Sezession
17. Mai 2010

Die Freiheiten der Liberalen

Martin Lichtmesz

Letzte Woche gab es wieder einmal einen tätlichen Angriff von aufgebrachten Muslimen auf einen "islamkritischen" Karikaturisten, diesmal den Schweden Lars Vilks. Die vollständige Szene kann man sich auf Youtube ansehen. Wie man darin sehen kann, ging es nicht einfach nur um eine satirische Zeichnung, sondern um eine Art Collage, in der Mohammed im Kontext von schwulen, vage pornographischen Bildern gezeigt wurde.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Mit anderen Worten, eine ziemlich billige Provokation, wie sie gerne von einfallslosen, zeitgeistigen "Künstlern" in Szene gesetzt wird. Der Zorn der anwesenden Muslime ist völlig verständlich.  In dieser auf dem Video dokumentierten Situation haben sie, und nicht Vilks, meinen Respekt und meine Sympathie. Ihre gewalttätige Reaktion und der darauf folgende Brandanschlag auf Vilks Haus, zeigen indessen drastisch, daß für diese Leute kein Platz ist in Europa, daß sie sich auf die Dauer mit keiner liberalen Menschenrechtsrhetorik beschwichtigen lassen werden.

Die Frage, die sich mir hier allerdings vordringlich stellt (ich habe sie von dem exzellenten amerikanischen Blog Alternative Right übernommen) ist die: Ist denn das, was Leute wie Vilks (oder auch Theo van Gogh) propagagieren, nun wirklich, wofür wir als Europäer kämpfen wollen? Etwa für unser Recht, religiöse und traditionelle Werte herabzuwürdigen und zu zerstören und allen Widerstand plattzumachen, bis die Kröte widerstandslos geschluckt wird und wie die Oblate auf der Zunge zergeht?  Sind das unsere großartigen Errungenschaften, auf die wir so stolz sein sollen? Ist das nun unsere große Leistung und unser großer Vorsprung, der uns über die muslimische Welt setzt? Haben wir denn noch etwas anderes anzubieten, entgegenzuhalten?

Wir sind heute völlig indifferent gegenüber der Verhöhnung und Beschmutzung der religiösen Symbole des Christentums, und die Darstellung von Jesus als Homosexuellen würde unter den Christen von heute nur mehr zaghaften Protest hervorrufen, wenn überhaupt. "Integration" der Muslime, wie sich die Liberalen und Menschenrechtler das vorstellen, würde letztendlich bedeuten, ihnen genau dieselbe Indifferenz abzuverlangen.  Aber was soll das für einen Sinn für beide Seiten haben?

Unlängst wurde in diesem Blog über einen Aufsatz von Carl Schmitt daran erinnert, daß jede Demokratie eine gewisse Homogenität des "Demos" voraussetzt, die von verschiedenen Seiten definiert werden kann. Da man die nationale (ethnische plus historisch-narrative) Homogenität, die klassische Grundlage des europäischen Nationalstaats, aus unerfindlichen Gründen für obsolet erklärt hat, müssen heute, unterstützt durch eine entsprechende Auslegung des Grundgesetzes, abstrakte universalistische Konzepte wie die "Menschenrechte" als integratives Moment herhalten, mitsamt all den daraus geschlagenen Wortmünzen wie "Toleranz", "Weltoffenheit", "Vielfalt" etc.

Das Problem an diesem Konzept ist, daß im Grunde rein formale, vermittelnde Bestimmungen für einen Inhalt stehen, ja ihn ersetzen sollen. Das "Integrative" der Ganzheit und die "Integration", die ja bloß den Weg in die Ganzheit meint, werden in eins gesetzt.  Zu der liberalen "Nation" oder "Demokratie" kann theoretisch jeder dazugehören, der sich zu dieser Formel bekennt:

Jeder Mensch hat Anspruch auf die hiermit garantierten Menschenrechte und Freiheiten, ohne irgendeine Unterscheidung, wie etwa nach Rasse, Farbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer und sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, nach Eigentum, Geburt oder sonstigen Umständen.

