Sezession
1. August 2008

Spätglühend, weite Räume – Gottfried Benn und die letzte Haltung

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 25/August 2008

sez_nr_252von Till Röcke

Gottfried Benn ist die moderne Ikone der deutschsprachigen Literatur. Sein literarisches Vermächtnis, die „Ausdruckswelt", ist der wahrhaftige Versuch, den inhaltlosen Menschen aus seinem selbstverschuldeten Delirium zu befreien, Bigotterie einzutauschen gegen Essenz, die Tiefen-Dimension zu bemühen, wenn der scheele Blick nach Morgen geht. Alles an Benn taugt zur Provokation der maßstabslos darbenden Gegenwart - sie nötigt den wachen Geist, erzwingt die Lektüre, weil er fundamental dachte, gerade deshalb ohne letzte Wahrheit war, sein Bemühen immer als heroischen Versuch verstand, die Umklammerung der „schnell gegebenen Welt" aufzubrechen. Seine Haltung ist die letzte noch mögliche, sie geschieht innen, aber zielt nach außen, setzt dort an, wo die Worte und die Dinge ihren Bezug verloren haben - ihren Bezug, nicht ihre Existenz. „Alle Dinge wenden sich um, alle Begriffe und Kategorien verändern ihren Charakter in dem Augenblick, wo sie unter Kunst betrachtet werden, wo sie sie stellt, wo sie sich ihr stellen."

Seine Haltung also ist Kunst, seine Haltung ist keine Legierung anno dazumal, sie nimmt auf, aber gestaltet aus, erfindet nicht neu, aber führt Linien weiter. Sie ordnet einen „invarianten Schatz von Gebräuchen, Gewohnheiten, an Einrichtungen, Symbolen, Wegweisern und ‚kulturellen Immobilien‘, denen wir die Steuerung unseres Verhaltens in dem Gefühl überlassen können, es richtig zu machen." (Arnold Gehlen) Orientierung an immer Gültigem, das man aufgeben zu können glaubte. Für Nietzsche sind es „Bruchflächen", und sein Rezept, diese „funkeln zu lassen auf jede Gefahr und ohne Rücksicht auf die Ergebnisse", ist das Unterfangen der Artistik, „gegen den allgemeinen Nihilismus der Werte eine neue Transzendenz zu setzen: die Transzendenz der schöpferischen Lust".
Kunst als Artistik, als Wiederbelebung identitätsstiftender Bestände, also Zeitlosem, durch Montage. Sie kennt nur ein Ziel: die Form. Diese wirkt unmittelbar im Bewußtsein des Rezipienten, „bringt ins Strömen, wo es verhärtet und stumpf und müde war, in ein Strömen, das verwirrt und nicht zu verstehen ist, das aber an Wüste gewordene Ufer Keime streut, Keime des Glücks und Keime der Trauer, das Wesen der Dichtung ist Vollendung und Faszination." Gottfried Benn ist Minimalist, Sinnsuche betreibend, um der Statik willen, die sich aus der Form ergibt. In toto: Er ist konservativ im ureigentlichen Sinne. Con servare, etwas in seinem Zusammenhang erhalten.
Ganz Protagonist des 20. Jahrhunderts kann er das „Doppelleben" verwirklichen, jene Prothese, die Nietzsche einst verwehrt blieb: die Aufspaltung des Lebens in zwei Hälften, eine alltägliche und eine transzendente. Letztere ist im Zeitalter der Moderne unerheblich geworden, da sich im Alltäglichen bereits alles Lebensnotwendige befindet oder zumindest als Narkotik erfolgreich dessen Abglanz verabreicht.
Die Preisgabe aber ist die „Tiefe des Weisen", und dieser widersetzt Benn sich. So ringt er mit dem Geworfensein, naturwissenschaftlich - luzide den aufgeklärten Zweifel handhabend, ihn vice versa kühn gegen Materialismus und Borniertheit aufwendend, an ihm leidend, deistisch - atheistisch schwankend, eine einzige Rochade. Sein Werk ist zutiefst existentialistisch, die Oberfläche durchstoßend, alles Niedergeschriebene, noch die lyrischste Platitüde, ist rückgebunden an pure Erfahrung, ohne Spielarten zeitgeistiger Profilneurosen. Benns Definition des Schreibprozesses läßt daran keinen Zweifel aufkommen.


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