Das bewältigende Klassenzimmer (Teil 1: Sichtung)

von Claus Wolfschlag

Während der 70er und 80er Jahre geisterten regelmäßig Warnrufe von Pädagogen oder Polit-Lobbyisten durch den Blätterwald, nach denen die deutschen Schüler viel zu geringe Kenntnisse über die NS-Zeit besäßen. Wieviel Kenntnisse Jugendliche von Karl dem Großen oder Bismarck hatten, wurde dabei nie gefragt oder in Relation gesetzt.

 Gastbeitrag

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Schon damals wirk­ten die Kas­san­dra-Rufe pene­trant und ange­staubt. Sie kamen pri­mär aus der Alt-68er-Ecke und somit sei ein­mal ent­las­tend in Erwä­gung gezo­gen, daß das Bewußt­sein jener Wis­sen­schaft­ler und Mei­nungs­for­scher schlicht in ihrem Hei­mat­kun­de­un­ter­richt der 50er Jah­re ste­cken­ge­blie­ben sein moch­te. Mitt­ler­wei­le sind die Warn­ru­fe aus die­ser Ecke weit­ge­hend ver­stummt, all­zu pein­lich und welt­fremd wäre es heu­te wohl, man­geln­de NS-Auf­ar­bei­tung aus­ge­rech­net dem Schul­un­ter­richt noch anlas­ten zu wollen.

Ganz im Gegen­teil, die The­ma­ti­sie­rung von Natio­nal­so­zia­lis­mus und Holo­caust scheint ein zen­tra­ler Gegen­stand der schu­li­schen Gegen­wart. Das war natür­lich schon in den 80er Jah­ren so. In mei­nem Gym­na­si­um erfuhr ich damals inten­siv von jenem The­men­kom­plex in den Fächern Geschich­te, in Gesell­schafts­kun­de, in Deutsch und in Reli­gi­on. Ande­re Berei­che der deut­schen His­to­rie kamen fak­tisch schon nicht mehr vor, gli­chen wei­ßen Flä­chen. Die Römer­zeit wur­de nur bis zur Hälf­te auf­ge­ar­bei­tet, das Mit­tel­al­ter hat nie wirk­lich stattgefunden.

Die Men­schen sind seit­dem nicht bes­ser oder die Welt fried­li­cher gewor­den. Den­noch aber scheint heu­te jene damals bereits erreich­te ideo­lo­gi­sche Situa­ti­on ins Extre­me ver­schärft. Der Natio­nal­so­zia­lis­mus scheint der beherr­schen­de Fetisch des Schul­un­ter­richts gewor­den zu sein. Zumin­dest man­cher­orts. Ein sol­cher Ort ist das Maxi­mi­li­an-Kol­be-Gym­na­si­um (mkg) in Köln, über des­sen Web­prä­senz ich unlängst zufäl­lig stol­per­te. Man muß nur das Archiv der bei­den zurück­lie­gen­den Jah­re durch­scrol­len und stößt auf eine Fül­le von geschichts­päd­ago­gi­schen Ange­bo­ten, die sich aber fast alle um ein The­ma drehen:

+ Die 9b unter­nahm eine Pro­jektex­kur­si­on in das Grem­ber­ger Wäld­chen und die Wah­ner Hei­de. Dazu gehör­ten Besich­ti­gun­gen des jüdi­schen Fried­hofs in Zün­dorf, des ehe­ma­li­gen SA-Lagers am Hoch­kreuz, der Bara­cken des ehe­ma­li­gen Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­gers Hoff­nungs­thal, des rus­si­scher Kriegs­ge­fan­ge­nen­fried­hofs am Kal­mus­wei­her in Rös­rath und des Gedenk­steins für die wegen Meu­te­rei im I. Welt­krieg in der Wah­ner Hei­de erschos­se­nen Mari­ne­an­ge­hö­ri­gen Max Reich­pietsch und Albin Köbius.
+ Es kam in einem ande­ren Pro­jekt zu inten­si­ven Zeit­zeu­gen-Video­kon­fe­ren­zen mit einem Holo­caust-Über­le­ben­den, auf­ge­zeich­net vom tech­ni­schen Admi­nis­tra­tor des israe­li­schen Doku­men­ta­ti­ons­zen­trums Yad Vashem.
+ Es gab eine Prag-Rei­se mit Exkur­si­on nach Lidi­ce und Theresienstadt.
+ Die 10b absol­vier­te eine Exkur­si­on zum “Zug der Erin­ne­rung”, mit End­ziel Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Buchen­wald. Die Schul-Web­sei­te ver­rät die Beloh­nung nach Abschluß des Pflicht-Pro­gramms: „Nach der Rück­kehr aus Opla­den gab es für ganz Eif­ri­ge noch ein optio­na­les Ergän­zungs­pro­gramm, näm­lich einen Besuch in der ehe­ma­li­gen Köl­ner Gesta­po-Zen­tra­le, im EL-DE-Haus.“
+ Eben­so betei­lig­te sich das Gym­na­si­um Janu­ar 2008 gemein­sam mit neun wei­te­ren Schu­len der Regi­on Köln am „Schü­ler­ge­denk­tag“. Mit die­sem Gedenk­tag erin­nern Schü­ler an die Befrei­ung des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Ausch­witz am 27. Janu­ar 1945. Auch der Schü­ler Dinh Fu Van und die Schü­le­rin Yapa­rak Ükten wur­den in die­sem Zusam­men­hang für ihr eif­ri­ges Enga­ge­ment bei der Erstel­lung von kri­ti­schen Schau­ta­feln zur Hit­ler-Zeit – zum Bei­spiel zu den „Bau­meis­tern von Ausch­witz“ oder über „Das Kre­ma­to­ri­um“ – auf der Web­sei­te der Schu­le posi­tiv herausgestellt.

