Vor dem Bücherschrank: Weltkriegsprosa, Teil 1

PDF der Druckausgabe aus Sezession 126/ Juni 2025

von Gün­ter Scholdt –

Die mit die­sem Text begin­nen­de Serie mus­tert ein gutes Dut­zend zwi­schen 1945 und 1955 in West­deutsch­land erschie­ne­ner Tex­te über den soeben been­de­ten Welt­krieg: Roma­ne, Erzäh­lun­gen, Impres­sio­nen, Tage­bü­cher oder Auf­ru­fe der Erleb­nis­ge­ne­ra­ti­on.

Deren Ver­tre­ter woll­ten etwas Unge­heu­er­li­ches, das ihnen gesche­hen war, ande­ren ver­ständ­lich machen bzw. zurecht­rü­cken oder sich selbst von einem schwe­ren See­len­druck ent­las­ten. Auch ging es vie­len dar­um, als Fazit trau­ma­ti­scher Erleb­nis­se eine huma­ni­tä­re, exis­ten­ti­el­le oder poli­ti­sche Bot­schaft zu verkünden.

Die Text­men­ge sol­cher Schrif­ten ist kaum über­schau­bar. Unter dem Stich­wort »Kriegs­ro­ma­ne: Zwei­ter Welt­krieg« zeigt allein Wiki­pe­dia 4250 Tref­fer an. Unge­zählt sind die in Privat­drucken, Zeit­schrif­ten bzw. Illus­trier­ten publi­zier­ten Front­erin­ne­run­gen bes­ten­falls mitt­le­ren Niveaus mit regio­nal beschränk­ter Wahrnehmung.

Sie stie­ßen auf ein brei­tes Publi­kum, gerie­ten wie­der in Ver­ges­sen­heit und wur­den spä­ter geschichts­po­li­tisch abge­wer­tet: Auf rund 220 zwi­schen 1945 und 1961 ver­faß­te Front­kämp­fer-Roma­ne bezieht sich Rolf Düs­ter­bergs Stu­die Sol­dat und Kriegs­er­leb­nis mit dem erwart­bar despek­tier­li­chen Resul­tat, die meis­ten Land­ser hät­ten ihre Erin­ne­rung zuguns­ten einer »sau­be­ren Wehr­macht« geschönt.

Mei­ne Text­aus­wahl rich­te­te sich kaum nach per­sön­li­chen Lese­prä­fe­ren­zen. Ent­schei­dend war viel­mehr der bel­le­tris­ti­sche Anspruch oder die öffent­li­che Reso­nanz, indi­ziert durch Ver­kaufs­zah­len, Kri­ti­ken, Kon­tro­ver­sen oder Berück­sich­ti­gung im (zeit­ge­nös­si­schen) Lite­ra­tur­ka­non. Ver­ein­zelt kom­men dama­li­ge Geheim­tips zur Spra­che, zum Bei­spiel Arno Schmidt oder ­Die­ter Meichsner.

Das Gros der Text­ana­ly­sen betrifft jedoch (oft sogar inter­na­tio­na­le) Best­sel­ler. Die moch­ten zuwei­len poli­tisch gepusht sein im Inter­es­se eines bestimm­ten Deutsch­land-Bil­des im Krieg. Grund­sätz­lich sind gro­ße bzw. nach­hal­ti­ge Ver­kaufs­er­fol­ge aber meist Leser­ab­stim­mun­gen über den jewei­li­gen Zeit­geist bzw. tau­gen als Men­ta­li­täts­spie­gel domi­nie­ren­der ­Sozi­al­grup­pen. Dies gilt frag­los fürs frü­he West­deutsch­land, bevor die Wie­der­be­waff­nung auch gegen­läu­fi­ge Trends zuließ. Inso­fern setzt das von mir gewähl­te Jahr 1955 eine plau­si­ble Zäsur.

Wel­che spe­zi­fi­schen Ein­sich­ten ver­spricht die­se lite­r­ar­his­to­ri­sche Nach­le­se? Kriegs­bü­cher ver­mit­teln oft popu­lär ver­kürz­te Geschichts­bil­der und ver­ra­ten man­ches über ihre Ent­ste­hungs­zeit. Aus­sa­gen über Krieg und von ihm Betrof­fe­ne sind also Teil der Bewußt­seins­ge­schich­te der spä­ten 1940er und frü­hen 1950er Jahre.

