Sezession
1. August 2009

Biopolitik und Sozialstaat

Felix Menzel

pdf der Druckfassung aus Sezession 31 / August 2009

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Die Schriftstellerin Juli Zeh entwirft in ihrem neusten Roman Corpus Delicti für die Mitte des 21. Jahrhunderts eine Gesundheitsdiktatur: METHODE kann sich nach dem Kollaps der sozialen Sicherungssysteme etablieren, weil sie gründlich mit den Ideologien des 20. Jahrhunderts aufgeräumt hat: »Im Gegensatz zu allen Systemen der Vergangenheit gehorchen wir weder dem Markt noch einer Religion. Wir brauchen nicht einmal den bigotten Glauben an eine Volksherrschaft … Wir gehorchen allein der Vernunft, indem wir uns auf eine Tatsache berufen, die sich unmittelbar aus der Existenz von biologischem Leben ergibt … Wir haben eine METHODE entwickelt, die darauf abzielt, jedem Einzelnen ein möglichst langes, störungsfreies, das heißt gesundes und glückliches Leben zu garantieren.«Bereits vor diesem Roman hat Juli Zeh ungewöhnliche Dinge über die Grundlagen des Lebens und den Sozialstaat von sich gegeben. So kritisierte die fünfunddreißigjährige Autorin und Juristin in den letzten Jahren Pläne der Bundesregierung, mehr Sicherheit zu Lasten von bürgerlichen Freiheiten zu schaffen. Bedenklich erscheint ihr auch, daß der Staat klammheimlich weitere Kontrollmechanismen eingeführt hat, die ganz anderen Zwecken dienen. In einem Artikel für die Zeit schrieb sie im Oktober 2007: »Die Regierung hat nicht weniger vor, als das Privateste, Intimste, das uns zu eigen ist, zur Staatssache zu erheben: den menschlichen Körper.« Sollte der Staat bei diesem Vorhaben erfolgreich sein, würde dies zu einer Bevormundung »beim Sex, beim Sport, beim Essen, beim Glühbirnenwechsel im Badezimmer – letztlich bei jeder denkbaren Alltagsbewegung« führen.
Daß der deutsche Sozialstaat in seiner jetzigen Form nicht ewig bestehen wird, kann sich jeder ausrechnen, der die Bevölkerungspyramide unseres Volkes betrachtet. Keinesfalls steht jedoch fest, was danach kommt. Zehs Szenario von einer Gesundheitsdiktatur ist also eine von vielen denkbaren Möglichkeiten. Im Gegensatz zu anderen Orwellschen Dystopien betont Corpus Delicti besonders die biopolitische Dimension totalitärer Staaten und macht damit deutlich, was auf dem Spiel steht. Es ist das Selbstverständnis des Gattungswesens Mensch.
Diese Einsicht muß schockieren, denn sie stellt uns vor Probleme, »die für Menschen zu schwer sind, ohne daß sie sich vornehmen könnten, sie ihrer Schwere wegen unangefaßt zu lassen«, wie Peter Sloterdijk in Regeln für den Menschenpark festgestellt hat. Wagen wir uns dennoch heran und stellen die entscheidende Frage: Wollen wir den Staat über uns als Gattungswesen entscheiden lassen oder nehmen wir das selbst in die Hand – auch wenn wir das Ausmaß unserer eigenen Entscheidungen nicht überblicken können? Durch biotechnische Innovationen wird der menschliche Körper immer mehr zu einer molekularen Software. Es kommt also darauf an, wer sie bedient, programmiert und welche Grenzen durch die Hardware gesetzt sind.


Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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