Der Stand der Dinge

pdf der Druckfassung aus Sezession 31 / August 2009

von Stefan Scheil

Der Zweite Weltkrieg ist immer noch jene Vergangenheit, die nicht vergehen will. Erst vor wenigen Wochen ging ein Sturm durch die bundesdeutsche Presselandschaft, als das russische Verteidigungsministerium einen Text ins Internet stellte, der eine wesentliche Verantwortung für den Krieg von 1939 der Republik Polen zuschob. Solche Vorwürfe wurden nicht unberechtigt erhoben. Aber: Ohne die scheinheilige Erneuerung des polnisch-sowjetischen Nichtangriffspakts im November 1938 und ohne das sowjetische Versprechen auf Waffenlieferungen im Kriegsfall gegen Deutschland, das der stellvertretende sowjetische Außenminister Potemkin im Frühjahr 1939 in Warschau abgegeben hat, hätte sich die Warschauer Führung im Rücken nicht frei für einen Kriegskurs gegen Deutschland fühlen können. Es ging den Sowjets darum, eine Mine unter Europa zu sprengen und dafür lieferte der deutsch-polnische Konflikt den nötigen Sprengsatz.

 Gastbeitrag

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Mit die­ser Betrach­tung kommt man auf den Kern des Gesche­hens. Es las­sen sich eine gan­ze Rei­he von Staa­ten aus­ma­chen, die im Jahr 1939 auf den Krieg zusteu­er­ten. Ent­spre­chend schwie­rig ist die Ana­ly­se der Absich­ten und Bedro­hungs­la­gen, aus denen her­aus die Poli­tik in den ein­zel­nen Län­dern damals gehan­delt hat. Ent­spre­chend abstrus ist die nach 1945 im Rah­men des Nürn­ber­ger Tri­bu­nals fest­ge­schrie­be­ne Behaup­tung, es habe letzt­lich eine deut­sche Allein­ver­ant­wor­tung vor­ge­le­gen. Dabei han­del­te es sich um eine bewußt in die Welt gesetz­te Unwahr­heit. Als die Nürn­ber­ger Ankla­ge­be­hör­de im Vor­feld des Pro­zes­ses fest­stell­te, aus den erbeu­te­ten deut­schen Unter­la­gen gehe stets die Über­zeu­gung her­vor, Deutsch­lands Geg­ner hät­ten den Krieg erzwun­gen, sah sie sich vor Schwie­rig­kei­ten. So wur­den Doku­men­te unge­wis­ser Her­kunft und unter­schied­li­cher Aus­sa­ge­kraft als angeb­li­che Schlüs­sel­do­ku­men­te in den Pro­zeß ein­ge­führt, die die­sem Ein­druck schein­bar wider­spra­chen. Dies soll­te lang­fris­tig die For­schung beein­flus­sen, und noch im Jahr 2009 wird mit Ver­wei­sen auf die angeb­lich zu wenig berück­sich­tig­ten Schlüs­sel­do­ku­men­te gegen kri­ti­sche Lite­ra­tur pole­mi­siert. Da auf der damals in Nürn­berg for­mu­lier­ten Behaup­tung einer deut­schen Allein­ver­ant­wor­tung wesent­li­che Tei­le der euro­päi­schen Nach­kriegs­po­li­tik beruh­ten und beru­hen, ist der Zwei­te Welt­krieg wei­ter­hin ein Poli­ti­kum von aller­ers­tem Rang. Mit die­ser Fest­stel­lung muß ein Über­blick zu die­ser Sache begin­nen, der sich selbst ernst neh­men will.
Die pro­fes­so­ra­le deut­sche Geschichts­wis­sen­schaft begann trotz des Nürn­ber­ger Tri­bu­nals zunächst recht unbe­fan­gen über die tie­fe­ren Ursa­chen der deut­schen und euro­päi­schen Kata­stro­phe nach­zu­den­ken. Lud­wig Dehio leg­te 1948 mit Gleich­ge­wicht oder Hege­mo­nie gleich eine voll­stän­di­ge Theo­rie des euro­päi­schen Staa­ten­sys­tems der Neu­zeit vor, in dem der Zwei­te Welt­krieg als letz­ter Abschnitt einer lan­gen Abfol­ge von tra­di­tio­nel­len Hege­mo­ni­al­kämp­fen erschien. Deutsch­land wur­de zwar als Aus­lö­ser des Krie­ges ver­stan­den, stand aber in einer Rei­he mit dem Spa­ni­en der expan­si­ven Ära des 16. Jahr­hun­derts und dem Frank­reich Lud­wigs XIV. und Napo­le­on Bona­par­tes. Dehio schrieb euro­päi­sche Geschich­te. Dabei blieb aus sei­ner Per­spek­ti­ve die Fra­ge im Grun­de zweit­ran­gig, wie sich dies auf der Ebe­ne kon­kre­ter Diplo­ma­tie dar­ge­stellt habe.

