Die Freiheiten der Liberalen

Letzte Woche gab es wieder einmal einen tätlichen Angriff von aufgebrachten Muslimen auf einen "islamkritischen" Karikaturisten, diesmal den Schweden Lars Vilks. Die vollständige Szene kann man sich auf Youtube ansehen. Wie man darin sehen kann, ging es nicht einfach nur um eine satirische Zeichnung, sondern um eine Art Collage, in der Mohammed im Kontext von schwulen, vage pornographischen Bildern gezeigt wurde.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Mit ande­ren Wor­ten, eine ziem­lich bil­li­ge Pro­vo­ka­ti­on, wie sie ger­ne von ein­falls­lo­sen, zeit­geis­ti­gen “Künst­lern” in Sze­ne gesetzt wird. Der Zorn der anwe­sen­den Mus­li­me ist völ­lig ver­ständ­lich.  In die­ser auf dem Video doku­men­tier­ten Situa­ti­on haben sie, und nicht Vilks, mei­nen Respekt und mei­ne Sym­pa­thie. Ihre gewalt­tä­ti­ge Reak­ti­on und der dar­auf fol­gen­de Brand­an­schlag auf Vilks Haus, zei­gen indes­sen dras­tisch, daß für die­se Leu­te kein Platz ist in Euro­pa, daß sie sich auf die Dau­er mit kei­ner libe­ra­len Men­schen­rechts­rhe­to­rik beschwich­ti­gen las­sen werden.

Die Fra­ge, die sich mir hier aller­dings vor­dring­lich stellt (ich habe sie von dem exzel­len­ten ame­ri­ka­ni­schen Blog Alter­na­ti­ve Right über­nom­men) ist die: Ist denn das, was Leu­te wie Vilks (oder auch Theo van Gogh) pro­pa­ga­gie­ren, nun wirk­lich, wofür wir als Euro­pä­er kämp­fen wol­len? Etwa für unser Recht, reli­giö­se und tra­di­tio­nel­le Wer­te her­ab­zu­wür­di­gen und zu zer­stö­ren und allen Wider­stand platt­zu­ma­chen, bis die Krö­te wider­stands­los geschluckt wird und wie die Obla­te auf der Zun­ge zer­geht?  Sind das unse­re groß­ar­ti­gen Errun­gen­schaf­ten, auf die wir so stolz sein sol­len? Ist das nun unse­re gro­ße Leis­tung und unser gro­ßer Vor­sprung, der uns über die mus­li­mi­sche Welt setzt? Haben wir denn noch etwas ande­res anzu­bie­ten, entgegenzuhalten?

Wir sind heu­te völ­lig indif­fe­rent gegen­über der Ver­höh­nung und Beschmut­zung der reli­giö­sen Sym­bo­le des Chris­ten­tums, und die Dar­stel­lung von Jesus als Homo­se­xu­el­len wür­de unter den Chris­ten von heu­te nur mehr zag­haf­ten Pro­test her­vor­ru­fen, wenn über­haupt. “Inte­gra­ti­on” der Mus­li­me, wie sich die Libe­ra­len und Men­schen­recht­ler das vor­stel­len, wür­de letzt­end­lich bedeu­ten, ihnen genau die­sel­be Indif­fe­renz abzu­ver­lan­gen.  Aber was soll das für einen Sinn für bei­de Sei­ten haben?

 

Unlängst wur­de in die­sem Blog über einen Auf­satz von Carl Schmitt dar­an erin­nert, daß jede Demo­kra­tie eine gewis­se Homo­ge­ni­tät des “Demos” vor­aus­setzt, die von ver­schie­de­nen Sei­ten defi­niert wer­den kann. Da man die natio­na­le (eth­ni­sche plus his­to­risch-nar­ra­ti­ve) Homo­ge­ni­tät, die klas­si­sche Grund­la­ge des euro­päi­schen Natio­nal­staats, aus uner­find­li­chen Grün­den für obso­let erklärt hat, müs­sen heu­te, unter­stützt durch eine ent­spre­chen­de Aus­le­gung des Grund­ge­set­zes, abs­trak­te uni­ver­sa­lis­ti­sche Kon­zep­te wie die “Men­schen­rech­te” als inte­gra­ti­ves Moment her­hal­ten, mit­samt all den dar­aus geschla­ge­nen Wort­mün­zen wie “Tole­ranz”, “Welt­of­fen­heit”, “Viel­falt” etc.

Das Pro­blem an die­sem Kon­zept ist, daß im Grun­de rein for­ma­le, ver­mit­teln­de Bestim­mun­gen für einen Inhalt ste­hen, ja ihn erset­zen sol­len. Das “Inte­gra­ti­ve” der Ganz­heit und die “Inte­gra­ti­on”, die ja bloß den Weg in die Ganz­heit meint, wer­den in eins gesetzt.  Zu der libe­ra­len “Nati­on” oder “Demo­kra­tie” kann theo­re­tisch jeder dazu­ge­hö­ren, der sich zu die­ser For­mel bekennt:

Jeder Mensch hat Anspruch auf die hier­mit garan­tier­ten Men­schen­rech­te und Frei­hei­ten, ohne irgend­ei­ne Unter­schei­dung, wie etwa nach Ras­se, Far­be, Geschlecht, Spra­che, Reli­gi­on, poli­ti­scher und sons­ti­ger Über­zeu­gung, natio­na­ler oder sozia­ler Her­kunft, nach Eigen­tum, Geburt oder sons­ti­gen Umständen.

