Vor zehn Jahren starb Rolf Peter Sieferle

Der Kulturphilosoph und Ökologe Rolf Peter Sieferle gehört zu jenen Autoren, die sich ab einem bestimmten Punkt ihres Lebens in der Nähe der  Neuen Rechten aufhielten, ohne sich je zu ihr zu bekennen und einen streng wissenschaftlichen Standpunkt zu verlassen.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

Sie­fer­le wur­de 1949 gebo­ren und schied vor zehn Jah­ren, am 17. Sep­tem­ber 2016, frei­wil­lig aus dem Leben. Die Lek­tü­re sei­nes Werks ist bis heu­te frucht­bar, sei­ne Kennt­nis kenn­zeich­net jene Leser, die sich nicht mit Sze­ne­wis­sen, Schlag­wör­tern und rech­tem Jar­gon begnügen.

Mit der Ver­öf­fent­li­chung von Sie­fer­les “Nacht­ge­dan­ken” aus dem Nach­laß – unter dem Titel Finis Ger­ma­nia – schrieb der Ver­lag Antai­os Ver­lags­ge­schich­te, lös­te einen Feuil­le­ton-Skan­dal aus und domi­nier­te die Bericht­erstat­tung über die Frank­fur­ter Buch­mes­se 2017.

Sie­fer­les Werk wird auf vor­bild­li­che Wei­se im Ver­lag Manu­scrip­tum gepflegt. Antai­os führt alle lie­fer­ba­ren Titel – hier ist die Über­sicht. Für das bei Antai­os selbst erschie­ne­ne, längst ver­grif­fe­ne Staats­po­li­ti­sche Hand­buch, Band Vor­den­ker, hat der His­to­ri­ker Karl­heinz Weiß­mann den Ein­trag “Sie­fer­le” ver­faßt. Hier ist der Text.

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Rolf Peter Sie­fer­le gehört zur Alters­ko­hor­te der »Acht­und­sech­zi­ger«, dem­entspre­chend waren sei­ne frü­hen Ver­öf­fent­li­chun­gen – ins­be­son­de­re die bei Imma­nu­el Geiss ange­fer­tig­te Dis­ser­ta­ti­on über den Revo­lu­ti­ons­be­griff bei Marx – von Denk­ge­wohn­hei­ten der Lin­ken geprägt. Daß die­se ihm auf die Dau­er nicht genüg­ten, war aber bereits zu erken­nen, als Sie­fer­le in den acht­zi­ger Jah­ren begann, eine Rei­he von Büchern zu ver­öf­fent­li­chen, die sich mit der Geschich­te des mensch­li­chen Natur­ver­hält­nis­ses befaß­ten. Wer ver­mu­te­te, daß da jemand der »grü­nen« Mode folg­te, sah sich nach der Lek­tü­re rasch korrigiert.

Zwar ging es Sie­fer­le auch dar­um, die ver­ges­se­nen Vor­läu­fer der moder­nen Öko­lo­gie­be­we­gung, die Maschi­nen­stür­mer, Tier- und Hei­mat­schüt­zer (Fort­schritts­fein­de?, 1984), wie­der sicht­bar zu machen. Wich­ti­ger war ihm aber eine prä­zi­se Klä­rung der Art und Wei­se, in der der Mensch sei­ne Umwelt auf­ge­faßt hat, wie er sei­ne eige­ne Fähig­keit zur Natur­er­kennt­nis, Natur­be­herr­schung und Natur­zer­stö­rung ein­zu­schät­zen lern­te und wel­che zen­tra­le Bedeu­tung die wis­sen­schaft­li­che Inter­pre­ta­ti­on der Natur seit dem 18. Jahr­hun­dert auch für das Selbst­bild und Selbst­ver­ständ­nis von Homo sapi­ens gewann (Die Kri­se der mensch­li­chen Natur, 1989).

Konn­te man an die­ser Stel­le schon eine Kor­rek­tur frü­he­rer Ansich­ten fest­stel­len, galt das erst recht, als Sie­fer­le unter dem Ein­druck der Wen­de von 1989 ein Buch mit dem Titel Epo­chen­wech­sel (1994) ver­öf­fent­lich­te, des­sen Argu­men­ta­ti­on in man­cher Hin­sicht an Oswald Speng­lers Jah­re der Ent­schei­dung erin­ner­te. Sie­fer­le ent­wi­ckelt hier die The­se, daß der Zusam­men­bruch des Kom­mu­nis­mus nicht auf Dau­er zur glo­ba­len Durch­set­zung eines neo­li­be­ra­len Kon­zepts unter Domi­nanz des Wes­tens füh­ren wer­de, son­dern daß älte­re Kon­flikt­li­ni­en wie­der auf­bre­chen könn­ten, ergänzt um neu­ar­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen wirt­schaft­li­cher, aber auch ideo­lo­gi­scher bzw. reli­giö­ser Natur.

