Unterhalb des Gesamtergebnisses zeichnet sich eine tiefere Spaltung der Wählerschaft ab, als es unser System vorsieht. Sie verläuft nicht mehr nur nach Alter, Bildung, wirtschaftlichem und sozialem Status. Eine ethnische Bruchlinie trennt das Elektorat wie ein unüberwindlicher Graben. Der Bevölkerungsaustausch manifestiert sich als politische Waffe.
Überall rund um Berlin erzielt die Linke Rekordergebnisse bei der Jugend. In der Großstadt erreichte die Linke 43 Prozent bei den Unter-25-Jährigen und rund 48 bis 49 Prozent bei den 25- bis 34-Jährigen. Ein entscheidender Faktor dürfte hier die Herkunft sein. In Berlin gibt es schlicht zu wenig einheimische Jugendliche.
Die Nachwahlbefragung spricht eine deutliche Sprache. Je stärker ein Berliner Gebiet migrationsgeprägt ist, desto stärker wird die Linke und desto schwächer werden AfD und CDU. In den untersuchten Gebieten mit weniger als zehn Prozent Migrationshintergrund erreichte die Linke nur 17,8 Prozent. In Gebieten mit mindestens 60 Prozent waren es 41,0 Prozent. Bei der AfD verläuft die Kurve fast spiegelverkehrt: Sie holte 25,4 Prozent im Gebiet mit der niedrigsten, 10,6 Prozent in dem mit der höchsten Migrationsbelastung.
Noch auffälliger sind die Veränderungen seit 2023: Die Linke gewann in den am wenigsten migrantischen Gebieten 5,8 Punkte dazu, in den am stärksten überfremdeten dagegen 24,7 Punkte. Die AfD gewann zwar auch überall dazu, aber das konnte den ethnischen Faktor nicht wettmachen.
Weitere Ergebnisse belegen die These von einer ethnischen Wahl. Nach einer Sonderauswertung der Forschungsgruppe Wahlen stimmten 51 Prozent der befragten muslimischen Wähler für die Linke. 2023 waren es 15 Prozent.
Der Erfolg der Linken ist ein Musterbeispiel für den „progressive Muslim vote“, im deutschen Sprachraum eben „ethnische Wahl“ genannt. Sie beschreibt ein Wahlverhalten, das stärker durch Gruppenzugehörigkeit, lokale Netzwerke und Kandidaten als durch klassische ideologische Kategorien bestimmt wird. In einem Vortrag in Schnellroda beschrieb ich sie im Jahr 2023 als „tribalistisch, einheitlich, lokal, unideologisch und kandidatenzentriert“. Drei Elemente dieser Theorie sind für Berlin besonders interessant.
1. Konzentration schafft politische Macht – Es reicht nicht, daß eine gesellschaftliche Gruppe existiert. Sie muß räumlich konzentriert, politisch erreichbar und mobilisierbar sein. Ich beziehe mich hier vor allem auf die Forschung von Raphaela Dancygier. Ihre Arbeiten über muslimische Wähler in europäischen Städten beschäftigen sich damit, wie regionale, ethnische Netzwerke die Parteipolitik verändern können. Berlin liefert dafür ein auffälliges Muster. Denn nicht nur das Ergebnis der Linken steigt mit der Migrationsprägung. Auch die Wahlbeteiligung nahm gerade in den stark migrationsgeprägten Gebieten besonders stark zu. Sie stieg dort gegenüber 2023 um bis zu 13,4 Prozentpunkte an. Gleichzeitig legte die Linke dort um 24,7 Punkte zu. Berlinweit gewann sie nach dem Wählerwanderungsmodell rund 75.000 Stimmen aus dem früheren Nichtwählerlager.
2. Repräsentation schlägt abstrakte Parteiprogramme – Dancygier unterscheidet zwischen bloßer „symbolischer Inklusion“ und einer tatsächlichen, stimmenwirksamen Einbindung lokaler Größen. Die Spitzenkandidatin der Linken, Elif Eralp, machte ihre eigene Herkunft ausdrücklich zum Bestandteil ihrer Kampagne. In sozialen Medien warb sie mit „Migras Mobilize!“.
Kandidatin Martha Kleedörfer verband in einem arabischsprachigen Wahlvideo bezahlbare Mieten und den Kampf gegen Rassismus ausdrücklich mit „Solidarität mit Palästina“. Als Frauen sind beide aber eher symbolische Feigenblätter, die deutsche Linksliberale ansprechen sollen.
