Sezession
1. August 2009

Leben müssen – Joachim Fernau zum Hundertsten

Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 31 / August 2009

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Unter den zwei Dutzend Büchern des Bestseller-Autors Joachim Fernau, der am 11. September hundert Jahre alt geworden wäre, findet sich auch ein Roman über das Leben seiner Eltern und seine eigene Kindheit. Wer diesen Roman liest und von dem letztlich unerträglichen Schicksal der Mutter Fernaus (»Martha Vanseloh«) erfährt, fragt sich, warum das Buch den Titel Ein wunderbares Leben trägt: Martha verliert Vater und Bruder. Dann wartet sie in einer Art Winterstarre auf denjenigen, der ihr die Ehe versprach und dennoch eine andere heiratete. Als diese Frau stirbt, heiraten sie doch noch, ein Sohn wird geboren – und dann stirbt der Mann (alles noch autobiographisch, Fernau verlor seinen Vater 1918). Die Witwe und das Kind klammern sich aneinander fest, es ist das Jahr 1920, Bromberg wird polonisiert, und Martha muß nach Schlesien umsiedeln. Zuvor aber (und hier verläßt der Roman die Spur der Biographie) ist auch noch ihr Sohn verstorben, an einer »Herzruptur«, an einem zerrissenen Herzen, einer schlummernden Krankheit, die schlagartig und meist tödlich aufbricht.Was soll das also heißen: Ein wunderbares Leben? Ist dieser Titel zynisch gemeint, als Anklage gegen das Los, das Gott dieser Frau zuwies (der Pastor kommt nicht gut weg in diesem Buch)? Oder steckt in dem Schicksal Marthas der Keim der Poesie, in ihrem Leid die Rechtfertigung für ein zweites, ein glückliches Leben in der Phantasie und somit in der Dichtung? Nach dem Tod ihres Sohnes lebt Martha nämlich »gelöst « weiter, das heißt: Sie hat sich von der Wirklichkeit losgebunden und lebt nur noch in ihrer Vorstellung: schreibt Briefe an ihren Sohn, von dem sie vorgibt, er sei auf einem Internat; reist ihm nach und geht mit ihm durch Paris, wo er ein Studium aufzunehmen gedenkt; legt sich ins Bett und stirbt, als ihr ein Psychologe auf die Schliche kommt und ihren »Fall« in einem Fachmagazin bespricht; flieht also in bester romantischer Manier aus dem Bereich des Unerträglichen in eine andere Welt. Ist das nicht wunderbar?
Man sollte die Deutung an dieser Stelle nicht strapazieren: Ein Leben kann so verlaufen, daß man es eines Tages nicht mehr hinnehmen, nicht mehr ertragen möchte und ihm im Kopfe ganz einfach einen anderen Verlauf gibt. Viel interessanter ist hingegen der Moment im Roman, in dem Joachim Fernau sich selbst mit zehn, elf Jahren an dem bereits erwähnten Herz-Riß sterben läßt. Das heißt ja nichts anderes, als daß er schriftstellerisch die Möglichkeit durchspielt, wie es wäre, wenn er sein Leben nicht hätte leben müssen. In den Büchern und Briefen Fernaus finden sich etliche Stellen, in denen von einem falschen Zeitpunkt der Geburt die Rede ist (»hundert Jahre zu spät«), in denen seine Misanthropie, ja geradezu sein Ekel vor der Masse Mensch und vor der Unverbesserlichkeit dieser Krone der Schöpfung zum Ausdruck kommt. Ist das »Leben-Müssen« der Schlüssel zu Fernau? Ja, zweifelsohne.
Joachim Fernau wird am 11. September 1909 in Bromberg geboren. Der Vater Paul ist verbeamteter Baumeister in der Eisenbahndirektion, er und seine Frau Martha sind beide bereits 39 Jahre alt, als ihr einziges Kind geboren wird. Die Atmosphäre im Hause Fernau ist gutbürgerlich, die Familie ist wohlhabend, aber das änderte sich schlagartig, als der Vater 1918 an einer Infektion stirbt. Die Witwe verarmt, kann das Haus nicht halten und geht in Miete. 1920 wird die Provinz Posen polonisiert: Wer nicht für Polen optiert, muß die Heimat verlassen. Die Fernaus gehen nach Bad Warmbrunn/Schlesien, Joachim besucht das renommierte humanistische Gymnasium in Hirschberg.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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