In die­sem Nach­kriegs­jahr­zehnt bil­de­ten sich die wesent­li­chen Beur­tei­lungs­kri­te­ri­en her­aus, die bis vor kur­zem Gül­tig­keit hat­ten, sehen wir von einer grund­sätz­li­chen Akzent­ver­schie­bung ab, wonach der Holo­caust mitt­ler­wei­le alles mili­tä­ri­sche Gesche­hen deu­tungs­mä­ßig überwölbt.

Es gibt also, selbst wo dies ange­strebt wur­de, kei­nen unpo­li­ti­schen Kriegs­text, da alle im Rah­men der jewei­li­gen Welt­an­schau­un­gen, Mora­len oder Appel­len ver­faßt sind. Das schließt ästhe­ti­sche Über­zeu­gun­gen ein, wie das Bei­spiel der Autoren­ver­ei­ni­gung »Grup­pe 47« zeigt.

Wenn man sich dort zu Las­ten dich­te­ri­scher Über­hö­hung für veris­ti­sche »Kahl­schlag-« bzw. »Trüm­mer-Lite­ra­tur« stark­mach­te, ging es um mehr als eine bloß künst­le­ri­sche Opti­on. Man pro­tes­tier­te damit näm­lich zugleich gegen (Propaganda-)Phrasen und sti­lis­ti­sches Pathos, die man im »Drit­ten Reich« aus­gie­big »genos­sen« hatte.

Gibt es eine Zau­ber­for­mel zur Beur­tei­lung von Kriegs­li­te­ra­tur? Natür­lich nicht, wie es auch kei­ne Dar­stel­lung gibt, die jedem Ein­zel­schick­sal gerecht wird. Dar­aus erwächst die Fra­ge nach den erzäh­le­ri­schen Lizen­zen jener Epo­che. Wie frei waren die Ver­fas­ser in ihren sub­jek­ti­ven Wer­tun­gen der Kriegs­ge­scheh­nis­se? Wel­ches Maß an Abwei­chung gegen­über dem offi­ziö­sen Geschichts­kurs kon­ze­dier­te man ihnen? 

Zwei­fel­los stand die­se Gat­tung unter beson­de­rer öffent­li­cher Kon­trol­le. Für kon­ser­va­tiv-revo­lu­tio­nä­re Uto­pien à la Wei­mar, gemäß Franz ­Schau­we­ckers »Wir muß­ten den Krieg ver­lie­ren, um die Nati­on zu gewin­nen«, bot sich kein Raum mehr. Kon­kre­te admi­nis­tra­ti­ve Vor­ga­ben wie »Den­a­zi­fi­zie­rung« und »Demi­li­ta­ri­sie­rung« hät­ten dies verhindert. 

Doch von schlicht dekre­tier­ten Geschichts­bil­dern zu spre­chen ver­fehlt die dama­li­ge Stim­mung. Die ver­nich­ten­de Nie­der­la­ge 1945 begrenz­te von sich aus Spe­ku­la­tio­nen auf eine natio­na­le Renais­sance. Und den Krieg bil­lig­te nie­mand mehr. Man hat­te ihn erlebt, »tota­ler und radi­ka­ler« (Goeb­bels), als man sich vor­stel­len konnte.

Ihn recht­fer­ti­gen­de Dar­stel­lun­gen hät­ten auch noch nicht gänz­lich »umer­zo­ge­ne« Deut­sche gewiß nicht gewollt. Viel­mehr ten­dier­te man hier­zu­lan­de zunächst mehr­heit­lich zu Pazi­fis­mus. Wenn die meis­ten hier bespro­che­nen Tex­te dies aus­drück­lich for­mu­lier­ten, spie­gelt das zumin­dest den Trend in den Feuil­le­tons wider.

Im Rah­men der Staats­grün­dung und der damit sich anbah­nen­den Wie­der­be­waff­nung ­locker­te sich die direk­te wie indi­rek­te Zen­sur. Ein Roman wie Ernst von Salo­mons Der Fra­ge­bo­gen, der Bedenk­li­ches in US-Gefan­ge­nen­la­gern anpran­ger­te, hät­te zuvor nicht erschei­nen kön­nen. Selbst Bun­des­kanz­ler Ade­nau­er sah sich zu einer Ehren­er­klä­rung für deut­sche Sol­da­ten genötigt.