Damit die Leh­rer des Maxi­mi­li­an-Kol­be-Gym­na­si­ums auch wach­sam blei­ben und das Unter­richts­ziel nicht aus den Augen ver­lie­ren, scheint ste­te Fort­bil­dung gefragt. Im Juni 2008 jeden­falls reis­te ein Ober­stu­di­en­rat der Schu­le mit zahl­rei­chen ande­ren Leh­rern aus Nord­rhein-West­fa­len anläß­lich der 60-Jahr-Fei­er des Staa­tes Isra­el zu einer Kon­fe­renz über „Erzie­hung nach Ausch­witz“ ins israe­li­sche Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum Yad Vas­hem, um dort das Unter­richts­pro­jekt „Der jüdi­sche Fried­hof in Zün­dorf“ vor­zu­stel­len. Auch Minis­ter­prä­si­dent Jür­gen Rütt­gers war das The­ma so wich­tig, dort per­sön­lich sei­ne Auf­war­tung zu machen. Im Novem­ber 2008 betei­lig­ten sich Leh­rer der Köl­ner Schu­le an einer anläß­lich des 70. Jah­res­ta­ges der „Reichs­kris­tall­nacht“ in Wien statt­ge­fun­de­nen Kon­fe­renz der EU-Agen­tur für Grund­rech­te (FRA) in Zusam­men­ar­beit mit dem israe­li­schen Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum Yad Vashem.

Gegen­wär­tig läuft am Maxi­mi­li­an-Kol­be-Gym­na­si­um das Pro­jekt „Min­der­hei­ten in Porz 1870 bis heu­te“, mit dem Unter­pro­jekt „Fremd- und Zwangs­ar­bei­ter in Porz (1939–1945)“. Das gan­ze wird wie­der­um geför­dert durch das Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum Yad Vas­hem in Isra­el und durch die EU-Agen­tur für Grund­rech­te in Wien.

Betrach­tet man das Foto­ma­te­ri­al genau, so offen­bart sich die Ein­di­men­sio­na­li­tät und Künst­lich­keit der gan­zen Situa­ti­on. Man sieht die Kin­der die­ses Gym­na­si­ums vor irgend­wel­chen Pro­jekt­stell­wän­den, Col­la­gen und KZ-Bau­ten abge­lich­tet ste­hen. Man sieht ihre manch­mal auf­ge­setzt ernst bli­cken­den Mie­nen, dann das doch nicht unter­drück­ba­re jugend­lich unver­dor­be­ne Lachen und das fast erlö­sen­de Posen von Halbstarken.

Natür­lich betreibt das Köl­ner Maxi­mi­li­an-Kol­be-Gym­na­si­um auch Pro­jek­te abseits der NS-Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung. Die­se sind aber in der Regel prak­ti­scher Natur und dre­hen sich um Com­pu­ter­tech­nik, Wan­der­fahr­ten oder Klet­ter­wän­de. Oder ein paar bra­ve Schü­le­rin­nen, die ohne­hin kei­ner Flie­ge etwas zulei­de tun, dür­fen ihre Gewalt­lo­sig­keit mit selbst­ge­stal­te­ten „Gegen-Gewalt“-Plakaten zum Aus­druck brin­gen. Geschicht­li­che The­men jen­seits der NS-Zeit aber sind dünn gesät: Ein selt­sa­mes Pro­jekt etwa läuft über die Staats­män­ner des fer­nen Nord­ko­rea, einen Aus­flug gab es immer­hin zu einem Schul­mu­se­um mit altem Klassenzimmermobiliar.

Man blickt ins­ge­samt also doch auf eine beklem­men­de Situa­ti­on, die zu erfas­sen aber offen­bar wei­ten Tei­len des Lehr­per­so­nals die Sen­si­bi­li­tät fehlt. Dies wird etwa offen­bar, wenn man die unfrei­wil­lig tra­gig­ko­mi­sche Stel­lung­nah­me der Schul­lei­te­rin Eli­sa­beth Koß­mann von der Köl­ner Grund­schu­le Over­beck­stra­ße zum „Schü­ler­ge­denk­tag 2008“ ver­nimmt, die auch auf der mkg-Web­sei­te doku­men­tiert ist. Koß­mann hat­te sich mit den Kin­dern einer vier­ten Klas­se dem The­ma „Stol­per­stei­ne“ ver­schrie­ben, und äußer­te über einen ihrer beruf­li­chen Vor­gän­ger: „Unse­re Schu­le hat­te in den 30er Jah­ren einen lini­en­treu­en Direk­tor. In einem Brief an die Nazi-Zei­tung ‘Der Stür­mer´ prahl­te er sogar damit, wie er Schü­ler für die Ideo­lo­gie benutz­te. So etwas Schreck­li­chem möch­ten wir etwas ent­ge­gen­set­zen.“ Scheint ja dies­mal ganz ideo­lo­gie­frei zu gelingen …

Foto­graf: S.-Hofschlaeger, Quel­le: pixelio.de

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