Sieferle wurde 1949 geboren und schied vor zehn Jahren, am 17. September 2016, freiwillig aus dem Leben. Die Lektüre seines Werks ist bis heute fruchtbar, seine Kenntnis kennzeichnet jene Leser, die sich nicht mit Szenewissen, Schlagwörtern und rechtem Jargon begnügen.
Mit der Veröffentlichung von Sieferles “Nachtgedanken” aus dem Nachlaß – unter dem Titel Finis Germania – schrieb der Verlag Antaios Verlagsgeschichte, löste einen Feuilleton-Skandal aus und dominierte die Berichterstattung über die Frankfurter Buchmesse 2017.
Sieferles Werk wird auf vorbildliche Weise im Verlag Manuscriptum gepflegt. Antaios führt alle lieferbaren Titel – hier ist die Übersicht. Für das bei Antaios selbst erschienene, längst vergriffene Staatspolitische Handbuch, Band Vordenker, hat der Historiker Karlheinz Weißmann den Eintrag “Sieferle” verfaßt. Hier ist der Text.
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Rolf Peter Sieferle gehört zur Alterskohorte der »Achtundsechziger«, dementsprechend waren seine frühen Veröffentlichungen – insbesondere die bei Immanuel Geiss angefertigte Dissertation über den Revolutionsbegriff bei Marx – von Denkgewohnheiten der Linken geprägt. Daß diese ihm auf die Dauer nicht genügten, war aber bereits zu erkennen, als Sieferle in den achtziger Jahren begann, eine Reihe von Büchern zu veröffentlichen, die sich mit der Geschichte des menschlichen Naturverhältnisses befaßten. Wer vermutete, daß da jemand der »grünen« Mode folgte, sah sich nach der Lektüre rasch korrigiert.
Zwar ging es Sieferle auch darum, die vergessenen Vorläufer der modernen Ökologiebewegung, die Maschinenstürmer, Tier- und Heimatschützer (Fortschrittsfeinde?, 1984), wieder sichtbar zu machen. Wichtiger war ihm aber eine präzise Klärung der Art und Weise, in der der Mensch seine Umwelt aufgefaßt hat, wie er seine eigene Fähigkeit zur Naturerkenntnis, Naturbeherrschung und Naturzerstörung einzuschätzen lernte und welche zentrale Bedeutung die wissenschaftliche Interpretation der Natur seit dem 18. Jahrhundert auch für das Selbstbild und Selbstverständnis von Homo sapiens gewann (Die Krise der menschlichen Natur, 1989).
Konnte man an dieser Stelle schon eine Korrektur früherer Ansichten feststellen, galt das erst recht, als Sieferle unter dem Eindruck der Wende von 1989 ein Buch mit dem Titel Epochenwechsel (1994) veröffentlichte, dessen Argumentation in mancher Hinsicht an Oswald Spenglers Jahre der Entscheidung erinnerte. Sieferle entwickelt hier die These, daß der Zusammenbruch des Kommunismus nicht auf Dauer zur globalen Durchsetzung eines neoliberalen Konzepts unter Dominanz des Westens führen werde, sondern daß ältere Konfliktlinien wieder aufbrechen könnten, ergänzt um neuartige Auseinandersetzungen wirtschaftlicher, aber auch ideologischer bzw. religiöser Natur.
Da Epochenwechsel im Ullstein-Verlag unter der Ägide Zitelmanns erschienen war, wurde Sieferle rasch mit der »Neuen Rechten« in Verbindung gebracht, obwohl er immer Distanz hielt und sich an den Auseinandersetzungen der frühen neunziger Jahre nicht beteiligte. Daß der gegen ihn gerichtete Verdacht einen gewissen rationalen Kern hatte, wurde allerdings deutlich an der folgenden Veröffentlichung über fünf bedeutende Vertreter der Konservativen Revolution (1995), wobei der Akzent erkennbar auf den Vordenkern eines »preußischen Sozialismus« lag: Paul Lensch, Werner Sombart, Oswald Spengler, Hans Freyer und Ernst Jünger.
Sieferles Behauptung, man habe es im Fall der KR nicht mit einer »Gegenmoderne«, sondern mit einer »alternativen Moderne« zu tun, löste fast noch heftigere Reaktionen aus als die Veröffentlichung des Epochenwechsels. Infolgedessen hat er sich in der Folgezeit wieder ganz auf die wissenschaftliche Arbeit zurückgezogen und vor allem im Rahmen der Breuninger-Stiftung (Stuttgart) eine ambitionierte Schriftenreihe zum »europäischen Sonderweg« herausgegeben, die versucht, das, was Max Weber das »okzidentale Syndrom« nannte, durch einen besonders breiten Ansatz zu klären.
So bedauerlich man die Entscheidung zum Rückzug aus politischen Gründen finden muß, erlaubte sie Sieferle doch den Abschluß seiner wissenschaftlichen Laufbahn. Er hatte sich bereits 1984 in Neuerer Geschichte habilitiert und 1991 eine außerplanmäßige Professur für dieses Fach an der Universität Mannheim übernommen. Seit 2000 lehrt er an der Universität St. Gallen, aber erst seit 2005 als ordentlicher Professor für Allgemeine Geschichte.
Sieferle nahm sich am 17. September 2016 in Heidelberg das Leben.
RMH
"Die Lektüre seines Werks ist bis heute furchtbar,"
Exakt diesen freudschen Verleser hatte ich bei dem Text. Ich habe damals "Finis Germania" aus dem Verlag Antaio natürlich in einer MSM-Buchhandlung bestellt, um damit ein kleines Zeichen gegen den Bann von den bekannten Listen & aus den Verkaugsregalen zu setzen. Das Büchlein habe ich dann auch brav gelesen, aber es fehlt mir das, was vor knapp 2 Wochen im Beitrag von Dr. Lehnert eörtert wurde: Hoffnung. Evtl. ist es das Ergebnis klar rationalen Denkens, wie es Dr. Sieferle praktizierte, keine Kinder in diese Welt zu setzen & sich am besten selber abzuräumen - aber denn will ich lieber in einer Welt leben, die auch irrational sein darf. Ist das dann Feigheit? Ich denke nein, Leben braucht immer auch Mut, daher auch der schöne deutsche Begriff vom Lebensmut. Am Ende bleibt ein toter Denker, dessen Werke mittlerweile durch die Preispolitik des ihn herausgebenden Verlages eher exklusiven Charakter bekommen haben. Aber das ggf. Teil der Strategie. Einen solchen Denker verramscht man nicht, den verkauft man wohl auch über den Veblen Effekt. Das Buch im Regal als Status-Symbol gewisser Kreise. Hoffentlich wird es dann auch gelesen und hoffentlich schwindert deshalb niemandem der Lebensmut. Den braucht unser Land dringend.