Sezession
1. August 2009

Mythen – Das emotionale Fundament der Nation

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 31 / August 2009

Politische Mythen sind als »ideologisierende Erzählungen« heute diskreditiert. Die BRD versteht sich als aufgeklärtes, mythenloses Gemeinwesen. Und doch ist mythisches Denken heute noch lebendig, ja unverzichtbar.

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Mythen sind Ursprungsgeschichten, in denen es nicht darum geht, irgendein lange zurückliegendes Ereignis zu schildern, sondern darum, die Gegenwart zu erklären. Unter nationalen Mythen verstehen wir historische und sagenhafte Ereignisse, in denen in paradigmatischer Weise Wesen und geistiger Bestand einer Nation deutlich werden. Mythen sind idealtypische Erzählungen mit appellativem Charakter, die in emotionsgeladenen Geschichten erzählt werden. Appellativ heißt, daß sie eine Bedeutung haben für unser heutiges Sein und Tun und Wollen. Sie erklären nicht nur das geschichtliche Gewordensein der Nation, sondern weisen ihr auch den Weg in die Zukunft. Ihre Botschaft lautet: Wie es war, so wird es sein. In der mythischen Weltsicht wird die Nation als numinoses Wesen gesehen, das eine Geschichte und eine Zukunft hat und seine Identität durch die Zeitenläufte bewahrt. Als solches ist sie in jedem einzelnen in substantieller Weise anwesend und nicht bloß etwas subjektiv Gefühltes. Wird die Nation als bloße Willensgemeinschaft verstanden, dann könnte jede Generation von neuem bestimmen, welche Inhalte sich diese Willensnation gibt. Der Blick auf die Geschichte lehrt aber, daß im Gegenteil ein gewisses Maß an Kontinuität des Strebens der einzelnen Nationen feststellbar ist. Dabei handelt es sich nicht nur um geopolitische Notwendigkeiten, denen sich jede Generation von neuem fügt, sondern es ist eindeutig auch die Geschichte, deren Aufträge jede Generation zu erfüllen trachtet. Wie ein Mensch im Laufe seines Lebens manche Ansichten revidiert, lernt und sich verändert, so kann sich auch das Selbstverständnis einer Nation im Laufe der Zeiten ändern. Nur ist dies ein kontinuierlicher Prozeß, der stets versucht, Veränderungen aus der Vergangenheit heraus zu legitimieren. Und zwar immer – auch dann, wenn, wie dies bei den heutigen Deutschen der Fall ist, eine Nation ihre Gegenwart als Bruch mit der Vergangenheit definiert.
Die hier beschriebene mythische Weltsicht steht nicht in Konkurrenz zur wissenschaftlichen, sondern bildet ein eigenes System, das seine eigene Berechtigung hat. Sie zeigt uns Aspekte der Wirklichkeit, die genauso real sind, wie jene Aspekte, die uns die Wissenschaften zeigen – ähnlich wie ein Forstwirt bei einem Waldspaziergang etwas anderes wahrnehmen wird, als ein Künstler, dem es auf das Spiel des Lichts und die seelische Erfahrung der Natur ankommt. Beide sehen Unterschiedliches, und doch ist der Realitätsgrad der einen Erfahrung nicht geringer als der der anderen.
Die nationalen Mythen bilden »das emotionale Fundament der Nation «. In den Mythen tritt mir mein Volk, wie es an sich ist, entgegen. Das gilt in indirekter Weise für den ganzen Bereich der Kultur, wo es um das Volkhafte geht – vom Volkslied bis zur Ballade. Schon Goethe sprach davon, daß der Erzieher die Kindheit hören muß und »nicht das Kind; der Gesetzgeber und Regent die Volkheit und nicht das Volk. Jene spricht immer dasselbe aus, ist vernünftig, beständig, rein und wahr. Dieses weiß niemals für lauter Wollen, was es will«. Das Fundament der inneren Beziehung zum eigenen Volk muß also in der »Volkheit« liegen, in den Mythen und der Kultur des eigenen Volkes, und ist unabhängig von den positiven oder negativen Erfahrungen, die man mit einzelnen Repräsentanten desselben macht.

