150 Jahre Gertrud von le Fort

von Moritz Scholtysik -- Im Frühjahr 1887 steht ein zehnjähriges Kind auf dem kleinen Bahnhof nahe dem Koblenzer Schloß, an der Hand der Mutter, die dort mit anderen Offiziersdamen Aufstellung genommen hat. Der Zug Wilhelms I. fährt langsam über die Rheinbrücke vorüber.

Noch ein­mal, so hat es Ger­trud von le Fort 1965 in ihrem Erin­ne­rungs­buch Hälf­te des Lebens fest­ge­hal­ten, sei­en damals die gro­ßen Gestal­ten des zwei­ten Rei­ches an ihr vor­über­ge­zo­gen. Daß sie hier eine dem Ver­sin­ken ent­ge­gen­ge­hen­de Epo­che vor­über­zie­hen sehen, habe kei­ner von ihnen geahnt. Der neun­zig­jäh­ri­ge Kai­ser kommt von Bad Ems, wo Kron­prinz Fried­rich Wil­helm wegen sei­ner Erkran­kung an Kehl­kopf­krebs behan­delt wur­de. Ihm blieb noch ein Jahr zum Leben. Das Kind, schreibt von le Fort über sich, weint dar­auf­hin jeden Abend in der dama­li­gen Kar­wo­che im Dun­keln über das Lei­den des Thron­fol­gers. In die­ser ein­drück­li­chen Erin­ne­rung fal­len bereits vie­le Moti­ve des Werks der spä­te­ren Schrift­stel­le­rin zusam­men: das Reich, der Glau­be und das stell­ver­tre­ten­de Opfer.

Gebo­ren wird Ger­trud von le Fort am 11. Okto­ber 1876 im ost­west­fä­li­schen Min­den als Toch­ter des preu­ßi­schen Offi­ziers Lothar Frei­herr von le Fort, dem sie ihren Sinn für Geschich­te ver­dankt, und sei­ner Frau Els­beth aus der Ucker­mark, einer Pie­tis­tin, die ihren Kin­dern täg­lich aus den Losun­gen der Brü­der­ge­mein­de vor­liest und so Ger­trud den Glau­ben schenkt.

Väter­li­cher­seits reicht der Stamm­baum zur pie­mon­te­si­schen Fami­lie Lif­for­ti zurück, die im 16. Jahr­hun­dert des refor­mier­ten Bekennt­nis­ses wegen Savoy­en in Rich­tung Genf ver­las­sen hat­te. Von dort aus zog es die Vor­fah­ren durch Euro­pa, sie dien­ten unter Peter dem Gro­ßen und Lud­wig XVI. sowie bei Water­loo in den Rei­hen der Eng­län­der. Pierre Lefort, Ger­truds Urur­groß­va­ter, dien­te eben­falls in Ruß­land und ließ sich danach in Meck­len­burg nieder.

Auch Ger­truds Kind­heit spielt sich nicht nur an einem Ort ab: Die Fami­lie folgt den Gar­ni­so­nen des Vaters von Min­den nach Ber­lin, Koblenz und Hil­des­heim. Wei­te­re Auf­ent­hal­te sind Hal­ber­stadt, Süd­ti­rol, Rom, Paris und zuletzt drei­ßig Jah­re Oberst­dorf – dort stirbt Ger­trud von le Fort hoch­be­tagt am 1. Novem­ber 1971. In Hei­del­berg, Mar­burg und Ber­lin stu­diert Ger­trud ab 1908 evan­ge­li­sche Theo­lo­gie, Geschich­te, Kunst­ge­schich­te, Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie, aller­dings ohne Abschluß. In die­sen Jah­ren gewinnt sie Ernst Troeltsch als Leh­rer und Freund und unter­hält spä­ter auch Kon­tak­te zu Theo­dor Hae­cker, Carl Muth, Edith Stein, ­Wer­ner Ber­gen­gruen und Rein­hold Schneider.

1920 muß ihr Bru­der Ste­phan nach sei­ner Betei­li­gung am Kapp-Putsch flie­hen, das Fami­li­en­gut Boek an der Müritz wird kurz dar­auf von der Regie­rung beschlag­nahmt. Die Ein­la­dung von Ver­wand­ten in ein kom­for­ta­bles Exil nach Genf schlägt Ger­trud aus.