Von erwei­ter­ten Spiel­räu­men pro­fi­tier­te die oben erwähn­te (ästhe­tisch eher unam­bi­tio­nier­te) Front­li­te­ra­tur. Im Dut­zend erschie­nen zudem (teils apo­lo­ge­ti­sche) »Gene­rals­me­moi­ren«, allen vor­an von Franz Hal­der (Hit­ler als Feld­herr, 1949), Heinz Gude­ri­an (Erin­ne­run­gen eines Sol­da­ten, 1951), Albert Kes­sel­ring (Sol­dat bis zum letz­ten Tag, 1953), Erich von Man­stein (Ver­lo­re­ne Sie­ge, 1955) oder pos­tum Erwin Rom­mel (Krieg ohne Haß, 1950).

Ande­rer­seits for­mier­te sich, je kon­kre­ter die Bun­des­wehr-Plä­ne wur­den, dage­gen zuneh­mend Wider­stand. Agi­ta­to­risch durch diver­se (teils DDR-finan­zier­te) Frie­dens­be­we­gun­gen, Oster­mär­sche oder Gewerk­schafts­pro­tes­te. Kom­mu­nis­ten und ein star­ker SPD-Flü­gel neig­ten zu Fun­da­men­tal­pa­zi­fis­mus. Intel­lek­tu­el­le, Künst­ler und Schrift­stel­ler wie Hans Hell­mut Kirst schlos­sen sich dem an.

Bis ins letz­te Jahr­zehnt hin­ein gehör­te es in lin­ken Krei­sen zum Selbst­ver­ständ­nis, die Wie­der­be­waff­nung als Restau­ra­ti­on, wenn nicht gar als Ren­a­zi­fi­zie­rung zu bekla­gen. Daß man gegen­wär­tig dem »Sol­da­ten sind Mör­der« rigo­ros abschwört, ist ein Novum unse­rer Nach­kriegs­zeit, die offen­bar zumin­dest bewußt­seins­mä­ßig mit den 2020ern endet.

Im Men­schen-Schlacht­haus: Theo­dor Plie­viers Sta­lin­grad (1945)

Sta­lin­grad – der Schlach­ten­ort wirkt als Signal­wort. Ana­log zu Ver­dun steht es exem­pla­risch für Kriegs­grau­en und Nie­der­la­ge, die als Kata­stro­phe in die Mili­tär­my­tho­lo­gie ein­ging. Dar­über hin­aus für die deut­sche Tra­gö­die, die Kriegs­wen­de und jäh zer­ron­ne­ne Hoff­nun­gen auf einen glimpf­li­chen Aus­gang des Feld­zugs. Eine gan­ze Armee wur­de damals geop­fert, nach­dem das OKW den Ein­ge­kes­sel­ten ver­bo­ten hat­te, nach Wes­ten aus­zu­bre­chen: 22 Divi­sio­nen mit rund 330 000 Soldaten.

Kein Wun­der, daß man Sta­lin­grad auch als Süh­ne auf­faß­te. Wolf­gang Bor­cherts Rezen­si­on sprach von einer not­wen­di­gen »Rech­nung und Quit­tung für uns alle«. Rechen­schaft for­der­te man auch von einer glanz­lo­sen Füh­rung, deren Ent­schei­dungs­schwä­che vor Ort dem noch fol­gen­rei­che­ren fata­len Durch­hal­te­wahn in Ber­lin vorausging. 

Sol­ches Volks­schick­sal rief nach einem Autor, der ihm gerecht wur­de, und fand ihn in Theo­dor Plie­vier. Sta­lin­grad, sein gewal­ti­ges epi­sches Monu­ment, Teil 1 einer durch die Bän­de Mos­kau und Ber­lin ergänz­ten Roman­tri­lo­gie, bescher­te der deut­schen Nach­kriegs­li­te­ra­tur sofort ein kano­ni­sches Werk, dazu ein Anti­kriegs­buch schlecht­hin ohne jeden Bei­klang von Landser-Romantik.

Mil­lio­nen­fach ver­kauft, in 21 Spra­chen über­setzt, ent­fal­te­te es eine enor­me Wir­kung. Bereits im Novem­ber 1943 (bis Sep­tem­ber 1945) wur­de es in der Mos­kau­er Exil­zeit­schrift Inter­na­tio­na­le Lite­ra­tur publi­ziert, danach in Wand­zei­tun­gen und vom Ost­ber­li­ner Auf­bau-Ver­lag, der sofort ein Kon­tin­gent von 500 000 Exem­pla­ren druck­te. Im Wes­ten griff 1947 zunächst Rowohlt zu (mit 100 000 Exem­pla­ren), dann Desch mit ver­viel­fach­ten Auf­la­gen. Wei­te­re Ver­la­ge folgten. 

