Noch einmal, so hat es Gertrud von le Fort 1965 in ihrem Erinnerungsbuch Hälfte des Lebens festgehalten, seien damals die großen Gestalten des zweiten Reiches an ihr vorübergezogen. Daß sie hier eine dem Versinken entgegengehende Epoche vorüberziehen sehen, habe keiner von ihnen geahnt. Der neunzigjährige Kaiser kommt von Bad Ems, wo Kronprinz Friedrich Wilhelm wegen seiner Erkrankung an Kehlkopfkrebs behandelt wurde. Ihm blieb noch ein Jahr zum Leben. Das Kind, schreibt von le Fort über sich, weint daraufhin jeden Abend in der damaligen Karwoche im Dunkeln über das Leiden des Thronfolgers. In dieser eindrücklichen Erinnerung fallen bereits viele Motive des Werks der späteren Schriftstellerin zusammen: das Reich, der Glaube und das stellvertretende Opfer.
Geboren wird Gertrud von le Fort am 11. Oktober 1876 im ostwestfälischen Minden als Tochter des preußischen Offiziers Lothar Freiherr von le Fort, dem sie ihren Sinn für Geschichte verdankt, und seiner Frau Elsbeth aus der Uckermark, einer Pietistin, die ihren Kindern täglich aus den Losungen der Brüdergemeinde vorliest und so Gertrud den Glauben schenkt.
Väterlicherseits reicht der Stammbaum zur piemontesischen Familie Lifforti zurück, die im 16. Jahrhundert des reformierten Bekenntnisses wegen Savoyen in Richtung Genf verlassen hatte. Von dort aus zog es die Vorfahren durch Europa, sie dienten unter Peter dem Großen und Ludwig XVI. sowie bei Waterloo in den Reihen der Engländer. Pierre Lefort, Gertruds Ururgroßvater, diente ebenfalls in Rußland und ließ sich danach in Mecklenburg nieder.
Auch Gertruds Kindheit spielt sich nicht nur an einem Ort ab: Die Familie folgt den Garnisonen des Vaters von Minden nach Berlin, Koblenz und Hildesheim. Weitere Aufenthalte sind Halberstadt, Südtirol, Rom, Paris und zuletzt dreißig Jahre Oberstdorf – dort stirbt Gertrud von le Fort hochbetagt am 1. November 1971. In Heidelberg, Marburg und Berlin studiert Gertrud ab 1908 evangelische Theologie, Geschichte, Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie, allerdings ohne Abschluß. In diesen Jahren gewinnt sie Ernst Troeltsch als Lehrer und Freund und unterhält später auch Kontakte zu Theodor Haecker, Carl Muth, Edith Stein, Werner Bergengruen und Reinhold Schneider.
1920 muß ihr Bruder Stephan nach seiner Beteiligung am Kapp-Putsch fliehen, das Familiengut Boek an der Müritz wird kurz darauf von der Regierung beschlagnahmt. Die Einladung von Verwandten in ein komfortables Exil nach Genf schlägt Gertrud aus.
Auch wenn Gertrud bereits früh publiziert, erlangt sie erst mit dem Gedichtband Hymnen an die Kirche Bekanntheit, den sie 1924, zwei Jahre vor ihrer Konversion in Rom zur katholischen Kirche, veröffentlicht. Die Hymnen sind ein Zwiegespräch der einzelnen Seele mit der Kirche und beschreiben zum einen ihren persönlichen Glaubensweg: »Ich bin in das Gesetz deines / Glaubens gefallen wie / in ein nackendes Schwert! / Mitten durch meinen Verstand ging seine Schärfe, / mitten durch die Leuchte meiner Erkenntnis.«
Zum anderen beschreibt die Kirche bildhaft ihre Anwesenheit schon unter den vorchristlichen Heiden: »Siehe, in mir knien Völker, die lange dahin sind, und aus meiner Seele leuchten nach dem Ew’gen viele Heiden! / Ich war heimlich in den Tempeln ihrer Götter, ich war dunkel in den Sprüchen all ihrer Weisen.« Damit schlägt die Kirche eine Brücke, die Gertrud mit ihrer Konversion selbst bauen will, da sie diese als Überwindung der Spaltung und nicht als deren Bekräftigung versteht.
Der Schmerz und die Tragik dieser Zerrissenheit, die ja nicht nur die Christenheit, sondern auch ihr eigenes Volk betrifft, kommen am deutlichsten in einem ihrer Hauptwerke, Die Magdeburgische Hochzeit von 1938, zum Vorschein: Der junge Protestant Willigis Ahlemann reitet als Unterhändler Magdeburgs in das Quartier des alten Generalissimus Tilly, der die Truppen der Katholischen Liga und der kaiserlichen Armee anführt. Magdeburg muß sich entscheiden, ob es zur Liga oder zu den protestantischen Schweden hält. Tilly soll in Magdeburg die Rückgabe katholischer Kirchengüter einfordern. Der Feldherr meint, man könne die Schweden gemeinsam aus dem Reich jagen. Ahlemann entgegnet, man könne von Magdeburg nicht verlangen, »entweder das Reich oder den Glauben« wählen zu müssen.