Da Epo­chen­wech­sel im Ull­stein-Ver­lag unter der Ägi­de Zitel­manns erschie­nen war, wur­de Sie­fer­le rasch mit der »Neu­en Rech­ten« in Ver­bin­dung gebracht, obwohl er immer Distanz hielt und sich an den Aus­ein­an­der­set­zun­gen der frü­hen neun­zi­ger Jah­re nicht betei­lig­te. Daß der gegen ihn gerich­te­te Ver­dacht einen gewis­sen ratio­na­len Kern hat­te, wur­de aller­dings deut­lich an der fol­gen­den Ver­öf­fent­li­chung über fünf bedeu­ten­de Ver­tre­ter der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on (1995), wobei der Akzent erkenn­bar auf den Vor­den­kern eines »preu­ßi­schen Sozia­lis­mus« lag: Paul Lensch, Wer­ner Som­bart, Oswald Speng­ler, Hans Frey­er und Ernst Jün­ger.

Sie­fer­les Behaup­tung, man habe es im Fall der KR nicht mit einer »Gegen­mo­der­ne«, son­dern mit einer »alter­na­ti­ven Moder­ne« zu tun, lös­te fast noch hef­ti­ge­re Reak­tio­nen aus als die Ver­öf­fent­li­chung des Epo­chen­wech­sels. Infol­ge­des­sen hat er sich in der Fol­ge­zeit wie­der ganz auf die wis­sen­schaft­li­che Arbeit zurück­ge­zo­gen und vor allem im Rah­men der Breu­nin­ger-Stif­tung (Stutt­gart) eine ambi­tio­nier­te Schrif­ten­rei­he zum »euro­päi­schen Son­der­weg« her­aus­ge­ge­ben, die ver­sucht, das, was Max Weber das »okzi­den­ta­le Syn­drom« nann­te, durch einen beson­ders brei­ten Ansatz zu klären.

So bedau­er­lich man die Ent­schei­dung zum Rück­zug aus poli­ti­schen Grün­den fin­den muß, erlaub­te sie Sie­fer­le doch den Abschluß sei­ner wis­sen­schaft­li­chen Lauf­bahn. Er hat­te sich bereits 1984 in Neue­rer Geschich­te habi­li­tiert und 1991 eine außer­plan­mä­ßi­ge Pro­fes­sur für die­ses Fach an der Uni­ver­si­tät Mann­heim über­nom­men. Seit 2000 lehrt er an der Uni­ver­si­tät St. Gal­len, aber erst seit 2005 als ordent­li­cher Pro­fes­sor für All­ge­mei­ne Geschichte.

Sie­fer­le nahm sich am 17. Sep­tem­ber 2016 in Hei­del­berg das Leben.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

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Kommentare (3)

RMH

17. September 2026 10:06

"Die Lektüre seines Werks ist bis heute furchtbar,"
Exakt diesen freudschen Verleser hatte ich bei dem Text. Ich habe damals "Finis Germania" aus dem Verlag Antaio natürlich in einer MSM-Buchhandlung bestellt, um damit ein kleines Zeichen gegen den Bann von den bekannten Listen & aus den Verkaugsregalen zu setzen. Das Büchlein habe ich dann auch brav gelesen, aber es fehlt mir das, was vor knapp 2 Wochen im Beitrag von Dr. Lehnert eörtert wurde: Hoffnung. Evtl. ist es das Ergebnis klar rationalen Denkens, wie es Dr. Sieferle praktizierte, keine Kinder in diese Welt zu setzen & sich am besten selber abzuräumen - aber denn will ich lieber in einer Welt leben, die auch irrational sein darf. Ist das dann Feigheit? Ich denke nein, Leben braucht immer auch Mut, daher auch der schöne deutsche Begriff vom Lebensmut. Am Ende bleibt ein toter Denker, dessen Werke mittlerweile durch die Preispolitik des ihn herausgebenden Verlages eher exklusiven Charakter bekommen haben. Aber das ggf. Teil der Strategie. Einen solchen Denker verramscht man nicht, den verkauft man wohl auch über den Veblen Effekt. Das Buch im Regal als Status-Symbol gewisser Kreise. Hoffentlich wird es dann auch gelesen und hoffentlich schwindert deshalb niemandem der Lebensmut. Den braucht unser Land dringend.

Majestyk

17. September 2026 10:12

Mir ist persönlich kein Volksschüler der 50er und frühen 60er Jahre bekannt, der je in seiner Jugend von Vergangenheitsbewältigung gehört hätte. Das dürfte in etwa der Kenntnisstand gewesen sein, falls man damaligen Medien trauen kann. Diese Jugendlichen sehen nicht sonderlich an der Vergangenheit leidend aus. Noch in meiner Jugend in den 70er Jahren in einem Arbeiterviertel war man ganz normal stolz aufs eigene Land. Man hatte zwar den Krieg verloren, aber Schuldkomplexe hatte in meiner Jugend niemand. Das erste Mal gehört, daß ich mich schämen soll habe ich von einem Herrn Weizsäcker. Damals wurde ja auch die These von der Befreiung populär. Mein Geschichtslehrer hat dem noch ganz entschieden widersprochen. Weder meine Eltern, noch Tanten, Onkel oder Großeltern hatten sich '45 befreit gefühlt. Die Trümmerwüste sah ja auch nicht danach aus, als hätte jemand versucht die Städte zu befreien. 

Ein gebuertiger Hesse

17. September 2026 10:21

Manchmal möchte man Selbstmörder einfach an den Schultern packen und schütteln. Ihr Verlust kostet die Zurückbleibenden schlichtweg ZU VIEL. Nicht auszudenken, was RPS über unser Heute zu sagen hätte.