von Michael Henkel –
Hans Freyer (1887 – 1969) ist eine weithin vergessene Schlüsselfigur der deutschen Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts. Sein Werk war von breiter Wirkung im Deutschland der Zwischenkriegs- und der Nachkriegsepoche. Akademisch gehörte er zur Generation jüngerer Zeitgenossen jener Gründerväter, die – wie Tönnies, Weber oder Simmel – die Soziologie in Deutschland etabliert hatten.
Die jüngere Generation professionalisierte die akademische Soziologie, und Freyer war hierbei eine der herausragenden Gestalten. Mit den Gründervätern teilte er den weiten historischen und interdisziplinären Horizont, doch sind für ihn darüber hinaus die außerordentliche philosophische Durchdringung seines Gegenstandes und ein strenger Theorieanspruch charakteristisch, die sich in dieser Form bei kaum einem anderen Vertreter des Faches finden. Und wie kaum ein anderer verband Freyer mit seiner Wissenschaft zugleich einen politischen Anspruch: Soziologie war für ihn »politische Wissenschaft«.
Diese betrieb er auch während des Dritten Reiches, was einer sachlichen Beurteilung in späteren Zeiten wenig förderlich war. Insbesondere nach 1968 setzte sich das negative Urteil über Freyer durch, was zu seiner weitgehenden Verdrängung aus dem Bewußtsein der Wissenschaft führte. Nun genügte meist der Hinweis darauf, daß Freyer nicht nur das Hitlerregime akademisch unbeschadet überstanden hatte, sondern daß er mit Schriften wie der Revolution von rechts (Jena 1931) ein Wegbereiter des Dritten Reiches gewesen sein mußte.
Auch hier führt die Ex-post-Betrachtung nach der Methode der reductio ad Hitlerum allerdings in die Irre, setzt sie doch voraus, daß diejenigen, die in einer geschichtlichen Situation standen, über das Wissen derjenigen verfügten, die den tatsächlichen Geschichtsverlauf »vom Ende her« kennen. Für die in der Gegenwart Handelnden ist die Zukunft aber offen, und sie müssen ihre Entscheidungen auf der Grundlage ihres gegenwärtigen Wissens und Wollens finden.
Nach dem Ersten Weltkrieg war es ein zentrales Anliegen Freyers, zur Bildung desjenigen Wissens und Wollens beizutragen, mit dem Deutschland den Weg in eine gedeihliche Zukunft finden könnte. Dem dienten vor allem seine außerakademischen Schriften wie Antäus (1918) oder Revolution von rechts. Bei diesen (und weiteren) praktisch orientierten Werken ging es Freyer um Bewußtseins- und Willensbildung in einer Epoche, in der viele überkommene Orientierungen und Gewißheiten zusammengebrochen waren.
Welche Orientierung bot Freyer demgegenüber in der Revolution von rechts an? In den politischen Auseinandersetzungen der Zeit artikulierte sich die Frage nach dem Ausweg aus der Krise der Weimarer Republik. Die Schrift ist ein Beitrag zu diesen Debatten. In deren Hintergrund wirkten die Kräfte und Kategorien des 19. Jahrhunderts fort, weshalb Freyers Aufmerksamkeit in der Revolution von rechts zunächst diesem vergangenen Jahrhundert gilt.
Die bürgerliche industrielle Gesellschaft und ihre politischen Kämpfe bilden den Bezugspunkt seiner Überlegungen, wobei er die sozialistische Bewegung als revolutionäre Kraft jener Epoche eindringlich würdigt. Deren Revolutionen von links haben in seinen Augen ihre gestalterische Kraft allerdings verloren: Die Klassenkämpfe und gesellschaftlichen Interessenkonflikte wurden erfolgreich in den bürgerlichen Sozialstaat der industriellen Gesellschaft integriert und neutralisiert. Politik ist zum Interessenausgleich, zur Verteilungspolitik und zum Arrangement der Gruppenegoismen, der Staat selbst Beute gesellschaftlicher Interessen geworden. In diesem System ist
»der Mensch nicht Subjekt dieser Welt, sondern Posten in ihrer Rechnung: Konsument und Arbeitskraft« (47).
Und der Bürger ist – mit Rousseau gesprochen – Bourgeois, nicht Citoyen. In der Welt der industriellen Gesellschaft aber geht Freyer zufolge die freie politische Selbstbestimmung des Ganzen für das Ganze verloren. Um sie wiederzugewinnen, muß das Prinzip der industriellen Gesellschaft überwunden werden. Ebendies leistet die Revolution von rechts. In ihr
wird kein Interessenkonflikt ausgetragen, sondern hier wird – und das ist die positive Bedeutung des Schlagworts ›von rechts‹ – […] der Staat aus seiner jahrhundertelangen Verstrickung in gesellschaftliche Interessen emanzipiert. Der Staat, der in der Epoche der industriellen Gesellschaft immer nur Kampfobjekt, immer nur Beute, bestenfalls der vorsichtige Mittler und Schlichter war, wird zu einem freien Wesen, das die Revolution von rechts in sich aufnimmt und dessen Macht fortan unter der Aufgabe steht, aus der Gegenwart dieses aufbrechenden Volks seine geschichtliche Zukunft zu bauen (54 f.).
