal spazieren & ließ mich überreden, aufzusitzen (ohne Sattel), das Pferd mit mir im Schritt. Nach 200 Metern bin ich herunter gepurzelt. War nicht so schlimm. So ein Araber hat nur ein Stockmaß von 1,65. Und am Waldrand war das eher Wiese als ein Weg. Franz Bettinger ist oder war Bergsteiger, erkundete neue Wildwasser. Manche betreiben Autorennen außerhalb einer Rennstrecke oder gehen in die Kirche. Irre & Wahnsinnige gibt es überall zuhauf. Man muß sich nur umschauen oder Artikel lesen.

RMH

13. September 2026 12:54

Der wesentliche Erkenntnisgewinn dieses Artikel ist, dass die Autorin, trotz mittlerweile einer gewissen Bekanntheit & "we google everyzing", offenbar inkognito reisen kann. Dass ist positiv & ich wünsche Frau Kositza, dass Sie das auch weiterhin tun kann. Der Eckhart ist noch Kriegsgeneration & kein Boomer. Aufgrund eigenen Falles in der Familie, Jahrgang 42, würde ich dem Herrn eine neurologische Untersuchung anraten. Bei unserem Familienmitglied war das ein auf den ersten Blick kernfitter, sehr schlanker Renter, der sein Leben lang sich bewegte & sich "gesund" ernährte, der aber immer steifer wurde, Probleme mit der Haltung bekam, etwas seltsam wurde (war aber immer der schweigsame Typ, daher keine Laberanfälle) & bei der Untersuchung in der Röhre kam dann die Wahrheit ans Tage, die selbst die Ärzte verblüffte, er war hochgradig dement. Gut, er war in fitten Jahren auch ein hochintelligenter Ingenieur, der entsprechend viel "abbauen" konnte, bis was auffgefallen ist, aber dann war das Ergebnis doch überraschend. Insofern sahen & hörten Sie, Frau Kositza, eventuell bereits das Rieseln vom Kalk. Sehe ich daher nicht als tauglich für Verallgemeinerungen.
@Alex Schleyer, klar, der edle Wilde ... die eigenen Landsleute sind nur Schwätzer ohne Ahnung & Erfahrung. Warum will man dann eigentlich dieses Land mit seinen Schwätzern retten?

heinrichbrueck

13. September 2026 13:03

"Ich wäre Team Onur." – Also Team Schleyer. 

Blue Angel

13. September 2026 13:54

Obwohl Buhmer wäre ich bei keinem der Vorgestellten im Team. Aber schön zu wissen, daß es tatsächlich verantwortungsbewußte Vorreiter gibt, denen das Wohl der Pferde was bedeutet, und daß Frau Kositza soviel Geduld und gute Nerven hat. "Mein" Pferd bei diesem Wanderritt zumindest hätte sich in größtmöglichem Abstand zu Eckhart und Omur bewegt...

Hartwig aus LG8

13. September 2026 14:06

Kositza,  ju meid mai dei.

anatol broder

13. September 2026 14:29

ich bedauere onur (mit n) aufrichtig. meine leidenschaft für musik bringt mich regelmässig in ähnliche lagen. vor einer woche verliess ich ein jazz-konzert bereits nach einer halben stunde, wobei ich dem kenner der deutschen kulturlandschaft die hässlichen einzelheiten erspare.

