Sezession
1. Oktober 2008

Rußland besucht seine Geliebte – Stimmen zum Georgien-Konflikt 2008

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 26/Oktober 2008

sez_nr_266von Jan Wilhelms

Am 8. August 2008 marschiert Rußland in Georgien ein - zum erstenmal seit Ende des Kalten Krieges bekommt ein (international anerkannter) unabhängiger Staat ungebetenen Besuch von russischen Truppen. Die russische Militärmaschinerie vertreibt zunächst die georgische Armee aus der sich als unabhängig verstehenden Republik Südossetien, dann besetzt sie auch Gebiete des georgischen Kernlandes südlich davon, rund um die Stadt Gori.

Der impulsive georgische Präsident Micheil Saakaschwili war in die Falle gegangen. Jahrelang hatte er versucht, den seit fast zwei Jahrzehnten schwelenden Konflikt mit Südossetien (und mit dem ebenfalls abgängigen Abchasien im Nordwesten der Republik Georgien) mit politischen Mitteln zu lösen, zuletzt mit weitreichenden Autonomieangeboten.
Rußland hingegen hatte die Separatisten zwar (wohlweislich) nie als unabhängige Staaten anerkannt, aber zur Schwächung und Destabilisierung des georgischen Staatswesens benutzt. Im Laufe des Sommers häuften sich die Scharmützel zwischen georgischen Soldaten und südossetischen Milizionären - trotz der russischen „Friedentruppen" in Südossetien. Gleichzeitig hielt Moskau im Nordkaukasus das Manöver „Kaukasus 2008" ab, das als Vorbereitung zur Invasion angesehen werden kann. Auch über die Offensichtlichkeit hinaus, daß Moskau gerne selbst bestimmen möchte, wer seine Nachbarländer regiert, wird man nicht fehlgehen, eine persönliche Aversion Putins gegen den prowestlichen Saakaschwili als wesentliches Motiv zur Herbeiführung der Eskalation anzunehmen.
Die russische Regierung (und ihre Marionetten) behaupteten, die georgischen Truppen hätten in Südossetien einen „Genozid" begangen oder begonnen. Auch in westlichen Medien kursierten abstrus übertriebene Opferzahlen, die von der allseits als mafios unterwandert bekannten südossetischen Regierung lanciert worden waren. Westliche Journalisten berichteten aus dem ganz offensichtlich weitgehend unzerstörten Zchinwali, sie berichteten im Sinne der russischen Propaganda „aus einer zerstörten Stadt", obwohl auf den Bildern nicht viel davon zu sehen war. An die Tatsache, daß im Laufe der beiden Tschetschenienkriege etwa 10 Prozent des etwa eine Million Menschen zählenden tschetschenischen Volkes ums Leben gekommen ist, und daran, daß die Stadt Grosny von der russischen Artillerie und Luftwaffe so gründlich zerstört worden ist wie keine andere Stadt seit Hiroshima, mochte man sich im Westen nicht erinnern.


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