Plie­vier ver­band doku­men­ta­ri­sche Erzähl­kunst mit mili­tä­ri­schem Sach­ver­stand, der sich bereits 1930 im Mari­ne-Roman Des Kai­sers Kulis durch eine bestechen­de Schil­de­rung der Ska­ger­rak-Schlacht gezeig­te hat­te. In Ruß­land erhielt der dort­hin Emi­grier­te zudem Zugang zu wich­ti­gen Quel­len in Form von aber­tau­send erbeu­te­ten Brie­fen und Archi­va­li­en. Befra­gun­gen deut­scher Offi­zie­re kamen hinzu.

Er nutz­te sol­che Ori­gi­nal­tex­te teils wört­lich, kom­bi­niert mit Rede­pas­sa­gen aus Radio-Anspra­chen pro­mi­nen­ter Regie­rungs­mit­glie­der oder Mili­tä­rer­las­sen. Er neig­te zu fil­mi­schen Tech­ni­ken mit erzäh­le­ri­schen Zuta­ten. Sym­bo­le, sogar Träu­me und Aus­flü­ge in die Welt­ge­schich­te (nach Rom oder Kar­tha­go) fin­den sich, so daß man das Gan­ze als Fac­tion bezeich­nen kann. 

Die Schre­cken die­ses Krie­ges ver­an­schau­lich­te er in weit­hin sach­li­cher, zuwei­len lako­ni­scher Distanz. Inso­fern emp­fin­det man am Ende die rund zwan­zig­sei­ti­ge Brand­re­de eines Prot­ago­nis­ten über die deut­sche Daseins­ver­feh­lung fast als Stil­bruch, der mehr an Schil­ler als an einen Wehr­machts-Gene­ral den­ken läßt. Ansons­ten erwar­tet den Leser ange­sichts einer so gehäuf­ten Sum­mie­rung des Jam­mers eine Art see­li­sche Roßkur.

Und das Buch wäre allen zu emp­feh­len, die heu­te wie­der vom grü­nen Tisch ihrer Minis­ter­ses­sel oder Redak­tio­nen aus so leicht­fer­tig über Krieg und Waf­fen­ex­por­te spre­chen. Bei­spiel­haft ver­an­schau­licht Plie­vier Hun­ger, Käl­te, Erfrie­run­gen und ande­re Krank­hei­ten – Fata­lis­mus neben einer fast unbe­greif­li­chen Durch­hal­te­fä­hig­keit in einer Atmo­sphä­re, die durch­gän­gig von Cha­os geprägt ist. Des­sen Absur­di­tät spie­gelt etwa die Sze­ne, in der durch Beschuß plötz­lich Tau­sen­de von Akten in der Schnee­wüs­te verwehen. 

Der Autor bie­tet kol­lek­ti­ve Dar­stel­lungs­kunst, illus­triert an einer Fül­le von Situa­tio­nen und Exis­ten­zen, vom ein­fa­chen Sol­da­ten bis zu den Stä­ben und ihrem teils abge­ho­be­nen Füh­rungs­per­so­nal. Ins Bild kom­men Mili­tär­pfar­rer und ‑ärz­te, »Etap­pen­hengs­te«, Maro­deu­re, Feld­gen­dar­men und Kriegs­rich­ter, rus­si­sche Hilfs­kräf­te, Aus­lands­deut­sche, Selbst­mör­der aus purer Ver­zweif­lung und immer wie­der in Laza­ret­ten Krepierende.

Zu Schick­sa­len, die unter die Haut gehen, gehört zum Bei­spiel ein von Hun­ger gequäl­ter Leh­rer, der ent­ge­gen eige­ner Ein­sicht sich nach Tagen doch einem Pfer­de­ka­da­ver nähert und erwar­tungs­ge­mäß von einem rus­si­schen Scharf­schüt­zen erle­digt wird. Sol­che Epi­so­den und ande­re Kurz­bio­gra­phien vol­ler Leid destil­lier­te der Autor nicht zuletzt aus Dut­zen­den von Originalbriefen.

