Die aus dem Bauernkrieg

PDF der Druckausgabe aus Sezession 126/ Juni 2025

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ich darf die­sem The­men­heft eine abwei­chen­de, anek­do­ti­sche Wen­dung geben. Unse­re Fami­lie hat näm­lich eine beson­de­re Nähe zum Bau­ern­krieg. Sie wur­de ihr zuge­wie­sen. Das hat eine Vorgeschichte.

Mei­ne Kin­der sind durch mich nicht plan­mä­ßig poli­ti­siert wor­den. Sprich, ich habe sie nie welt­an­schau­lich »geschult«, mir die­ses oder jenes The­ma vor­ge­nom­men, über das ich sie »auf­klä­ren« hät­te wol­len. Die Leh­rer gin­gen zwar häu­fig davon aus und haben gele­gent­lich inten­siv ver­sucht ent­ge­gen­zu­wir­ken (also gegen das, was sie sich vor­stell­ten, das bei uns gepre­digt wür­de), aber was bringt es, wenn Indok­tri­na­ti­on auf ganz nor­mal gesun­de Kin­der­köp­fe trifft? Na eben.

Ich zähl­te und zäh­le aber auch nicht zu jenen Müt­tern, die sich jeg­li­che »poli­ti­sche Rede« vor den Kin­dern strikt ver­knei­fen. Es gibt sol­che, auch wel­che, die gera­de­zu ideo­lo­gisch eng­stir­nig sind. Ich habe dazu eine kla­re Mei­nung: Bigot­te­rie! Mei­ne sie­ben beka­men jeden­falls am Eßtisch ganz neben­bei fast alles mit, was mich so im All­tag beweg­te. Daher konn­te der Zwölf­jäh­ri­ge am Ran­de einer Pegi­da den Repor­tern der Tita­nic auch haar­klein erklä­ren, was die­ses Akro­nym bedeutet.

Ich bin als Wes­si in den Osten gezo­gen, zum gro­ßen Glück. Den­noch sind mei­ne Kin­der (vier davon in Schnell­ro­da gebo­ren) von Her­kunft und Erzie­hung her nicht von dort. Sie sag­ten »Stö­cke« statt »Stö­cker«, »des­sen« statt »dem seins«, »die Mäd­chen« statt »die Mäd­chens« und »die ein­zi­ge« statt »die ein­zigs­te«. Das ist natür­lich kein Ost-West-Kon­flikt, son­dern mehr die Land-Stadt-Sche­re. Es unter­schied sich, aber zu Miß­ver­ständ­nis­sen führ­te es nie.

Jedoch war da noch die Sache mit dem Bau­ern­krieg. Die Mäd­chen tru­gen Röcke. Der Jun­ge kei­ne Jeans, son­dern kur­ze oder Cord­ho­sen. Alle tru­gen Leder­ran­zen. War­um? Ich woll­te die­sen Kom­merz mit Meer­jung­frau­en, Paw Pat­rol, Spi­der­man, Bar­bie etc. wirk­lich nicht. Zunächst gefiel es mir, dann ihnen.

Es gab nie einen Zwist dar­über. Ich hät­te nie­mals ein Kind über­re­det, Rock oder Kleid zu tra­gen. Oder gefloch­te­ne Zöp­fe. Auch nicht, als die Armee der Spöt­ter auf­mar­schier­te. Und, oh ja, mei­ne Kin­der sind auf die­sem Feld durch eine har­te Schu­le gegan­gen! Nie­mand soll­te sich je ein­bil­den, kos­ten­los »anders« sein zu dür­fen. Wer kei­nen Zoll zahlt für sein Anders­sein, schwimmt ver­mut­lich doch im Hauptstrom. 

Was war nun der Schlacht­ruf derer, denen mei­ne Kin­der suspekt waren? »Hier kom­men die Wei­ber aus dem Bau­ern­krieg!« »Vor­sicht: Bau­ern­krieg!« »Die Bau­ern sind am Tele­fon: Die wol­len ihre Kla­mot­ten zurück!« Mei­ne Kin­der waren also die »aus dem Bau­ern­krieg«. Das ist inter­es­sant, und ich habe bis heu­te kei­ne Ahnung, woher die Zuwei­sung stammt. 

Die kind­li­chen Spöt­ter hät­ten ja auch »Mit­tel­al­ter!« rufen kön­nen, »Acht­zi­ger!«, »Nach­krieg!«, »Hip­pies!« oder sonst­was. Es war aber stets (und ich spre­che von gut 15 Jah­ren mit Kin­dern in der Grund­schu­le) der Bau­ern­krieg. Aber der soll­te doch in der Gemar­kung Schnell­ro­da (Fran­ken­hau­sen ist recht weit ent­fernt) kei­ne Trau­ma­ta hin­ter­las­sen haben!

Was schlie­ße ich aus die­ser pri­va­ten Bau­ern­kriegs­ge­schich­te? Alle Kin­der haben etli­ches durch an Hän­se­lei­en. Sie hät­ten es beque­mer haben kön­nen. Ich habe für die­sen Text eigens nach­ge­fragt: Ja, alle erin­nern sich sehr gut an die Bau­ern­kriegs­zu­schrei­bung. Nein, kei­ne und kei­ner hat davon einen Scha­den davongetragen. 

Eine (mitt­le­re) Toch­ter hat­te fol­gen­de, längst ver­ges­se­ne Anek­do­te parat: »Wie du, Mama, dich mal als Mann ver­klei­det hat­test. Du hast an der Bus­hal­te­stel­le geses­sen in Bun­des­wehr­ho­se, Leder­ja­cke, mit der Perü­cke von Oma Edith und Kip­pe im Mund­win­kel. Und als Macken­zie wie­der ankam, mich am Schul­ran­zen riß und ›Bau­ern­krieg!‹ brüll­te, hast du ihn am Kra­gen gepackt und mit tie­fer­ge­leg­ter Stim­me gefragt, ob er den tota­len Bau­ern­krieg wirk­lich wol­le. Und dann hat er geflennt.« 

Ja, so war das wohl. Jason, der unse­rer ältes­ten Toch­ter auch abseits des Bau­ern­kriegs­schmähs wirk­lich hef­tig zuge­setzt hat­te (Schul­kon­fe­ren­zen!), fährt heu­te Trak­tor und zahlt tap­fer Ali­men­te für zwei Töch­ter. Die Toch­ter ist mitt­ler­wei­le Frau Dr. und Mut­ter vie­rer Söh­ne. Inso­fern ging die­ser Bau­ern­krieg im Grun­de unent­schie­den aus. Wir brau­chen sie heu­te alle. Die »Stöcker«-Sager und die Doc­to­res. Und wenn »Pfingst­bier« ist (das ist das Hoch­fest hier), dann kip­pen sie alle zusam­men einen, die Bau­ern­krie­ger von damals.



Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Sezession
DE58 8005 3762 1894 1405 98
NOLADE21HAL

Kommentare (0)