Es ist leicht, den Wider­spruch ein­zu­se­hen, daß nun eben ras­si­sche, geschlecht­li­che, reli­giö­se, sozia­le, natio­na­le, welt­an­schau­li­che, poli­ti­sche und “sons­ti­ge” Inter­es­sen Ansprü­che auf “Frei­hei­ten” kon­sti­tu­ie­ren, die mit denen ande­rer zwangs­läu­fig kol­li­die­ren und in Kon­flikt gera­ten, beson­ders aber mit der Vor­stel­lung, daß inner­halb eines defi­nier­ten Gemein­we­sens über­ge­ord­ne­te “Rech­te” gel­ten sol­len für die­je­ni­gen, die außer­halb des Gemein­we­sens stehen.

Das Resul­tat ist, daß die libe­ra­le Demo­kra­tie heu­te ein tau­to­lo­gi­sches Kon­strukt gewor­den ist, das nur mehr sich selbst und ihre eige­nen Ver­kehrs­re­ge­lun­gen und Neu­tra­li­sie­run­gen zum Inhalt hat. Ihre ent­schei­den­de Schwä­che wird in dem Moment offen­bar, in dem sie mit star­ken,  deter­mi­nier­ten Kräf­ten kon­fron­tiert wird, die ihre par­ti­ku­lä­ren Rech­te ein­for­dern und die “Men­schen­rech­te” (und das mit einer gewis­sen Schlüs­sig­keit) allen­falls als Hebel und Ein­falls­tor oder als Instru­ment der Taqi­y­ya benutzen.

Und hier ist auch der Prüf­stein, an dem die Libe­ra­len in ihrer gro­ßen Mehr­heit schei­tern:  Sie haben nicht ein­mal die Kraft und den Mut, sich selbst zu ver­tei­di­gen. Das ist alles ande­re als eine neue Erkennt­nis.   Schon 1934 schrieb José Anto­nio Pri­mo de Rive­ra: “Der libe­ra­le Staat glaubt an nichts, nicht ein­mal an sich selbst. Er sieht untä­tig aller­lei Expe­ri­men­ten zu, auch den­je­ni­gen, die ihn ein­mal ver­nich­ten sol­len.” Und Ernst Jün­ger bemerk­te: “Wo der Libe­ra­lis­mus sei­ne äußers­ten Gren­zen erreicht, schließt er den Mör­dern die Tür auf.” Die­se Gren­zen sind längst erreicht: Der Libe­ra­lis­mus hat nahe­zu sämt­li­che kul­tu­rel­len und natio­na­len Wer­te auf­ge­zehrt, die ihn aus­ba­lan­cier­ten und ihm einen Boden unter den Füßen und einen rela­ti­ven Sinn zu geben vermochten.

Eine wei­te­re oft bemerk­te Schwä­che ist, daß nie­mand bereit ist, für die libe­ra­le Gesell­schaft zu ster­ben. Ein fälsch­li­cher­wei­se als “Rech­ter” titu­lier­ter Libe­ra­ler wie Geert Wil­ders, der für die Ver­tei­di­gung von libe­ra­len Wer­ten tat­säch­lich Leib und Leben aufs Spiel gesetzt hat, ist nicht nur die sel­te­ne Aus­nah­me, er wird auch noch von sei­nes­glei­chen als “Extre­mist” ver­un­glimpft, geäch­tet, ver­höhnt, iso­liert und in sei­nem Kampf völ­lig alleingelassen.

Wil­ders steht indes­sen vor dem­sel­ben Dilem­ma wie die deut­schen Anhän­ger von Poli­ti­cal­ly Incor­rect, die sich in Erman­ge­lung einer eige­nen Sub­stanz blind an den Zip­fel frem­der Flag­gen klam­mern – an die USA als ver­meint­li­che glo­ba­le Schutz­macht von “Men­schen­rech­ten und Demo­kra­tie” und an des Deut­schen liebs­te Pro­jek­ti­ons­flä­che Isra­el, dem wohl letz­ten ver­blie­be­nen aggres­siv-natio­na­len Eth­no­staat west­li­cher Prä­gung.  Das ist nicht nur die Fol­ge einer fata­len poli­ti­schen Blind­heit – denn wer von isla­mi­schem Ter­ro­ris­mus redet, darf vom ame­ri­ka­ni­schen Impe­ria­lis­mus und von der geno­zi­da­len Poli­tik Isra­els nicht schwei­gen. Das ist natür­lich auch Sym­ptom einer spe­zi­fisch deut­schen Patho­lo­gie, der inzwi­schen ein­ge­fleisch­ten Unfä­hig­keit und Angst, “Ich” und “Wir” zu sagen.

Das Ergeb­nis sind psych­ia­trisch rele­van­te Erzeug­nis­se wie die­ser Blog­ein­trag auf Poli­ti­cal­ly Incor­rect. Da rennt ein wacke­rer Kämp­fer gegen den Islam durch Neu­kölln, foto­gra­fiert mutig ein paar dicke, kin­der­wa­gen­schie­ben­de Tür­ken­mut­tis und klei­ne Kopf­tuch­mäd­chen und prä­sen­tiert die­se voll­kom­men bana­len und all­seits bekann­ten Sze­ne­rien, als käme er von einer Löwen­sa­fa­ri im Kon­go. Osten­ta­tiv vor sich her trug er, von dem ich stark anneh­me, daß er weder Jude noch Israe­li ist, eine Israel­fah­ne. Dar­auf von einem “Moham­me­da­ner” ange­spro­chen, ant­wor­tet er: „Ich bin sehr stolz auf mei­ne Flagge“.

 

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.