Der Träger der Emanzipation zum Staat ist mithin das Volk als »neues Subjekt der Geschichte« (52). Das Volk, das Freyer dabei im Sinn hat, läßt er jedenfalls in der Revolution von rechts reichlich unbestimmt (siehe näher Thor v. Waldstein: »Freyer lesen«, in: Sezession 94, S. 44 – 47). Allerdings unterscheidet er es von der Nation, die im Volk »aufgehoben« ist, und er versteht das Volk als dezidiert politisches Subjekt – als Subjekt der politischen Selbstbestimmung im Staat, der wiederum durch diese Selbstbestimmung mehr wird als »die Selbstorganisation der industriellen Gesellschaft« (60): Er wird freier, souveräner Staat, getragen vom politischen Willen des Volkes als der Gemeinschaft der Citoyens.
Man kann im Hintergrund von Freyers Vorstellung vom politischen Volk eine Idealisierung der attischen Demokratie erkennen. Doch ist sein Konzept des Staates keine idealistische und rückwärtsgewandte Utopie. Das ersieht man insbesondere an seiner 1925 unter dem Titel Der Staat veröffentlichten Staatstheorie. Dort zeichnet er das Bild eines modernen souveränen Staates, dessen Ordnung durch seine Verfassung, das »Gesetz der Gesetze«, bestimmt ist und der die Form der politischen Selbstbestimmung des Volkes darstellt.
Diese Staatsvorstellung geht unter anderem auf Hegel und Lorenz von Stein zurück. Wie diesen gilt Freyer der politische Staat als sittlicher Staat, der um des guten Lebens willen existiert. Wenn Freyer in seiner Einleitung in die Soziologie (1931) Lorenz von Steins Staatsverständnis erläutert, bringt er damit auch seine eigene Vorstellung zum Ausdruck:
Der Mensch ist […] zur Freiheit bestimmte Person. Die Formwerdung der Gemeinschaft, sofern sie aus unveräußerlich freien Personen besteht, ist der Staat. Er faßt die individuellen Personen auch zu einem Ganzen zusammen, aber nicht so, daß er sie voneinander abhängig macht, sondern so, daß er ihren Willen in einen höheren Willen aufnimmt. Aus dieser Wesensbestimmung des Staates ergibt sich die Norm für seine Gestaltung. Gleichheit des öffentlichen Rechts, Wegarbeitung aller gesellschaftlichen Abhängigkeiten, die sich aus der Ungleichheit des Besitzes ergeben, freie Entfaltungsmöglichkeit für jeden einzelnen nach seinen Gaben und Bestrebungen, das sind die Forderungen, die an den Staat zu richten sind.
Die Emanzipation hin zu einem solchen Staat, der die industrielle Gesellschaft in sich aufhebt, war es, die Freyer von der Revolution von rechts erwartete.
Waren die NS-Bewegung und die Machtergreifung Hitlers die Revolution von rechts? Freyer selbst hegte 1933/34 gewiß entsprechende Hoffnungen. Er mußte diese rasch enttäuscht sehen – zu offensichtlich war das Dritte Reich keine Emanzipation des Volkes zum Staat, vielmehr handelte es sich um einen »Unstaat« (Franz Neumann), der mit Freyers Staatskonzept nichts gemein hatte. Die Revolution von rechts hatte nicht stattgefunden.
Nach 1945 knüpfte Freyer nicht mehr an seine Konzeption von 1931 an. Zu sehr hatte sich die Lage Deutschlands gewandelt. Die neue politische und gesellschaftliche Situation erforderte eine neu ansetzende Diagnose, die Freyer mit seiner vielbeachteten Theorie des gegenwärtigen Zeitalters (1955) tatsächlich anbot.
So ist die Zeit über die Revolution von rechts hinweggegangen. Gleichwohl ist das Büchlein auch heute noch mit Gewinn zu lesen. Es bietet etwa eine konzise Interpretation des 19. Jahrhunderts oder des Marxismus, offeriert klarsichtige Diagnosen zur politischen Dynamik der industriellen Gesellschaft oder zum Revolutionsbegriff.
Einige seiner Problemlagen sind in gewandelter Form zudem auch heute aktuell: Nach wie vor ist es ein politisches Problem ersten Ranges, daß sich der Staat im Klammergriff gesellschaftlicher Interessen befindet. Insoweit kann Freyers Text das politische Verständnis nach wie vor schärfen, obgleich sich die Vorstellung von der Revolution des Volkes als illusorisch erwiesen hat.