Sezession
1. Oktober 2008

Anonyma – eine von zwei Millionen

Ellen Kositza

pdf der Druckfassung aus Sezession 26/Oktober 2008

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

sez_nr_26Wie oft wurde in den vergangenen Jahren ein „Gezeitenwechsel" in der (populären) Geschichtsschreibung zum Zweiten Weltkrieg prognostiziert? Wie viele „Tabubrüche" - heißt: Einbeziehung der deutschen Opfer - wurden verheißen? Wir hatten Jörg Friedrichs Darlegung des alliierten Bombenterrors im Sachbuch Der Brand und romanhaft den Untergang der „Wilhelm Gustloff" in Günter Grass' Im Krebsgang. Hoffnungen wurden in die großen Filmproduktionen Dresden und Die Flucht gesetzt.
Tatsächlich zog dies alles heftige Diskussionen nach sich. Die öffentliche Wahrnehmung und Wertung der Sachlagen hat sich hingegen kaum geändert. Entweder wurden die Darstellungen diskursiv umgebogen (beispielhaft in der Jörg-Friedrich-Debatte), oder die vorab als „Enthüllungen" plakatierten Werke relativierten sich im eigenen Vollzug selbst. Heißt: (Nach-)Kriegsverbrechen gegen Deutsche wurden zwar dargestellt, dies aber nur bei Vervielfachung des Gegengewichts auf der historischen Waage. Dauer-Devise: Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Schon klar.
Nun läuft Max Färberböcks Geschichtsdrama Anonyma an, Thema: die sexuellen Verwüstungsorgien der Roten Armee in Berlin, Frühjahr 1945. Die Drehbuchgrundlage hat eine längere Geschichte. Jene anonym bleiben wollende Frau, deren Aufzeichnungen rund um die Kapitulation 1959 in einem Schweizer Verlag erschienen sind, wurde nach der Neuveröffentlichung 2003 in Hans-Magnus Enzensbergers „Anderer Bibliothek" innerhalb einer mehrmonatigen Feuilletondebatte als Marta Hiller, Schülerin des Publizisten C. W. Ceram (alias Kurt W. Marek) identifiziert. Die bei Kriegsende 34jährige (und 2001 verstorbene) weitgereiste Journalistin hatte zwischen dem 20.4. und 22.6.1945 ihre Erlebnisse im besetzten Berlin in drei Schulheften aufgezeichnet. Noch im folgenden Sommer hat sie das Kladdenwerk abgetippt. Das Dokument erschien erstmals 1954 übersetzt in New York, anschließend in zahlreichen europäischen Ländern sowie in Japan.
Als Eichborn das Buch vor fünf Jahren in Deutschland veröffentlichte, tat sich zuvörderst Jens Bisky als Kritiker hervor. Er beklagte eine „schlampige Edition" und unterstellte Eingriffe seitens Marek in das Manuskript. Eine heftige Diskussion unter Beteiligung zahlreicher Prominenter wie Götz Aly entspann sich, die nach einem flüchtigen Gutachten durch Walter Kempowski (der dem Typoskript Authentizität bescheinigte) nicht abebbte. Offen blieb die Frage, was überhaupt die Aufregung um den Bericht rechtfertigte? Daß es massenhafte Vergewaltigungen durch Soldaten der Roten Armee gegeben hat, war schließlich nie ernsthaft in Zweifel gezogen. Außerordentlich abnorme Greueltaten (die an anderer Stelle durchaus Eingang in Geschichtsbücher gefunden haben) erwähnt die Anonyma nicht, weder sodomistische Exzesse noch Schändungen von Kindern und Greisinnen. Als Eklat wurde das Buch allerdings schon bei seiner Erstausgabe im deutschsprachigen Raum empfunden. Zu kalt, zu lakonisch, ja abgebrüht erschienen den wenigen Lesern die Schilderungen der Anonyma.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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