Etwas näher ans Gesche­hen rück­te die Memoi­ren­li­te­ra­tur der 1950er Jah­re. Die Auf­re­gung war groß, als Fritz Hes­se 1953 in sei­nen Memoi­ren, dem Spiel um Deutsch­land, öffent­lich in Fra­ge stell­te, daß Hit­ler den Krieg gegen Polen gewollt habe. Er selbst, so Hes­se, sei als Mit­ar­bei­ter der Deut­schen Bot­schaft am Abend des 2. Sep­tem­ber 1939 im Auf­trag von Hit­ler zum eng­li­schen Pre­mier Cham­ber­lain geschickt wor­den, um den sofor­ti­gen Rück­zug der in Polen ein­ge­rück­ten deut­schen Trup­pen anzu­bie­ten. Auch von Scha­den­er­satz für die beim Angriff ent­stan­de­nen Ver­wüs­tun­gen sei die Rede gewe­sen, wenn im Gegen­zug bloß Dan­zig zu Deutsch­land käme. Die eng­li­sche Regie­rung habe das abge­lehnt, da die Kriegs­er­klä­rung beschlos­se­ne Sache sei und sich poli­tisch nicht mehr auf­hal­ten lasse.
Hes­se wur­de für sei­ne Dar­stel­lung ange­fein­det. Er gehör­te zu jenen poten­ti­el­len Zeu­gen, die den Nürn­ber­ger Pro­zeß in irgend­wel­chen alli­ier­ten Inter­nie­rungs­la­gern ver­bracht hat­ten und für den Pro­zeß »unauf­find­bar« waren. Es fand sich in den ver­öf­fent­lich­ten eng­li­schen Akten zunächst auch kei­ne Bestä­ti­gung für sei­ne spä­te Aus­sa­ge. Erst nach Jah­ren wur­den von der eng­li­schen Regie­rung Bele­ge dafür nach­ge­scho­ben, daß es die­se Gesprä­che am Vor­abend des eng­li­schen Ulti­ma­tums an Deutsch­land tat­säch­lich gege­ben hat.
Die Diplo­ma­tie­ge­schich­te selbst ließ sich Zeit mit der Erfor­schung der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Außen­po­li­tik. In Deutsch­land lag bis in die 1960er Jah­re nicht ein­mal das Archiv­ma­te­ri­al des Aus­wär­ti­gen Amts vor, das die Alli­ier­ten nach 1945 beschlag­nahmt hat­ten und nur zöger­lich zurück­ga­ben. Der Zugang zu den Doku­men­ten der deut­schen Kriegs­geg­ner war zu kei­ner Zeit zwi­schen 1945 und heu­te voll­stän­dig gewähr­leis­tet, pha­sen­wei­se völ­lig unmög­lich. Erst die von den Alli­ier­ten vor­ge­nom­me­ne Edi­ti­on der Akten zur Deut­schen Aus­wär­ti­gen Poli­tik stell­te wenigs­tens deut­sches Archiv­ma­te­ri­al in ver­öf­fent­lich­ter Form bereit – wenn man als His­to­ri­ker bereit war, Aus­wahl und Echt­heit der Edi­ti­on zu akzep­tie­ren. Zuvor muß­te auf die bis dahin vor­lie­gen­den Erin­ne­rungs­bän­de, das Ankla­ge­ma­te­ri­al aus dem Nürn­ber­ger Pro­zeß und auf die von deut­scher Sei­te bis 1945 ver­öf­fent­lich­ten Akten und Doku­men­te zurück­ge­grif­fen wer­den, wozu jedoch offen­bar in Deutsch­land wenig Nei­gung bestand.