Auch wenn Ger­trud bereits früh publi­ziert, erlangt sie erst mit dem Gedicht­band Hym­nen an die Kir­che Bekannt­heit, den sie 1924, zwei Jah­re vor ihrer Kon­ver­si­on in Rom zur katho­li­schen Kir­che, ver­öf­fent­licht. Die Hym­nen sind ein Zwie­ge­spräch der ein­zel­nen See­le mit der Kir­che und beschrei­ben zum einen ihren per­sön­li­chen Glau­bens­weg: »Ich bin in das Gesetz dei­nes / Glau­bens gefal­len wie / in ein nacken­des Schwert! / Mit­ten durch mei­nen Ver­stand ging sei­ne Schär­fe, / mit­ten durch die Leuch­te mei­ner Erkenntnis.«

Zum ande­ren beschreibt die Kir­che bild­haft ihre Anwe­sen­heit schon unter den vor­christ­li­chen Hei­den: »Sie­he, in mir knien Völ­ker, die lan­ge dahin sind, und aus mei­ner See­le leuch­ten nach dem Ew’gen vie­le Hei­den! / Ich war heim­lich in den Tem­peln ihrer Göt­ter, ich war dun­kel in den Sprü­chen all ihrer Wei­sen.« Damit schlägt die Kir­che eine Brü­cke, die Ger­trud mit ihrer Kon­ver­si­on selbst bau­en will, da sie die­se als Über­win­dung der Spal­tung und nicht als deren Bekräf­ti­gung versteht.

Der Schmerz und die Tra­gik die­ser Zer­ris­sen­heit, die ja nicht nur die Chris­ten­heit, son­dern auch ihr eige­nes Volk betrifft, kom­men am deut­lichs­ten in einem ihrer Haupt­wer­ke, Die Mag­de­bur­gi­sche Hoch­zeit von 1938, zum Vor­schein: Der jun­ge Pro­tes­tant Wil­li­gis Ahle­mann rei­tet als Unter­händ­ler Mag­de­burgs in das Quar­tier des alten Gene­ra­lis­si­mus Til­ly, der die Trup­pen der Katho­li­schen Liga und der kai­ser­li­chen Armee anführt. Mag­de­burg muß sich ent­schei­den, ob es zur Liga oder zu den pro­tes­tan­ti­schen Schwe­den hält. Til­ly soll in Mag­de­burg die Rück­ga­be katho­li­scher Kir­chen­gü­ter ein­for­dern. Der Feld­herr meint, man kön­ne die Schwe­den gemein­sam aus dem Reich jagen. Ahle­mann ent­geg­net, man kön­ne von Mag­de­burg nicht ver­lan­gen, »ent­we­der das Reich oder den Glau­ben« wäh­len zu müssen.

Til­ly wehrt ab: Ein Glau­be, der sich in die Rebel­li­on trei­ben las­se, sei kein Glau­be. Es kommt zu kei­ner Eini­gung. Am Ende jenes Abends steht der Feld­herr allein vor der Stan­dar­te mit dem Bild der Mut­ter­got­tes, zählt die Kugel­lö­cher in der zer­schos­se­nen Fah­ne und küßt die blaue Sei­de. Er weiß, daß er um den Sturm auf Mag­de­burg nicht mehr her­um­kommt. Die Autorin beschreibt hier den auf­rich­ti­gen Ver­mitt­lungs­ver­such zwei­er red­li­cher Män­ner, die um die Ein­heit des Rei­ches rin­gen, die mit der Glau­bens­spal­tung jedoch zer­bro­chen ist.

Schon 1932 erin­nert sie in den Hym­nen an Deutsch­land ihr Volk an den Auf­trag, Trä­ger des Hei­li­gen Römi­schen Rei­ches zu sein. Denn »Kai­ser­volk der Erde, beru­fen zur Kro­ne / Aller Kro­nen« zu sein bedeu­tet, die »Frie­dens­kro­ne der Völ­ker Chris­ti« zu tra­gen und damit auch, bereit zu sein zu lei­den: »Du Volk des Sie­ges / Und du Volk des Erlie­gens, / Held und Lei­der dei­ner Brü­der: / Wie blüht dir ewig im Schick­sal / Der dunk­le Dorn des Erlösers!«

Ger­trud mahnt, daß die Kro­ne auch eine Dor­nen­kro­ne ist, was in den spä­te­ren kla­gen­den Gedich­ten über die Zer­stö­rung des Krie­ges und die Ver­trei­bung noch­mals deut­lich wird. Die Autorin beweist ein hohes Maß an Mit-Lei­dens­fä­hig­keit mit dem Schick­sal ihres Vol­kes, der gro­ßen Ver­ant­wor­tung der Trä­ger­schaft des Alten Rei­ches nicht gerecht wor­den zu sein. Dies zeigt sich schon in ihrer Kind­heit, als sie sich im Kreuz­gang des Hil­des­hei­mer Domes ein­schlie­ßen läßt, um das Leben der alten Kai­ser zu betrach­ten, deren Bild­nis­se sie in einem Buch aus dem Frank­fur­ter Römer bei sich trägt.

