Zahltag

PDF der Druckausgabe aus Sezession 126/ Juni 2025

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

Es ist ver­stö­rend und beein­dru­ckend, den Weg zu stu­die­ren, den Men­schen gehen, die alles auf eine Kar­te set­zen. Man den­ke sich in sie hin­ein und ver­su­che, in jener Atmo­sphä­re zu leben, in der es um alles oder nichts geht, bege­be sich in die Stim­mung eines Auf­stands, einer Revol­te, einer Revo­lu­tio­nie­rung der Ver­hält­nis­se – eines Unter­fan­gens jeden­falls, bei dem es Spitz auf Knopf steht und das auf Gedeih und Ver­derb zum Erfolg geführt wer­den muß – andern­falls näm­lich das Leben der Anfüh­rer einen ande­ren Ein­schnitt erfah­ren wür­de: den schnel­len oder lang­sa­men Tod, die Ker­ker­haft bis ans Ende, eine har­te Abrech­nung jeden­falls, denn jede Epo­che hat ihre Mit­tel, nach deren Ein­satz nichts mehr so ist, wie es war.

Die Geschich­te der Deut­schen im Wider­stand, im Auf­stand muß so erzählt wer­den – als Ansamm­lung von Sze­nen und Epo­chen, zuge­spitzt auf eine Wil­lens­an­stren­gung und ver­dich­tet auf ent­schei­den­de Momen­te, in denen das Züng­lein an der Waa­ge zu ruhen scheint, jedoch fein zit­tert wie der ange­spann­te Bogen vor dem Schuß und die Mus­keln beim Rin­gen, bevor der eine den ande­ren zu beu­gen beginnt.

Alles auf eine Kar­te: Da ist Jäck­lein Rohr­bach, der mit sei­nem Bau­ern­hau­fen im April 1525 die Fes­te Weins­berg bestürm­te und ein­nahm und danach den Schloß­herrn Spieß­ru­ten­lau­fen ließ und die Lei­che schän­de­te. Er erwies damit sei­nem Anlie­gen und sei­ner Bewe­gung einen Bären­dienst: Ver­hand­lungs­lö­sun­gen waren danach aus­ge­schlos­sen. Aber den­noch: Wie war es für ihn, wie für Tho­mas Münt­zer einen Monat spä­ter bei Fran­ken­hau­sen, als sich zeig­te, daß man das Schlacht­feld nicht mehr als Sie­ger wür­de ver­las­sen kön­nen und daß der Feind sucht, um Rache üben zu können?

Wie ist das, wenn man die Mün­ze des Zahl­tags kennt, weil man vom Ende ande­rer Anfüh­rer hör­te: Fol­ter, Rädern, Vier­tei­len, lang­sa­mes Rös­ten über klei­ner Flam­me? Wel­ches Gemüt muß man haben, wenn man, sol­ches vor Augen, nicht gleich in die Wäl­der flieht und über die Gren­ze, ganz egal, zu wel­cher Grau­sam­keit man selbst zuvor in der Lage war?

Da ist Stauf­fen­berg im Bend­ler­block: geschockt, daß er, gera­de gelan­det, sei­ne Mit­tä­ter aus ihrer Para­ly­se zu rei­ßen hat und weiß, daß er die ver­lo­re­nen Stun­den wird kaum auf­ho­len kön­nen; wie den­noch zunächst Wehr­kreis um Wehr­kreis auf die Sei­te derer kippt, die einen Plan haben; wie dann aber die Kat­ze mit sie­ben Leben rasant das gan­ze Gewicht ihrer auf sie ein­ge­schwo­re­nen Orga­ni­sa­ti­on dagegenhäuft.

Wann war der Moment, in dem Stauf­fen­berg begriff, daß sei­ne Sache ver­lo­ren war und daß er ent­we­der den Tag nicht über­le­ben oder aber in eine Haft genom­men wür­de, nach deren kur­zem Ver­lauf man alles aus ihm her­aus­ge­prü­gelt hät­te, was er über sei­ne »Ban­de« aus­pa­cken konnte?

Jenen kennt jeder, die­sen nie­mand: Her­bert Strauch wur­de auch erschos­sen. Er starb am 18. Juni 1953, nach­dem ihm ein sowje­ti­sches Stand­ge­richt zum Vor­wurf gemacht hat­te, im Rah­men der Auf­stän­de in Mag­de­burg als Abge­sand­ter einer vier­köp­fi­gen Dele­ga­ti­on die Frei­las­sung poli­ti­scher Gefan­ge­ner gefor­dert zu haben. Strauch war nicht der Anfüh­rer einer Revol­te, die ja an sich kei­ne Anfüh­rer kannte.

Aber er konn­te wohl reden, geriet in sei­ne Rol­le, trat vors Poli­zei­prä­si­di­um, stieg auf einen Tisch oder auf die Schul­tern sei­ner Kame­ra­den und for­der­te. Wann wur­de ihm klar, daß er in der Fal­le saß? Als man ihn noch vom Fleck weg ver­haf­te­te und die Gegen­wehr sei­ner Mit­strei­ter nicht hin­reich­te, ihn wie­der zu befrei­en? Womit rech­ne­te er, als er vors Tri­bu­nal geführt wur­de, an sei­nem so jäh gekom­me­nen Zahltag?

Von dort kann man auf heu­te wech­seln, auf das bei­spiels­wei­se, was einer der bekann­ten Leit­fi­gu­ren der Anti-Coro­na-Pro­tes­te wider­fuhr, ­Micha­el Ball­weg. Von Juni 2022 bis April 2023 saß er wegen »finan­zi­el­ler Unre­gel­mä­ßig­kei­ten« in Unter­su­chungs­haft. Was noch? Gesperr­te Inter­net­platt­for­men, ein­ge­fro­re­ne Kon­ten, öffent­li­che Aus­deu­tun­gen angeb­lich frag­wür­di­ge Cha­rak­ter­zü­ge. Seit­her: Recht­fer­ti­gungs­druck vor den Mit­strei­tern, das Ziel jeder Zersetzung.

Ja, so ist es: Jede Zeit hat ihre Mit­tel und Metho­den, das hat Ball­weg am eige­nen Leib erfah­ren, das wis­sen Sell­ner und Höcke und abge­stuft so vie­le ande­re: die­ses admi­nis­tra­ti­ve, juris­ti­sche, for­ma­le Rös­ten auf klei­ner Flam­me. Jedoch geht eben man­cher trotz sol­chen Wis­sens immer wei­ter und schielt nicht auf den Zahl­tag. Die Sache des Vater­lands ist es wert. 

Von sol­chen hängt ­alles ab!

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

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