Der Schwei­zer His­to­ri­ker Walt­her Hofer nahm sich dage­gen ein Jahr nach Fritz Hes­se dem The­ma Kriegs­aus­bruch an. Es ging ihm um die »Ver­tei­lung von Schuld und Ver­ant­wor­tung«, und er ver­teil­te ein­deu­tig: Schuld war Deutsch­land. Hit­ler habe den Welt­krieg »ent­fes­selt«, wie die bril­lan­te Titel­wahl lau­te­te. Hes­ses Aus­sa­gen über das deut­sche Rück­zugs­an­ge­bot aus Polen berück­sich­tig­te Hofer über­haupt nicht. Nir­gends zu fin­den war bei ihm auch die wohl­be­kann­te Äuße­rung des pol­ni­schen Bot­schaf­ters Lip­ski am letz­ten Frie­dens­tag, er müs­se sich nicht um deut­sche Ver­hand­lungs­an­ge­bo­te küm­mern, gleich wel­cher Art sie sei­en. Pol­ni­sche Trup­pen wür­den bald sieg­reich auf Ber­lin mar­schie­ren. Hofers Dar­stel­lung unter­schlug sogar den gesam­ten Besuch des eng­li­schen Diplo­ma­ten For­bes und des schwe­di­schen Ver­mitt­lers Dah­le­rus in der pol­ni­schen Bot­schaft, bei dem die­se Äuße­rung fiel. Bei die­ser Gele­gen­heit wur­den noch ein­mal die schrift­lich aus­for­mu­lier­ten deut­schen Ver­hand­lungs­vor­schlä­ge über­ge­ben, von denen es spä­ter von pol­ni­scher Sei­te und auch bei Hofer hieß, sie sei­en der pol­ni­schen Regie­rung nicht bekannt gewe­sen. Lip­ski leg­te das Papier mit den Vor­schlä­gen nur zur Sei­te und sag­te, er kön­ne nicht lesen, was dort stehe.
Trotz sol­cher Schwä­chen ist die Stu­die des Schwei­zer His­to­ri­kers ein klas­si­sches Vehi­kel der bun­des­deut­schen Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung gewor­den und geblie­ben. Die Schul­di­gen waren schnell auf­ge­zählt. Im Zen­trum stan­den ein Deutsch­land, des­sen Sicher­heits­be­dürf­nis­se und macht­po­li­ti­sche Zie­le von vorn­her­ein ille­gi­tim waren und eine Sowjet­uni­on, die sich zwar oppor­tu­nis­tisch an der Ent­fes­se­lung des Krie­ges betei­lig­te, dabei aber vor­wie­gend auf die eige­ne Sicher­heit bedacht war. Die Poli­tik der Repu­blik Polen blieb für Hofer nur eine Funk­ti­on der West­mäch­te, die West­mäch­te selbst gal­ten ihm als friedlich.