Die­ses Doku­men­ta­ri­sche ent­fal­tet sei­ne plas­ti­sche Wir­kung. Zuwei­len wird den Schil­de­run­gen Kri­tik an den Deut­schen unter­legt, doch in der Regel ohne Holz­ham­mer im sonst gän­gi­gen Pro­pa­gan­das­lang kom­mu­nis­ti­scher Indok­tri­na­ti­on. Auch voll­zieht sich das Gesche­hen im Roman häu­fig so gleich­gül­tig-grau­sam, daß eine mög­li­che per­sön­li­che Schuld des ein­zel­nen fast verblaßt.

Inso­fern behan­delt der Roman zwar ein spe­zi­fisch deut­sches Ver­häng­nis, aber zugleich auch die »Con­di­ti­on humaine« in arche­ty­pi­scher Sicht. Huma­ni­tät wird als Aus­nah­me einer mensch­li­chen Kata­stro­phe gele­gent­lich zuge­stan­den, aller­dings ohne Pathos und unge­deck­ten Optimismus. 

Zwei Haupt­fi­gu­ren ragen aus dem Lei­dens­kol­lek­tiv her­aus. Unter­of­fi­zier Gnot­ke, einst Toten­grä­ber in einer Straf­kom­pa­nie, und der im letz­ten Moment noch zum Gene­ral beför­der­te Vils­ho­fen, ein Füh­rungs­ver­tre­ter, der sich im Lau­fe der Hand­lung zu non­kon­for­mis­ti­schen Skru­peln und Ein­sich­ten durch­ringt. Bei­de bil­den am Ende eine Hoff­nungs­al­li­anz in Plie­viers Sin­ne, indem sie gemein­sam in die Gefan­gen­schaft auf­bre­chen, um künf­tig ein ande­res Deutsch­land zu repräsentieren. 

Gibt es bei so vie­len Vor­zü­gen auch Schwä­chen des Romans? Der Angriff auf Ruß­land, könn­te man ein­wen­den, redu­zier­te sich nicht allein auf das Motiv eines Raub­zugs im Osten, wie der Text sug­ge­riert. Selbst wer Ste­fan Scheils Prä­ven­tiv­kriegs­the­se nicht folgt, soll­te im Kon­flikt zumin­dest auch so etwas wie ein töd­li­ches Rin­gen zwei­er »feind­li­cher Brü­der« im »Welt­bür­ger­krieg« erken­nen, einen poli­ti­schen Exis­tenz­kampf, den Plie­vier natür­lich nicht zuge­ste­hen konnte.

Zudem ver­nein­te der Autor den stra­te­gi­schen Sinn der Behar­rung in Sta­lin­grad fast dis­kus­si­ons­los, was immer­hin umstrit­ten ist. Zumin­dest anfangs mag die Bin­dung sowje­ti­scher Kräf­te eine Kon­so­li­die­rung der übri­gen über­las­te­ten Front geför­dert haben. Auch wäre die mora­li­sche Wir­kung der Kapi­tu­la­ti­on einer gan­zen Armee fürs Regime wohl rui­nös gewe­sen oder hät­te ande­re resi­gna­ti­ve Ent­schlüs­se begünstigt. 

Doch sind das Erwä­gun­gen, die im »Sol­da­ten­ma­te­ri­al« aus­schließ­lich zu ver­nut­zen­de Quan­ti­tä­ten regis­triert. Inso­fern bleibt Sta­lin­grad ein Sym­bol für das gan­ze Volk, das Hit­ler not­falls unbe­denk­lich aufs Spiel set­zen woll­te. Ande­rer­seits rühr­te die man­geln­de Auf­ga­be­be­reit­schaft wohl auch daher, daß die Über­le­bens­chan­cen in sowje­ti­scher Gefan­gen­schaft gene­rell nicht grö­ßer waren als für die­je­ni­gen, die bis zum letz­tem Atem­zug kämpften. 

Von den 90 000, die am 2. Febru­ar 1943 die Waf­fen nie­der­leg­ten, kehr­ten bis 1955 schließ­lich gera­de mal 6000 heim. Der His­to­ri­ker Kurt Böh­me ermit­tel­te ins­ge­samt eine Gefan­ge­nen-Todes­ra­te im Krieg von 60 bis 70 Prozent.