Ihr Zugang zu den gro­ßen geschicht­li­chen Ereig­nis­sen ist also ein sehr per­sön­li­cher und empa­thi­scher, wes­halb sie den Men­schen immer auch in sei­ner sünd­haf­ten Natur zeich­net, mit Ver­wer­fun­gen und Brü­chen in allen Rei­hen. So man­cher ihrer Cha­rak­te­re läßt sich zu dem hin­rei­ßen, was sein Amt am wenigs­ten erlaubt. Die Insti­tu­tio­nen wie Kir­che und Reich ste­hen dabei nicht zur Debat­te. Hei­li­ges geht bei ihr durch fehl­ba­re Hän­de, ohne dadurch weni­ger hei­lig zu werden.

In ihrer Novel­le Die Letz­te am Scha­fott von 1931 tritt die Fehl­bar­keit des Men­schen erneut zuta­ge. In den his­to­ri­schen Rah­men der sech­zehn Kar­me­li­tin­nen von Com­piè­g­ne, die am 17. Juli 1794 in Paris von den Revo­lu­tio­nä­ren durch die Guil­lo­ti­ne hin­ge­rich­tet wer­den, wäh­rend sie das »Veni crea­tor« sin­gen, bet­tet Ger­trud die fik­ti­ve Figur der Blan­che de la Force, die aus Angst vor der Welt in den Kar­mel ein­tritt, aber aus Angst vor dem Mar­ty­ri­um die­sem wie­der ent­flieht. Blan­che sei vor ihr auf­ge­stie­gen als »Ver­kör­pe­rung der Todes­angst einer gan­zen zu Ende gehen­den Epo­che«. Aber ent­schei­dend ist, daß sie ihre Angst schließ­lich über­win­det, um am Ende allei­ne ihren Mit­schwes­tern sin­gend nach­zu­fol­gen, ehe sie von der revo­lu­tio­nä­ren Mas­se erschla­gen wird.

In Blan­che erscheint noch ein wei­te­res, für Ger­truds Werk cha­rak­te­ris­ti­sches Merk­mal, das wir auch in dem zwei­tei­li­gen Roman Das Schweiß­tuch der Vero­ni­ka von 1928 und 1946 fin­den, näm­lich eine Frau­en­ge­stalt, die ihr Hel­den­tum durch völ­li­ge Selbst­hin­ga­be und ‑ent­äu­ße­rung fin­det. Zudem wird auch hier erneut die inne­re Spal­tung des Vol­kes durch den Lei­dens­weg ein­zel­ner Per­so­nen betrach­tet: Die jun­ge katho­li­sche Vero­ni­ka, die in man­cher­lei Hin­sicht der Autorin ähnelt, steht zwi­schen ihrer Groß­mutter, dem »Ide­al der apol­li­nisch-klas­si­schen Huma­ni­tas« (Maria Esch­bach) eines Ste­fan Geor­ges, und dem jun­gen Dich­ter Enzio, dem Ver­tre­ter der dio­ny­si­schen Lebens­phi­lo­so­phie eines Fried­rich Nietz­sches, und geht für die­se bis an den Rand ihres eige­nen Glau­bens­ver­lus­tes. Der Kreuz­weg, für den ein­zel­nen wie für die ­Geschich­te, ist unausweichlich.

1966 schreibt Carl Zuck­may­er zum 90. Geburts­tag von Ger­trud von le Fort, sie erzäh­le »von mensch­li­cher Ver­stri­ckung und den laby­rin­thi­schen Wegen der See­le, sie dringt bis in die Tie­fen­schäch­te der Schuld und des Lei­dens, sie schenkt kei­ne leich­te Erlö­sung und kei­nen bil­li­gen Trost – der Him­mel, um den sie weiß, erscheint nicht in sanf­ter Ver­klä­rung, die Gna­de, die sie ruft, ergibt sich nur dem Schmerz­be­rei­ten, die hohen Mäch­te, die sie beschwört, sind von stren­ger, for­dern­der Gewalt. Und doch hebt sich aus jedem ihrer Dicht­wer­ke, den episch gefes­sel­ten und den hym­nisch gelös­ten, die fro­he Bot­schaft, das Evan­ge­li­um der Überwindung.«

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