Zu Beginn der 1960er Jah­re kam es dann zu den bekann­ten Kon­tro­ver­sen über den Kriegs­aus­bruch des Jah­res 1939. Sie ver­bin­den sich vor­wie­gend mit den Namen A. J. P. Tay­lor, David Hog­gan und erneut Walt­her Hofer. David Hog­gan leg­te gleich meh­re­re schwer­ge­wich­ti­ge Unter­su­chun­gen über die Vor­ge­schich­te des Jah­res 1939 vor, in denen er die Ver­ant­wor­tung anders als Hofer ver­teil­te und den Zwei­ten Welt­krieg als Krieg Eng­lands und Polens gegen Deutsch­land dar­stell­te. Dies führ­te eben­so wie Tay­lors Durch­leuch­tung der Jah­re 1938/39 zu öffent­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen auch in den gro­ßen deut­schen Print­me­di­en wie dem Spie­gel. Sie kön­nen als bis­he­ri­ger Höhe­punkt der Debat­te über den Krieg­aus­bruch gel­ten, soweit sie vor gro­ßem Publi­kum in Deutsch­land aus­ge­tra­gen wur­de. Danach wand­te sich die Öffent­lich­keit zu Beginn der 1960er Jah­re auch als Fol­ge der Eich­mann- und Auschwitz­pro­zes­se von diplo­ma­tie­ge­schicht­li­chen Betrach­tun­gen ab und sah den Welt­krieg aus ande­rer Per­spek­ti­ve. Ganz in den Hin­ter­grund trat dabei die akti­ve anti­na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Poli­tik, die 1938/39 von Poli­ti­kern und gesell­schaft­li­chen Grup­pen in Eng­land und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten betrie­ben wor­den war, einem Gemisch aus libe­ra­len, christ­li­chen, kon­ser­va­ti­ven wie jüdi­schen Initia­ti­ven. Die­se Ent­wick­lung wur­de in Deutsch­land von der Eta­blie­rung eines neu­en geschichts­wis­sen­schaft­li­chen Estab­lish­ments beglei­tet, das damals in den Per­so­nen Hans-Adolf Jacob­sen und Andre­as Hill­gru­ber sei­ne her­aus­ra­gen­den Reprä­sen­tan­ten hat­te. Bei­de waren füh­rend an dem Pro­jekt betei­ligt, in der zeit­ge­schicht­li­chen For­schung die erstaun­li­che Behaup­tung durch­zu­set­zen, Hit­ler habe einen »Stu­fen­plan« zur Welt­erobe­rung beses­sen, als des­sen Etap­pe der Polen­krieg von 1939 zu deu­ten sei. Erstaun­lich ist die­se Behaup­tung zu nen­nen, da sich bei genau­em Hin­se­hen recht schnell her­aus­stellt, daß die Rede­wen­dung eines Stu­fen­plans zur Erobe­rung der UdSSR, eines Hit­ler­schen »Pro­gramms« zur Erobe­rung von Lebens­raum oder gar eines »Welt­blitz­kriegs« auf blo­ßen Mut­ma­ßun­gen basie­ren. Es gibt kei­nen »quel­len­mä­ßi­gen Beleg« für die von ihm ange­nom­me­nen »Stu­fen­plä­ne« Hit­lers zur Errei­chung der Welt­herr­schaft, schrieb sogar Andre­as Hill­gru­ber selbst. Dies hin­der­te ihn nicht, das Phan­tom die­ser nicht nach­weis­ba­ren Stu­fen­plä­ne zum Leit­mo­tiv sei­ner Habi­li­ta­ti­ons­schrift zu machen, dies zusam­men unter ande­rem mit Jacob­sen als For­schungs­stan­dard durchzusetzen.
In den letz­ten Jah­ren ist die­se ein­sei­tig auf Deutsch­land und Hit­ler fixier­te Deu­tung der Din­ge in vie­ler Hin­sicht wie­der in Fra­ge gestellt gewor­den. In einem viel­ge­le­se­nen Buch blick­te Gerd Schult­ze-Rhon­hof auf den »Krieg, der vie­le Väter« hat­te. Ande­re nah­men die Sowjet­uni­on ins Blick­feld, wo der Krieg bereits vor Hit­lers Macht­er­grei­fung von 1933 geplant und kon­kret vor­be­rei­tet wor­den war. Wie kom­mu­nis­ti­sche Vete­ra­nen schon in den vier­zi­ger Jah­ren im Wes­ten aus­ge­sagt hat­ten, soll­te von Mos­kau aus mit Hil­fe der Gegen­sät­ze zwi­schen den euro­päi­schen Natio­nal­staa­ten ein euro­päi­scher Krieg erzeugt wer­den, in den die Sowjets sieg­reich ein­zu­grei­fen gedach­ten. Mit Blick auf Deutsch­land folg­te dar­aus die Stra­te­gie, dort die Macht­er­grei­fung einer mög­lichst radi­ka­len Frak­ti­on von Natio­na­lis­ten zu för­dern, schließ­lich auch die Macht­er­grei­fung der Nationalsozialisten.