Tilly wehrt ab: Ein Glaube, der sich in die Rebellion treiben lasse, sei kein Glaube. Es kommt zu keiner Einigung. Am Ende jenes Abends steht der Feldherr allein vor der Standarte mit dem Bild der Muttergottes, zählt die Kugellöcher in der zerschossenen Fahne und küßt die blaue Seide. Er weiß, daß er um den Sturm auf Magdeburg nicht mehr herumkommt. Die Autorin beschreibt hier den aufrichtigen Vermittlungsversuch zweier redlicher Männer, die um die Einheit des Reiches ringen, die mit der Glaubensspaltung jedoch zerbrochen ist.
Schon 1932 erinnert sie in den Hymnen an Deutschland ihr Volk an den Auftrag, Träger des Heiligen Römischen Reiches zu sein. Denn »Kaiservolk der Erde, berufen zur Krone / Aller Kronen« zu sein bedeutet, die »Friedenskrone der Völker Christi« zu tragen und damit auch, bereit zu sein zu leiden: »Du Volk des Sieges / Und du Volk des Erliegens, / Held und Leider deiner Brüder: / Wie blüht dir ewig im Schicksal / Der dunkle Dorn des Erlösers!«
Gertrud mahnt, daß die Krone auch eine Dornenkrone ist, was in den späteren klagenden Gedichten über die Zerstörung des Krieges und die Vertreibung nochmals deutlich wird. Die Autorin beweist ein hohes Maß an Mit-Leidensfähigkeit mit dem Schicksal ihres Volkes, der großen Verantwortung der Trägerschaft des Alten Reiches nicht gerecht worden zu sein. Dies zeigt sich schon in ihrer Kindheit, als sie sich im Kreuzgang des Hildesheimer Domes einschließen läßt, um das Leben der alten Kaiser zu betrachten, deren Bildnisse sie in einem Buch aus dem Frankfurter Römer bei sich trägt.
Ihr Zugang zu den großen geschichtlichen Ereignissen ist also ein sehr persönlicher und empathischer, weshalb sie den Menschen immer auch in seiner sündhaften Natur zeichnet, mit Verwerfungen und Brüchen in allen Reihen. So mancher ihrer Charaktere läßt sich zu dem hinreißen, was sein Amt am wenigsten erlaubt. Die Institutionen wie Kirche und Reich stehen dabei nicht zur Debatte. Heiliges geht bei ihr durch fehlbare Hände, ohne dadurch weniger heilig zu werden.
In ihrer Novelle Die Letzte am Schafott von 1931 tritt die Fehlbarkeit des Menschen erneut zutage. In den historischen Rahmen der sechzehn Karmelitinnen von Compiègne, die am 17. Juli 1794 in Paris von den Revolutionären durch die Guillotine hingerichtet werden, während sie das »Veni creator« singen, bettet Gertrud die fiktive Figur der Blanche de la Force, die aus Angst vor der Welt in den Karmel eintritt, aber aus Angst vor dem Martyrium diesem wieder entflieht. Blanche sei vor ihr aufgestiegen als »Verkörperung der Todesangst einer ganzen zu Ende gehenden Epoche«. Aber entscheidend ist, daß sie ihre Angst schließlich überwindet, um am Ende alleine ihren Mitschwestern singend nachzufolgen, ehe sie von der revolutionären Masse erschlagen wird.
In Blanche erscheint noch ein weiteres, für Gertruds Werk charakteristisches Merkmal, das wir auch in dem zweiteiligen Roman Das Schweißtuch der Veronika von 1928 und 1946 finden, nämlich eine Frauengestalt, die ihr Heldentum durch völlige Selbsthingabe und ‑entäußerung findet. Zudem wird auch hier erneut die innere Spaltung des Volkes durch den Leidensweg einzelner Personen betrachtet: Die junge katholische Veronika, die in mancherlei Hinsicht der Autorin ähnelt, steht zwischen ihrer Großmutter, dem »Ideal der apollinisch-klassischen Humanitas« (Maria Eschbach) eines Stefan Georges, und dem jungen Dichter Enzio, dem Vertreter der dionysischen Lebensphilosophie eines Friedrich Nietzsches, und geht für diese bis an den Rand ihres eigenen Glaubensverlustes. Der Kreuzweg, für den einzelnen wie für die Geschichte, ist unausweichlich.
1966 schreibt Carl Zuckmayer zum 90. Geburtstag von Gertrud von le Fort, sie erzähle »von menschlicher Verstrickung und den labyrinthischen Wegen der Seele, sie dringt bis in die Tiefenschächte der Schuld und des Leidens, sie schenkt keine leichte Erlösung und keinen billigen Trost – der Himmel, um den sie weiß, erscheint nicht in sanfter Verklärung, die Gnade, die sie ruft, ergibt sich nur dem Schmerzbereiten, die hohen Mächte, die sie beschwört, sind von strenger, fordernder Gewalt. Und doch hebt sich aus jedem ihrer Dichtwerke, den episch gefesselten und den hymnisch gelösten, die frohe Botschaft, das Evangelium der Überwindung.«