Sezession
1. Oktober 2008

Mehr als ein „guter Europäer“

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 26/Oktober 2007

sez_nr_265von Kai Zirner

Georg Simmel (1858-1918) gehört zu den Gründungsvätern der deutschen Soziologie. Bei ihm ist die heute weitgehend verlorengegangene philosophische Prägung der Soziologie noch ganz deutlich, auch in seinem Hauptwerk Philosophie des Geldes von 1900, in welchem er die Verselbständigung des Mittels Geld zum absoluten Zweck analysiert. Der evangelisch getaufte Jude hatte in Berlin neben der Philosophie auch Geschichte, Völkerpsychologie und Kunstgeschichte (später trat er mit Studien zu Rembrandt hervor) studiert. Er entwickelte eine frühe Wertschätzung für Friedrich Nietzsche, ging aber philosophisch zunächst von der Kantischen Transzendentalphilosophie aus, später entwickelte er eine eigene Lebensphilosophie.

Die jetzt als Band 23 der Gesamtausgabe (Georg Simmel, Gesamtausgabe in 24 Bänden, Bd 23: Briefe 1912-1918. Jugendbriefe, herausgegeben und bearbeitet von Otthein und Angela Rammstedt, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2008. 1241 S., br, 28.00 € vorliegenden Briefe Simmels reichen von dessen später Berufung auf ein Ordinariat in Straßburg bis zu seinem Tod kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges. Die Schriftstücke kommentieren und ergänzen die schon edierten Kriegsschriften des Philosophen und Soziologen. Sie zeigen, daß die heutige Vereinnahmung Simmels als (post)modernen Relativisten und „guten" jüdischen Europäers nicht zu halten ist. Simmel war kein Skeptizist und nur in eingeschränktem Sinne ein Relativist, was für ihn nicht bedeutete, „daß Wahrheit u. Unwahrheit zueinander relativ sind; sondern: daß Wahrheit eine Relation von Inhalten zueinander bedeutet, deren keiner für sich sie besitzt, gerade wie kein Körper für sich schwer ist, sondern nur im Wechselverhältnis mit einem anderen." (S. 638) Und Simmel war an vielen Fragen des Judentums, wie seine Briefe an Martin Buber zeigen, nur am Rande interessiert. Er hielt sich für „jüdisch-parteilichen Meinungen" (S. 602) gänzlich fernstehend, war aber verständlicherweise sehr sensibel für Antisemitismus. Dem Historiker Hans Delbrück verkündete er im Zusammenhang mit einer Initiative gegen die Tätigkeit der Antisemitenvereine im September 1914 stolz, daß „die erste französische Fahne ... von einem Juden erobert worden" (S. 381) sei.
Sein Europäertum sah Simmel selbst immer in Verbindung mit einem leidenschaftlichen Patriotismus, im Krieg hielt er dann „Europa" für eine auf lange Zeit zerstörte Idee. Zu tief saß die Erbitterung besonders gegenüber England: „Daß ein Volk, das nie die geringste Feindseligkeit von uns erfahren hat, über uns herfällt und unsere Existenz vernichten will, und zwar ausschließlich im Interesse seiner kommerziellen Machtsphäre - darüber werden Generationen nicht hinwegkommen." (S. 516) Und er wandte sich noch am Ende des Krieges gegen jeden idealistischen Pazifismus: „Uns hilft nur der harte Kampfeswille - der ist furchtbar u. schwer erträglich, aber es ist die einzige Rettung vor totalem Untergang. Was alle diese Friedensschreie uns schon geschadet haben, ist natürlich nicht mit Zahlen zu belegen, aber es ist psychologisch unvermeidlich u. aus der feindlichen Presse ohne weiteres ersichtlich, daß jede pazifistische Äußerung den Krieges- und Siegeswillen der Feinde stärkt." (S. 1003 f.)


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