Neben den wis­sen­schaft­lich nicht sau­ber erar­bei­te­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen Vik­tor Suwo­rows, der aller­dings in der Beschrei­bung die­ser Din­ge durch­aus rich­tig lag, konn­te ins­be­son­de­re Bog­dan Musi­al in jün­ge­rer Zeit Quel­len­ma­te­ri­al erschlie­ßen, aus dem sowje­ti­sche Angriffs­ab­sich­ten auf Euro­pa seit 1932 zwei­fels­frei her­vor­ge­hen. Sei­ne Stu­die zum »Kampf­platz Deutsch­land« blieb aller­dings den­noch in wich­ti­gen Fra­gen unbe­frie­di­gend. So leg­te Musi­al einer­seits dar, daß alles weit­ge­hend der Wirk­lich­keit ent­sprach, was die Natio­nal­so­zia­lis­ten seit den zwan­zi­ger Jah­ren immer über die sowje­ti­schen Plä­ne gedacht und aus­ge­spro­chen hat­ten, daß sie aber davon angeb­lich nichts Kon­kre­tes wuß­ten. Die inter­na­tio­na­le Poli­tik wur­de hier zur Far­ce erklärt.
Zu einer eben sol­chen Far­ce zählt genau­so das oft beschwo­re­ne Bild eines unpro­vo­zier­ten deut­schen Angriffs auf Polen am 1. Sep­tem­ber 1939. Auch die pol­ni­sche Regie­rung dach­te sich etwas, als sie auf Kon­fron­ta­ti­ons­kurs zu Deutsch­land ging, ein Offen­siv­bünd­nis mit den West­mäch­ten schloß und offen mit Krieg droh­te. Der Autor die­ser Zei­len hat wie­der­holt dar­auf hin­ge­wie­sen, daß dies der in War­schau geheg­ten Über­zeu­gung ent­sprach, angeb­li­ches his­to­ri­sches Unrecht durch Erobe­rung wei­ter Tei­le Ost­deutsch­lands kor­ri­gie­ren zu müssen.
Wenn sich im Sep­tem­ber 2009 der Beginn des deutsch-pol­ni­schen Krie­ges zum sieb­zigs­ten Mal jährt, wird auch über Grenz­zwi­schen­fäl­le gespro­chen wer­den, etwa über den von Glei­witz. An der deutsch-pol­ni­schen Gren­ze wur­de Ende August die­ses Jah­res tat­säch­lich täg­lich geschos­sen – von bei­den Sei­ten. Der Autor konn­te im Bun­des­ar­chiv ent­spre­chen­de Doku­men­te ermit­teln. Ein deut­scher Armee­be­fehl gab das Feu­er bereits am 21. August frei, für den Fall pol­ni­scher Grenz­ver­let­zun­gen »in offen­sicht­lich krie­ge­ri­scher Absicht«. Ein ande­rer Befehl wies zugleich dar­auf hin, daß aus pol­ni­schen Grenz­ver­let­zun­gen durch regu­lä­re Trup­pen oder irre­gu­lä­re Ver­bän­de kei­ne aus­ge­dehn­ten Kampf­hand­lun­gen ent­ste­hen dürf­ten. Es ging für bei­de Sei­ten dar­um, die Ver­ant­wor­tung für einen hei­ßen Krieg mög­lichst auf den Geg­ner abzu­la­den. Die­sen Ner­ven­krieg habe Deutsch­land ver­lo­ren, mel­de­te ein pol­ni­scher Sen­der Ende August.
Es gab jeden­falls Anlaß, mit pol­ni­schen Über­grif­fen zu rech­nen. Die pol­ni­sche »Beset­zung von Glei­witz« wer­de auf der pol­ni­schen Sei­te der Gren­ze leb­haft begrüßt, die­se Nach­richt brach­te Anfang Sep­tem­ber ein Ver­bin­dungs­mann aus Mys­lo­witz. Man erwar­te in der Bevöl­ke­rung dort mehr in die­ser Hin­sicht. Ähn­li­ches ent­hiel­ten die Nach­rich­ten aus der pol­ni­schen Armee. Pol­ni­sche Off­zie­re unter­rich­te­ten die Ein­hei­ten münd­lich über das »Vor­rü­cken der pol­ni­schen Armee nach Ber­lin«, hieß es am sechs­ten Sep­tem­ber 1939. Es wer­de den Mann­schaf­ten erklärt, daß die pol­ni­schen Trup­pen bereits Dan­zig, halb Ost­preu­ßen und Glei­witz besetzt hätten.
Bis es so weit kom­men konn­te, muß­te in vie­len Staa­ten viel gesche­hen. Wer deut­sche Mit­ver­ant­wor­tung sucht, wird sie nicht in Welt­erobe­rungs­plä­nen und Über­fäl­len fin­den, son­dern in den anti­jü­di­schen, anti­christ­li­chen, anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen und anti­kom­mu­nis­ti­schen Spit­zen der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Dik­ta­tur, die zwangs­läu­fig eine gro­ße Zahl an Geg­nern auf sich zie­hen muß­ten. Für 1939 ist eher Hit­lers Ver­spre­chen vom Mai kenn­zeich­nend, nicht der »Idi­ot zu sein, der wegen Polen in einen Krieg schlid­dert«. Das ändert am Gesamt­ur­teil nichts: Die »Ent­fes­se­lung« des euro­päi­schen Krie­ges, der spä­ter zum Zwei­ten Welt­krieg wur­de, ist eine »ver­ein­te Ent­fes­se­lung« gewe­sen. Sobald sich das her­um­ge­spro­chen hat, wird die­ser Krieg viel­leicht auch end­lich Ver­gan­gen­heit sein.

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