Kritik der Woche (91) : Der Kanzler und die Intellektuellen

Gastbeitrag von Dirk Brockschmidt

Als Helmut Kohl und François Mitterrand den greisen Ernst Jünger zu seinem 90. Geburtstag in Wilflingen besuchten, überreichte der Schriftsteller dem deutschen Kanzler ein Exemplar seines kurz zuvor erschienenen Kriminalromans Eine gefährliche Begegnung. In das Buch schrieb Jünger: »Zur Erinnerung an eine ungefährliche Begegnung«.

Die Wid­mung war, wie Peter-André Alt, Pro­fes­sor für Neue­re Deut­sche Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und Ver­fas­ser der maß­geb­li­chen Schil­ler-Bio­gra­phie, zeigt, bewußt dop­pel­deu­tig gehal­ten. Jün­ger trau­te Kohl auf ästhe­ti­schem und phi­lo­so­phi­schem Gebiet wenig zu; unge­fähr­lich konn­te die Begeg­nung nur des­halb blei­ben, weil der Kanz­ler auf die­sem Ter­rain kein wirk­li­cher Gesprächs­part­ner war.

Die Begeg­nung, die Jün­ger in sei­nem Tage­buch nicht erwähnt, ist mehr als eine hüb­sche Anek­do­te; sie for­mu­liert die zen­tra­le Fra­ge von Alts umfang­rei­cher Mono­gra­phie Die Kanz­ler und die Intel­lek­tu­el­len: Was suchen Geist und Macht bei­ein­an­der, und wie ver­hal­ten sie sich, wenn sich ihre Wege kreuzen?

Das Ver­hält­nis zwi­schen Kanz­lern und Intel­lek­tu­el­len war in der Bun­des­re­pu­blik sel­ten har­mo­nisch. Ade­nau­er hielt die geis­ti­ge Welt auf Distanz, Erhard bemüh­te sich um Ein­bin­dung, und Kie­sin­ger über­schätz­te sei­ne geis­ti­ge Auto­ri­tät. Wil­ly Brandt such­te die Nähe von Schrift­stel­lern und Publi­zis­ten. Bei Hel­mut Schmidt ent­stan­den Freund­schaf­ten, die die Gren­zen zwi­schen Pri­vat­heit und Poli­tik aufhoben.

Auf dem Höhe­punkt des RAF-Ter­rors lud der Kanz­ler Hein­rich Böll, Max Frisch, Sieg­fried Lenz und den Suhr­kamp-Ver­le­ger Sieg­fried Unseld ins Kanz­ler­amt ein, um sich über die Lage aus­zu­tau­schen. Hel­mut Kohl blieb der kul­tu­rel­len Eli­te wegen sei­ner hemds­är­me­li­gen Art fremd, wäh­rend Ger­hard Schrö­der Intel­lek­tu­el­le und Künst­ler für sei­ne poli­ti­sche Selbst­dar­stel­lung zu nut­zen wußte.

Bei Ange­la Mer­kel und Olaf Scholz ver­än­der­te sich die Art des Aus­tau­sches; er wur­de schnell­le­bi­ger und digitaler.

Aus der Per­spek­ti­ve des Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lers rekon­stru­iert Alt die­se Bezie­hun­gen. Sei­ne erzäh­le­ri­sche Stär­ke zeigt sich dar­in, daß er poli­ti­sche und geis­ti­ge Kon­stel­la­tio­nen durch Begeg­nun­gen, Gesprä­che und Anek­do­ten sicht­bar macht und aus sol­chen Minia­tu­ren grö­ße­re, vom Kon­flikt um poli­ti­sche und kul­tu­rel­le Legi­ti­ma­ti­on gepräg­te Zusam­men­hän­ge her­vor­tre­ten läßt.

Er beschränkt sei­ne Dar­stel­lung nicht auf die links­li­be­ra­le Intel­li­genz; kon­ser­va­ti­ve und rech­te Intel­lek­tu­el­le fin­den ihren Platz, dar­un­ter Armin Moh­ler und Cas­par von Schrenck-Not­zing. Alt begeg­net die­sen Autoren und ihrer intel­lek­tu­el­len Leis­tung mit deut­li­cher Skep­sis; die­se Skep­sis tritt umso stär­ker her­vor, je näher das Buch an die Gegen­wart heranreicht.

Alts Dar­stel­lung führt zu einem fast tra­gi­schen Befund: Der klas­si­sche Intel­lek­tu­el­le, der mit eige­nem geis­ti­gen Anspruch in die poli­ti­sche Öffent­lich­keit tritt und sei­ne Auto­ri­tät aus der Distanz zur Macht bezieht, scheint zu ver­schwin­den. An sei­ne Stel­le tritt zuneh­mend die schnell­le­bi­ge und aus­ge­höhl­te Figur des Medi­en­in­tel­lek­tu­el­len, der auf jede Ent­wick­lung reagie­ren muß.

Eine frü­he Aus­prä­gung die­ser Ent­wick­lung hat Axel Schildt in Medi­en-Intel­lek­tu­el­le in der Bun­des­re­pu­blik beschrie­ben; heu­te scheint sie sich fort­zu­set­zen. Er ist weni­ger durch die Unab­hän­gig­keit vom poli­ti­schen Betrieb als durch die Ein­bin­dung in die Mecha­nis­men media­ler Öffent­lich­keit bestimmt. Sei­ne Wir­kung beruht auf der Fähig­keit, Debat­ten mög­lichst rasch zu beset­zen. Damit ver­än­dert sich das Ver­hält­nis von Geist und Macht.

Der Medi­en­in­tel­lek­tu­el­le muß anschluß­fä­hig sein, schnell reagie­ren und sich leicht kon­su­mier­bar prä­sen­tie­ren. Sei­ne Inter­ven­tio­nen sind stär­ker auf den Takt von Nach­rich­ten und sozia­len Medi­en abge­stimmt als auf das Durch­drin­gen eines gesell­schaft­li­chen Pro­blems. Was an Reich­wei­te gewon­nen wird, kann an geis­ti­ger Tie­fe ver­lo­ren gehen.

Alt erzählt nicht nur von Geist und Macht, son­dern macht sicht­bar, wie sich die Figur des Intel­lek­tu­el­len wan­delt. Der klas­si­sche Intel­lek­tu­el­le konn­te der Macht aus der Distanz wider­spre­chen; der Medi­en­in­tel­lek­tu­el­le wirkt – bere­chen­bar – inner­halb des media­len Sys­tems, das die poli­ti­sche Macht beglei­tet, kom­men­tiert und her­vor­bringt. Die­se Nähe zur Öffent­lich­keit ist sei­ne prä­gen­de Stär­ke – und sei­ne begren­zen­de Schwäche.

Peter-André Alt: Die Kanz­ler und die Intel­lek­tu­el­len. Geschich­te einer unbe­que­men Bezie­hung, Mün­chen  2026. 811 S., 48 € – hier bestel­len

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