Im Rah­men der öffent­li­chen Dis­pu­te um die Wie­der­be­waff­nung erfolg­ten diver­se ­Atta­cken auf den Ver­fas­ser von Sta­lin­grad. Des­sen Thea­ter­fas­sung wur­de vom Inspek­teur der Bun­des­wehr als staats­ge­fähr­dend und der Autor als Kom­mu­nist klas­si­fi­ziert. Hin­zu kam eine (jedoch ein­ge­stell­te) Ver­leum­dungs­kla­ge durch einen als uneh­ren­haft geschil­der­ten General.

Gegen pau­scha­le Kam­pa­gnen der Wehr­dienst­geg­ner durf­te sich die neu­in­stal­lier­te Hee­res­füh­rung weh­ren, solan­ge man ange­sichts die­ses blu­ti­gen Desas­ters auch über deut­sche Schuld zu spre­chen bereit war. Ver­nünf­ti­ger­wei­se aller­dings unter Prä­mis­sen, die eine inter­na­tio­na­le Ver­brei­tung von »Right or wrong my coun­try« nicht gänz­lich vergaß. 

Mit poli­tisch-ideo­lo­gi­schen Vor­wür­fen gegen Plie­vier, der in kla­rer Distanz zur Sowjet-Des­po­tie (vgl. Ber­lin, Band 2 der Tri­lo­gie) ohne­hin bald nach West­deutsch­land über­ge­sie­delt war, ist es nicht getan. Denn einen Vor­wurf muß­ten die Höchst­ver­ant­wort­li­chen in Sta­lin­grad wohl einstecken.

Wer dem ein­fa­chen Sol­da­ten noch weni­ge Tage, ja Stun­den vor der Kapi­tu­la­ti­on per strik­tem Befehl ein Nibe­lun­gen-Schick­sal in »Etzels Saal« (Göring) ver­ord­net hat­te, durf­te sich eigent­lich nicht so bür­ger­lich als »Pri­vat­per­son« ohne per­sön­li­che Kon­se­quen­zen aus der Show steh­len. Hier ende­te die durch Prin­zi­pi­en­star­re noch ver­schlim­mer­te Tra­gö­die als unge­heu­er blu­ti­ge Farce.

 

Vom Ster­ben einer Stadt. Hans Erich Nossacks Der Unter­gang (1948)

Eben­falls 1943 voll­zog sich im Rah­men der »Ope­ra­ti­on Gomor­rha« eine in die Kriegs­ge­schich­te ein­ge­gan­ge­ne Ver­nich­tungs­or­gie: Ham­burgs weit­ge­hen­de Zer­stö­rung durch Bom­ber der RAF. Hans Erich Nossack war Zeu­ge des apo­ka­lyp­ti­schen Vor­gangs und fer­tig­te dar­über im Novem­ber des­sel­ben Jah­res einen durch Abstand und genaue Beob­ach­tung cha­rak­te­ri­sier­ten Bericht, der zum lite­ra­ri­schen Denk­mal wur­de. Unter dem lapi­da­ren Titel Der Unter­gang gehört er zu den über­zeu­gends­ten Leis­tungs­be­le­gen der hier­zu­lan­de meist unter­schätz­ten Inne­ren Emigration.

Nossacks Ver­dienst besteht dar­in, ein letzt­lich unbe­schreib­li­ches Grau­en nicht phra­seo­lo­gisch-agi­ta­to­risch ver­kleis­tert, son­dern das Gesche­hen gera­de durch akri­bi­sche Rekon­struk­ti­on von Abläu­fen und ermit­tel­ten Stim­mun­gen atmo­sphä­risch wie­der­be­lebt zu haben.

Inter­pre­ten rühm­ten am Unter­gang län­der­über­grei­fend die durch Befra­gun­gen erhär­te­te nüch­ter­ne Wahr­neh­mung und unter­kühl­te Spra­che eines jour­na­lis­ti­schen oder poli­zei­li­chen Rap­ports. Die erstell­te Sozio­lo­gie des Ver­hal­tens einer Bevöl­ke­rung unter Schock gehört zwei­fel­los zu den Stär­ken des Texts. Sie fixiert einen Aus­nah­me­zu­stand, der weder durch Rebel­li­on noch Fein­des­h­aß gekenn­zeich­net war. 