Wichtig ist festzuhalten, daß historische Mythen nicht isoliert im Raume stehen, sondern miteinander verbunden sind. So spiegelt sich der zentrale deutsche Mythos vom Freiheitskampf des Arminius gegen die Römer im Mythos der Befreiungskriege gegen Napoleon, und beide werden zur Legitimierung herangezogen, wenn die deutsche Nationalbewegung im 19. und 20. Jahrhundert das Ideal echter, germanischer Freiheit im Gegensatz zu den westlichen Ideen von Liberalismus und Demokratismus zu bestimmen sucht. Augenscheinlich wird solche historische Korrespondenz an einer von dem Künstler Emile Chatrousse errichteten Statue, die Vercingetorix und Johanna von Orléans Hand in Hand zeigt – zwei historische Gestalten, deren Lebenszeit fast anderthalb Jahrtausende auseinanderliegt, die für das Selbstverständnis Frankreichs aber dieselbe Botschaft verkünden. Mythen beinhalten einen Hoffnungsaspekt, ein Versprechen für die Zukunft.
Ihre Wirkung entfalten sie durch narrative Variation, ikonische Verdichtung und rituelle Inszenierung. Narrative Variation meint, daß ein Mythos in den verschiedensten literarischen Gattungen, von der Erzählung über das Gedicht und die Anekdote bis hin zur wissenschaftlichen Abhandlung, immer wieder neu erzählt wird. Ikonische Verdichtung bedeutet, daß alle dasselbe Bild vor Augen haben: Friedrich der Große ist als der »Alte Fritz« heute noch Mythos, während Jugendbildnisse des Königs kaum noch bekannt sind. Rituelle Inszenierung letztlich heißt, daß solche Mythen im Zuge von öffentlichen Feiern und Festtagen immer neu ins öffentliche Bewußtsein geholt werden.
Als emotionales Fundament der Nationen sind die Mythen deshalb unverzichtbar, weil, worauf Karlheinz Weißmann hingewiesen hat, Nationalbewußtsein ein geistiger und kein natürlicher Sachverhalt ist. »Anders als die Liebe zur Familie ist die Vaterlandsliebe nicht auf eine überschaubare Gruppe bezogen, anders als für die Heimatliebe gibt es für den Nationalismus kein Territorium, das der Einzelne in jedem Winkel kennt.« In dieser Hinsicht kann man Ernest Renans Definition zustimmen, daß Nationen »geistige Wesen [sind], die existieren, solange sie in den Köpfen und Herzen der Menschen sind und die erlöschen, wenn sie nicht mehr gedacht werden«. Die Nation ist die geistige Dimension des Volkes, an der beileibe nicht jeder, der diesem biologisch angehört, Anteil nehmen muß.
Die wichtigsten Mythenquellen bilden die großen geschichtlichen Herausforderungen wie Freiheitskriege und das Ringen um nationale Einigkeit. Dabei sind auch heroische Niederlagen mythenfähig. »Generell für die europäischen Nationen läßt sich sagen, daß es ihnen nicht einmal in erster Linie auf den Sieg ankommt, sondern auf Standhaftigkeit im Unglück, auf Heldenmut gegenüber einem zahlenmäßig überlegenen Feind und auf das Opfer des eigenen Lebens in höchster Gefahr. Das sind die Quellen der Legitimität der Nation und Unterpfänder ihres Rechtes, in Freiheit und Einigkeit zu leben.« (Etienne François / Hagen Schulze)