Es ist leicht, den Widerspruch einzusehen, daß nun eben rassische, geschlechtliche, religiöse, soziale, nationale, weltanschauliche, politische und "sonstige" Interessen Ansprüche auf "Freiheiten" konstituieren, die mit denen anderer zwangsläufig kollidieren und in Konflikt geraten, besonders aber mit der Vorstellung, daß innerhalb eines definierten Gemeinwesens übergeordnete "Rechte" gelten sollen für diejenigen, die außerhalb des Gemeinwesens stehen.

Das Resultat ist, daß die liberale Demokratie heute ein tautologisches Konstrukt geworden ist, das nur mehr sich selbst und ihre eigenen Verkehrsregelungen und Neutralisierungen zum Inhalt hat. Ihre entscheidende Schwäche wird in dem Moment offenbar, in dem sie mit starken,  determinierten Kräften konfrontiert wird, die ihre partikulären Rechte einfordern und die "Menschenrechte" (und das mit einer gewissen Schlüssigkeit) allenfalls als Hebel und Einfallstor oder als Instrument der Taqiyya benutzen.

Und hier ist auch der Prüfstein, an dem die Liberalen in ihrer großen Mehrheit scheitern:  Sie haben nicht einmal die Kraft und den Mut, sich selbst zu verteidigen. Das ist alles andere als eine neue Erkenntnis.   Schon 1934 schrieb José Antonio Primo de Rivera: "Der liberale Staat glaubt an nichts, nicht einmal an sich selbst. Er sieht untätig allerlei Experimenten zu, auch denjenigen, die ihn einmal vernichten sollen." Und Ernst Jünger bemerkte: "Wo der Liberalismus seine äußersten Grenzen erreicht, schließt er den Mördern die Tür auf." Diese Grenzen sind längst erreicht: Der Liberalismus hat nahezu sämtliche kulturellen und nationalen Werte aufgezehrt, die ihn ausbalancierten und ihm einen Boden unter den Füßen und einen relativen Sinn zu geben vermochten.

Eine weitere oft bemerkte Schwäche ist, daß niemand bereit ist, für die liberale Gesellschaft zu sterben. Ein fälschlicherweise als "Rechter" titulierter Liberaler wie Geert Wilders, der für die Verteidigung von liberalen Werten tatsächlich Leib und Leben aufs Spiel gesetzt hat, ist nicht nur die seltene Ausnahme, er wird auch noch von seinesgleichen als "Extremist" verunglimpft, geächtet, verhöhnt, isoliert und in seinem Kampf völlig alleingelassen.

Wilders steht indessen vor demselben Dilemma wie die deutschen Anhänger von Politically Incorrect, die sich in Ermangelung einer eigenen Substanz blind an den Zipfel fremder Flaggen klammern - an die USA als vermeintliche globale Schutzmacht von "Menschenrechten und Demokratie" und an des Deutschen liebste Projektionsfläche Israel, dem wohl letzten verbliebenen aggressiv-nationalen Ethnostaat westlicher Prägung.  Das ist nicht nur die Folge einer fatalen politischen Blindheit - denn wer von islamischem Terrorismus redet, darf vom amerikanischen Imperialismus und von der genozidalen Politik Israels nicht schweigen. Das ist natürlich auch Symptom einer spezifisch deutschen Pathologie, der inzwischen eingefleischten Unfähigkeit und Angst, "Ich" und "Wir" zu sagen.

Das Ergebnis sind psychiatrisch relevante Erzeugnisse wie dieser Blogeintrag auf Politically Incorrect. Da rennt ein wackerer Kämpfer gegen den Islam durch Neukölln, fotografiert mutig ein paar dicke, kinderwagenschiebende Türkenmuttis und kleine Kopftuchmädchen und präsentiert diese vollkommen banalen und allseits bekannten Szenerien, als käme er von einer Löwensafari im Kongo. Ostentativ vor sich her trug er, von dem ich stark annehme, daß er weder Jude noch Israeli ist, eine Israelfahne. Darauf von einem "Mohammedaner" angesprochen, antwortet er: „Ich bin sehr stolz auf meine Flagge“.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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