Sezession
1. August 2009

Weisskirchen – unser Bester

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 31 / August 2009

von Wiggo Mann

Wenn es in den vergangenen Jahren in Deutschland um Israel, Antisemitismus oder Nationalsozialismus ging, war ein Bundestagsabgeordneter stets vorne mit dabei: Gert Weisskirchen. Wie kaum ein anderer stand der SPD-Politiker für die Moralpolitik der Bundesrepublik. Stets gab Weisskirchen bei seinen Reden den vom Weltschmerz gepeinigten Mahner mit nur einem Ziel: Buße und Wiedergutmachung. Flehenden Blickes und mit erhobenen Händen rief er uns ins Gewissen, daß »bis an das Ende aller Tage der Name Holocaust in den Namen Deutschlands eingebrannt« bleibe. Auf solche Stilblüten der Vergangenheitsbewältigungsprosa werden wir in Zukunft wohl verzichten müssen, denn Weisskirchen wird aus dem Bundestag ausscheiden – nach 33 Jahren. Das Parlament verliert damit seinen wohl engagiertesten Zelebranten des hohen Schuldkults.
Geboren wurde der stets über die Parteiliste gewählte Sozialdemokrat 1944 in Heidelberg. Nach dem Studium an der Pädagogischen Hochschule und der Universität Heidelberg folgte eine kurze Zeit im Realschuldienst. 1976 dann erhielt Weisskirchen eine Professur in Sozialpädagogik an der FH Wiesbaden, zog aber im gleichen Jahr in den Bundestag ein. Dort verbrachte er die folgenden Legislaturperioden als Hinterbänkler. Mit der rot-grünen Koalition schlug seine große Stunde: Er wurde außenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion.
Breitere Aufmerksamkeit erlangte der Politiker erstmals 1999 als vehementer Befürworter des Holocaust-Mahnmals. In der Bundestagsdebatte forderte er seine Kollegen auf, »Mut« zu zeigen und dem Bau zuzustimmen. Dies sei eine wunderbare Geste, da »in Bonn entschieden würde, was dann in Berlin vervollständigt und gebaut« werde. Im Jahr darauf sorgte er gemeinsam mit Rita Süssmuth dafür, daß der Künstler Hans Haacke sein umstrittenes Heimaterde-Projekt »Der Bevölkerung« im nördlichen Innenhof des Reichstages verwirklichen konnte.
Neben diesem Engagement für Kunst und (Erinnerungs-)Kultur kam aber auch die Außenpolitik nicht zu kurz: Den Wahlerfolg Jörg Haiders nutzte Weisskirchen 1999, um sich als Verfechter der EU-Sanktionen gegen Österreich zu profilieren. Zwar sei Haider kein Hitler, denn »das hieße das Monstrum verharmlosen«, aber er sei ein »Jankerl-Faschist«, aus »dem braunen Boden der Alt-Nazis« aufgestiegen. Doch was bei Österreich erlaubt, blieb bei Israel verboten: Hier dürfe Kritik, wenn sie denn überhaupt geäußert werde, »nur in Sympathie für die Kolleginnen und Kollegen in Israel erfolgen«, so Weisskirchen in einer Bundestagsrede 2002. Der Grünen Abgeordneten Christa Nickels, die die neuen Siedlungspläne Israels kritisierte, entgegnete er, sie habe offensichtlich »nicht wirklich das innere Verständnis dafür gefunden, unter welch ungeheurem Druck die israelische Gesellschaft « nach Frieden suche.
Auch der Politikwissenschaftler Ludwig Watzal bekam Weisskirchens Liebe für Israel zu spüren: Im vergangenen Jahr beteiligte sich der Bundestagsabgeordnete an einer Kampagne gegen den Mitarbeiter der Bundeszentrale für politische Bildung, die letztlich zu dessen Versetzung führte. Watzal hatte es gewagt, von einer »Israelisierung der USA« zu reden. Weisskirchen hingegen fordert die EU-Vollmitgliedschaft des Judenstaates.
In der Berliner Zeitung hieß es einmal über Weisskirchen, er sei »unfrei schon in seiner ganzen Körpersprache« und wirke auf den Hörer »wie die Personifizierung des Denkverbots«. Vielleicht war es gerade diese Eigenschaft, die ihn zum »Beauftragten des OSZE-Vorsitzenden zur Bekämpfung des Antisemitismus« qualifizierte, als der er seit 2005 fungiert. Was Weisskirchen nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag machen wird, ist offen. Derzeit wird er als Mitglied der geplanten Antisemitismuskommission der Bundesregierung gehandelt. Vielleicht nutzt er die zusätzliche Freizeit aber auch für sein Hobby: die Malerei. Diese sei ein Ausgleich zur politischen Arbeit, den er auch seinen Kollegen empfehle. Schließlich könnten sie dadurch zeigen, »daß auch sie als Politiker eine empfindsame Seele haben und auch ihre eigenen Gefühle künstlerisch verarbeiten können«. Chapeau!


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