Ein Oscar für den Schurken

Zwei recht erfreuliche Meldungen gibt es von der Oscar-Verleihung zu verbuchen. Zum einen freut es mich diebisch, daß Kathryn Bigelow mit dem kleinen, relativ billig produzierten Kriegsfilm The Hurt Locker gleich mehrfach über die überproduzierten Avatar-Riesenschlümpfe ihres Ex-Mannes James Cameron triumphiert hat. The Hurt Locker ist alles andere als ein typischer Oscar-Gewinner. Es gibt darin weder große Stars, noch spektakuläre Schauwerte, noch eine erbauliche message.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Gefilmt mit einer wacke­li­gen Hand­ka­me­ra, gleich einem Kriegs­be­richt­erstat­ter, der dicht am Gesche­hen dran ist, ist The Hurt Locker wohl einer der ein­drucks­volls­ten Fil­me über die phy­si­sche Sei­te des Krie­ges über­haupt.  Einer sei­ner ent­schei­den­den Vor­tei­le ist, daß er weder für noch gegen den Krieg, weder für noch gegen Ame­ri­ka­ner oder Ira­ker Stel­lung bezieht, son­dern sich aus­schließ­lich auf das sub­jek­ti­ve Erle­ben der Sol­da­ten und das Hand­werk des Krie­ges kon­zen­triert, aber auch den “Kampf als inne­res Erleb­nis” reflek­tiert. Ein­ge­lei­tet wird der Film bezeich­nen­der­wei­se mit einem jün­ge­res­ken Zitat des Jour­na­lis­ten Chris Hedges aus dem Buch War Is A For­ce That Gives Us Mea­ning: „Der Rausch des Kamp­fes wird oft zu einer mäch­ti­gen und oft töd­li­chen Sucht. Denn Krieg ist eine Droge.“

Die Freu­de über die zwei­te Mel­dung ist etwas zwie­späl­tig.  Der Oscar für den “bes­ten Neben­dar­stel­ler” ging ver­dien­ter­ma­ßen an den Öster­rei­cher Chris­toph Waltz für sei­ne Dar­stel­lung des char­man­ten SS-Schur­ken in Taran­ti­nos Ing­lou­rious Bas­ter­dseiner der sel­te­nen Fäl­le, daß ein deutsch­spra­chi­ger Künst­ler die Tro­phäe erhält (den aller­ers­ten Oscar für den “bes­ten Haupt­dar­stel­ler” erhielt 1929 Emil Jannings).

Mit dem Film selbst habe ich inzwi­schen halb­wegs Frie­den gemacht. Er ist nicht nur äußerst unter­hal­tend und iko­no­klas­tisch, er hat sich am Ende doch als gewitz­ter, sub­ver­si­ver und dop­pel­bö­di­ger erwie­sen, als zunächst auf­grund des Trai­lers zu befürch­ten war.  Die Bas­ter­ds wir­ken wie ein Vexier­bild, aus dem sich jeder her­aus­ho­len kann, was er sehen will, und das ist ein Zei­chen für künst­le­ri­sche Qualität.

Eine der vie­len Iro­nien ist, daß der von Chris­toph Waltz mit komö­di­an­ti­schem Gus­to ver­kör­per­te “Hans Lan­da” inzwi­schen zur wohl popu­lärs­ten Figur des Spek­ta­kels gewor­den ist. Wäh­rend die jüdi­schen Rächer wenig Pro­fil bekom­men,  hat Waltz all die guten Sze­nen und die kul­ti­gen Sät­ze, und am Ende ist er es, der den Krieg erfolg­reich been­det. Er ist gewiß weni­ger gru­se­lig und sym­pa­thi­scher als der sadis­ti­sche “Bären­ju­de”, der den “Nazis” mit einem Base­ball­schlä­ger den Kopf zertrümmert.

Über­spitzt gesagt, ist “Hans Lan­da”, böse aber sexy, so etwas wie der “Jud Süß” unse­rer Zeit – schon Goe­b­bels, von des­sen Film­pro­du­zen­ten-Ambi­tio­nen Taran­ti­no so fas­zi­niert ist, hat sei­nen Schur­ken mit aller­lei ver­füh­re­ri­schen und anzie­hen­den Attri­bu­ten aus­stat­ten las­sen, was zur Fol­ge hat­te, daß “Süß”-Darsteller Fer­di­nand Mari­an kübel­wei­se Fan­post von weib­li­chen Ver­eh­re­rin­nen bekam.

Und damit wären wir schon bei dem Wer­muts­trop­fen ange­kom­men: Deut­sche Schau­spie­ler bekom­men in Hol­ly­wood immer noch am ehes­ten eine Rol­le, wenn sie einen “Nazi” spie­len. Das ist schon bei­na­he ein Kar­rie­re­ri­tu­al, durch das ein jeder durch muß.  In den Pro­pa­gan­da­fil­men des Zwei­ten Welt­kriegs muß­ten iro­ni­scher­wei­se jüdi­sche Emi­gran­ten dafür her­hal­ten, heu­te ste­hen die unter­joch­ten India­ner selbst für die Welt­kriegs­wes­tern zur Ver­fü­gung.  Inso­fern kann ich mir nicht hel­fen, die deut­schen Schau­spie­ler (Dani­el Brühl, August Diehl, Till Schwei­ger etc.), die an Ing­lou­rious Bas­ter­ds betei­ligt waren, in irgend­ei­nem Win­kel mei­nes Her­zens doch als “Col­la­bos” anzusehen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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