Es ist für die Wirkmacht eines Mythos auch nicht wichtig, ob sich das historische Ereignis genau so, ganz anders oder überhaupt nicht zugetragen hat. Heute weist die kritische Wissenschaft gerne darauf hin, daß nationale Mythen Konstrukte sind und allenfalls einen geschönten Teil der historischen Realität wiedergeben. Doch darauf kommt es nicht an, denn die Funktion von Mythen ist, daß sie Kontingenz wegerzählen und damit Geschichte als sinnvoll und zielgerichtet verstehbar machen. Auch der angeblich aufgeklärte linke Zeitgeist ist von Mythen bestimmt, also von emotionsgeladenen »Erinnerungen«, die nicht unbedingt viel mit der historischen Wirklichkeit zu tun haben müssen. Aber das sagt eben nichts über die bewußtseinsbildende Kraft aus, die ein Mythos zu entfalten vermag. Welche Mythen gepflegt und welche entmythologisiert werden, ist nur eine Frage der Macht und des Zeitgeistes.
Auch die Unterscheidung zwischen »echten« und »falschen« Mythen ist irrig. Darin wird zwischen solchen Mythen unterschieden, die »spontan entstanden« sind und solchen, die zur Erreichung politischer Zwecke bewußt »gemacht« wurden. Aber nationale Mythen wurden immer von den Bildungsschichten eines Volkes entdeckt, ausformuliert und dem Volk über verschiedene literarische Gattungen nahegebracht. Daß die Freiheit in den germanischen Wäldern zu Hause war, daß der Wille, frei und niemandem untertänig zu sein, ein spezifisch germanischer Wesenszug sei, entdeckten die humanistischen Gelehrten des 16. Jahrhunderts bei Tacitus. Dieser Gedanke wird dann von den Barockpoeten weitergetragen und prägt schließlich die deutsche Nationalbewegung im 19. Jahrhundert ganz entscheidend. Auch dies ein echter Mythos, der einerseits historische Wurzeln hat, andererseits in der Gleichsetzung – Freiheitssinn = germanisch – natürlich ahistorisch ist. Auch abstrakte Begriffe – wie zum Beispiel »Preußen« oder »Reich« – können also zu Mythen werden.
Heute scheint die mythische Sicht der Nation obsolet geworden zu sein. In ihr stehen nicht nur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einer lebendigen Beziehung, sondern auch Ganzes und Teil: die Nation ist in allen, in jeder einzelnen Person substantiell anwesend. Der einzelne kann sich diesem Verhältnis nicht entziehen, er kann es nur in der einen oder anderen Weise interpretieren. Heute spricht man aber lieber von »Gesellschaft «, deren Wesen es ja ist, daß man in sie nach Belieben ein- und wieder austreten kann. Doch diese Sichtweise trägt nicht: zum Beispiel beim Thema Wehrdienst. Aus der Tatsache, Wähler, Steuerzahler oder Sozialhilfeempfänger zu sein, kann ich nicht die Verpflichtung ableiten, für einen bestimmten Staat unter bestimmten Umständen auch sterben zu müssen. Diese immer noch an jeden gesunden jungen Mann ergehende Forderung läßt sich nur aus einem mythischen Verständnis der Nation heraus ableiten, insofern als der einzelne ohne innere Teilhabe an seiner Nation nicht wahrhaft zum Menschen werden kann.
Und auch einer der prägendsten Mythen unserer Zeit setzt wiederum dieses mythische Verständnis der Nation voraus: Auschwitz. Ein Jürgen Habermas, der ursprünglich jede traditionelle nationale Identität ablehnte und verkündete, alle »Gesellschaftsmitglieder« sollten sich ihre eigene Identität selbst entwerfen, brach mit dieser seiner Haltung, als er erkannte, daß dann die heutigen Deutschen für Auschwitz auch nicht mehr in die Pflicht zu nehmen wären. So verkündete er 1987, unsere Identität sei bestimmt »durch ein geschichtliches Milieu, das uns erst zu dem gemacht hat, was und wer wir heute sind. Niemand von uns kann sich aus diesem Milieu herausstehlen, weil mit ihm unsere Identität sowohl als Individuum wie als Deutsche unauflöslich verwoben ist«. Zitate dieser Art lassen sich ohne Ende finden. So bezeichnete Joschka Fischer »Auschwitz« als »Fundament« der Bundesrepublik Deutschland. Und Verteidigungsminister Peter Struck erklärte am 29. Mai 2008 im Bundestag: »Mit der systematischen Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden während der Nazizeit haben die Deutschen unendliche Schuld auf sich geladen – eine Schuld, die niemals vergeht.« Niemals. Damit sind wir bei der »zeitlosen Immer-Gegenwart« des Mythos, von der Thomas Mann gesprochen hat.

