Sezession
9. März 2010

Ein Oscar für den Schurken

Martin Lichtmesz

Zwei recht erfreuliche Meldungen gibt es von der Oscar-Verleihung zu verbuchen. Zum einen freut es mich diebisch, daß Kathryn Bigelow mit dem kleinen, relativ billig produzierten Kriegsfilm The Hurt Locker gleich mehrfach über die überproduzierten Avatar-Riesenschlümpfe ihres Ex-Mannes James Cameron triumphiert hat. The Hurt Locker ist alles andere als ein typischer Oscar-Gewinner. Es gibt darin weder große Stars, noch spektakuläre Schauwerte, noch eine erbauliche message.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Gefilmt mit einer wackeligen Handkamera, gleich einem Kriegsberichterstatter, der dicht am Geschehen dran ist, ist The Hurt Locker wohl einer der eindrucksvollsten Filme über die physische Seite des Krieges überhaupt.  Einer seiner entscheidenden Vorteile ist, daß er weder für noch gegen den Krieg, weder für noch gegen Amerikaner oder Iraker Stellung bezieht, sondern sich ausschließlich auf das subjektive Erleben der Soldaten und das Handwerk des Krieges konzentriert, aber auch den "Kampf als inneres Erlebnis" reflektiert. Eingeleitet wird der Film bezeichnenderweise mit einem jüngeresken Zitat des Journalisten Chris Hedges aus dem Buch War Is A Force That Gives Us Meaning: „Der Rausch des Kampfes wird oft zu einer mächtigen und oft tödlichen Sucht. Denn Krieg ist eine Droge.“

Die Freude über die zweite Meldung ist etwas zwiespältig.  Der Oscar für den "besten Nebendarsteller" ging verdientermaßen an den Österreicher Christoph Waltz für seine Darstellung des charmanten SS-Schurken in Tarantinos Inglourious Basterds - einer der seltenen Fälle, daß ein deutschsprachiger Künstler die Trophäe erhält (den allerersten Oscar für den "besten Hauptdarsteller" erhielt 1929 Emil Jannings).

Mit dem Film selbst habe ich inzwischen halbwegs Frieden gemacht. Er ist nicht nur äußerst unterhaltend und ikonoklastisch, er hat sich am Ende doch als gewitzter, subversiver und doppelbödiger erwiesen, als zunächst aufgrund des Trailers zu befürchten war.  Die Basterds wirken wie ein Vexierbild, aus dem sich jeder herausholen kann, was er sehen will, und das ist ein Zeichen für künstlerische Qualität.

Eine der vielen Ironien ist, daß der von Christoph Waltz mit komödiantischem Gusto verkörperte "Hans Landa" inzwischen zur wohl populärsten Figur des Spektakels geworden ist. Während die jüdischen Rächer wenig Profil bekommen,  hat Waltz all die guten Szenen und die kultigen Sätze, und am Ende ist er es, der den Krieg erfolgreich beendet. Er ist gewiß weniger gruselig und sympathischer als der sadistische "Bärenjude", der den "Nazis" mit einem Baseballschläger den Kopf zertrümmert.

Überspitzt gesagt, ist "Hans Landa", böse aber sexy, so etwas wie der "Jud Süß" unserer Zeit - schon Goebbels, von dessen Filmproduzenten-Ambitionen Tarantino so fasziniert ist, hat seinen Schurken mit allerlei verführerischen und anziehenden Attributen ausstatten lassen, was zur Folge hatte, daß "Süß"-Darsteller Ferdinand Marian kübelweise Fanpost von weiblichen Verehrerinnen bekam.

Und damit wären wir schon bei dem Wermutstropfen angekommen: Deutsche Schauspieler bekommen in Hollywood immer noch am ehesten eine Rolle, wenn sie einen "Nazi" spielen. Das ist schon beinahe ein Karriereritual, durch das ein jeder durch muß.  In den Propagandafilmen des Zweiten Weltkriegs mußten ironischerweise jüdische Emigranten dafür herhalten, heute stehen die unterjochten Indianer selbst für die Weltkriegswestern zur Verfügung.  Insofern kann ich mir nicht helfen, die deutschen Schauspieler (Daniel Brühl, August Diehl, Till Schweiger etc.), die an Inglourious Basterds beteiligt waren, in irgendeinem Winkel meines Herzens doch als "Collabos" anzusehen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.