Sezession
17. Dezember 2009

Wer ist Hannes Stein?

Erik Lehnert

Jemand, der (wie er selbst zugibt) ein "bißchen Philosophie für den Hausgebrauch" studiert hat. Und dieser Jemand, der als (ich muß hier einmal zu diesem Wort greifen) Minusseele noch sehr vorteilhaft beschrieben wäre, maßt sich ein Urteil über Heidegger an. Weil er jetzt gemerkt hat, daß eine andere Minusseele vor Jahren ein unglaublich schlechtes Buch über Heidegger geschrieben hat: Emmanuel Faye. In der Sezession 31 schrieb ich dazu folgende Rezension:

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Um dieses Buch gab es bei Erscheinen des französischen Originals (2005) auch in deutschsprachigen Feuilletons eine kontroverse Debatte. Deshalb sollte man eigentlich dankbar sein, daß jetzt die Übersetzung vorliegt und alle den Grund dieser Kontroversen erfahren. Nach der Lektüre (ich habe es wirklich durchgelesen) gibt es aber nur eine Frage: Wie konnte dieses Buch ernsthaft diskutiert werden? Es geht in der Substanz nicht über das hinaus, was uns Farias oder Ott über Heidegger und den NS bereits gesagt haben. Faye sagt das Bekannte mit einer, so könnte man es wohlwollend nennen, polemischen Verve, die ihresgleichen sucht: Sie erinnert an das Niveau, mit dem die SS-Zeitschrift Das schwarze Korps damals Gottfried Benn (»widernatürliches Ferkel«) anpöbelte. »Widerlich«, »abscheulich«, »verabscheuungswürdig«: Solche Wertungen führen bei Faye ein reges Wimmelleben. Es sind Wertungen aus der Sprache der moralisch Rechtschaffenen, die, je nach Konjunktur, immer auf der richtigen Seite zu finden sind. Heute entsteht dann eben Antifa-Prosa.

Und um nichts anderes handelt es sich. Daß Heidegger in den Jahren 1932 bis 1934 ein »Nazi« war, daß er Parteimitglied war, daß er sich menschlich nicht immer korrekt verhalten hat: Das alles weiß man. Nun will uns Faye mit seinem Buch zeigen, daß Heidegger immer »Nazi«, seine ganze Philosophie nationalsozialistisch war und er der NS-Bewegung sogar Schlagworte lieferte. Damit könnte man es bewenden lassen, da vermutlich nur intelligente Menschen Heidegger lesen, also solche, die verstehen, womit sie es zu tun haben. Aber nein, in bester Antifa-Manier wird Gefahr im Verzug gesehen, worauf der Autor einleitend hinweist: »Wir haben noch nicht im vollen Ausmaß erfaßt, was die Ausbreitung des Nationalsozialismus im ›Denken‹ bedeutet. [Faye natürlich schon.] Unmerklich ergreift er den menschlichen Geist, nimmt ihn wie ein Mahlstrom in Besitz und löscht so im Menschen jeden Begriff von Widerstand aus.« Der Sieg der Alliierten habe daran nichts geändert. Im Gegenteil: »Heute findet eine andere Schlacht statt, bei der die Zukunft der Menschheit auf dem Spiel steht.« Weil die Heideggers, Schmitts, Jüngers und Noltes (!) dieser Welt ihre »Strategien zur Wiedereroberung verlorenen Terrains« verfeinert hätten. Aber Faye hat es auf sich genommen und ist in die »finstersten Bereiche der Lehre Heideggers« vorgedrungen. Das ist schwierig, weil Heidegger sich natürlich tarne: Wenn er gegen NS-Gemeinplätze spreche, wolle er den Leser nicht zum Widerstand ermuntern, sondern im Gegenteil den Leser auf die »Grundlagen« des NS verweisen. Wie die aussehen, wäre eine interessante Frage gewesen. Stattdessen: ein Feuerwerk aufgebauschter »Enthüllungen«.

Im Zuge seiner Forschungen (die von den Heidegger-Apologeten natürlich behindert worden seien), hat Faye zweifellos einige Entdeckungen gemacht und neue Dokumente mit einbezogen. Besonders stolz ist er auf den Fund, daß Ernst Forsthoff 1938 in einem Sammelband einen Auszug aus Heideggers Rektoratsrede von 1933 zusammen mit den Zwölf Thesen »Wider den undeutschen Geist« der Deutschen Studentenschaft abgedruckt hat. Er ist darauf so stolz, daß er die betreffenden Seiten im Anhang sogar faksimiliert hat. Die Interpretation lautet: Weil Heidegger in seiner Rede von der »deutschen Studentenschaft« spricht, zeige das, daß er mit diesen Thesen übereinstimme und sie gleichsam als Denkvoraussetzung akzeptiert habe. Der Abdruck ist für Faye der Beweis. Nun scheint Faye offenbar nicht klar zu sein, daß es im Deutschen ein Unterschied ist, ob ich von der »deutschen Studentenschaft« (womit allgemein die deutschen Studenten gemeint sind) oder von der »Deutschen Studentenschaft« (womit konkret der ab 1932 nationalsozialistisch dominierte studentische Dachverband gemeint ist) spreche.

Solche etwas freien Interpretationen bemüht Faye an vielen Stellen des Buches. Wenn Heidegger die Worte »Rasse, Stamm, Geschlecht« verwendet, suggeriert Faye, daß Heidegger Antisemit sei, weil diese Worte »allesamt zum geläufigen Wortschatz des nationalsozialistischen Antisemitismus« gehörten. Wenn er von einem »Führer« redet, sei immer Hitler gemeint und wenn Heidegger ein Kreuzmodell gebraucht, beziehe er sich auf das Kruckenkreuz von Liebenfels. Einige Stellen habe Heidegger sogar aus Mein Kampf abgekupfert. Heideggers »Zu-künftige« erinnern Faye an die »Zeitschrift Die Kommenden des Bundes der Artamanen« »aus deren Umkreis Himmler kam«. Für Faye steht fest: »Die Verwendung des Wortes ›Negerkral‹ bringt einen tief verwurzelten Antisemitismus zum Ausdruck.« Faye kann also nicht geschichtlich denken und hat vom Kontext der von ihm untersuchten Schriften nicht die geringste Ahnung. So weiß er natürlich auch nicht, was das Wort »Rasse« bei Spengler bedeutet.

Der Moralist müßte entrüstet sagen: Mit diesem Machwerk haben sich Autor und Verlag von jedem Gespräch verabschiedet. Aber: So sind sie halt, die Menschen, wenn Sie hoffen, ihr gutes Gewissen in klingende Münze verwandeln zu können.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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