von Eva Rex –
Am 6. Juni 2025 jährt sich der Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers zum 150. Mal mit all den erwartbaren Huldigungen, Feierlichkeiten, internationalen Tagungen, Neu-Editionen und Sonderausstellungen. Das Lübecker Buddenbrookhaus läßt es sich nicht nehmen, dieses Datum wie einen Staatsakt zu zelebrieren: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird eine Festrede halten, flankiert vom schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther sowie der Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal, geht es doch um immens »Politisches« und »Aktuelles« – ironischerweise bei einem, der in seinen berühmten Betrachtungen nicht weniger als 600 Seiten brauchte, um zu erklären, warum er sich als unpolitisch begriff.
Ungeachtet der zahlreichen Widersprüche, die sich beim Studium der Mann-Literatur und seiner Biographie auftun, ist es der Leiterin des Buddenbrookhauses, Caren Heuer, ein dringendes Anliegen, die »zeitlose Bedeutung Thomas Manns als politischer Denker« herauszustellen.
An dessen »leidenschaftliches Eintreten für Demokratie und seine Warnungen vor antidemokratischen und totalitären Gefahren« zu erinnern sei gerade heute so wichtig wie nie zuvor. Daß diese einseitige und tendenziöse Vereinnahmung im Dienste propagandistischer Interessen steht, muß hier nicht weiter ausgeführt werden.
Das hat Erik Lehnert in der vorausgegangenen Ausgabe der Sezession bereits getan und unter dem Titel »Der rechte Mann« das Indifferente herausgearbeitet: War doch gerade in demokratischer Hinsicht kaum einer so unzuverlässig wie der hanseatische Bürgersohn, der Zeit seines Lebens parallel zu seinen scheinbar eindeutigen »Bekenntnissen« immer auch den entgegengesetzten Standpunkt eingenommen hat, indem er in einer unnachahmlichen Balancebewegung alle politischen Positionen in sich vereinte.
Es war kein Geringerer als Joachim Fest, der sich schon in seinem 1985 verfaßten Essay Die unwissenden Magier (Über Thomas und Heinrich Mann, Berlin: Siedler 1985) darüber mokierte, daß die bundesrepublikanische Publizistik die Tendenz aufweise, den Großschriftsteller Mann in moralisierender Absicht politisch zu verabsolutieren:
Wer daher nicht einfach gutgläubig ist oder zu den ideologischen Proselytenmachern zählt, die auf beständiger Suche nach Zeugen und Eideshelfern der demokratischen Sache sind, wird mit der politischen Standortbestimmung des Dichters einige Mühe haben.
Tatsächlich vertrat der Dichter eine komplexe und vielschichtige Lebensphilosophie, die sich im Laufe seines Lebens nicht nur stets veränderte, sondern ihn sogar an manche – vermeintlich überwundene – Positionen zu einem späteren Zeitpunkt wieder anknüpfen ließ. Wenn es etwas Stabiles in seinem Denken gab, so war dies sein Festhalten an der Unverfügbarkeit von Kunst und Literatur sowie an der Kraft des Geistes.
In der gängigen Literatur hingegen wird, was Manns politische Ausrichtung angeht, stets eine Gegenüberstellung gemacht: die Zeit vor und nach den Betrachtungen. War er vor der großen Zäsur von 1922 der reichstreue Konservative des Ersten Weltkriegs, so wandelte er sich nach dem Zusammenbruch der Monarchie in einem schmerzhaften Prozeß zum »Vernunftrepublikaner« – und wurde nach seiner Emigration in die USA sogar zum »Wanderredner der Demokratie«.
Erzählt wird die geradezu religiös aufgeladene Geschichte vom uneinsichtigen Reaktionär, der, gefangen im Sündenstand nationalistischer Verstocktheit, später in einer »nicht ganz freiwilligen, doch vom Druck der Umstände bewirkten Bekehrung« schließlich das Heilsziel der »politischen Vernunft« erlangte.
Daß ein wirklicher Wandel seiner Grundüberzeugungen stattgefunden hat, bezweifelt unterdessen der Historiker Manfred Görtemaker. In seiner Untersuchung Thomas Mann und die Politik (Frankfurt a. M.: S. Fischer 2005) bescheinigt er dem Großschriftsteller permanente Sprunghaftigkeit und Kälte. Gewiß, es gab die feierlichen und leidenschaftlichen Proklamationen zur Republik, zum Weltbürgertum und zum sozialen Fortschritt, in Wahrheit jedoch habe der Geistesaristokrat Mann mit der Demokratie nichts anzufangen gewußt.
Festzuhalten ist, daß Thomas Manns Verständnis von Politik sich in erster Linie an Literatur und Philosophie orientierte und vor allem ästhetischen Grundsätzen folgte. Schopenhauer, Nietzsche, Goethe und Tolstoi steckten den geistigen Rahmen ab, innerhalb dessen der Dichter es wagte, politische Spekulationen in erstaunlicher Variationsbreite anzustellen.