Karl

13. September 2026 14:56

Weder Team Omur noch Team Eckhart. Das Schema ist zu bequem und macht aus einer Begegnung zwei Schablonen. Eckhart in diesem Text ist ein klarer Typus: viel Gerede, wenig Zuhören, Komfortreise als Weltoffenheit, die eigene Biografie als fortlaufende Diashow. Solche Leute gibt es. Aber sie sind nicht „die" Boomer. Derselbe Mix aus Narzissmus, Anywhere-Attitüde und geschlossenem Weltbild sitzt genauso bei Jüngeren – oft noch schärfer. Bei manchem älteren Schwadroneur steht wenigstens noch irgendwo eine  Lebensleistung im Hintergrund. Altbau-Eigentum und Food-Market-Desinfektionsspray sind keine Jahrgangsmerkmale. Omurs Schweigen wirkt in der Szene würdevoll, weil es an Trauer gebunden ist. Das nimmt man ihm ab. Es macht ihn aber nicht automatisch zum Gegenentwurf. Wer wenig sagt, bietet wenig Angriffsfläche – fertig. Ob dahinter Standfestigkeit, Desinteresse oder nur eine andere Form von Selbstbezogenheit steht, bleibt offen. Man sollte aus der Abwesenheit von Peinlichkeit nicht gleich Charakter ableiten. Der interessante Punkt im Text ist nicht die Wahl zwischen Türke und Boomer, sondern dass Nähe bei beiden etwas Menschliches sichtbar macht – und dass man trotzdem nicht so tun muss, als sei der eine Typus die Lösung für den anderen.

Ein gebuertiger Hesse

13. September 2026 15:33

Haha! Großartig. Bitte noch mehr von diesen situativen Zeit-Bildern.

Noch ein Hesse

13. September 2026 17:14

Interessant. 1944 hätte ich jetzt auch nicht mehr unter die sog. Boomer gepackt - wobei ich den sehr us-amerikanischen Ausdruck sowieso nicht mag. Das Benehmen passt aber, leider. - Mäßiger Erkenntnisgewinn, aber sehr unterhaltsam geschrieben, für mich gerne mehr davon.

Adler und Drache

13. September 2026 17:39

Ich weiß nicht, ob es "phonophor" noch gibt; wenn ja, wäre dieser Text dort besser aufgehoben. Interessant ist er durch die Verweigerung des üblichen Empathiezolls bei der Schilderung der Menschen und ihres Charakters, die Autorin ist "unbestechlicher Beobachter" mit dem Leitspruch "Physiognomie lügt nie". Das ist an sich ein literarisches Programm und gibt dem Text diesen speziellen kühlen und distanzierten Unterton. Dabei gleitet die Darstellung nicht ins Ironische/Satirische (Gott sei Dank!!) und auch nicht ins politische oder sonstwie Wertende - vielmehr bleibt etwas in der Schwebe und damit in einer (nicht aufgelösten und evtl. nicht auflösbaren) Spannung. Man wird als Leser vor ein "Sosein", vor ein Segment der Wirklichkeit hingestellt, das weitgehend beziehungslos zu Kontexten, wie auf einer Bühne unter einem Lichtkegel präsentiert wird.  
Hatte die Schilderung der Begegnung mit der arabischen Großfamilie am Badesee noch eine finale "Moral", so wird hier darauf verzichtet. Allerdings bricht dieser Satz den Stil und damit die Spannung des Textes: Und nun folgt die Geschichte, warum Boomer Boomer sind und was so abscheulich ist an ihnen. Hier wird der Leser überflüssigerweise "eingenordet". Ich würde raten, darauf zu verzichten. Das Charakterbild ist stark genug und bedarf des Erzählerkommentars nicht.  
Kommt mehr davon? Diese Texte könnten so'ne Art "neue Kalendergeschichten" werden. Reizvoll!
 

Wuwwerboezer

13. September 2026 18:17

Die Grünen hatten ja Wahlkampfhelfer, junge Leute, aus München. Denen war anzumerken, daß sie schon mit "Lepra Kranken" in Kibera, mit "Waisen Kindern" in Kathmandu und mit streunenden Hunden in Bukarest "gearbeitet" gehabt hatten - aber eben noch nicht mit "Menschen in Sachsen-Anhalt"!

- W.

Liselotte

13. September 2026 20:03

Nicht so die angenehmste Gesellschaft, aber irgendwie auch kurios, die drei, vor allem, wie sie dann zusammenfinden. Aber Jg. 44 kann kein Boomer sein, in dem Jahr gab es wenige Geburten. Der Babyboom kam erst ab den 50ern, WIMRE. Eher ist er ein 68er - ja von denen leben auch noch einige; in den letzten 2 1/2 Jahrzehnten machten sie nicht mehr so ein Gewese um sich wie in den Jahrzehnten zuvor, aber der Hang zum Renommieren mit der Diashow paßt da schon. Dr. Allwissends gibt es wohl in jeder Generation einige, die den anderen auf die Nerven gehen. Onur hat nach meinem Eindruck diese brachiale türkische Übergefühligkeit, in aller Schwere, da ist so keinerlei Leichtigkeit drin. Entweder Redeschwall oder Schweigen - nicht sehr gesellig. Ich nehme an, Nadine war am Verträglichsten.