Der echte Stimmenmotor war wohl der „aufsuchende Wahlkampf“ der Linken in Vereinen, Moscheen, Kulturzentren und an Haustüren. Eine Delegation besuchte das Berliner Cemevi der Alevitischen Gemeinde. Die türkische Arbeiterpartei TİP mobilisierte nach einer Reportage eigene Mitglieder für die Linke. In Neukölln 3 kam die Linke schließlich auf 43,2 Prozent der Zweitstimmen.
Entscheidend für die Mobilisierung war auch der Nahostkonflikt. Ein anderer Linken-Kandidat, Basem Said, veröffentlichte gemeinsam mit einem Aktivisten am Wahltag einen arabisch- und englischsprachigen Aufruf zur „Wahlintifada“.
Womöglich unterstützte auch die organisierte Clankriminalität die Partei der Enteignung und Umverteilung. Chats zwischen dem Sohn von Issa Remmo und dem linksradikalen Migranten und Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak belegen, dass dieser gezielt mit Verteidigung und Verharmlosung von Clans um Sympathien warb.
3. Die ethnische Wahl ist pragmatisch nicht ideologisch – Ethnische Wählerblöcke sind nicht grundsätzlich „links“, sondern potentiell volatil. Dancygier zeigt, daß diese Wählerblöcke ihre Unterstützung rasch zwischen Parteien verschieben können. Die Parteimarke wird zum bloßen „Organisationsvehikel“. Gerade der Berliner Sprung von 15 auf 51 Prozent bei muslimischen Linken-Wählern paßt auffällig zu dieser Volatilitätsthese. Die Frage lautet dann nicht mehr nur: Welche Partei ist ideologisch am nächsten? Sondern: Welche Partei macht momentan den Clan- und Moscheenchefs das attraktivste Angebot.
Bei der Berliner Linken bestand dieses Angebot aus mehreren Facetten:
- Mietenpolitik und Sozialpolitik für die gesamte Stadt;
- sichtbare migrantische Repräsentation;
- mehrsprachiger Wahlkampf;
- intensive Arbeit in lokalen Parallelstrukturen, und zusätzlich
- die ausdrückliche Solidarität mit Palästinensern.
Die im Dezember 2025 beschlossene Wahlstrategie der Linken Neukölln verlangte ausdrücklich, Palästina-Solidarität „durchgehend präsent“ zu halten und entsprechende Forderungen „planvoll in den Wahlkampf“ einzubauen. Auch das ist weniger eine ideologische als eine ethnoreligiöse Frage. Bei indischen oder koreanischen Migranten hätte man damit weniger Erfolg gehabt.
Kann eine rechte Partei den Migrantengruppen ein besseres Angebot machen? Die Antwort darauf gab 1994 bereits Rolf Peter Sieferle in seinem Werk Epochenwechsel:
In dem Maße, wie die Einwanderungszahlen steigen, werden sich einzelne Einwanderergruppen als nationale oder kulturelle Minderheiten konstituieren […] Da das politische Gewicht einer solchen Minorität mit der Zahl ihrer Mitglieder steigt, hat sie ein Interesse daran, eine weitere Einwanderung der eigenen Volksangehörigen zu erleichtern.
Daraus folgt: Jene Migrantengruppen, deren Macht durch weitere Zuwanderung aus ihren Heimatländern und eine Ausbreitung des Islams in Deutschland wächst, kann eine seriöse, patriotische Politik nicht als Partner gewinnen. Daraus folgt aber auch das, was ich in meinem Buch Remigration. Ein Vorschlag beschrieben habe: Migranten, die zu Verlierern des Bevölkerungsaustausches gehören und kein Interesse am Islam als politischen Machtblock in Deutschland haben, werden vermehrt die Alternative für Deutschland wählen. Sie tun es bereits ganz ohne Videos und Plakate in fremden Sprachen.
Christa
Aus Erfahrung lässt sich zudem ergänzen: Das politische Vorfeld dieser Linksextremisten hat immer noch einen festen Platz an den Universitäten der Großstädte. Man denke an die Palästina-Camps und den antisemitischen Sonderveranstaltungen linker Gruppen, die von Hochschulprofessorinnen unterstützt werde. Diese Aktionen begleiten die von MS beschriebenen Verhältnisse - seit den 68ern, wie wir ja wissen. Es wird wirklich Zeit, dass der universitäte Bereich aufgeräumt wird. In Hamburg ist der Versuch, eine rechte Interessenvertretung im Studentenparlament einzubringen, eklatant gescheitert. Die Hürden sind hoch!