Als Der Unter­gang 1948 erst­mals gedruckt wer­den konn­te, erschien der heu­te kano­ni­sche Text fast ver­steckt an vor­letz­ter Stel­le eines Erzähl­bands mit dem Titel Inter­view mit dem Tode. Ein­ge­bet­tet war er in Geschich­ten einer meist ande­ren Ton­la­ge und Dar­stel­lungs­wei­se. Dar­un­ter befan­den sich, neben Impres­sio­nen vom Nach­kriegse­lend, Adap­tio­nen aus der anti­ken Mytho­lo­gie (von Kas­san­dra bis Orpheus) oder Traum­sze­nen, die selbst einen Gang auf den Mond gestatteten.

Als wei­te­res Glanz­licht des Bänd­chens kam die titel­ge­ben­de Gro­tes­ke Inter­view mit dem Tode hin­zu. Das sind auf den ers­ten Blick erstaun­li­che Ergän­zun­gen zum lako­ni­schen Trüm­mer-Report des Unter­gangs. Doch selbst der ent­hielt ja, dosiert, gewis­se lite­r­a­ri­sie­ren­de oder mythi­sie­ren­de Deu­tun­gen des Gesche­hens: Anspie­lun­gen auf die Odys­see, die Sint­flut oder den »Gang in die Unterwelt«.

Am Schluß kün­det er sogar sym­bo­lisch von blu­ti­ger Neu­ge­burt. Das unter­schei­det den Text bei aller Beschwö­rung des Grau­ens von Gert Ledigs Ver­gel­tung (1956), des­sen exzes­si­ve Aus­ma­lung mensch­li­cher Defek­te die See­len­la­ge jener Jah­re auf absurd-ele­men­ta­re Gewalt­aus­brü­che reduziert. 

Viel­leicht trug die unge­wöhn­li­che Text­um­ge­bung jedoch dazu bei, daß Der Unter­gang in Deutsch­land erst im zwei­ten Anlauf zum Long­sel­ler avan­cier­te, getra­gen von der Kon­junk­tur der Frie­dens­be­we­gung gegen einen NATO-Rake­ten­be­schluß. Im Aus­land wie­der­um nahm man bereits seit 1949 grö­ße­re Kennt­nis vom Essay. Jean-Paul Sart­re, sein fran­zö­si­scher Edi­tor, hielt Nossack damals für den »bedeu­tends­ten leben­den deut­schen Autor«.

Selbst sein Sam­mel­band Inter­view mit dem Tode reüs­sier­te im exis­ten­tia­lis­tisch gepräg­ten Frank­reich der Nach­kriegs­zeit, wo ver­frem­de­te Lite­ra­tur­for­men, vom Sur­rea­lis­mus bis zu den Thea­ter­mo­del­len des Absur­den (Ionesco, Beckett), brei­te Akzep­tanz fan­den. Gal­li­mard brauch­te Anfang 1951 nur einen Monat, um 20 000 Exem­pla­re zu ver­kau­fen. In schnel­ler Fol­ge erschie­nen wei­te­re Über­set­zun­gen ins Eng­li­sche, Ita­lie­ni­sche, Spa­ni­sche und ver­ständ­li­cher­wei­se ins Japanische. 

Daß deut­sche Leser mit dem Band etwas frem­del­ten, mag mit ihrem Bom­ben-Trau­ma zusam­men­hän­gen und dem unter­schwel­li­gen Ver­dacht, der Autor trei­be »mit Ent­set­zen Scherz«. Zu Unrecht, denn fri­vol ist kei­ner der Tex­te von Inter­view mit dem Tode. Eher stimmt, daß Ham­burgs Ver­nich­tung Nossack see­lisch noch lan­ge in Bann hielt und sei­nen Ent­schluß zum Schrift­stel­ler­be­ruf auslöste.

Der durch Zufall Über­le­ben­de fühl­te sich durch sein Ent­kom­men sogar ein wenig schul­dig und kün­de­te nun in zahl­rei­chen Erzähl­va­ri­an­ten vom Grau­en in den Trüm­mern einer (Kasack­schen) Toten­stadt. Sein epi­scher Rei­gen um das The­ma vom gro­ßen gewalt­sa­men Ster­ben ent­hielt einen Schuß Selbst­the­ra­pie. Und das Modell, an dem er sich ori­en­tier­te, war der mit­tel­al­ter­li­che Totentanz.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Sezession
DE58 8005 3762 1894 1405 98
NOLADE21HAL

Kommentare (0)