dojon86

13. September 2026 20:13

Nach meinem Dafürhalten sind Boomer die Angehörigen der geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1950 und 1965. Eckart ist Jahrgang 1944, also kein Boomer. Er ist ein klassischer 68. Diese Jahrgänge waren zahlenmäßig schwach, ihr Berufsantritt fiel mir dem Wirtschaftsboom der 60ger zusammen, deshalb waren auch ihre Berufs- und Lebenschancen  weitaus besser als die der Jahrgänge davor und danach. Was übrigens nach meinem Dafürhalten ihre krausen Ideen ermöglichte. Wenn's dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis. Den klassischen Boomern, also den starken Jahrgängen zwischen 1955 und 1968 ging es dagegen nicht ganz so gut. Sicher, ihre Jugend war von einem beispiellosen Optimismus geprägt aber pünktlich mit ihrem Berufsantritt war der Nachkriegsboom zu Ende und der Arbeitsmarkt wandelte sich von einem Nachfrager-  zu einem Anbietermarkt. 

anatol broder

13. September 2026 20:42

@ rmh 12:54
ich habe von einer studie gehört, die mit alten nonnen in einem kloster durchgeführt wurde. sie waren trotz gemessener fortgeschrittener demenz in der lage, ihren gewöhnlichen tätigkeiten nachzugehen. die dafür erforderliche folgsamkeit scheint nicht die eigenschaft zu sein, die als erste verloren geht. vielleicht gilt sogar, dass die folgsamkeit zuletzt stirbt.

Franz Bettinger

13. September 2026 21:42

Heute war ich mit family zum Natur-Freunde-Haus eines Nachbardorfes geradelt. Wir aßen ausgezeichnete Leberknödel mit Sauerkraut & Soße. Auf unserem Holztisch stand auf ein Plastik-Schild: „Reserviert ab 17:00, Polizeistaats-Verein Saarbrücken“. Den anderen fiel's gar nicht auf. Ich musste's 2mal lesen und dann laut lachen. Auf dem Nebentisch stand dasselbe Schild nochmal. Nach dem Essen ging ich mit dem Reserviert-Zeichen rein an die Theke & hielt es der (osteuropäisch aussehenden) Inhaberin unter die Nase: „Kann man da beitreten?“ Sie sah mich schief an. „Keine Idee. Keine Ahnung!“ „Ich find das gut, euer Schild, großartig!“ sagte ich. Sie entspannte sich, lachte dann: „Wir auch!“ 1 paar Männer schlossen sich dem Lachen an. War'n schöner Tag.

tearjerker

13. September 2026 22:30

@dojon86: Die Jahrgänge 46 und 47 waren zahlenmässig schwach. Ab 48 deutlicher Aufwärtstrend. Der Jahrgang 44 liegt noch mit geschätzten 1,2-1,3 Millionen Geburten (offizielle Zahl für das erste Halbjahr 710k) bei einer Reichsbevölkerung von 75 Millionen (oder etwas weniger) relativ nah an den Werten, die die Boomerjahrgänge dann ab 1950 aufweisen. Davor (38, 37 etc) waren  die Zahlen noch deutlich höher und Massen von Volksdeutschen wie den Sudeten etc zwangssiedeln mit den Gören dann nach dem Krieg in der Bundesrepublik, die dann mit den jüngeren Eingeborenen ab den 60ger Jahren um Perspektiven und knapper werdende Positionen konkurrieren. Generation Eckart hatte richtig Druck, langfristig aber den Vorteil, dass man in der zweiten Hälfte der beruflichen Karriere weniger Konkurrenz durch die Nachgeborenen hatte (ab 72 deutlicher Abwärtstrend) und länger wichtige Positionen besetzen kann/konnte.