So weist der Schweizer Journalist Philipp Gut in seiner Schrift Thomas Manns Idee einer deutschen Kultur (Frankfurt a. M.: S. Fischer 2008) darauf hin, daß Thomas Mann in unterschiedlichen historischen Phasen gegensätzliche Vorstellungen vertrat (zum Beispiel Nationalkultur versus Weltzivilisation, deutsche Beseeltheit versus Irrationalismus) und in der Lage war, selbst innerhalb eines bestimmten Textes konträre Ansichten zu äußern, indem er die Verteidigerperspektive beliebig wechselte.
Manns Äußerungen waren stets »Spiegel seiner Existenz, deren Schöpferkraft sich aus der Spannung von Gegensätzen nährte«. Dies schlug sich gerade auch in seinem politischen Denken nieder, denn »relativ zum Gegner ändert sich seine Position«.
Gegenüber dem ungarischen Religionsphilosophen Karl Kerényi hatte Thomas Mann einmal bemerkt:
Ich bin ein Mensch des Gleichgewichts. Ich lehne mich instinktiv nach links, wenn der Kahn rechts zu kentern droht, – und umgekehrt.
Dieser Ausspruch ist wohl die treffendste Beschreibung seiner Philosophie der Doppeldeutigkeit, die seinem tief verankerten »Grundbedürfnis nach Balance und Mittlertum« (Joachim Fest) entsprang. Gegensätze zu formulieren und diese, der geistigen Erkenntnis zuliebe, in scharfen Kontrasten voneinander abzuheben, um sie anschließend mit literarisch-rhetorischen Mitteln miteinander zu versöhnen, ist das wiederkehrende Leitprinzip, welches Manns gesamtes Denken und Schaffen durchdringt.
Es handelt sich dabei um ein Ausloten gedanklicher Möglichkeiten, das sich vor allem in seiner dialektischen Verfahrensweise niederschlägt: in der Kunst der ironischen Brechung, die jede Überzeugung, sobald sie geäußert wird, sogleich zu entschärfen und abzuschwächen weiß, indem der Sprechende noch während seiner Rede schon zur Front des Gegners überläuft.
Vor allem im Zauberberg erreichte diese Verfahrensweise ihren meisterschaftlichen Höhepunkt. Hier gelang es dem Dichter, ideologische Standpunkte, die im Grunde unvereinbar sind, mit voller Wucht aufeinanderprallen zu lassen. Im Kampf der weltanschaulich-politischen Lager jener Zeit – personifiziert im kommunistischen Jesuiten Naphta und seinem Gegenspieler, dem Aufklärer und Menschheitsbeglücker Settembrini – triumphiert der Widerspruch als Konzept. Die vielen Antithesen, Paradoxa und Polarisierungen, von denen es im Roman nur so wimmelt, sind Stilmittel, die dazu dienen, jeglicher Form von »Richter- und Kündertum« eine Absage zu erteilen.
Es ist die Dualität, die Manns Denken und Werk so unentwirrbar verwickelt macht: die Bipolarität seiner Bekundungen, die Schaukelbewegung zwischen Entweder-Oder und Sowohl-Als-auch, die doppelte Optik (Nietzsche), die Simultanität von gegensätzlichen inhaltlichen Aussagen. Thomas Mann war Zeit seines Lebens vom Dualismus fasziniert.
In einem besonders erhitzt ausgetragenen Rededuell wirft Naphta seinem Kontrahenten Settembrini »Monismus« vor, was durchaus als Beleidigung gelesen werden darf und auf den grundsätzlich dualistischen Charakter des Geistes hinweist: »Der Dualismus, die Antithese, das ist das bewegende, das leidenschaftliche, das dialektische, das geistreiche Prinzip. Die Welt feindlich gespalten sehen, das ist Geist.«
Wie sein Protagonist Hans Castorp sah Thomas Mann sich als »Herr der Gegensätze« – und das ist vor allem der Künstler, der Geistesakrobat, der souveräne Autor. Weitab von jeglicher Festlegung, weit entfernt auch von Rechthabenwollen und »doktrinärer Intoleranz« mied er das aktivistische Engagement. Statt dessen lieferte er skeptische Meta-Reflexion, die sich dem Zugriff all jener »Sozial-Moralisten und Verkünder entschlossener Menschenliebe« entzieht, die er so treffend in seinen Betrachtungen karikiert hat. Joachim Fest faßte es so zusammen:
Schon diese wenigen Andeutungen machen offenbar, wie irrig im Falle Thomas Manns der bloße Versuch einer genaueren politischen Positionsbestimmung ist. Man verfehlt sein Wesen selbst, die Lust am Vexatorischen, an Schein, Rollentausch und höherem Versteckspiel, sofern man ihn beim Wort nimmt. Sein innerstes Bedürfnis ging durchweg gegen Parteinahme, Tendenz und Engagement, sogar gegen alle Formen öffentlicher Mitmacherei. Alle Gesinnungszugehörigkeiten waren seiner Natur tief zuwider.