Auschwitz – damit ist nicht das konkrete historische Geschehen an diesem Ort gemeint, sondern jener Komplex an Vorstellungen, der damit verbunden ist – ist ein klassischer Mythos. Wirklich ergriffen hat er die Deutschen erst, als sich die heutigen Mythenproduzenten – Film und Fernsehen – seiner annahmen und er bildfähig wurde. »Auschwitz«, das meint die einseitige Verteilung von Gut und Böse im Zweiten Weltkrieg, die Kollektivschuld der Deutschen, ja ihre geschichtliche Widerlegung als Nation. Dieses »Auschwitz« ist zum tragenden Mythos der Bundesrepublik Deutschland geworden, und daher mußten all jene Kräfte bekämpft werden, die eine Relativierung dieses Mythos bewirken hätten können. Daher die zunehmende Verdrängung des Schicksals der Vertriebenen, der Geschichte Ostdeutschlands, des Bombenkrieges und so weiter aus dem öffentlichen Bewußtsein. Daher die Medienkampagne gegen den Film So weit die Füße tragen im Jahr 2001, der als Tabubruch aufgefaßt wurde, schilderte er doch die Geschichte eines »deutschen Opfers«.
Dieser Film stand damals ziemlich allein auf weiter Flur. Doch seither wurden der Untergang Dresdens, die Flucht aus Ostpreußen und die aus Schlesien, der Untergang der »Wilhelm Gustloff«, die Massenvergewaltigungen durch die Rote Armee und mit der Gestalt des Roten Barons sogar ein deutscher Kriegsheld zum Thema von Filmen. Mögen diese auch »pc« und teilweise sogar historisch unrichtig sein, handelt es sich dennoch um eine Trendwende. Die Vorsitzende des Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch, hat dies klar erkannt. Sie sprach von einem »erinnerungspolitischen Gezeitenwechsel« und bestand darauf, »daß die Shoa und eben nicht die deutsche Leid-Erfahrung zentrales Motiv unserer Erinnerungskultur bleiben muß«. Doch diese Forderung dürfte ungehört verhallen. Ein neues Eigenbewußtsein der Deutschen als Nation ist im Entstehen. Es zeigt sich unter anderem darin, daß der Stolz auf die Aufbauleistung nach dem Zweiten Weltkrieg allen Umfragen zufolge in den letzten dreißig Jahren kontinuierlich gewachsen ist – obwohl oder gerade weil der Anteil jener größer geworden ist, die sie selbst nicht mehr miterlebten. Es zeigt sich auch im unbefangenen Umgang mit den eigenen Nationalsymbolen bei Fußballspielen, der so noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre. Natürlich ist all dies noch völlig unpolitisch, aber es weist auf einen sich vollziehenden Mentalitätswandel hin.
Vielleicht lieferte die Wiedervereinigung die Initialzündung. Sie hätte alle Elemente in sich vereinigt, einen positiven Gründungsmythos des neuen Deutschlands zu bilden. Das ist von der Politischen Klasse und den Intellektuellen bewußt vermieden worden, aus Angst vor den Wirkungen, den ein solcher Mythos entfalten könnte. Bis heute gibt es keine positiven nationalen Mythen, auf die die BRD Bezug nimmt. Ein fataler Fehler, wie Herfried Münkler meint: »Ohne Großerzählungen von schwierigen Situationen, in denen die Altvorderen in vorbildlicher Weise gehandelt und ihre Herausforderungen bewältigt hatten, fehlt es an Beispielen, auf die man verweisen und aus denen man Vertrauen und Zuversicht schöpfen kann. Vermutlich ist das einer der wichtigsten Beiträge, die die politischen Mythen zur Stabilität von Staaten und Nationen leisten: daß sie Selbstvertrauen und Selbstsicherheit schaffen.« Sie mobilisieren Engagement für herausfordernde Aufgaben, wie das Kosten-Nutzen-Rechnungen niemals können. Deutschland kann sich, so Münkler, sein Desinteresse in dieser Frage nicht mehr leisten. Das Ergebnis freilich bleibt offen: »Die politische Zukunft eines Gemeinwesens hängt in hohem Maße davon ab, wer über diese Großerzählungen verfügt.« Das müssen nicht unbedingt die Machthaber sein. Die Geschichte nennt Gegenbeispiele.


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