Sezession
1. Dezember 2008

Wer war der Kaiser?

Erik Lehnert

pdf der Druckfassung aus Sezession 27/Dezember 2008

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Wie fühlt sich das an, wenn man sein Leben dem Nachweis der Bösartigkeit des letzten deutschen Kaisers gewidmet hat, in 20 Jahren eine dreibändige (mehr als 4000 Seiten umfassende) Biographie veröffentlicht und dennoch seine These nicht überzeugend belegen kann? Der dritte und letzte Band der Wilhelm-Biographie von John C. G. Röhl (Wilhelm II. Der Weg in den Abgrund 1900-1941, München: C.H. Beck 2008. 1611 S., 49.90 €) steht daher wie ein trauriges Monument einer letztlich erfolglos gebliebenen Verbrecherjagd da. Kein Historiker dürfte den Kaiser genauer kennen (Wer hat schon alle Brief vom, an und über den Kaiser gelesen?), und dennoch sticht sein Trumpf des Wissens nicht, weil Röhl offenbar fleißiger Sammler und geduldiger Schreiber ist, doch nur über eine schwach ausgebildete historische Vorstellungsgabe verfügt. Röhls These war, daß Wilhelm so etwas wie der „Vorbote Hitlers", die „Nemesis der Weltgeschichte" gewesen ist. Im letzten Band, in dem sich ja die härtesten Fakten für diese These finden müßten, werden die Aussagen undeutlich, insbesondere dann, wenn es um die Vorläuferschaft zu Hitler geht. Am Ende ist Röhl klammheimlich selbst von seiner These abgerückt - allerdings ohne sie zu widerrufen. Und weil diese These alles so schön erklärt, wird sie auch weiterhin die populärwissenschaftlichen Darstellungen in den Medien bestimmen.

Anläßlich des 150. Geburtstages Wilhelm II. (27. Januar 2009) und 90 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ist es Zeit, mit solchen Dingen aufzuräumen. Das hat ein junger britischer Kollege, Christopher Clark, übernommen, dessen Wilhelm-Biographie (Wilhelm II. Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers, München: DVA 2008. 414 S., 24.95 €) nun endlich auf deutsch erschienen ist. Die Erwartungen an Clark waren groß, gerade nach dessen fulminantem Preußen-Buch aus dem letzten Jahr. Der Autor kann sie (gerade vor dem Hintergrund des Röhl-Wälzers) erfüllen. Natürlich muß er sich oft auf Röhl beziehen, dessen Sammelwut bezüglich der Quellen unbestritten ist, aber er tut dies jeweils kaum ohne höfliche, aber treffende Kritik. Etwa zur Frage, ob Wilhelm „psychisch gestört" war und wenn ja, warum. Im Gegensatz zur allgemeinen Überzeugung von der herzlosen Mutter und deren Versuchen, den gelähmten Arm zu kompensieren (was ja auch gelang), sah Röhl die Ursache bereits in den Umständen der Geburt. Clark schreibt: „In dem wohl ausführlichsten Exkurs in das Feld der Geburtshilfe, der je in einem historischen Buch abgedruckt wurde, hat Röhl detailliert die Umstände der Entbindung rekonstruiert und plädiert für die Auffassung, daß Wilhelm während der Geburt für kurze Zeit keinen Sauerstoff bekam und infolgedessen mit einem ‚leichtgradigen Hirnschaden' zur Welt kam." Dies, so Clark weiter, stütze sich auf „diagnostische Vermutungen, die - wie Professor Röhl wohl selbst einräumen würde - in ihrem Ursprung umstritten sind". Erledigt.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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